Franjo Tuđman: Ein mutiger Staatsgründer mit falscher Vision

Historisch-biographische Skizze
aus OWEP 3/2013  •  von Dunja Melčić

Dr. Dunja Melčić ist freie Autorin und Privatgelehrte.

Franjo Tuđman, der erste Staatspräsident der neugegründeten Republik Kroatien, war eine schillernde Figur. Biographen stellen solche zwielichtigen Charaktere oft vor beträchtliche Herausforderungen, und nicht selten verlocken sie sie zu freien Spekulationen. In vorliegendem Fall sind die biographischen Veröffentlichungen1 gewiss mit Vorsicht zu genießen.

Ich versuche, im Folgenden die Person Tuđman aus dem geschichtlichen Kontext zu verstehen.

Geboren wurde Tuđman vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (1922), also nach der Loslösung Kroatiens von Österreich-Ungarn, und zwar in einer Gegend (Veliko Trgovište), die seit Jahrhunderten Teil des Habsburgerreiches gewesen war. Auch wenn die kroatische Bevölkerung mit den politischen und allgemeinen Umständen in der Monarchie unzufrieden war, ist es kaum anzunehmen, dass eine Mehrheit den Austritt aus dem Staatsverband befürwortet hätte. Doch die Bevölkerung wurde gar nicht gefragt. Einen indirekten Beweis für diese Einstellung kann man in der überwältigenden Unterstützung für jene freiheitlich-republikanische Partei sehen, die gegen die Vereinigung mit Serbien und Slowenien eingestellt war, nämlich die Bauernpartei (HSS), die bei allen Wahlen mit Abstand die meisten Stimmen in Kroatien gewonnen hat – so auch in Tuđmans Heimatgegend im Nordwesten Kroatiens. Sein Vater war denn auch aktives Mitglied der Bauernpartei. Aber Tuđman wandte sich noch als Jugendlicher immer stärker der sozialistischen Ideologie und kommunistischen Theorie zu und rückte somit vom politischen Weltbild seines Vaters ab. Schon sehr früh schloss er sich im Zweiten Weltkrieg dem kommunistischen Widerstand an.

Die erfolgreiche Organisation des bewaffneten Widerstands zahlte sich für die Kommunisten unter Josip Broz Tito (der aus der gleichen Gegend wie Tuđman stammte) auch als Partei aus: Im politischen Leben des Königreichs Jugoslawien war die Kommunistische Partei eine marginale, durch Richtungskämpfe zerstrittene politische Gruppierung; bei Kriegsende war sie zur entscheidenden politischen Kraft geworden. Für die demokratische Bauernpartei hingegen bedeutete die Ustascha-Diktatur im „Unabhängigen Staat Kroatien“2 von Hitlers Gnaden eine existenzielle Bedrohung: Die Partei spaltete sich und ging dann auch unter.

Tuđman wurde im Lauf dieser Jahre einerseits zu einem typischen Parteikader, hegte andererseits größere Ambitionen und schrieb Propagandaliteratur mit höherem Anspruch.

In der Schule wurde Tuđman von den Lehrern deutliches Talent zugeschrieben. Doch in dem neuen südslawischen Staat gab es kaum Förderungsinstitutionen für junge Talente, weshalb Tuđman keine seiner Begabung entsprechende (Aus)Bildung bekommen konnte. Tuđman war also Autodidakt, d. h. er genoss weder eine professionelle Anleitung noch Unterstützung durch erfahrene Lehrer. Das ist ein grundlegendes Faktum seiner Biographie. Es gibt gewiss erfolgreiche Autodidakten, solche, die es schaffen, die fehlende akademische Ausbildung zu kompensieren. Tuđman gehörte nicht zu dieser Kategorie der Autodidakten; seine zahlreichen Publikationen sind daher vom Dilettantismus gekennzeichnet. Insbesondere verfiel er dem Plagiieren und schien dabei das Wesentliche an geistigem Abkupfern gar nicht recht verstanden zu haben.

Bereits in den ersten Monaten nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Tuđman im Sommer 1945 zum Abteilungsleiter innerhalb der Personalverwaltung der Armee ernannt und blieb auf diesem Posten bis 1957. Tuđmans Leben in Belgrad scheint typisch für eine ambitionierte Gruppe junger Sieger gewesen zu sein, die sich in der Hauptstadt einfanden und die Chance zu einer schnellen Karriere ergriffen. Sein Biograph beschreibt – in unsympathischer Tratschmanier – die große bürgerliche Luxuswohnung Tuđmans mit vielen Kunstschätzen. Im Nachkriegsbelgrad brach nämlich die Zeit der revolutionären „Umverteilung“ aus, und Tuđman war Teil dieser neuen sich rasch etablierenden Partisanen-„Elite“. Er war ein Repräsentant jener „neuen Klasse“, die von dem ersten Dissidenten des Ostblocks Milovan Đilas in den fünfziger Jahren heftig kritisiert wurde,3 auch wenn er selbst nicht ganz so hoch positioniert war wie die von Đilas angeprangerte Klasse. Als Tito Đilas schasste, war auch Tuđman in seinem Wirkungskreis eifrig bemüht, alles, was nach Đilas und liberalen Aufweichungen der Doktrin roch, auszumerzen.

Wie viele andere Protagonisten des Krieges schrieb Tuđman Elogen über den Partisanenkrieg und die Revolution. Es kam dann logischerweise zu Differenzen in der Interpretation, obwohl alle sich in Anpassung an die einheitliche ideologische Parteilehre übten. Differenzen betrafen, wenig überraschend, die Deutung des jeweiligen nationalen Beitrags zum Partisanenkampf und Sieg. In den internen kommunistischen Diskussionen bahnte sich ein Streit zwischen dem serbischen Hobbyhistoriker und Partisanengeneral Velimir Terzić und Tuđman an, der sich gegen die Bagatellisierung der Partisanenbewegung in den kroatischen Gegenden durch den Ersteren stemmen wollte. Auf jeden Fall bekam Tuđman noch als jugoslawisch orthodoxer KP-Funktionär in Belgrad das Etikett eines kroatischen Nationalisten.

Am Ende seiner Karriere bei der Armee in Belgrad wurde ihm der Dienstgrad eines Generals verliehen, 1961 bekam er kraft Benennung durch das kroatische Zentralkomitee den Direktorenposten im neu gegründeten „Institut für Arbeiterbewegung“ in Zagreb. In diesem Institut, dem er wohl eine Art Kasernenesprit verlieh, organisierte er einen um ambitionierte Themen kreisenden Betrieb. Doch alle diese Themen blieben auf bereits bestehende ideologische Gebiete beschränkt, fern von echter wissenschaftlicher Forschung: Befreiungskrieg, sozialistische Revolution und nationale Zeitgeschichte. Die allerwichtigste Frage dabei war: Was darf man von den wahren Fakten offenlegen und was muss Tabu bleiben? Für Tuđman allerdings ist es zur regelrechten Obsession geworden, die Fakten über die ungefähre, aber realistische und methodisch nachvollziehbar ermittelte Zahl der Opfer im berüchtigten Ustascha-Lager Jasenovac, die geheim gehalten wurde, zugänglich zu machen bzw. die damals offiziell kolportierte völlig überdimensionierte Zahl als falsch zu entlarven.4 1966 wurde Tuđman wegen seiner abweichenden Deutung der nationalen Zeitgeschichte aus der Partei ausgeschlossen und musste natürlich auch seinen Direktorenposten räumen. Da er sich dieser Konsequenzen seines Handelns bewusst gewesen sein müsste, ist Tuđmans Verhalten als aufrichtig und mutig einzuschätzen. Dies gilt auch für seine lange Dissidentenzeit, in der ihn seine politische, vorwiegend literarische, Aktivität zweimal längere Gefängnisstrafen kostete.

Ende der achtziger Jahre wirkte sich die veränderte Weltlage auch auf das jugoslawische System allmählich aus; dieses war übrigens völlig abgewirtschaftet und auf Hilfe aus dem Westen angewiesen. Die repressive Ordnung bekam erste Risse. So bekamen auch die Dissidenten, Milovan Đilas in Belgrad und Franjo Tuđman in Zagreb, endlich Reisepässe und konnten nach vielen Jahren erstmals ins Ausland reisen. Tuđman machte 1987 auf Einladung auslandskroatischer Vereine eine ausgiebige Vortragsreise nach Kanada und in die Vereinigten Staaten. Dabei knüpfte er, der überhaupt sehr gut vernetzt war, neue Kontakte auch in ultranationalistischen Kreisen an. Über den Einfluss dieser Kreise auf seine politische Konzeption wurde viel und nicht besonders überzeugend spekuliert. Jedenfalls sah er selbst offensichtlich keinen Grund für das jahrzehntelang geschürte Misstrauen gegenüber Auslandskroaten mehr. Einige Personen aus diesen Kreisen holte er sogar in sein Team. Diese Vernetzung mit den einflussreichen und zahlreichen Organisationen der Auslandskroaten brachte Tuđman und seiner HDZ (Kroatische Demokratische Gemeinschaft) den entscheidenden Vorsprung bei den ersten freien Wahlen im April 1990 vor anderen neugegründeten Parteien, die zwar auch gegen die bis dato alleinherrschenden Kommunisten antraten, aber deren Misstrauen gegenüber „Exilkroaten“ samt der inländischen Verwandtschaft mehr oder minder teilten.

Tuđman regierte danach ununterbrochen zehn Jahre lang (1990-1999), und zwar in der turbulentesten Zeit, die das Land je in bekannter Geschichte erlebte. Es gibt keinen Politiker auf der Welt, der in so aufgewühlten Zeiten keine Fehler gemacht hätte. Also gilt es cum grano salis, Tuđmans Fehler und Verdienste als Politiker einzuschätzen. Man kann bei Tuđman zwischen dem Intellektuellen und dem Politiker unterscheiden. Tuđmans politische Ideen, seine einseitigen Theorien und seine nationalistische Rhetorik waren insgesamt vormodern, ja anachronistisch. Dies betraf insbesondere seine Ansichten über Bosnien und Herzegowina, das er für ein Überbleibsel aus Kolonialzeiten und somit dem Zerfall geweiht hielt. Eine solche Einstellung korrespondierte mit seinem überholten nationalen Konzept, das von den ethnizistischen Vorstellungen eines kroatischen Volkes herrührte, welche die politischen Realitäten und die modernen demokratischen Entwicklungen nicht angemessen zu berücksichtigen vermochten. (Allerdings waren und sind solche nationalistischen Vorstellungen noch immer weit verbreitet und tief verankert als jeweilige „nationale Identitäten“.)

Tuđmans Leistung als Politiker und Staatsmann kann man hingegen vorwiegend positiv bilanzieren. Im Nachhinein und im Vergleich mit den Fähigkeiten seiner Mitstreiter und Nachfolger fällt auf, dass er echte Führungsqualitäten besaß – eine seltene Eigenschaft in der kroatischen politischen Szene. Kompromissfähigkeit war auch eine solche Eigenschaft, die sich etwa im Abkommen mit dem bosnischen Präsidenten Alija Izetbegović vom Februar 1994 über die Beendigung des Krieges in Bosnien und Herzegowina klar manifestierte. Vor allem: Tuđman hatte Mut zu schwierigen und großen Entscheidungen. Zwei solche großen Entscheidungen, die wesentlich für die Entwicklung Kroatiens waren, sind hervorzuheben: einmal die Volksbefragung zur Unabhängigkeit der Republik (Mai 1991) und dann die Entsatzoperation „Sturm“ (August 1995).

Es wird oft behauptet, Tuđman hätte mit seiner Rhetorik den Konflikt mit „den Serben“ verschärft. Chronologisch stimmt das erst einmal nicht. Er fand aber klare und scharfe Worte als Antwort auf die groben propagandistischen Angriffe serbischer Nationalisten. Dass dies vielen in Kroatien gefiel, ist kaum verwunderlich – nach dem notorischen „kroatischen Schweigen“. Er schwankte aber in seiner Haltung zwischen zu großem Respekt vor der serbischen Stärke (vor allem in der Form der Streitkräfte) und der Verachtung für die serbische „Kulturlosigkeit“; seine Politik gegenüber der „Serbenfrage“ blieb so ambivalent.

Sein Handeln konnte also nicht von seinen politischen Ideen unberührt bleiben; ein Beispiel dafür ist auch sein Bemühen um ein „historisches Abkommen mit Serbien“ bzw. mit Slobodan Milošević – nach dem Vorbild aus der Vorkriegszeit und auf Kosten des dritten Beteiligten, der souveränen Republik Bosnien und Herzegowina. An diese Illusion glaubte er wohl nicht ganz, weshalb er dann letztendlich doch pragmatisch als Politiker handelte.

Durch diesen politischen Pragmatismus ist er zum wichtigsten Politiker und Staatsmann der jungen Republik Kroatien geworden. Diesen Rang wird ihm keiner bald streitig machen können.

Seine politischen Ideen hingegen scheinen jetzt schon vergessen zu sein. Nach seinem Tod am 10. August 1999 schob sogar die von ihm gegründete HDZ sein ideologisches Erbe weitgehend beiseite. Die europäische Zukunft für Kroatien war Tuđman äußerst wichtig, aber die Bedeutung des modernen Europa als Wertegemeinschaft hat er nie begriffen; seine nationalistische Auffassung von Kroatien enthielt keine Ideen, die auf eine moderne Zukunftsperspektive hinweisen würden, und ihr fehlte jener freiheitlich-republikanische durch den großen Zwischenkriegszeitpolitiker Stjepan Radić geprägte Geist, der der Bauernpartei innewohnte, die ja in seiner Jugend seine politische Heimat war.


Fußnoten:


  1. Den umfangreichsten Versuch hat der Zagreber Publizist Darko Hudelist 2004 in Zagreb unter dem Titel „Tudjman: Biografija“ vorgelegt (Umfang: 741 Seiten); die vorliegende Darstellung stützt sich auf die darin enthaltenen Fakten, ohne deren Interpretation zu übernehmen. 

  2. Vgl. dazu auch die Hinweise im Beitrag von Thomas Bremer in diesem Heft, S. 166 f. (der gedruckten Ausgabe). 

  3. Milovan Đilas: Die neue Klasse. Eine Analyse des kommunistischen Systems (Originaltitel: Nova klasa. Kritika savremenog komunizma). München 1958. 

  4. Das Lager Jasenovac war das größte Konzentrations- und Vernichtungslager in Südosteuropa während des Zweiten Weltkriegs. Über die Zahl der dort ermordeten Menschen herrscht bis heute keine Klarheit; die Schätzungen schwanken zwischen 50.000 und 400.000 Opfern. Im kommunistischen Jugoslawien wurde die Zahl mit 700.000 angegeben, was sicher überhöht war (Anm. d. Redaktion).