Split heute – eine Industrie- und Hafenstadt im Umbruch

aus OWEP 2/2013  •  von Aleksandar Jakir

Zusammenfassung

Split gehört zu den ältesten Städten Europas und verfügt über bedeutende Kulturdenkmäler. Die Auseinandersetzungen beim Zerfall Jugoslawiens haben jedoch tiefe Spuren in der Stadt hinterlassen. Jenseits der touristischen Idylle ringt die Stadt um ihre Zukunft.

Prof. Dr. Aleksandar Jakir ist Historiker und hat seit 2007 die Professur für Zeitgeschichte an der Abteilung für Geschichte der Philosophischen Fakultät der Universität Split inne.

Es klingt anders als in den Reiseführern, in denen die kunsthistorischen Schätze und naturräumlichen Schönheiten der kroatischen Universitäts- und Hafenstadt Split an der Adria gerühmt werden, was etliche Journalisten und Wahlkämpfer in diesen Tagen vor den Wahlen zum Europaparlament im April und vor den kurz danach im Mai stattfindenen Kommunalwahlen über ihre Stadt sagen und schreiben, die vor knapp einem Jahrzehnt ihr 1.700-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Split gehört somit zu den Städten in Europa, die auf eine durchaus lange Kontinuität zurückblicken können. Schenkt man jedoch den erwähnten kritischen Stimmen Gehör, so steht es um die Zukunft der Stadt nicht zum Besten.

Blick auf die Bucht von Split (Foto: Renovabis-Archiv)

Manchem sind dabei selbst die Grautöne auf der Farbpalette noch zu hell, und es entsteht ein schon fast katastrophisches, schwarz in schwarz gemaltes Bild einer Stadt im Niedergang. Der Kontrast könnte kaum größer sein, ruft man sich das Bild vor Augen, das die Tourismusindustrie von Split mit Naturschönheiten, erfolgreichen Sportlern und dem reichhaltigen kulturellen und gastronomischen Angebot entwirft. Split ist mit ca. 220.000 Einwohnern die größte Stadt Dalmatiens und die zweitgrößte Stadt Kroatiens.

Name und Geschichte der Stadt

Das etymologische Dilemma, ob es der im Mittelmeerraum häufig anzutreffende gelbblühende Ginster war, der bei der Namensgebung der antiken griechischen Kolonie an der Adria mit Namen Aspalathos/Spalatos (Άσπάλαϑος) Pate stand, oder ob doch der im 13. Jahrhundert wirkende Chronist Thomas Archidiaconus Spalatensis Recht hatte, der den Namen Split vom lateinischen Begriff für den Palast des römischen Kaisers Diokletian ableitete, der heute das historische Stadtzentrum bildet (palatium = S-palatium), scheint nach wie vor ungelöst.

Fest steht aber, dass die Stadt bis zur Auflösung Österreich-Ungarns im Jahr 1918 amtlich den italienischen Namen Spalato trug, auch wenn ihre bereits damals mehrheitlich kroatischsprachigen Einwohner sie Split oder Spljet nannten. Die heutige kroatische Bezeichnung Split ist dabei offiziell seit der Zeit des nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Staates der Serben, Kroaten und Slowenen in Gebrauch. Je nach Zählung wechselte die staatliche Zugehörigkeit von Split während des 20. Jahrhunderts sieben oder acht Mal: Split und sein Umland wurden am 1. Dezember 1918 Teil des von Belgrad aus regierten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. Dieses nannte sich seit 1929 Königreich Jugoslawien und ging im Zweiten Weltkrieg unter, dessen Schrecken für Split am 6. April 1941 mit der Bombardierung durch Flugzeuge des faschistischen Italien begannen. Mussolini annektierte schließlich den größten Teil Dalmatiens einschließlich Split. Nach der Kapitulation des faschistischen Italien wurde die Stadt kurzzeitig von Partisanen befreit, die innerhalb der Stadt große Unterstützung in der Bevölkerung genossen. Split gehörte aber letztlich bis zum Kriegsende unter deutscher Besatzung zum so genannten „Unabhängigen Staat Kroatien“. Nach dem Sieg von Titos Partisanen im überaus blutig geführten Krieg und Bürgerkrieg wurde im April 1945 in Split die erste kroatische Regierung für die Teilrepublik innerhalb des föderativen Tito-Jugoslawien gebildet. Diese hieß zunächst „Demokratische Volksrepublik Kroatien“, später „Sozialistische Republik Kroatien“. Seit der Unabhängigkeitserklärung im Juni 1991 ist Split Teil der heutigen Republik Kroatien.

Alte und neue Gräben

Stritt man sich im 19. Jahrhundert noch zwischen der kroatischen Nationalpartei und den italienischsprachigen dalmatinischen Autonomisten um den Namen Stadt – Split oder Spalato –, so ist dies im 21. Jahrhundert kein Thema mehr. In der einschlägigen Publizistik sind es nun die noch im letzten Jahrhundert entstandenen und ideologisch aufgeladenen Begriffe und Konzepte, mit denen die Stadt Split assoziiert wird, die politisch hoch polarisierte öffentliche Debatten in und über Split auslösen. Während die einen befürchten, dass das während des Zweiten Weltkriegs mehrheitlich antifaschistische Split der Partisanen seit der Wende und dem Zerfall Jugoslawiens sich im unabhängigen Kroatien unter Franjo Tudjman zu einem Hort des rechten Nationalismus gewandelt habe, betont die andere Seite den kroatischen Patriotismus und die Rolle der Stadt und ihrer Bewohner im überstandenen Unabhängigkeitskrieg gegen die Aggression von Miloševićs Serbiens.

Dieser Streit spitzt sich bei der Frage der Aufstellung eines Denkmals für den ersten demokratisch gewählten Präsidenten des heutigen Kroatien, Franjo Tudjman, zu. Mit den realen Problemen der Stadt, dem Strukturwandel, der Arbeitslosigkeit, dem urbanistischen Chaos in den Vorstädten, hat das wenig zu tun. Die einen klagen, es sei in Vergessenheit geraten, dass Split zu Zeiten des sozialistischen Tito-Jugoslawien doch als „rote“ Stadt galt, was mit der Aufstellung eines Denkmals für einen Nationalisten vom Schlage Tudjmans, der für mehr oder weniger alle negativen Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte verantwortlich gemacht wird, unvereinbar sei. Auf der anderen Seite stehen die Anhänger Tudjmans, die den 1999 verstorbenen ersten Präsidenten des heutigen Kroatien als Staatsmann, Vater der Unabhängigkeit und „kroatischen Bismarck“ preisen. Die jetzige Mehrheit im Stadtrat ist jedenfalls für ein solches Denkmal und sieht sich auch von einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung in diesem Ansinnen unterstützt.

Andererseits überrascht diejenigen, welche die Stadtgeschichte ein wenig kennen, die hitzige Auseinandersetzung über die Aufstellung des Denkmals für Tudjman weniger, lässt sich doch schwerlich übersehen, wie gespalten auch früher schon die Öffentlichkeit in ideologisch aufgeladenen Fragen war, insbesondere seit im 19. Jahrhundert die Idee der Nation ihren Siegeszug antrat und Split zur kroatischen Stadt wurde. Die zunächst in Split (und Dalmatien) tonangebene italienischsprachige Minderheit besteht heute nurmehr aus den Angehörigen von wenigen in Split verbliebenen Familien. Die rasante Bevölkerungszunahme im Zuge der Industrialisierung nach 1945 (am Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die Stadt nicht mehr als 40.000 Einwohner, das entspricht nur 10 Prozent der heutigen Bevölkerungszahl der Großregion Split), spiegelt die tiefgreifenden Transformations- und Modernisierungsprozesse ebenso wider wie die Folgen moderner Nationsbildungsprozesse.

An vielen historischen Beispielen ließe sich zeigen, dass auch in Split das Bauen einer Brücke über ideologische Gräben hinweg mühsamer und langwieriger ist als das Einreißen derselben. Besonders intensiv gestaltet sich die Debatte über die juristische und historische Aufarbeitung der Verbrechen, die im Namen der verschiedenen Ideologien des 20. Jahrhunderts verübt wurden, einschließlich derjenigen während des letzten Krieges. Die Gerichtsprozesse über die Vorkommen im Militärgefängnis im Marinestützpunkt „Lora“ auf dem Gebiet der Stadt, wo es zur Gewalt an Mitbürgern serbischer Nationalität während des Unabhängigkeitskrieges kam, sind noch nicht letztinstanzlich entschieden, aber dass seitens kroatischer Polizisten und Militärs Verbrechen stattgefunden haben, ist unstrittig.

Zeichen des Aufschwungs …

Sieht man sich andererseits jedoch die Gesamtsituation Splits an, so mögen die äußerst kritischen Stimmen mancher Intellektueller auf den ersten Blick nicht recht nachvollziehbar scheinen. Nicht nur der Bau einer neuen Universitätsbibliothek und der Ausbau der 1974 gegründeten Universität Split, an der heute über 22.000 Studierende eingeschrieben sind, lässt die Zukunftsaussichten der Stadt in einem besseren Licht erscheinen. In den letzten Jahren lässt sich auch ein regelrechter Tourismus-Boom mit bis zu 50.000 Gästen im Jahr in Split beobachten, der zu neuem Wohlstand führt. Durch die 2005 fertiggestellte Autobahnverbindung sowohl mit der Hauptstadt Zagreb als auch mit Rijeka ist die Hafenstadt Split nun auch mit dem Auto schnell und gut erreichbar. Das maritime Klima mit angenehmen mittleren Temperaturwerten das ganze Jahr über bietet für Besucher aus Gegenden mit kälterem Klima einen zusätzlichen Anreiz.

Früher war Split für die allermeisten Touristen als großer Fährhafen nur Durchgangsstation auf dem Weg zum Urlaub auf einer der mitteldalmatinischen Inseln in der Adria. Dies hat sich in den letzten Jahren gründlich geändert. Die Zahl der neueröffneten Hotels, Pensionen und Hostels sowie die zahlreichen privat vermieteten Ferienwohnungen in der Stadt legen davon Zeugnis ab. Insbesondere der riesige Palast des römischen Kaisers Diokletian (über 30.000 m²), der heute in die historische Altstadt von Split integriert ist und sich seit dem Jahr 1979 auf der UNESCO-Liste der Weltkulturerbestätten befindet, ebenso wie das mediterrane Flair der Stadt ziehen die Besucher in die Stadt. Reiseführer loben die Museen, den erholsamen Stadtpark und den zentrumsnah gelegenen dicht bewaldeten Marjan-Berg sowie die elegante Uferpromenade, die der Stadt ihren „unvergesslichen Charme“ verleihen.

… oder der Stagnation?

In den Wintermonaten und abseits der Sonnenseite der Stadt mit ihren touristischen Attraktionen bietet sich allerdings ein anderes, ein düsteres Bild. In den Medien ist gar die Rede davon, dass Split heute ein „trauriger Ort“ sei, „voller Sorge um die Zukunft“, der sich im Jahr 2013 im Angesicht des für den 1. Juli vorgesehenen EU-Beitritts „am wahrscheinlich tiefsten Punkt seiner wirtschaftlichen und politischen Entwicklung“ seit dem Zweiten Weltkrieg befinde. Begründet wird dies mit dem Niedergang der Industrie und dem Zusammenbruch der industriellen Infrastruktur beim Übergang zur kapitalistischen Marktwirtschaft nach 1990. In Split ging ebenso wie im übrigen Kroatien das Ende des vormaligen Modells des „Selbstverwaltungssozialismus“ zu Zeiten Tito-Jugoslawiens Hand in Hand mit dem Krieg und mit einem gleichzeitig stattfindenden tiefgreifenden sozialen Umbruch. Die sozialen Kosten dieses Umbruchs waren für die ehemalige Industrie- und Hafenstadt Split enorm. Nicht zuletzt ist dies ablesbar an der Zahl der 20.000 gemeldeten Arbeitslosen. Die Statistik spricht auch sonst eine deutliche Sprache: An die vierzig Unternehmen, die bis Anfang der 1990er Jahre in Split und Umgebung produziert hatten, verschwanden in den beiden letzten Jahrzehnten. Die Zahl der gemeldeten Beschäftigten war im Jahr 1993, während in Kroatien noch der Krieg wütete, deutlich höher, als sie es heute ist, zwanzig Jahre später.

Der Strukturwandel und Deindustrialisierungsprozess wird auch deutlich, wenn man sich bewusst macht, dass seinerzeit im Dienstleistungssektor um die 35 Prozent aller Erwerbstätigen beschäftigt waren, während es heute mehr als 60 Prozent sind (bei gleichzeitigem Rückgang der absoluten Zahl der Erwerbstätigen, die 1993 noch knapp 58.000 betragen hatte und gegenwärtig mit nur noch ca. 55.000 angegeben wird). Für fast 10.000 Menschen bedeutete der Niedergang der Werften und des Schiffbaus in Split wie auch die mit massivem Arbeitsplatzabbau verbundene Privatisierung der Zementidustrie oder das fast komplette Verschwinden der chemischen und verarbeitenden Industrie den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Größter Arbeitgeber ist heute faktisch das Klinikum der Stadt, das mehr Menschen beschäftigt als die Werft „Brodosplit“. Zwar besitzt Split neben dem Fährhafen auch einen Überseehafen (zweitgrößter Hafen Kroatiens mit ca. 1 Million Tonnen Warenumschlag), aber auch in diesem Bereich, als Ausfuhrhafen, bleiben die erzielten Umsätze in den letzten Jahren deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Der Krieg Anfang der 1990er Jahre und die unmittelbare Nachkriegszeit überdeckten den sozialen Umbruch, der gleichzeitig stattfand. Diesen Umbruch aber nur als Verfallsgeschichte der forcierten sozialistischen Industrialisierung zu deuten und Split mitsamt seinem Umland kurzum zur „Kloake der Arbeitslosigkeit und des Elends“ zu erklären, wie dies der bekannte Kolumnist und Schriftsteller Jurica Pavičić und andere tun, greift aber zu kurz. Sieht man nämlich genauer hin, so vollzieht sich auch in Split, was an vielen anderen Orten Europas unter dem Druck der Globalisierung passiert ist – mit all seinen Widersprüchen und Folgeerscheinungen. Jurica Pavičić hat nämlich gleichzeitig in einem schönen Essay unter der Überschrift „Das Mittelmeer: Zimmer ohne Aussicht“ die sicherlich realitätsfremden Flucht- und Urlaubsphantasien des Nordens hervorragend in Worte gefasst. In dieserart Phantasien wird der Mittelmeerraum generell zum utopischen Ort, an dem die Menschen vorindustriell glücklich und ohne Zwänge leben, in Einklang mit ihrer Körperlichkeit, ihrer Impulsivität und Leidenschaft, und an dem der Nordeuropäer nach dem Glück sucht, ohne Industriesmog und Zwänge, die von irgendwelchen Konzernen ausgehen, ohne die, wie Pavičić schreibt, „alltägliche Sklaverei wie in Krefeld, Essen, Newcastle oder Sheffield“. Er zitiert dabei den palästinensischen Regisseur Elia Suleiman: „Das Mittelmeer ist ein Gebiet nicht zu Ende geführter Geschäfte und nicht zu Ende gebauter Häuser.“ All dies lässt sich gewiss auch für die Stadt Split sagen. Die Vororte von Split sehen tatsächlich genau so aus, „geschaffen von Armen mit dem Baumaterial der Armen, Kuben aus Zement mit Flachdach, aus deren Ecken vier metallene Stangen in die Luft ragen“. Doch diese Stangen sind nicht nur eine stimmige Metapher für die Welt des Mittelmeers und das visuelle Symbol für gescheiterte Pläne oder für die nächste Etage, die nie gebaut werden wird, sondern auch Ausdruck der Hoffnung, dass die nächste Generation doch vollenden wird, was der vorherigen Generation nicht gelungen ist.

Hoffnung auf die Europäische Union

Häufig wird betont, wenn die Rede von Kroatien als neuem EU-Mitgliedsland ist, dass es sich um ein strategisch wichtiges Land handele, das Osteuropa und die Donauregion mit dem Mittelmeer verbindet und zukünftig das Tor zum Balkan darstellen wird. Für Split ließe sich sagen, dass es stets eine Bühne und Begegnungsstätte verschiedener Kulturen war. Zweifellos gehört Split zum Mittelmeerraum, der historisch stets als Zentrum und Begegnungsfeld in der Geschichte fungiert hat und in der Vergangenheit als Bindeglied Europas, Nordafrikas und des Nahen Ostens eine große Rolle gespielt hat. Es ist zu hoffen, dass sich die Stadt trotz der schmerzhaften Konfliktgeschichte Südosteuropas im 20. Jahrhundert mit all ihren Konflikten und Umbrüchen auf ihre viel älteren und im kulturellen Erbe des Mittelmeerraums begründeten Wurzeln der Toleranz und des produktiven Austausches besinnt. Um die europäische und mediterrane Zukunft der größten Stadt an der östlichen Adriaküste und Metropole Dalmatiens muss man sich dann sicherlich weniger Sorgen machen.


Die Häfen spielen auch heute noch eine äußerst wichtige Rolle im Leben der Stadt. In den städtischen Hafen laufen neben den kleineren Fischer- und Segelbooten die Fähren ein, welche die Stadt mehrmals täglich mit den umliegenden Inseln verbinden, aber auch mit italienischen Häfen. Daneben gibt es den „Nordhafen“, in dem Waren umgeschlagen werden. Zur Zeit werden –wohl unter Beachtung des Umweltschutzes – die Außenanlegeplätze für die riesigen Kreuzfahrtschiffe mit dem Ziel ausgebaut, den Hafen von Split zum erste „Öko-Hafen“ Kroatiens zu machen.