Kroatische Literatur heute: Realitätsbesessenheit und Protestkultur

aus OWEP 3/2013  •  von Miranda Jakiša

Zusammenfassung

Die jüngste kroatische Literatur, die im europäischen Vergleich eine sehr produktive Szene vorzuweisen hat, konnte sich in den knappen zwei Jahrzehnten seit der Staatsgründung einen Namen gerade auf dem deutschen Buchmarkt machen. Dabei beziehen sich literarische Texte aus Kroatien auffällig häufig auf die historische und politische Realität, setzten zunächst einen Schwerpunkt auf dem Thema Krieg, befassen sich aber mittlerweile mehr mit globalen Themen: Neoliberalismus, Nationalismus und Gleichstellungsfragen.

Prof. Dr. Miranda Jakiša ist Professorin für Süd- und Ostslavische Literaturen an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, in der Transitions- und Kriegsliteratur, im Postdramatischen Theater und jugoslawischen Film.

Selbstverständlich lässt sich kroatische Literatur, wie jede andere, nur auf Basis der gemeinsamen Sprache zusammengefasste Literatur, nicht ohne Weiteres auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Ein Blick auf die jüngste kroatische Literaturlandschaft erlaubt jedoch auf Anhieb, der literarischen Szene Kroatiens einerseits große Lebendigkeit zu attestieren und andererseits in den literarischen Themen eine ausgeprägte Tendenz zur Gegenwartskritik ausfindig zu machen.

So lässt sich sagen, dass die kroatische Prosa heute zu einem ganzen Teil von einem kritischen Pessimismus regiert wird, der gerade weil er sich so polemisch, provokativ und engagiert zeigt, auch nach Auswegen sucht. Die Themen dieser, zumeist in dezidierter Distanz zur offiziellen kroatischen Politik, Wirtschaft und Kultur stehenden Literatur sind vor allem antinationalistischer, neoliberalismuskritischer und emanzipatorischer Natur. Während also gänzlich globale Themen in die kroatische Prosa Einzug halten und sie mit der internationalen Gegenwartsliteratur synchronisieren, behält sich die kroatische Literaturlandschaft auch ihre Besonderheiten im europäischen Vergleich vor: darunter etwa die ungewöhnliche Aufmerksamkeit für Theatertexte und Lyrik.

Literaturgeschichtlich lässt sich die kroatische Literatur nahezu nahtlos im Kontext der europäischen Literaturen lesen und hat eine ganze Reihe von literarischen Werken hervorgebracht, die den Vergleich zu Nachbarliteraturen nicht zu scheuen braucht. Neben einer ausgebildeten Renaissancedichtung, einem einzigartigen Barock, wie er nur in der freien Stadt Ragusa (Dubrovnik) entstehen konnte, und neben beachtlichen romantischen und realistischen Werken finden sich in der Geschichte der kroatischen Literatur auch eine ganze Reihe von herausragenden Schriftstellern der Moderne, die als literarische Vorgänger für das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der heutigen Schriftstellergeneration prägend sind. Der internationale Buchmarkt hingegen bildet die Leistungen und Tradition kleinerer Literaturen nicht unbedingt in entsprechenden Auflagenzahlen ab. So kämpft die kroatische Literatur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt heute mit ihrer relativen Unbekanntheit und marktstrategischen Marginalität. Während deutschen Lesern Tschechov, Bulgakov und Pasternak durchaus ein Begriff sind, so hat doch kaum einer von August Šenoa, Antun Gustav Matoš oder Miroslav Krleža gehört. Der Umstand ist nicht nur auf die Einäugigkeit des Buchmarkts zurückzuführen, der abseits von Nobelpreisen und Literaturskandalen wenig Aufmerksamkeit für Literatur aus anderen Kulturen, in anderen Sprachen und aus den „kleinen Literaturen“ aufzubringen vermag. Die stiefmütterliche Beachtung kroatischer Literatur hat auch mit der Neusortierung der nachjugoslawischen Literaturen zu tun, in der die kroatische Literatur sich erst eine Bresche durch die südslavische Literaturgeschichte schlagen und an die literarische Tradition vor der gemeinsamen jugoslawischen Zeit anschließen musste. In Einzelfallentscheidungen sollten Autoren und literarische Werke insbesondere des 20. und 21. Jahrhunderts zu kroatischen oder eben nicht kroatischen erklärt werden. Der naturgemäß nicht ganz einfache Prozess der Literaturgeschichtsschreibung, der schon im 19. Jahrhunderts vielen europäischen Nationalliteraturen Probleme bereitet hat, dauert in Kroatien gegenwärtig noch an, wenn sich auch die ersten wilden Wogen gelegt haben. Aus Sicht der internationalen Leserschaft aber gab es zunächst einmal die Rubrik „Kroatische Literatur“ bis in die 1990er Jahre gar nicht, sie musste erst hergestellt und wahrnehmbar gemacht werden.

Es ist der engagierten Literatur- und Kulturförderung der Republik Kroatien, die Autoren und Übersetzungen finanziell unterstützte, und der unermüdlichen und idealistischen Arbeit einzelner Literaturagenten zu verdanken, dass sich das Ansehen und der Bekanntheitsgrad kroatischer Literatur in deutschen Verlagen und bei der deutschsprachigen Leserschaft in den letzten Jahren immens verbessert hat. Sie haben der kroatischen Literatur der Gegenwart zu Sichtbarkeit verholfen, zahlreiche Neuerscheinungen wären ohne Autorenstipendien nie entstanden und ohne Vermittlungstätigkeit und Übersetzungsförderung nie in Deutschland zugänglich geworden. 2008 war Kroatien schließlich Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse. Der deutschsprachige Buchmarkt und die kroatieninteressierten Leserkreise in Deutschland, Österreich und der Schweiz stellen mittlerweile eine wichtige Einnahmequelle für die kroatische Literatur und eine von den Autoren bereits im Schreibprozess mitbedachte Bezugsgröße dar.

Schon die Kriegsliteratur, die die kroatische und andere postjugoslawische Literaturen in den 1990er und frühen 2000er Jahren dominierte, verkaufte sich auf dem deutschsprachigen Buchmarkt gut. Hier wurde durch kulturelle Nähe und beträchtliche Leserzahlen mit direktem Bezug zu Kroatien und seinen štokavisch-sprachigen Nachbarländern1 vergleichsweise viel Anteil an den Ereignissen im zerfallenden Jugoslawien genommen. Zu den vielfältigen Texten der Kriegs-, Antikriegs- und Nachkriegsliteratur gehörte ein ganzes Panorama unterschiedlicher Texte, die sich von der 1994 erscheinenden und sehr erfolgreichen Erzählsammlung Sarajevski Malboro (deutsch: „Sarajevo Marlboro“, 1995) Miljenko Jergovićs (eines Grenzgängers zwischen Bosnien und Kroatien, der inzwischen in Kroatien nicht mehr als kroatischer Autor gilt) bis hin zu Ivana Sajkos Roman Rio Bar (2006, deutsch: „Rio Bar“, 2008) erstreckt. Das Erscheinen von Sajkos „Roman in acht Monologen für acht Schauspielerinnen in weißen Hochzeitskleidern“ im Jahr 2006, in dem eine kriegstraumatisierte Braut die Nächte trinkend in einer Bar namens Rio verbringt, fällt bereits in eine Zeit, in der das Interesse am Krieg deutlich nachlässt. Mittlerweile, achtzehn Jahre nach Kriegsende in Kroatien, ist die Abkehr von dieser Schwerpunktsetzung unübersehbar. Bei der Leserschaft wie auch bei den kroatischen Autoren und Autorinnen ebbte das Bedürfnis allmählich ab, die Kriegsereignisse literarisch nachzubearbeiten. Sie sind in der Literatur stattdessen den nachfolgenden historischen Ereignissen gewichen: den vielgestaltigen ökonomischen, politischen und kulturellen Übergängen, die Kroatien in der Zwischenzeit zu bewältigen hatte und deren Höhepunkt und Ende gegenwärtig im Anschluss an EU-Europa herbeigesehnt und zugleich gefürchtet wird.

„Transitionslüge“ und globale Protestkultur

EU-Europas Gesicht hat sich aus der Warte Süd(ost)europas mittlerweile auch zur bedrohlichen Fratze gewandelt, der man nicht mehr die ungebrochene Euphorie und Europaorientierung der ersten Stunde entgegenbringt. Die kroatische Gegenwartsliteratur befasst sich entsprechend kritisch mit der neoliberalen Verheißung einer zukunftsträchtigen wirtschaftlichen Transition in ein besseres System, das für einige unverständlich geblieben ist und in den Augen nicht weniger Kroaten zu Sozialabbau, Umverteilung und Verschlechterung ihrer Lebensumstände geführt hat:

„Zagreb-Parking ist zwar eine städtische Firma, aber der Parkplatz selbst ist privat, kapierst du? So ist das mit dieser öffentlich-privaten Partnerschaft oder wie das heißt. Im ganzen Land ist es so. Sie sagen, das sei die Demokratie, dieses öffentlich-private Etwas, und dass es kein kommunistisches Gemeineigentum mehr gebe … Sie sagen, dass Privatleute mit Eigentum besser umgehen“, setzte Petar fort, „und deshalb haben sie das städtische Grundstück einem Privatmann verkauft.“

Für die im April 2013 erschienene Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, die dem Sonderthema Kroatien gewidmet ist, hat Edo Popović eigens die Kurzgeschichte Der Schneesturm verfasst, der dieses Zitat entnommen ist. Popović, dessen Zagreb-Roman Ponoćni boogie (deutsch: „Mitternachtsboogie“, 2011) ihn bereits 1987 zum Kultautor und Sprecher einer Generation gemacht hatte, zählt zu den erfolgreichen Schriftstellern in Kroatien und ist bis heute eine kritische Stimme des Nonkonformismus geblieben. Hatte er in den 1990er Jahren als Kriegsberichterstatter in seinen gefürchteten Reportagen kein Blatt vor den Mund genommen, so liefert auch sein jüngster Roman Lomljenje vjetra (2011, auf Deutsch erschienen 2012 unter dem Titel „Der Aufstand der Ungenießbaren“) Zündstoff, der Ausdruck der Enttäuschung und des Entsetzens vieler Kroaten über die Arbeitslosigkeit, Korruption und Ausbeutung im Land ist. Die Ungenießbaren sind in dieser negativen Utopie jene, die nicht mehr verwertet werden können und keinen Platz in der Gesellschaft gefunden haben. Sie wurden aus den Städten verbannt, weil sie dort verbotenen Tätigkeiten nachgingen: protestieren, betteln und müßiggehen. Nun containern sie (leben vom Müll) und organisieren sich vor den Mauern der Stadt, wo jetzt alles, was sich nicht in Profit umrechnen lässt, gelandet ist: Kindergärten, Universitäten, Theater. Die Ungenießbaren kämpfen gegen die neoliberale Ausschlachtung des Menschen und der Erde, für das Recht auf Teilhabe, für freien Zugang zu Wasser und Luft und radikalisieren sich dabei zunehmend. Banker werden entführt, denen vorgeworfen wird, nie etwas gesät, nie Brot gebacken zu haben:

„Wer bist du? Auf deinem Mantel steht Hugo. Bist du Hugo? – Nein. – Warum trägst du dann einen Mantel, auf dem der Name steht?“2

Die gekidnappten, von der Politik begünstigten Angehörigen höchster Wirtschaftskreise, die sich als Schöne, Erfolgreiche und Wohlhabende in der „Holding“ organisiert haben, werden in der Zone, dem nicht mehr polizeiüberwachten Bereich jenseits der Stadtmauern, exekutiert oder durch Entzug von Wasser und Nahrung getötet. Als Geisel-Nahrung werden den Bankern gegrillte Kreditkarten und Salat aus Blättern der Financial Times serviert. Zagreb ist, wie alle anderen kroatischen Städte, zum Zeitpunkt der Romanhandlung im Jahr 2020 von Mauern aus Stahlbeton und Stacheldraht umgeben und flächendeckend kameraüberwacht. Popovićs Roman, zu dem die Erzählung Der Schneesturm sich wie eine Ankündigung des apokalyptischen Zustands in zehn Jahren verhält, projiziert eine hoffnungslose nähere Zukunft, in der der Mensch seine Selbstachtung tagtäglich erkämpfen und verteidigen muss und in der gewaltsame wie friedliche Revolte sich als ebenso sinnlos erwiesen haben wie das auf die ökonomische Verwertbarkeit reduzierte Dasein derer, die alles in bravem Konsum und mit Steuerbeiträgen mitgemacht haben. Die Parabel auf Kroatien, in der alle Hukeiverbres (ein Akronym3, gebildet aus der Selbstbezeichnung „Helden und keine Verbrecher“) bestechlich sind, konstatiert:

„Heute, im Jahre 2020, existiert Kroatien als Staat nicht mehr … Die adriatische Küste, die Inseln und Istrien sind im Besitz von Offshore-Firmen und Banken, und sieben Städte, die von Mauern umgeben sind – Zagreb, Osijek, Dubrovnik, Split, Zadar, Rijeka und Pula –, sind zu einer Holding vereinigt … Trinkwasserquellen, die Kraftwerke, Flughäfen, Autobahnen, die fruchtbaren Gebiete in Slawonien und die Wälder in Gorski Kotar … sind im Besitz von Großbetrieben.“

In Popovićs Der Aufstand der Ungenießbaren verbindet sich EU-Kritik, wie sie auch der italienische Philosoph Giorgio Agamben jüngst daran geübt hat, die europäische Idee aufs Wirtschaftliche zu reduzieren, mit ökoradikalen, globalisierungskritischen Argumenten, wie sie gegenwärtig weltweit diskutiert werden.

Guerilla-Feminismus und patriarchale Gesellschaft

Ein weiterer Schwerpunkt der kroatischen Gegenwartsliteratur lässt sich in der Literatur von Frauen ausmachen, deren Texte gender-sensible Themen behandeln. Ivana Sajkos theatermonologische Prosa und lyrischen Theatertexte, im Deutschen unter den aussagekräftigen Titeln „Archetyp: Medea, Bombenfrau, Europa“ und „Trilogie des Ungehorsams“ erschienen, rangieren wie ihre beiden Prosawerke zwischen Patriarchats- und Kapitalismuskritik. In den Bühnentexten, die sich wie monologische Gedichte lesen lassen, entwickelt Sajko eine an sprachlicher Raffinesse nicht zu übertreffende Bildsprache für weibliche Aggression und für die Verzweiflung der jungen Generation. In To nismo mi, to je samo staklo (2011, deutsch: „Das sind nicht wir, das ist nur Glas“) können zur Größe von Mäusen und Brotkrumen geschrumpfte Menschen ihre Kredite nicht mehr abbezahlen. Der Text endet im Amoklauf eines kroatischen Bonnie-und-Clyde-Paares, die ihre eigenen Spiegelbilder in einer Shopping-Mall beschießen und dafür im Kugelhagel der Polizei umkommen. In Žena bomba (2003, deutsch: „Bombenfrau“) und in Prizori s jabukom (2009, deutsch: „Szenen mit Apfel“) setzen Frauenfiguren Gartenscheren oder Bombengürtel als Mordwaffen ein, weil sie vor dem Hintergrund ihrer männlich und nationalistisch bestimmten Welt darin ihren Aktionsradius erkennen.

Die Zagreber Literaturwissenschaftlerin Maša Kolanović hat mit Sloboština Barbie (2008, deutsch: „Underground Barbie“, 2012) die Geschichte eines kleines Mädchens vorgelegt, das den Krieg in Kroatien am Rande miterlebt und im gemeinsamen Barbie-Spiel mit ihren Freundinnen die einbrechenden Themen der Realität verarbeitet. Barbies im Text nacherzählte Abenteuer aus dem Spiel der Kinder entlarven insbesondere in den Dialogen mit einem zwar verstümmelten, dabei aber brutalen Ken – dem männlichen Gegenstück zur Barbiepuppe – die Mechanismen des Patriarchats, der Nationalisierung und des Westimports Kapitalismus. Der kurze Roman, illustriert von Kolanović selbst, erzählt vom Aufwachsen einer Generation im Zagreber Stadtteil Sloboština, in dem an den Barbie-Puppen, der Inkarnation eines bestimmten Frauenideals, vor allem entscheidend ist, ob sie Markenprodukte der Firma Mattel oder billige Imitate sind.

Im Kreise dieser feministisch engagierten Texte ist auch Olja Savičević-Ivančevićs Roman Adio Kauboju (2010, deutsch: „Lebt wohl, Cowboys“ 2011) zu nennen, in dem die Hauptfigur Dada nicht nur Abschied von den Cowboys in der Familie nimmt – Vater und Bruder sind tot –, sondern in dem sich Dada, die junge Frau aus der dalmatinischen Provinz, selbst ‚männliche‘ Verhaltensweisen erlaubt. Der Roman trägt den Untertitel: „Eastern (Fremder, das Gesetz schützt dich hier nicht)“, der als östliche Entsprechung zum US-amerikanisch geprägten Genre des Western auf Gemeinsamkeiten, aber auch kritische Widerrede vorausweist. Entsprechend widersetzt sich auch Savičević-Ivančevićs Schreibweise Erwartungen, die an die Literatur von Frauen gestellt wird, und erobert sich, mit Colt und Pferd, einen Sprecherstandpunkt in der kroatischen Literatur, den sie auch in essayistischen Kolumnen verteidigt.

Literatur von Journalisten: Die „Spliter Schule“

Zuletzt sei noch eine Reihe Fiktion schreibender Journalisten genannt, die verdeutlichen, dass sich vom Schreiben in Kroatien, wie andernorts, oft nur leben lässt, wenn man durch laufende und honorierte Schreibarbeiten ein zweites Standbein hat. Renato Baretićs Bestseller Osmi povjerenik (2003, deutsch: „Der achte Beauftragte“, 2013) ist eine bitterböse Gesellschaftssatire, in der ein Politiker auf eine Adria-Insel ohne Internet verbannt wird, auf der die Korruption und Machtpolitik des Festlandes bedeutungslos ist. Baretić gehört wie Boris Dežulović (Jebo sad hiljadu dinara, 2005, deutsch: „Scheiß heute auf tausend Dinar“) und Jurica Pavičić, dessen Romane Nedjeljni prijatelj (2000) und Crvenkapica (2006, deutsch: „Rötkäppchen“) von der Korruption und vom Zustand der kroatischen Nachkriegsgesellschaft handeln, zu einer Gruppe in Split stationierter kritischer Journalisten. Sie haben einst für das satirische, inzwischen eingestellte legendäre Blatt Feral Tribune geschrieben und sind in ihren vielgelesenen Romanen kritische Beobachter der Entwicklung Kroatiens geblieben.

Zu den kritischen Stimmen aus der Feral Tribune gehörte auch der Mitbegründer Predrag Lucić, Theatertexter, Satiriker und Dichter, der erst jüngst mit seinem Gedichtbändchen Mjesec iznad Splita (deutsch: „Mond über Split“) empörte Reaktionen ausgelöst hat. Dem bekannten Kritiker des kroatischen Regimes der 1990er Jahre wurde jetzt vorgeworfen, in einem satirischen Gedicht über die kroatischen Verbrechen im Ahmići-Massaker4 die Grenzen des Erlaubten überschritten und die Opfer beleidigt zu haben.

Im Kontrast zu diesen kritischen Dichtungen und Prosatexten der Spliter Feral Tribune-Generation steht die Dichtung des ebenfalls in Split geborenen Marko Pogačar, dessen Gedichtbände Crna pokrajna (2013), Predmeti (2009), Poslanice običnim ljudima (2007) und Pijavice nad Santa Cruzom (2006) bisher bereits in zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Eine Auswahl seiner an Assoziationen und Rhythmen interessierten Gedichte erschien 2010 auf Deutsch unter dem Titel „An die verlorenen Hälften“. Pogačar, 1984 geboren, steht mit seiner versierten und vielbeachteten Lyrik für eine neue Generation in der kroatischen Literatur, die sich Dichtung jenseits von Geschichtsbezug wieder leisten kann. Seine Gedichte leben von philosophischen bis populärkulturellen Bezügen, reflektieren die eigene Sprache und öffnen komplexe, mitunter hermetische Bildräume, in denen ein Kroatienbezug keine Rolle spielt.

Die Zukunft der florierenden kroatischen Literaturproduktion, die sich seit der Staatsgründung gewaltig entwickelt und ausdifferenziert hat, wird einerseits auf europäischen Buchmärkten liegen, die jedoch auf lange Sicht nicht einfach bei Laune zu halten und zu begeistern sein werden, andererseits aber zunehmend auch in den Bücherregalen der Nachbarstaaten Bosnien und Herzegowina sowie Serbien und Montenegro, für die kroatische Literatur nicht eigens übersetzt werden muss.


Literaturhinweise:

  • Renato Baretić: Der achte Beauftragte. Berlin 2013.
  • Miljenko Jergović: Sarajevo Marlboro. Bozen 1996 und Frankfurt (Main) 2009.
  • Maša Kolanović: Underground Barbie. Münster 2012.
  • Marko Pogačar: An die verlorenen Hälften. Wien 2010.
  • Edo Popović: Der Aufstand der Ungenießbaren. München 2012.
  • Ders.: Im Schneesturm. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 17 (2013), 22.04.2013. S. 3-8.
  • Ivana Sajko: Trilogie des Ungehorsams. Frankfurt (Main) 2012.
  • Dies.: Archetyp Medea, Bombenfrau, Europa. Frankfurt (Main) 2008.
  • Dies.: Rio Bar. Berlin 2008.
  • Olja Savičević-Ivančević: Lebt wohl, Cowboys. Dresden 2011.

Fußnoten:


  1. „Štokavisch“ bezeichnet einen südslavischen Dialekt, der die gemeinsame Basis der untereinander verständlichen Sprachen bildet, die in Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien gesprochen werden. 

  2. Edo Popović: Der Aufstand der Ungenießbaren. München 2012, S. 13. 

  3. Abkürzung aus Anfangsbuchstaben, die als Wort verwendet wird (wie Azubi und TÜV). 

  4. 1993 im bosnischen Dorf Ahmići verübtes Massaker mit vermutlich mehr als 100 Opfern.