Nicht Ost, nicht West: Triest

aus OWEP 2/2013  •  von Borut Klabjan

Zusammenfassung

Für eine neue Rolle, die Mitwirkung am Welthandel, wurde Triest am Anfang des 18. Jahrhunderts von der Habsburgermonarchie als Standort ausgewählt. Im Laufe von zwei Jahrhunderten entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen Handelszentrum. Diese Rolle wünscht sich auch das heutige Triest, das wieder ein wichtiger Referenzpunkt an der Adria für den mitteleuropäischen Raum werden möchte.

Prof. Dr. Borut Klabjan, geboren in Triest, ist als Historiker (Schwerpunkt: Mittel- und Osteuropa) an der Universität Koper (Slowenien) tätig.

Triest bildet seit der Antike bis heute eine Nahtstelle zwischen der mediterranen und der mitteleuropäischen Welt. Die Stadt liegt am Schnittpunkt zwischen verschiedenen kulturellen, künstlerischen und ideengeschichtlichen Räumen, und hier verflechten sich auch unterschiedliche ethnische Gruppen. Zu den unverwechselbaren Faktoren dieses Raumes muss man das Miteinander des slawischen (slowenisch und kroatisch), romanischen (italienisch) und germanischen (deutsch) Elements rechnen.

Panorama von Triest (© Klemen Zalar)

Dies alles führte zu einer gegenseitigen Befruchtung und Verschmelzung, löste aber auch Gegensätze und Konflikte in den transnationalen Beziehungen aus, die sich besonders in der Epoche des neuzeitlichen Nationalismus verhängnisvoll auswirkten. Eine scharfe Zäsur bildete der Erste Weltkrieg, der die Landkarte der Nordadriaregion im 20. Jahrhundert völlig umgestaltet hat.

Von der Stadt ohne Geschichte zur Stadt in der Geschichte

Bis zum Herbst des Jahres 1918 hatten Triest und sein Umland mehr als ein halbes Jahrtausend zum Reich der Habsburger gehört. Bis ins 18. Jahrhundert lag die Stadt an der Peripherie der europäischen Geschichte und hatte allenfalls in lokalen Streitigkeiten mit Venedig oder dem Patriarchat von Aquileja eine Rolle gespielt. Der Aufstieg Österreichs zur europäischen Großmacht nach dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) änderte dies grundlegend. 1717 verkündete Kaiser Karl VI. die Freiheit der Schifffahrt in der Adria, um die Monopolstellung der Venezianer in der Adria und im östlichen Mittelmeerraum zu brechen. Triest wurde als Ausgangspunkt für den österreichischen Handel bestimmt und 1719 zusammen mit Rijeka (ital. Fiume) im heutigen Kroatien zum Freihafen erklärt. Während des gesamten 18. Jahrhunderts war Triest das Tor Österreichs zum Welthandel und entwickelte sich trotz mancher Krisen zu einem Wirtschaftszentrum der Monarchie.

Nach dem Ende der Republik Venedig und der napoleonischen Epoche erfuhr der adriatische Raum eine Neuordnung. Durch die Entwicklung moderner Verkehrswege wurde Triest zum Exporthafen für die wachsende österreichische Industrie (bis nach Wien, Böhmen usw.) im 19. Jahrhundert; diese Epoche führte die Stadt zu wirtschaftlicher und auch kultureller Blüte. Zu nennen ist besonders der österreichische Handels- und Finanzminister Karl Ludwig von Bruck (1798-1860), dessen Vorstellungen zur wirtschaftlichen Expansion Österreichs im Mittelmeerraum die Entwicklung des Triester Hafens vorantrieben. Bereits seit 1857 bestand eine Eisenbahnverbindung zwischen Wien und Triest, die zur Verstärkung des Warentransports erheblich beitrug.

In der Zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es allerdings durch Wirtschaftskrisen zu Rückschlägen; auch verlagerte sich ein Teil des internationalen Güterverkehrs der Monarchie wegen der besseren Verkehrsanbindung auf norddeutsche Häfen wie Hamburg und Stettin. Insgesamt hinkte die Entwicklung der österreichischen Wirtschaft derjenigen Deutschlands und Westeuropas hinterher, was sich u. a. in höheren Bahntarifen und verzögerten Investitionen beim Ausbau des Hafens Triest ab 1850 bemerkbar machte – die Konkurrenz war schneller und günstiger. Erst nach langer Verzögerung wurde 1883 der neue Hafen von Triest eröffnet, sodass er die Vorteile des 1869 eröffneten Suez-Kanals lange Zeit nicht nutzen konnte. Erst nachdem 1887 die Stadt ins Zollgebiet Österreich-Ungarns aufgenommen und 1891 der Status des Freihafens gefallen war, standen die Wege zu einer Modernisierung offen. Neben dem Ausbau des Hafens ist besonders die Ansiedlung von Banken und Versicherungsgesellschaften zu nennen, z. B. „Generali“ und RAS („Riunione Adriatica di Sicurtà“). Triest wurde somit Anfang des 20. Jahrhunderts zum größten Hafen der nördlichen Adria.

Parallel dazu entwickelte sich die unbedeutende Siedlung zu einem kosmopolitischen Agglomerat. Aus allen Teilen der Monarchie kamen Zuwanderer und ließen die Einwohnerzahl kurz vor dem Ersten Weltkrieg auf fast eine Viertelmillion steigen. In einer Zeit des wachsenden Nationalismus konnte Triest mit Stolz von sich behaupten, mit einer italienischen, slowenischen, deutschen, tschechischen, polnischen, griechischen, jüdischen, kroatischen, serbischen, ungarischen, armenischen und vielleicht noch mit vielen anderen Seelen ausgestattet zu sein, die Teil waren (oder auch nicht) der Triester Wirklichkeit.

Der Erste Weltkrieg sah Soldaten aus Triest an allen Fronten im Kampf. Einige desertierten nach Italien, und nach dessen Kriegseintritt auf Seiten der Entente im Frühling 1915 lag die Stadt durch die Nähe zur Isonzofront unweit des Kriegsgeschehens, was sich auf Handel und Wirtschaft lähmend auswirkte.

Das italienische Triest – Trieste

Nach dem Krieg zerfiel nicht nur die Habsburgermonarchie, sondern es wurde auch die gesamte Umgebung, in der sich Triest zweihundert Jahre hervorragend entwickelt hatte, radikal verändert. Neue Staaten bildeten sich und gerieten mit anderen Staaten in neue Konflikte. In Triest und ins Umland marschierten italienische Truppen ein, worauf die italienisch geprägte liberale Elite der Stadt nicht vorbereitet war. Triest sollte sich nach den Vorstellungen der neuen Herren aus einem vielethnischen Gebilde in eine „italienische Stadt, italienischer als andere Städte Italiens“ verwandeln. Manche Bewohner verließen daraufhin die Stadt, andere passten sich an – der Schutz nationaler Minderheiten war und blieb eines der problematischsten Themen nach dem Ersten Weltkrieg; auf dem Papier sollte es ihn geben, die Realität sah meistens anders aus. Italien fühlte sich Siegerstaat zu nichts verpflichtet.

Mit dem Sieg der faschistischen Bewegung unter Mussolini im Oktober 1922 wurde Triest zum so genannten „Zentrum des Grenzfaschismus“, in dem sich faschistisch-totalitaristische Inhalte mit nationalistischen und rassistischen Elementen mischten. Die Stadt sollte ein Aushängeschild Italiens gegen den „Osten“ und ein Zentrum der geistigen Ausstrahlung der „romanità“ über die Grenze hinweg werden, unter Betonung des Gegensatzes zwischen dem faschistischen (italienischen) ICH und dem nicht näher definierten „slawischen“ ANDEREN. Als Besonderheit kam in Triest und in seinem Grenzgebiet die so genannte doppelte Orientierung hinzu, weil man es gleichzeitig mit zwei Gegnern zu tun hatte: zum einen mit dem nationalen Feind in Gestalt der slawischen Minderheiten (Slowenen und Kroaten), zum anderen mit dem Klassenfeind (Sozialdemokraten/Kommunisten).

Wie sollte nun mit den „neuen Provinzen“ umgegangen werden? Ziel war es, die Gebiete nicht nur formal zu übernehmen, sondern auch die Ideale des Faschismus in den Bereichen Kultur, Architektur Infrastruktur usw. sichtbar zu machen. Offiziell und vor der internationalen Öffentlichkeit vertrat das Regime die These, Triest und die Umgebung seien keinesfalls national gemischt. Inoffiziell wurde jedoch die „Italianisierung“ des Raumes mit viel Aufwand vollzogen. Triest wurde regelrecht zu einem „Schaufenster“ der faschistischen Ideologie, was natürlich eine Gegenbewegung auslöste. Slowenische Antifaschisten, die selbstständig oder mittels Unterstützung aus dem nahen Jugoslawien illegal tätig waren, arbeiteten mit italienischen Regimegegnern zusammen, vor allem bei der Herstellung und Verteilung illegaler Druckschriften und generell im Spionagesektor. In den dreißiger Jahren kam es auch zu Anschlägen auf italienische Schulen und Exponenten des Regimes. Dies verstärkte im Gegenzug die Repressionen auf unerwünschte Gruppen, zu denen auch die lokale jüdische Gemeinde zählte, obwohl diese traditionell stark italienisch eingestellt war. In Triest hat Mussolini Mitte September 1938 die italienischen „Rassengesetze“ verkündet und ist damit seinem Bundesgenossen Hitler gefolgt. Drei Jahre danach wurde die Stadt im April 1941 zum Sprungbrett für die italienische Aggression gegen Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg.

Der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg: Kampf um Triest

Die nationalen und ideologischen Gegensätze erreichten ihren Höhepunkt während des Zweiten Weltkriegs. Trotz des immer noch gängigen Klischees vom „guten“ italienischen Soldaten ist die lokale Erinnerung verbunden mit Internierungen und grausamen Massakern an der Zivilbevölkerung – neuerdings auch ein Thema der italienischen Geschichtsschreibung. Auch in der Region um Triest spielte sich der Zweite Weltkrieg mit aller Härte ab. Einen Einschnitt bildete der Sturz des Mussolini-Regimes 1943. Im September dieses Jahres wurde Triest von deutschen Truppen besetzt und zu einem wichtigen strategischen Stützpunkt ausgebaut. Traurige Bedeutung erlangte das Konzentrationslager San Sabba, in dem tausende Antifaschisten umkamen. Die Kämpfe in der „Operationszone Adriatisches Küstenland“ dauerten von Ende 1943 bis zum April 1945. Die Niederlage der deutschen Truppen wurde durch die Vorstöße der jugoslawischen Partisanen vom Balkan, den Vormarsch der alliierten Truppen in Italien und auch durch die Aktivität örtlicher Partisanengruppen im Raum Triest/Istrien besiegelt.

Nach dem Krieg geriet Triest in den Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit wie schon lange nicht mehr oder sogar wie noch nie zuvor. Nun erhob Jugoslawien Anspruch auf die Territorien, die sich Italien nach dem Ersten Weltkrieg angeeignet hatte; Italien hingegen beharrte auf dem Status quo. Damit begann die „Triester Frage“, die sich sehr schnell aus einer örtlich begrenzten italienisch-jugoslawischen (bzw. slowenischen) Auseinandersetzung zu einem internationalen Konflikt im Rahmen des Kalten Krieges ausweitete. Schon 1946 verwendete Winston Churchill angesichts der wachsenden Spannungen zwischen den Siegermächten das Bild vom „Eisernen Vorhang“, der Europa „von der Ostsee bei Stettin bis zur Adria bei Triest“ spalten würde. In Wirklichkeit war die Grenze zwischen Italien und Jugoslawien allerdings nur in den ersten Nachkriegsjahren „eisern“. Der Streit zwischen Tito und Stalin, der 1948 im offenen Bruch zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion gipfelte, führte letztlich dazu, dass die Grenze zwischen Italien und Jugoslawien eher einer lockeren Jalousie als einer unüberbrückbaren Mauer zwischen Ost und West glich. Zwischen 1947 und 1954 bestand das „Freie Territorium Triest“ (italienisch „Territorio Libero di Trieste“, slowenisch „Svobodno tržaško ozemlje“), dessen nördlicher Teil – Zone A – mit der Stadt Triest unter angloamerikanischer, der südliche Teil – Zone B – unter jugoslawischer Verwaltung stand. Mit dem Abkommen von London (5. Oktober 1954) wurden de facto Zone B an Jugoslawien, Zone A (mit der Stadt Triest) an Italien angegliedert; Italien garantierte im Rahmen dieses Abkommens den erneuten Status von Triest als Freihafen.

Triest auf der einen und Koper (ital. Capodistria) auf der anderen Seite der Grenze wurden jeweils zu „Aushängeschildern“ der Systeme: auf der einen Seite das kapitalistische Italien, auf der anderen Seite das sozialistische Jugoslawien. Wegen der relativen Durchlässigkeit der Grenze und der Anwesenheit nationaler Minderheiten pflegten die Einwohner weiterhin intensive Kontakte, die von kleineren Dienstleistungen bis zum (meist illegalen) Warenverkauf (Fleisch, Zigaretten, Eier) reichten. Davon profitierten die Märkte in Triest (Piazza Ponterosso, Mercato coperto), aber auch Privathaushalte und Gasthäuser; selbst an Busstationen wurde Handel getrieben.

Endgültig völkerrechtlich geklärt wurde die Grenzfrage erst 1975 im Kontext der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE). Italien und Jugoslawien einigten sich im Vertrag von Osimo (10. November 1975) über die Anerkennung der jeweiligen Souveränität in den ehemaligen Zonen A und B und bestätigten damit die bis heute bestehende Grenze. Obwohl den Eliten in Italien und Jugoslawien schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg klar war, dass es keine territorialen Veränderungen mehr geben würde, wirkten slowenische Parolen wie „Triest ist unser“ oder italienische, die Istrien, Dalmatien (Dalmazia) und Rijeka (Fiume) als „italianissime“ bezeichneten, lange nach; so gab es Kreise in Italien, die den Vertrag von Osimo als „Verrat“ bezeichneten. Insgesamt spielten solche Vorwürfe angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen Zusammenarbeit, des kulturellen Austauschs und des wechselseitigen Tourismus keine bedeutende Rolle mehr. Dies hing auch mit dem besonderen internationalen Status von Jugoslawien an der Spitze der Bewegung der Blockfreien zusammen. Triest und die benachbarten Regionen in Jugoslawien waren Nutznießer dieser Situation.

Der Zerfall Jugoslawiens – das unabhängige Slowenien

Nach dem blutigen Zerfall Jugoslawiens Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre trat im Nordwesten des zerbrochenen Gesamtstaats Slowenien dessen Rechtsnachfolge an. Die slowenische Minderheit in Triest hatte mit dem Ende Jugoslawiens ihren Hauptunterstützer verloren, umgekehrt war ebenso der Hauptantagonist für die Italiener in Triest, das „jugoslawische Gespenst“, verschwunden. Betroffen im einen oder anderen Sinn waren viele Menschen in Triest, die von der „Kundschaft“ aus Jugoslawien gelebt hatten: kleine Händler, aber auch die Polizei, Sicherheitsdienste, Geheimagenten, also alle, die von der Grenze am Schnittpunkt zweier Systeme profitiert hatten.

Triest sollte angesichts der veränderten geopolitischen Verhältnisse wieder in die Rolle hineinwachsen, die es unter den Habsburgern gehabt hatte – ein mitteleuropäisches Zentrum an der Adria. Ein Meilenstein auf dem Weg dorthin sollte der Beitritt Sloweniens zur Europäischen Union 2004 und zum Schengenraum (Wegfall der Grenzkontrollen) 2007 werden. Triest hat jedoch wie schon so oft in seiner Geschichte die Gelegenheit nicht genutzt und schläft nach dem wechselvollen 20. Jahrhundert noch immer den Dornröschenschlaf. Natürlich träumt die Stadt von der Rückkehr in die glorreiche Vergangenheit, von neuer Größe – „Trieste torna grande“ („Triest wird wieder groß“), lautet der Leitspruch des im Frühjahr 2011 neugewählten Bürgermeisters Roberto Cosolini. Die Wahrheit sieht leider so aus, dass Triest heute die Bedeutung einer mittelgroßen italienischen Provinzstadt hat und bis vor Kurzem vor allem von der Unterstützung aus Rom gelebt hat, mit der Italien die „italianità” der Stadt legitimieren musste. Wenn Triest und seine Bewohner ernsthaft über die Entwicklung ihrer Stadt nachdenken wollen, dann müssen sie endlich zur Kenntnis nehmen, dass die Spaltung zwischen Ost und West vorbei ist, und mit konkreten Maßnahmen zeigen, dass die Stadt vorankommen will. Leider sind aber so wichtige Faktoren wie Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt für viele eher ein Störfaktor als eine Bereicherung.

Aus dem Slowenischen übersetzt von Klemen Zalar.


Triest, seit dem 18. Jahrhundert planmäßig zum Haupthandelshafen der Habsburgermonarchie ausgebaut, war lange Zeit einer der bedeutendsten Häfen an der Adria. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Stadt an Italien, verlor allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Hinterland. Heute ist der Hafen Triests u. a. als Umschlagplatz für Rohöl (Endpunkt der transalpinen Pipeline), als Freihafen und als Terminal für Fähr- und Kreuzfahrtschiffe wichtig, wobei jedoch die künftige Entwicklung im Blick auf die Konkurrenz der Nachbarhäfen in Slowenien und Kroatien unsicher ist.