Armut in der Ukraine

aus OWEP 2/2006  •  von Andrij Waskowycz

Andrij Waskowycz ist der Präsident der Caritas der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine.

Armut hat viele Gesichter. Bettelnde alte Menschen an den U-Bahnschächten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, Klebstoff schnüffelnde Straßenkinder in der Ukraine, für die es keine Zukunft zu geben scheint, Menschen, die, erstaunlicherweise ordentlich gekleidet, in Mülltonnen nach Nahrungsmitteln suchen. Sie gehören zu den Verlierern der großen sozialen Umbrüche in meiner Heimat, die mit der Wende 1991 ihren Anfang genommen haben. Dabei sind sie nur die Spitze eines Eisberges, sichtbarer Ausdruck eines allgemeinen Trends zur Armut. Der offiziellen Statistik zufolge leben bis zu 80 Prozent der Bevölkerung in der Ukraine mit Einkommen unterhalb des Lebensminimums.

Gleichzeitig fällt dem Besucher der ukrainischen Hauptstadt die große Anzahl von Luxusautomobilen auf den Straßen und Luxusvillen in den Vorstädten auf – protzig zur Schau gestellte Attribute der Gewinner des gesellschaftlichen Umbruchs. Diese vergleichsweise kleine Schicht der Neureichen hat ihr Geld hauptsächlich bei der Umverteilung des kommunistischen Staatsvermögens, während der so genannten „Privatisierung“ 1993-1998, gemacht, durch die „unheilige Allianz“ von Wirtschaft und korrupter Politik. Der Großteil der Bevölkerung hat damals seine Ersparnisse verloren; Betriebe wurden geschlossen, Löhne und Gehälter sind rapide gesunken. So hatten die meisten Menschen keine Möglichkeit, an der Privatisierung und am wirtschaftlichen Geschehen teilzunehmen. Sie fielen in die Armutsfalle, sind Vergessene.

Nur langsam bildet sich in der Ukraine eine gesellschaftliche Mittelschicht heraus, mit der viele Menschen, insbesondere nach der „Revolution in Orange“, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbunden haben. Ein Jahr nach der „Revolution in Orange“ ist die Euphorie und die Illusion von schnellen sozialen und politischen Veränderungen in der Ukraine jedoch verflogen. Denn mit Blick auf die Parlamentswahlen im März 2006 hat es die „orangene“ Regierung nicht gewagt, unpopuläre, jedoch notwendige Wirtschaftsreformen radikal anzugehen. Vielmehr hat sie sich zu populistischen Maßnahmen hinreißen lassen, ohne die Perspektiven für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung aufzuzeigen. Daher bleiben Armut und ihre Folgen die dominierenden gesellschaftlichen Probleme in der Ukraine.

Die Caritas Ukraine nimmt sich der Bedürftigen an, dort wo die Not am größten ist. Prioritäten der Caritasarbeit in der Ukraine sind Hauskrankenpflege, die Betreuung von Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen – insbesondere Straßenkindern – sowie die Bekämpfung des Frauenhandels. Eine neue Herausforderung für die Caritas ist die explosionsartige Ausbreitung von HIV-AIDS in der Ukraine.

Hauskrankenpflege

Einsame Pensionäre und Rentner haben es in der Ukraine besonders schwer. Krankheiten, Einsamkeit und unzureichender Sozialschutz machen das Leben oftmals unerträglich.

Seit 1999 hat die Caritas Ukraine in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Caritasverband ein Netzwerk ambulanter Dienste der häuslichen Pflege für alte und gebrechliche Menschen aufgebaut. 14 Sozialstationen in zwölf Städten gibt es in der Zwischenzeit, die über 700 Patienten zu Hause betreuen. Das Pflegepersonal erbringt die Leistungen, zu denen die Betroffenen selbst nicht mehr in der Lage sind. Jeder Dienst setzt sich aus Krankenschwestern und Sozialarbeitern zusammen. Sie gewährleisten die medizinische Basisversorgung der Pflegebedürftigen, besorgen den Einkauf, kochen, waschen die schmutzige Wäsche, organisieren Arztbesuche und Krankenhaustermine und erledigen Behördengänge.

Ljubow Knak wird von der Caritas seit Eröffnung der Sozialstation in der westukrainischen Stadt Lwiw im Jahre 1999 betreut. Die heute 89-jährige hat ein schweres Leben hinter sich. Im Krieg verlor sie ihren Mann und ihre drei Kinder. Im Alter lebte sie vollkommen zurückgezogen und vereinsamt. Mit fortschreitender Krankheit, Demenz und Arteriosklerose, fiel es Ljubow Knak immer schwerer, das Bett zu verlassen. Oftmals lag sie tagelang hilflos und verzweifelt in ihrem Bett. So fanden sie auch die Mitarbeiter der Caritas Lwiw vor. Sie sorg-ten für entsprechende medizinische Betreuung und regelmäßige Ernährung, ordneten den verwahrlosten Haushalt, brachten Nahrungsmittel, Bettwäsche und Kleidung. Nach und nach kam die Frau wieder zu Kräften und gewann neuen Lebensmut. Seit nunmehr sieben Jahren kümmern sich die Altenpfleger der Caritas um die Frau und ermöglichen ihr, wie auch vielen hundert anderen alten Menschen, einen würdevollen Lebensabend.

Straßenkinder

Die Verschlechterung der Lebensbedingungen der Menschen in der Ukraine schlägt sich besonders stark auf das Leben von Kindern nieder. Dies betrifft insbesondere Waisenkinder. Auch die Zahl der so genannten „Sozialwaisen“ aus Problemfamilien mit drogen- oder alkoholabhängigen Eltern wächst ständig an. Kinder solcher Eltern sind hilflos Gewalt und Missbrauch in der Familie ausgesetzt und reißen von zu Hause aus. In vielen Fällen zwingt soziale Not einen oder beide Elternteile, ihre Kinder langfristig der „Obhut“ von Großeltern oder Nachbarn zu überlassen und Arbeit im Ausland zu suchen. Oftmals geraten solche Kinder unter den negativen Einfluss der „Straße“. Die Folgen sind Drogen- und Alkoholmissbrauch sowie Kriminalisierung der Kinder und Jugendlichen.

Bettelnde, verwahrloste Kinder begegnen uns in den Großstädten der Ukraine auf jedem Schritt und Tritt, auf den Straßen, in Bahnhöfen, öffentlichen Gebäuden und Geschäften. Sie sind schlecht gekleidet, schmutzig, barfüßig und hungrig. Jedes dieser Kinder zeigt Anzeichen von Krankheiten oder körperlicher Gewaltanwendung. Bei manchen erkennen wir die Neigung zum Konsum von Alkohol, Nikotin oder Drogen. Stark verbreitet unter den Straßenkindern ist das Schnüffeln von Klebstoffen, das nachhaltige körperliche und geistige Schäden bewirkt. Sie übernachten in Bahnhöfen, Hausgängen und Kellergeschossen, in Kanalisationsschächten oder auf Baustellen auf nacktem Zement. Ihre Zukunftsperspektiven sind erschreckend.

Erste Versuche der Caritas Ukraine, die Betreuung von Straßenkindern in speziell eingerichteten Jugendzentren zu organisieren, zeitigten keine nachhaltigen Erfolge. Straßenkinder nahmen die angebotenen Hilfeleistungen kaum in Anspruch. Im Jahre 2003 änderte die Caritas Ukraine ihren Ansatz und führte mobile Sozialstationen für Straßenkinder als Modellprojekt in Chmelnytskyi und Lwiw ein. In diesen Städten fahren Mitarbeiter der Caritas in einem umgebauten Minibus die Treffpunkte der Straßenkinder an. Das Team der mobilen Sozialstation besteht jeweils aus einem Sozialarbeiter, einem medizinisch geschulten Mitarbeiter und einem Psychologen. Sie bieten den Kindern warme Mahlzeiten und Kleidung an, leisten notwendige medizinische Hilfen und versuchen, durch Gespräche das Vertrauen der Kinder zu gewinnen und gemeinsam mit ihnen Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Bei den ersten Begegnungen reagieren die Kinder oft misstrauisch und sogar feindselig. Doch nach und nach gelingt es den Streetworkern, ein Vertrauensverhältnis zu den Kindern aufzubauen und ihnen Alternativen zum Leben auf der Straße zu vermitteln. Die Schwierigkeit dabei ist, dass es bisher, neben staatlichen Kinderheimen, kaum angemessene Einrichtungen für Straßenkinder gibt, die eine nachhaltige Integration der Kinder in die Gesellschaft gewährleisten. Neuerdings arbeiten staatliche Jugendbehörden verstärkt mit nichtstaatlichen Organisationen zusammen, um Konzepte zur Anstaltserziehung zu entwickeln. Nur durch aktive Zusammenarbeit der staatlichen Stellen und nichtstaatlicher Organisationen kann das Problem der Straßenkinder in der Ukraine einer Lösung näher gebracht werden.

Frauenhandel

Besonders schwierig ist die wirtschaftliche Lage der Frauen in der Ukraine. Die offizielle Arbeitslosenstatistik weist zu 80 Prozent Frauen auf. Aber auch im Berufsleben sind Frauen stark benachteiligt. Das durchschnittliche Einkommen berufstätiger Frauen beträgt nur 53 Prozent des Einkommens ihrer männlichen Kollegen. Der Weg zu Führungspositionen ist ihnen überwiegend versperrt. Mangelnde Perspektiven im eigenen Land drängen daher viele Frauen zur Migration. Nicht selten geraten sie bei der Planung und Durchführung ihres Migrationsprojekts in die Hände von skrupellosen Frauenhändlern und werden zur Prostitution gezwungen.

Aufklärung über Praktiken der Menschenhändler und psychosoziale Betreuung der Opfer stehen im Mittelpunkt der Caritasarbeit bei der Bekämpfung des Frauenhandels. Seit mehreren Jahren führt die Caritas Ukraine ein Projekt durch, bei dem Frauen, die im Ausland Opfer von Menschenhandel geworden sind, nach ihrer – oft durch Abschiebung erfolgten – Rückkehr unterstützt werden. Sie bekommen eine sichere Unterkunft, werden psychologisch betreut und erhalten Hilfen bei der beruflichen Neuorientierung.

In vier ukrainischen Städten sind Frauenberatungsstellen der Caritas aktiv, die ausreisewillige Frauen über Gefahren der Migration aufklären, über Hilfsangebote im Ausland informieren und Rückkehrerinnen bei der Reintegration in der Heimat helfen.

Drogen und Alkohol

Massenarbeitslosigkeit, geringer Sozialschutz und ungewisse Zukunftsperspektiven haben in der Ukraine zu einem erschreckenden Anstieg des Drogen- und Alkoholkonsums geführt. Der „Genuss“ von Alkohol wird in der Gesellschaft uneingeschränkt akzeptiert. Im Fernsehen und in den Printmedien wird aufdringlich für Alkohol und Zigaretten geworben. Alkoholische Getränke sind relativ billig, andere Drogen leicht zugänglich.

Die Caritas Ukraine hilft drogen- und alkoholkranken Menschen durch die Organisation von Selbsthilfegruppe nach der Methode der „Anonymen Alkoholiker“. Im April 2004 hat die Caritas Sambir-Drohobych das Rehabilitationszentrum „Nazaret“ gegründet. Im Zentrum werden alkohol- und drogenabhängige Männer aus den Gruppen der Anonymen Alkoholiker und Anonymen Drogenabhängigen betreut, die dem Alkohol und den Drogen abgeschworen haben. Zum heutigen Zeitpunkt leben zehn Männer im Zentrum und nehmen am Therapie- und Rehabilitationsprogramm teil. Ziel der Entgiftungs- und Entwöhnungsbehandlung ist die gesellschaftliche Rehabilitation und Adaption der Patienten mit der Perspektive der Eingliederung des Patienten in Arbeit und Beruf. Dieses Ziel soll im Rahmen einer therapeutischen Gemeinschaft durch Arbeitstherapie, systematische Beratung und Gruppentherapie sowie gegenseitige Unterstützung der Patienten erreicht werden. Die Patienten leben im Zentrum mindestens sechs Monate. Das Rehabilitationszentrum „Nazaret“ ist das erste Zentrum dieser Art in Trägerschaft der Caritas und der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine.

HIV/AIDS

In Zusammenhang mit massenhaftem Drogenkonsum in der Ukraine steht auch die anfängliche Verbreitung von HIV-AIDS in der Ukraine, denn von den geschätzten 600.000 regelmäßigen Drogenkonsumenten sind 15 bis 20 Prozent HIV-positiv sind. Nach Einschätzung von Dr. Clemens Ochel vom Missionsärztlichen Institut in Würzburg beschränkt sich jedoch die Infektionsgefahr zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr auf diese und andere Risikogruppen. Die Zahl der HIV-infizierten Menschen in der Ukraine wird heute auf über 500.000 geschätzt, mit unabsehbaren Folgen für die weitere Entwicklung des Landes.

Die Caritas Ukraine hat ihr Engagement bei der Bekämpfung von HIV/AIDS mit einem Projekt zur Betreuung HIV-infizierter Kleinkinder im ostukrainischen Kohlerevier Donezk begonnen. In Zusammenarbeit mit der örtlichen Kinderklinik werden die Kleinkinder während des Krankenhausaufenthalts und bei der Rückkehr in ihre Familien mit Nahrungsmitteln, Kleidern, Vitaminen und Medikamenten versorgt. Ende 2005 haben ambulante Dienste der Caritas für HIV-infizierte und AIDS-kranke Menschen in den Städten Donezk, Odessa und der ukrainischen Hauptstadt Kiew ihre Arbeit aufgenommen.

Dies sind nur einige Schlaglichter auf die sozialen Probleme in der Ukraine. Angesichts des beschriebenen Ausmaßes der sozialen Not und ihrer Folgen erfordert die Bekämpfung der Armut das gemeinsame Handeln der gesamten Gesellschaft. Die Caritas Ukraine leistet ihren Beitrag. Sie setzt Zeichen christlicher Solidarität und hilft mit Unterstützung ihrer Partner im In- und Ausland dort, wo die Not am größten ist.