Suchumi: antikes Erbe und umkämpfter Ort am Schwarzen Meer

aus OWEP 2/2013  •  von Malkhaz Toria

Zusammenfassung

Suchumi, die Hauptstadt Abchasiens, zählt zu den ältesten Siedlungen am Schwarzen Meer und erlebte zahlreiche Phasen des Aufstiegs und Niedergangs. 1992/1993 war die gesamte Region Schauplatz des blutigen Konflikts zwischen Georgien und Abchasien, der mit der einseitigen Unabhängigkeitserklärung Abchasiens endete. Der Beitrag skizziert die historischen Gründe für die Auseinandersetzung, unter deren Folgen Stadt und Region bis heute leiden.

Prof. Dr. Malkhaz Toria (geboren in Suchumi) ist Assistenz-Professor an der Ilia State University (College of Arts and Science) in Tiflis.

Suchumi, die Hauptstadt der georgischen Region Abchasien, war einst ein beliebter Erholungsort an der östlichen Schwarzmeerküste. Sie ist nicht nur für ihr mildes Klima, ihre Strände, ihre Unterhaltungsmöglichkeiten und ihre Touristenattraktionen sehr angesehen, sondern weist auch eine einzigartige und äußerst komplexe Geschichte auf. Über Jahrhunderte war sie eingebunden in verschiedene Großreiche (der Griechen, Römer, Byzantiner, Genuesen, Osmanen und Russen), die die Entwicklung der Stadt beeinflussten und ihre jeweilige Prägung in der kulturellen Landschaft hinterließen.

Blick in den verödeten Hafen von Suchumi (Foto: Renovabis-Archiv)

Die historischen Ereignisse formten das multi-ethnische und multi-kulturelle Antlitz der Stadt. Abchasen, Georgier und deren Vorfahren, die durch die Geschichte hindurch die Mehrheit der Stadtbevölkerung ausmachten, teilen eine lange Erfahrung des Miteinanders. Während der Umwälzungen der neunziger Jahre im Kontext des Zerfalls der Sowjetunion wurde das Gebiet der Stadt jedoch zu einem umkämpften Raum zwischen beiden Völkern. Der bewaffnete georgisch-abchasische Konflikt (1992/1993) endete für die georgische Zentralregierung mit dem Verlust der Kontrolle über das gesamte abchasische Territorium. Ich möchte mich im Folgenden auf Schlüsselelemente der zaristischen und sowjetischen Regionalpolitik (Massendeportation der ethnischen Abchasen im 19. Jahrhundert in das Osmanische Reich, Nationalitätenpolitik der Sowjetunion und administrative Maßnahmen) konzentrieren, die zum Teil Ursache für die Entfremdung zwischen der abchasischen und der georgischen Republik sind und die politischen Prozesse in dieser Region noch immer beeinflussen.

Vorläufer in der Antike: Dioskurias und Sebastopolis

Die Geschichte Suchumis setzt vor ungefähr 2.500 Jahren ein, Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr., als die altgriechische Metropole Milet (gelegen an der heutigen türkischen Ägäis) die Kolonie Dioskurias auf dem Gebiet Suchumis gründete. Diese wurde nach den Dioskuren, den Söhnen des Zeus, benannt – den Zwillingen Kastor und Pollux aus der klassischen Mythologie. Dioskurias war eine von mehreren griechischen Siedlungen, die auf dem Territorium des antiken georgischen Königreichs Kolchis am Ostrand des Schwarzen Meeres gegründet wurden. Einige Faktoren sprechen dafür, dass sie auf dem Hoheitsgebiet einer bereits existierenden Kleinstadt errichtet wurde.

Von Beginn an gestalteten sich die Beziehungen zwischen den griechischen Kolonisten und der einheimischen Bevölkerung friedlich und basierten auf gegenseitigem Nutzen. Die Siedlung wuchs zu einer bedeutenden Stadt heran und spielte im Schwarzmeergebiet eine wichtige wirtschaftliche und politische Rolle. Dioskurias verband reger Handel mit der Mutterstadt Milet, anderen griechischen Städten, Kolonien und Inseln, z. B. Athen und Rhodos. Die Griechen importierten verschiedenste Waren und exportierten (Nutz-)Holz, Honig, Pelze, Rinder, Hanf, aber auch Sklaven und vieles mehr. Antiken Quellen zufolge war die Stadt ein Treffpunkt für Menschen und aus allen Teilen der damals bekannten Welt. Man konnte 300 verschiedene Sprachen auf dem Marktplatz der Stadt hören. Landwirtschaft (Ackerbau, Weinanbau, Rinderzucht) und Handwerk (Metallverarbeitung, Töpferei, Wollverarbeitung) gelangten in Dioskurias und Umgebung zu großer Blüte.

Im ersten Jahrhundert v. Chr. setzte dann allmählich der Niedergang der Stadt ein. Eine der Hauptursachen war der Krieg zwischen den Römern und Mithridates VI. von Pontus (120-63 v. Chr.). Während des Feldzugs unterwarf er die Region Kolchis und machte sie zu einer Provinz seines Königreichs. Er verbrachte den Winter 66/65 v. Chr. in Dioskurias, wo sich auch die Basis seiner Kriegsflotte befand. Nach seiner Niederlage durch die Römer verfiel die gesamte Region; Dioskurias wurde schließlich von einheimischen Stämmen zerstört und versank in der Bedeutungslosigkeit.

Zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. bauten die Römer an der Stelle von Dioskurias eine Festung mit Namen Sebastopolis, die jedoch an den Glanz vergangener Größe nicht anknüpfen konnte. Dennoch scheint es im dritten Jahrhundert eine recht große befestigte Stadt mit einem nicht unbedeutenden Hafen gewesen zu sein. Im 6. Jahrhundert kam Sebastopolis zusammen mit dem Westen Georgiens in die Einflusssphäre des Oströmischen Reichs; die gesamte Region wurde Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Ostrom und dem iranischen Sassanidenreich, wobei Ostrom letztlich die Oberhand behielt. Nach Prokopios von Caesarea (500-565) ließ Kaiser Justinian I. (482-565) Sebastopolis wiederherstellen und durch prachtvolle Gebäude verschönern.1

Die Siedlung im Mittelalter

736 nach Christus wurde Sebastopolis von den Arabern geplündert; später jedoch wurden die Araber durch eine gemeinsame abchasisch-georgische Armee besiegt und zurückgedrängt. Nach und nach konnte sich das neu entstandene westgeorgische Königreich Abchasien auch vom Einfluss des oströmischen bzw. byzantinischen Reichs befreien. Seit jener Zeit verschwindet auch der Name „Sebastopolis“ allmählich aus den Quellen; die mittelalterliche georgische Geschichtsschreibung bezeichnet die Siedlung mit dem Namen „Tskumi“. Im Frühmittelalter war Tskumi Teil des Königreichs Abchasien. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert, dem „goldenen Zeitalter“ in der Geschichte des mittelalterlichen Königreichs Georgien, bildete die Stadt das Zentrum des Saeristavo Tskumi.2 Diese Epoche war gekennzeichnet durch intensive Erneuerung und Bautätigkeiten in der Stadt und ihrer Umgebung.

Seit Ende des 12. Jahrhunderts traten Händler der Republik Genua an der Küste Westgeorgiens auf. Ihre Handelsfaktorei in Tskumi, die in europäischen Quellen als Sebastopolis, Sebastos, San Sebastian oder am häufigsten Sabastopol bezeichnet wurde, bestand bis ins 14. Jahrhundert. Während dieser Zeit fungierte Tskumi als eines der bedeutendsten Handelszentren am Abschluss der transkaukasischen Handelsroute. Die Händler aus Genua importierten Salz, Luxuswaren, Waffen und Handwerksprodukte aus Europa und exportierten über Tskumi Bauholz, Honig, Bienenwachs, Pelze usw.; Sklaven jedoch waren die profitabelste Handels-„Ware“. Vom Hafen der Stadt aus verschickten die Genueser Sklaven auf andere Märkte des Schwarzen Meers und des Mittelmeers.

Suchumi unter osmanischer und russischer Herschaft

1570 begann die lange Herrschaft der türkischen Osmanen über Tskumi. Nach und nach wurden die Wehranlagen zu einer mächtigen Festung ausgebaut. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bildete Suchumi bzw. Sukhumi-kale (türkisch für „die Festung von Suchumi“)3 eine der Säulen der osmanischen Herrschaft in Abchasien. Charakteristisch für diese Zeit ist allerdings auch eine weitere Verschlechterung bzw. ein Rückgang der Wirtschaftstätigkeit und des sozialen Lebens der ansässigen Bevölkerung. Suchumi, einst eine wichtige Hafenstadt, verwandelte sich in einen fast menschenleeren Ort, wie Vakhushti Bagrationi (1691-1757), ein georgischer Historiker jener Tage berichtete.4 Suchumi war nach dem Zeugnis zahlreicher Reisende nur als großer Umschlagplatz für Sklaven, die aus der gesamten Region kamen, von Bedeutung. Dieses anrüchige Geschäft war in Westgeorgien weit verbreitet. 1725, 1728 und 1771 kam es zu Aufständen unter der Führung von Suchumi, die jedoch nicht zur Befreiung der Stadt führten. Ende des 18. Jahrhunderts ernannte der türkische Sultan den aus der Region stammenden Fürsten Kelesh Bey Shervashidze, der zum Islam konvertiert war, zum Bey von Suchumi. In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, dass sich während der osmanischen Herrschaft der sunnitische Islam in Abchasien zu verbreiten begann.

Nach der Eroberung des ostgeorgischen Königreichs Kartlien-Kachetien durch Russland im Jahre 1801 suchten die abchasischen Fürsten ebenfalls den Anschluss an das Zarenreich. 1810 ließ Zar Alexander I. Suchumi durch die russische Marine bombardieren und besetzen. Nach über 200 Jahren osmanischer Herrschaft wurde Abchasien ebenso wie die anderen Teile Georgiens ein Teil des russischen Imperiums. Suchumi entwickelte sich zum militärischen Stützpunkt der russischen Hegemonie im Nordwesten des Kaukasus. Während der russisch-türkischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert wurde die Stadt 1853-1856 und 1877/1878 vorübergehend wieder von türkischen Truppen besetzt, was jedoch ihre Gesamtentwicklung nicht beeinträchtigt hat. Suchumi erfuhr einen grundlegenden ökonomischen, politischen und kulturellen Wandel und nahm an Bedeutung zu. Doch wie konnte es geschehen, dass die Stadt und ganz Abchasien aufgrund der Politik des kaiserlichen Russlands und danach der Sowjetunion gegenüber verschiedenen Ethnien und Nationalitäten überhaupt zum erbittert umkämpften Ort wurde?

Ursachen des abchasisch-georgischen Konflikts

Insbesondere nach der Beendigung des Kriegs mit den nordkaukasischen Hochlandbewohnern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zur Verstärkung der russischen Präsenz in der Region. Ein weiterer Schritt war die Auflösung der Fürstentümer Westgeorgiens einschließlich Abchasiens und deren Umwandlung in militärische Provinzen, danach in „Gubernia“ und „Okrugs“. Im weiteren Verlauf der russischen Nationalitätenpolitik wurde ein Großteil der abchasischen Bevölkerung zur Auswanderung ins Osmanische Reich gezwungen. Zwischen 1864 und 1878 kam es zu etlichen Wellen von Massendeportationen.5

Diese tragischen Ereignisse hinterließen tiefe Wunden in der kollektiven Erinnerung Abchasiens. Die Empfindung eines gemeinsamen Traumas diente noch in den 1990er Jahren als Grundlage für eine identitätsstiftende Rhetorik und ethnische Mobilisierung. Interessanterweise richtete sich die politische Propaganda Abchasiens nun gegen die ethnischen Georgier, da sich viele Neuansiedler aus verschiedenen Teilen Westgeorgiens in den entvölkerten Teilen Abchasiens niedergelassen hatten. Der Fluss Enguri, der früher die administrative Grenze zwischen Abchasien und den übrigen Teilen Georgiens darstellte, wurde fast zu einem „heiligen Limes“ hochstilisiert. Aus diesem Grund werden alle Georgier, einschließlich derer, die bereits lange vor den abchasischen Massendeportationen im 19. Jahrhundert in dieser Region lebten, als Neuankömmlinge und Besetzer angesehen.6

Als dann die Spannungen eskalierten, wurde Suchumi zum Epizentrum der Konfrontation zwischen Abchasien und Georgien. Diese Rolle der Stadt lässt sich damit begründen, dass sie während der Sowjetzeit das administrative Zentrum der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik Abchasien war. Es gehörte zum System der sowjetischen Nationalitätenpolitik, die sprachliche und kulturelle Eigenheit einzelner Volksgruppen innerhalb des Föderalstaates nominell anzuerkennen; die Abchasier erhielten folgerichtig den Status einer (Titular-)Nationalität und kamen in den Genuss der Autonomie innerhalb der Sozialistischen Sowjetrepublik Georgien.

Als Folge des gewaltsamen georgisch-abchasischen Konflikts zwischen 1992 und 1993 sahen sich tausende ethnischer Georgier gezwungen, Suchumi und die Region Abchasien zu verlassen. Die Regierung dieser abtrünnigen Provinz erlaubt es georgischen Flüchtlingen bis heute nicht, in ihr Heimatland zurückzukehren. Entsprechend dem heutigen politischen Diskurs in Abchasien sind Georgier „Fremde“, „andere“ und „feindliche“ Elemente, die aus Abchasien vertrieben wurden und in ihr „historisches Heimatland“ zurückgekehrt sind. Diese Aussage dient als Hauptargument zur Rechtfertigung der ethnischen Säuberung und des Ausschlusses der Georgier aus Abchasien.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Einmal mehr wurde Suchumi zerstört und hat sich in einen halbverwaisten Ort mit verlassenen Häusern, aus denen die Bevölkerung geflohen ist, verwandelt. Der einst geschäftige Seehafen ist praktisch geschlossen; nur noch der russische Hafen Sotschi wird von kleinen Schiffen angelaufen. Viel schlimmer ist jedoch die Tatsache, dass Suchumi seinen traditionell multi-ethnischen Charakter verloren hat. Die Lebenswelt einer durchmischten Einwohnerschaft (aus georgischen, abchasischen und anderen Nationalitäten) könnte man auch mit dem Begriff des „praktizierenden Grenzgebietes“ umschreiben.7 Wir sprechen hier von Regionen, die von innerstaatlichen Grenzen durchzogen sind und deren Bewohner unterschiedliche Sprachen sprechen, in verschiedenen Gotteshäusern beten und unterschiedliche ethnische Wurzeln haben. Vor dem Krieg zeigte sich Suchumi als eine Stadt, deren Bewohner, die sehr häufig verworrene Familienwurzeln hatten, tolerant waren und denen Abneigung aus ethnischen Gründen fremd war. Dennoch führte die durch imperiale Altlasten verursachte Politisierung kultureller Unterschiede – und nicht die Unterschiede an und für sich! – zu diesem gewalttätigen Konflikt zwischen sich kulturell eigentlich nahestehenden Gemeinschaften.

Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Hartl.


Suchumi, bereits in der Antike ein bedeutender Handelsplatz, war in sowjetischer Zeit ein beliebter Kur- und Erholungsort mit umfangreichem Verkehr über das Schwarze Meer. Infolge des georgisch-abchasischen Konflikts sank die Einwohnerzahl der Stadt von ca. 120.000 (1990) auf 40.000 (2003); heute beträgt sie ca. 60.000. Im Hafen liegen noch immer zahlreiche Schiffswracks, sodass er kaum genutzt werden kann. Nach Ansicht der abchasischen Regierung ist Suchumi Hauptstadt der international jedoch nur von wenigen Staaten anerkannten Republik Abchasien; Georgien hingegen sieht in Abchasien eine abtrünnige Provinz.


Fußnoten:


  1. S. Kaukchishvili (Herausgeber und Übersetzer): Georgika: Byzantine written Sources about Georgia. Band. V/II. Tiflis 1965, S. 222. 

  2. Verwaltungseinheit innerhalb des Königreichs Georgien (einem Herzogtum entsprechend). 

  3. In der türkischen Sprache gibt es den Laut „ts“ nicht, eine Aussprache der beiden Konsonanten ist mühevoll. Deshalb lautet die türkische Form des georgischen Namens Tskhumi/Tskhomi Sukhum/Sokhum. Diese Form wurde ins Georgische und Russische aufgenommen (georgisch „Suchumi“, russisch „Sukhumi“). 

  4. V. Pachulia: Sukhumi. From Dioskurias to current times. Historical-Cultural Study. Sukhumi 1989, S. 22. 

  5. Dieser Prozess wird im Englischen mit „Muhajirism“ umschrieben (abgeleitet vom arabischen Wort für „Flüchtling“ oder „Auswanderer“). 

  6. Im Gegensatz dazu sehen sich die Georgier als die wahren Ureinwohner Abchasiens und speziell der Stadt Suchumi. 

  7. K. Czyzewski: Line of Return: Practicing ‚the Borderland‘ in Dialogue with Czeslaw Milosz. In: Michigan Quarterly Review 46, No. 4, October 2007(http://www.newschool.edu/tcds/wr09reader_memory/11_Czyzewski_TheLinofReturn.pdf (letzter Zugriff. 27.02.2013 – mittlerweile inaktiv!).