„Ich fahr dahin mein’ Straßen.“

Wege sind Lebenswege
aus OWEP 3/2014  •  von Michael Albus

Prof. Dr. Michael Albus ist Theologe, Journalist und der verantwortliche Redakteur dieser Zeitschrift.

Wenn ein Mensch zur Welt kommt, beginnt sein Lebensweg. Wenn er stirbt, endet dieser Weg. Langsam oder schnell, abrupt zuweilen. Woher ich komme, weiß ich nicht. Auch nicht, wohin ich danach gehe. Was war davor? Was wird danach sein? Ich weiß es nicht! Ich kann mir Vorstellungen davon machen. Ich kann das Geheimnis des Davor und Danach in Bildern beschreiben. Vielleicht zureichender als mit Worten. Aber auch Bilder sind nicht zureichend genug.

Alle Lebenswege sind Wege zwischen zwei Grenzen: Geburt und Tod. Vor und hinter diesen Grenzen bleibt alles ein Geheimnis.

Nicht nur die individuellen, die persönlichen Wege sind in diesem Kontext zu sehen. Auch die Wege von Stämmen, Völkern und Nationen. Auch sie haben ihre Geheimnisse, die keine noch so genaue und einfühlsame Geschichtsschreibung erklären, verklären oder ganz und einfach verstehbar machen kann. Warum geht ein Volk diesen Weg und nicht einen anderen?

Mit den Religionen ist es nicht anders. Sie sind Erklärungsversuche der oft verschlungenen Wege und Straßen von Einzelnen, Gruppen und Gemeinschaften. Sie haben ihren Ursprung im unerklärbaren Geheimnis des Davor und Danach. Auch sie sind Versuche, den Lebensweg zu verstehen. Aber auch sie wissen nichts Genaues, sind angewiesen auf Glauben.

In den Grundtexten und Heiligen Schriften der großen Religionen kommen immer wieder das Motiv oder die Symbolik des Weges vor.

Im Alten Testament der jüdischen Religion:

Denn der Herr erkennt den Weg der Gerechten,
der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund.
(Ps 1,6)

Im Neuen Testament der christlichen Religion:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. (Joh 14,6)

Im Koran der Muslime:

Leite uns den rechten Pfad,
den Pfad derer, denen Du gnädig bist.
(Sure 1)

Zu den Heiligtümern aller Religionen führen Pilger-Wege.

Wege haben etwas mit Loslassen, mit Abschied zu tun.

Das alte Volkslied sagt es:

Innsbruck, ich muss dich lassen.
Ich fahr dahin mein’ Straßen,
in fremde Land dahin.

Wege führen zu einem Ziel. Oder sie verlieren sich ins Weglose, ins Niemandsland.

Es war in unseres Lebensweges Mitte,
Als ich mich fand in einem dunklen Walde;
Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.

(Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Erster Gesang)

Auf Wegen und über Straßen fand und findet Austausch und Handel statt.

An Kreuzungspunkten, Brücken, Furten oder auch in Oasen sind oft die Wurzeln für Stadtgründungen zu suchen. Ebenso spielten im Netz der Handelsstraßen Einrichtungen für die Transporteure eine bedeutende Rolle. Hierzu zählen Ausspannen, Karawansereien (im Orient), Gasthöfe, Chausseehäuser und später Poststationen. Sie boten sichere Übernachtungsmöglichkeiten, die Versorgung mit Speisen und Getränken, kurze Erholung von Strapazen und Möglichkeiten, die Zug- und Reittiere auszuwechseln und zu nähren.
(Wikipedia, Artikel „Handelsstraßen“)

Auf Wegen und Straßen fand und findet die Vermischung der Kulturen statt.

Die Globalisierung hat uns einander näher gebracht in dem Sinn, dass wir alle von den Handlungen anderer betroffen sind, aber nicht in dem Sinn, dass wir alle Vorteile wie auch die Lasten teilen.
(Kofi Annan, Tübinger Ökumenische Rede, 12. Dezember 2003)

Auf Wegen und Straßen marschierten und marschieren Truppen, um Land zu erobern.

In der Krise um die Schwarzmeer-Halbinsel Krim hat das Oberhaus des russischen Parlaments der Entsendung von Truppen in die Ukraine zugestimmt.
(Der Sonntag, Stadtzeitung Freiburg, 2. März 2014)

Jeder geht seinen eigenen Weg. Aber gemeinsam gehen ist schöner.

In der Regel geht jeder seinen eigenen Weg. Aber schöner und besser ist es, wenn andere mitgehen. Deswegen schließen wir uns gerne mit anderen Menschen zusammen, die mit uns ihre Wege gehen. Auf diese Weise können wir teilnehmen an den Erfahrungen der anderen, die nicht die unseren sind. Sie weiten unseren Blick und erweitern unseren Horizont. Das Gehen auf Wegen und Straßen ist geteilte Einsamkeit.

Im gemeinsamen Gehen und Fahren können wir uns besser von unserem einsamen Gehen und Fahren erzählen. Deswegen berichten die Märchen und Mythen so oft von Wegerfahrungen. Es ginge alles viel besser, wenn wir mehr gingen. Wir würden nicht so sehr auf unseren Stand-Punkten beharren, wenn wir spürten – ganz körperlich und konkret –, dass wir gehen und fahren.

Auf Wegen und Straßen geht es um Suchen und Finden.

In der Zeit der Romantik war die blaue Blume das Symbol für das Geheimnis des Lebens und das Ziel alles Gehens und Suchens. Wer sie finden wollte, musste wandern, sich auf den Weg machen. So steht im Volkslied „Wir wollen zu Land ausfahren“ in der letzten Strophe:

Es blühet im Walde tief drinnen
die blaue Blume fein,
die Blume zu gewinnen,
ziehn wir in die Welt hinein.
Es rauschen die Bäume, es murmelt der Bach,
und wer die blaue Blume finden will,
der muss ein Wandervogel sein.

Das Ziel aller Wege besteht darin, Heimat zu finden.

Das Nomadische bleibt im Kampf mit dem Sesshaften. Der Kampf wird auf den Wegen und Straßen, auf Füßen und Rädern ausgetragen. Eine Erinnerung daran, dass wir Menschen ganz im Grunde in Bewegung sind und in Bewegung bleiben wollen. Paradox: In Bewegung bleiben wollen … Die Bewegung ist also das Bleiben selbst und das Bleiben ist die Bewegung selbst.

Der Jude, Marxist und Philosoph Ernst Bloch hat das Ziel aller Bewegung, aller Wege und Straßen, auch aller Denk-Wege, am Ende seines dreibändigen Werkes „Das Prinzip Hoffnung“ so beschrieben:

Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.