Der Newski-Prospekt in Sankt Petersburg

aus OWEP 3/2014  •  von Alexej Gorin

Zusammenfassung

Die Hauptstraßen der Städte gleichen den Flüssen der Zeit. In ihnen spiegelt sich die Geschichte. Die Bewohner, die in ihnen versinken, kommen als andere Menschen aus ihnen hervor. An den Hauptstraßen entstehen Institutionen der Emanzipation, Salons, Cafés, Kneipen, ohne die die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung nicht zu verstehen ist. Es sind insbesondere die Hauptstraßen, die mitunter hinter ihrer Parade- und Sonnenseite eine informelle, von Mythen umwehte Kehrseite verbergen. So wie der Newski-Prospekt, die Hauptmagistrale Sankt Petersburgs.

Alexey Gorin ist Kulturwissenschaftler und stammt aus Sankt Petersburg. Er unterrichtete einige Jahre am Institut für Slawistik der Universität Greifswald und ist zurzeit Doktorand am dortigen Institut für Philosophie. – Der Autor stellte auch die Vorlagen für die beiden Abbildungen zur Verfügung.

Es gibt nichts Schöneres als den Newski-Prospekt, zumindest in Petersburg. Für diese Stadt bedeutet er alles.“
N. W. Gogol, „Newski-Prospekt“

Eine perspektivlose Perspektive

Es gibt in Sankt Petersburg keine andere Straße, die so genau den Plan Peters I., des Stadtgründers, widerspiegeln würde. Ihr ältester Name „Perspektive“ (im 18. Jahrhundert sollte die Straße Großer Perspektivenweg, Große Newski-Perspektive und Newski-Perspektive heißen) zeigt das: Im Unterschied zu den krummen, zufällig entstandenen Pfaden, die aus dem zukünftigen Zentrum der Stadt zur Nowgoroder Heerstraße führten, die die Stadt mit Moskau verband, war der Prospekt die Frucht eines rationalen Planes, klar und pragmatisch. Eine Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten, und die Perspektive gewährt dem Beobachter den besten Überblick. Peters ganzes Projekt, eine moderne, europäische Stadt in den Sümpfen, im kalten Klima, unter der Drohung ständiger Überschwemmungen, in einem Land mit patriarchalischer Lebensweise und einer starken Orientierung auf „traditionelle Werte“ zu errichten, war ein Projekt, an die Kraft des Verstandes zu glauben, an die Möglichkeit, ungeachtet der natürlichen Gegebenheiten die Idee einer regelmäßigen Stadt zu verwirklichen und den Staat ohne Rücksicht auf den Widerstand bärtiger Bojaren-Eliten zu modernisieren. Wahrscheinlich gibt es in der ganzen Welt keine Stadt, die so sehr mit dem perspektivischen Sehen verbunden ist wie Sankt Petersburg. Spaziert man durch die Stadt, öffnen sich an einer Vielzahl von Stellen atemberaubende Blicke nach allen Regeln der perspektivischen Malerei. Die Stadt ist eine Ansammlung verschiedenartiger Meisterstücke aus ganz Europa für die Kunstkammer des Zaren, aber alle sind versammelt in eine einheitliche Ordnung, eine Ordnung freilich, die bei aller Rationalität bereit ist, sich nach dem fremden Leben der Illusionen umzublicken.

Der Fluss der Geschichte

Es fällt nicht sofort ins Auge, dass der „Newski-Prospekt“ einen doppelten kulturologischen Widerspruch darstellt. Die Hauptstraße der Stadt, der Newski-Prospekt, überquert nirgends den Hauptfluss, die Newa! Der Fluss, auf seine Art eine natürliche Straße, ist zugleich gänzlich dem Prospekt, einem von Menschen erbauten Weg, entgegengesetzt. Der Fluss ist tief (die Newa ist der tiefste Fluss in Europa) und unvorhersagbar (der Lauf der Newa kann seine Richtung ändern und über die Ufer treten). Der Prospekt ist in seiner Art ein Versuch, die chaotischen Kräfte der Natur zu beherrschen. Nicht umsonst gibt Peter I. bei der Errichtung des Newski-Prospekts den Befehl, „dieses Flüsschen (die Fontanka) zu unterbrechen“, d. h. einen Staudamm zu errichten. Später wird die Anitschkow-Brücke des Newski-Prospekts über die Fontanka von Pferdefiguren geschmückt, die gebändigt werden – Symbole der eigenwilligen, aber unterdrückten Natur.1

Man sollte nicht vergessen, dass der Newski-Prospekt nicht nach dem Fluss Newa heißt, sondern nach dem heiligen Alexander Newski, der auf dem Eis des Tschudski-Sees bei Pskow den Deutschen Orden schlug. Den zukünftigen Newski-Prospekt erbauten der Legende nach von der einen Seite Mönche aus dem Alexander-Newski-Kloster und von der anderen Seite, dem wirtschaftlichen Zentrum der Stadt, die Admiralität mit Hilfe gefangener Schweden. Peter waren, bei all seiner Orientierung nach Europa, zweifellos die politische Unabhängigkeit und die Sicherheit der russischen Westgrenzen wichtig. Sankt Petersburg war so nicht nur das Fenster nach Europa, sondern auch der Vorposten, der „dem Schweden drohte“.

Es wäre jedoch etwas naiv anzunehmen, dass ein solches Projekt so verwirklicht werden könnte, wie es geplant wurde. Die ganze Geschichte der Stadt ist ein intensiver, manchmal tragischer Versuch von Modernisierung, Beschleunigung und Widerstand der Natur, der Gesellschaft, des Unbewussten der Einzelnen (wir erinnern an Puschkins irrsinnigen Jewgeni aus dem „Ehernen Reiter“, an die Figuren Gogols und Dostojewskis). So ist der Newski-Prospekt auch absolut kein Prospekt, d. h. er bildet keine gerade Linie von der Admiralität bis zum Alexander-Newski-Kloster. Sein erster Teil wurde 1715 von der Admiralitätswerft bis zum Bezymjannyj Erik (der heutigen Fontanka) gelegt, schon in den folgenden vier Jahren kam eine Verlängerung bis zum heutigen Platz des Aufstandes hinzu. Besonders viele Probleme bereitete der Straßenabschnitt am Alexander-Newski-Kloster. Bei der Vereinigung mit dem schon gebauten Teil der Straße bildete sich keine Gerade – der Prospekt gelang nicht, er erwies sich als geknickt. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts unternahm man den Versuch, den Newski-Prospekt „geradezubiegen“, doch aus diesen Versuchen entstanden lediglich zwei neue Straßen.

„Neben ihm saß Schiller – nicht jener Schiller, der den ‚Wilhelm Tell‘ geschrieben hat und die ‚Geschichte des Dreißigjährigen Krieges‘, sondern der berühmte Schiller, der Blechmachermeister in der Meschtschanskaja-Straße. Neben Schiller stand Hoffmann – nicht der Schriftsteller Hoffmann, sondern der recht ordentliche Schuhmacher aus der Offiziersstraße, ein großer Freund Schillers.“ Diese ironischen Worte Gogols lenken unsere Aufmerksamkeit auf die Rolle, die die Ausländer beim Bau der europäischsten Stadt Russlands spielten. Zugleich weist er darauf hin, dass sich die Erwartungen nicht ganz erfüllt haben. Die Expertise der ausländischen Spezialisten war angefordert worden, aber sie berührte die praktischen Dinge. Der humanitäre Anteil blieb zweitrangig. Die aufklärerischen Ideen blieben Spielzeug im absolutistischen russischen Imperium. Die Literatur erblüht in Sankt Petersburg bedeutend später, mit Puschkin, Gogol, Dostojewski, Saltykow-Schtschedrin.

So begeben wir uns in Zeit und Raum über den Newski-Prospekt, von seinem Beginn an. In den ersten Jahren wurde der damalige Newski nur bis zur Mojka gebaut, einem Fluss, der die Südgrenze der Stadt bildete. An der Stelle des Kaufmanns-Hofes, der jetzt die Kauflustigen erfreut, wuchsen Bäume und lebten darüber hinaus Arbeiter, die man aus ihrem Land zum Bau der Stadt hergebracht hatte. Soldaten, die auf der anderen Straßenseite stationiert waren, bauten unter der Leitung ihres Kommandanten Anitschkow (jaja, er war kein Architekt!) 1715 eine Holzbrücke über die Fontanka, direkt dahinter lag der Passierpunkt in die Stadt. Weiter war das Gelände noch nicht erschlossen, nur auf der anderen Seite, beim Alexander-Newski-Kloster, lebten dessen Arbeiter und die Geistlichen. Es erscheint seltsam, dass diese Hauptstraße nur ein so kurzes Stück weit ausgebaut war. Das hing damit zusammen, dass das Stadtzentrum sich damals noch auf der Wassiljewski-Insel befand. Erst als klar wurde, dass dort wegen drohender Überschwemmungen, dem Fehlen fester Brücken und einem ungenügenden Kanalsystem kein Zentrum entstehen konnte, wurde in den 1720er Jahren auch der Newski bebaut und komfortabel angelegt, mit einem Steinpflaster gestaltet und beleuchtet.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die wichtigste Straße der Hauptstadt auch zu einem bedeutenderen Handelszentrum. Der hölzerne Kaufmannshof wurde in Stein gebaut, 1787 entstanden nach dem Entwurf von D. Kwarenga die „Silbernen Reihen“. Im Jahre 1798 wurde zwischen beiden die Perinnaja-Linie erbaut (heute befindet sich dort ein modernes Einkaufszentrum). Als wichtiges, den Newski-Prospekt dominierendes Gebäude bleibt der mit diesen Handelshäusern korrespondierende Bau des Rathauses mit seinem hohen Turm.

Die perspektivische Straße wurde auch von der Seite des Alexander Newski-Klosters bis zum heutigen Platz des Aufstandes bebaut. Zur Krönung des Umbaus gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die kleine Kirche „Muttergottes vom Zeichen“ (heute steht an dieser Stelle der Pavillon der Metro). Das Ende der Newski-Perspektive schloss der Platz vor dem Alexander-Newski-Kloster ab. Hier wurde in den 1780er Jahren eine Paradeauffahrt zum Klostergelände geschaffen. Zum Ensemble des Platzes gehörten die Nadwratnaja-Kirche, zwei kleine Wohnhäuser, mit denen der Newski-Prospekt auch heute abschließt, und ein ebenerdiges Armenhaus. Auf dem Gelände des Klosters selbst entstand die Hauptkirche, die Dreifaltigkeitskathedrale. Das Alexander-Newski-Kloster wurde zum einzigen sehenswürdigen Gebäude des Newski-Prospekts jenseits der Fontanka. Dieser Teil der Straße war erheblich bescheidener als der Paradeabschnitt von der Admiralität zur Anitschkow-Brücke.

Unter Katharina II. waren der ganze Newski, seine Brücken, die Flussufer, die Bürgersteige mit Granit verkleidet. Der Newski wurde zum Lebenszentrum der Stadt, offen für alle gesellschaftlichen Schichten – eine Straße für die Arbeit und für die Geschäfte, aber auch für die Promenade, auf welcher man die anderen ansehen und sich selbst zeigen konnte.

Besonders das 19. Jahrhundert wird zum goldenen Zeitalter der Architektur Sankt Petersburgs. Die Idee der Regelmäßigkeit und Einheitlichkeit verwandelte sich in die Idee der Ensemble-Architektur, als für die schon bestehenden Gebäude ein neuer Kontext entsteht, in dem sie auch weiter harmonisch existieren konnten. Das Ensemble und nicht die einzelnen Gebäude werden zur Einheit der architektonischen Aussage. Der Klassizismus, der unter Katharina II. entstanden war, erreichte den Höhepunkt seiner Entwicklung eben im 19. Jahrhundert, und das Stadtzentrum wurde zu einer Reihe architektonischer Ensembles, zu denen auch der Newski-Prospekt gehörte. Das Jahrhundert begann mit dem Bau der Kasaner Kathedrale nach dem Entwurf Woronichins, ein Verweis auf den Petersdom in Rom. Gerade mit seinem Bau auf dem Newski-Prospekt entstand eines der ersten städtischen Ensembles in Russland. Ende der 1820er Jahre nahm nach Entwürfen des hervorragenden Städtebauers Rossi das Ensemble des Palaisplatzes Gestalt an. Gerade dank Rossi erhielt Petersburg im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts sein klassisches Antlitz, das die Stadt so berühmt macht. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts wandelte sich der Newski-Prospekt zu einer der schönsten und auf‘s Beste eingerichteten Straßen der Welt.

Zu der Zeit war der Newski heimeliger als heute: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verlief in der Mitte des Prospektes eine grüne Fußgängerzone, aber 1819 versetzte man die Bäume an den Randstreifen. Einer Modernisierung unterzog man auch die Brücken des Newski-Prospekts. Die hölzerne Brücke über die Mojka (Grüne Brücke) wurde 1806 nach einem Entwurf von Geste umgebaut, hier verwandte man erstmalig Metallkonstruktionen. Zugleich mit dem Bau der Kasaner Kathedrale wurde die Brücke über den Jekaterinski-Kanal verbreitert. Dieser war über 90 Meter breit, und heute ist sie eine der breitesten Brücken nicht nur in Petersburg, sondern in ganz Europa. 1841 bekam die Anitschkowbrücke ihre Pferde und ihre Dompteure.

„Prächtige Stadt, armselige Stadt“, schrieb Puschkin. Selbst bis heute kann man sehen, dass der Newski-Prospekt eben in diese zwei Teile geteilt ist. Der erste – von der Admiralität bis zur Anitschkowbrücke – ist prunkvoll und reich: bedeutende Architekturdenkmäler, Fußgängerstraßen und begrünte Promenaden. In diesem Teil kreuzt der Newski die drei Haupt-Wasserarterien der Stadt. Aber er setzte sich mit einem wenn nicht „armen“, so doch wenigstens bescheidenen Teil fort. Sogar das Straßenpflaster war hier nicht „parkettmäßig“, sondern bestand aus Kopfsteinpflaster. An der Kreuzung des Newski- und des Wladimirski-Prospekts war der Sammelplatz, an dem die armen Lohnarbeiter nach einer Tagesbeschäftigung suchten.

Die Eröffnung der Eisenbahn 1851, die Petersburg und Moskau verband, führte zum Bau des Moskauer Bahnhofs und so zum Ausbau des Vorplatzes. Gegenüber dem Bahnhof wurde das Gebäude des Hotels „Oktober“ errichtet, das das ganze Viertel einnahm. Zwei andere Seiten des Platzes wurden ebenso mit Mietshäusern und Gaststätten bebaut. 1890 verlegte man den Ligowskikanal in eine Röhre unter die Erde. 1909 wurde in der Mitte des Platzes des Aufstandes das Reiterdenkmal Alexanders III. enthüllt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sieht der Newski-Prospekt bereits so aus, wie wir ihn jetzt kennen. Es wurden die Gebäude großer Gesellschaften errichtet, Aktiengesellschaften und eine moderne Bank. Die Gebäude, die man in diesem Stil errichtete, sind leicht zu erkennen: das Haus der Singer-Gesellschaft, das Warenhaus der Kaufleute Jelisejew, das Warenhaus Mertens. Der Newski-Prospekt wurde zum Zentrum des kapitalistischen Petersburg und blieb immer noch eine Stätte der Pracht und des Luxus. Hier befanden sich unzählige Klubs, „Gesellschaften“ und „Versammlungen“ der geschlossenen Art, Institute geschäftlicher Transaktionen und der Emanzipation.

Der Newski war die Haupt-Transportarterie. Seit den 1840er Jahren gingen über den Newski die ersten öffentlichen Kutschen, Omnibusse, die bis zum Ersten Weltkrieg existierten. Bald gab es einen komfortableren Transport, die Pferdeeisenbahn, „Konka“ genannt. Das Fahren auf den Gleisen erhöhte die Geschwindigkeit der Fortbewegung. Die erste Strecke der „Konka“ im Jahre 1863 führte vom Platz des Aufstandes über den Newski-Prospekt bis zum Zünglein der Wasilewski-Insel. 1907 fuhren über den Newski-Prospekt die ersten städtischen Straßenbahnen, und etwa zur selben Zeit kamen die ersten Projekte einer unterirdischen Eisenbahn auf, die unter dem Newski-Prospekt verlaufen sollte. Die erste Metro kam jedoch erst 1955 nach Leningrad/Sankt Petersburg. 1936 begann der erste städtische Oberleitungsbus seine fahrplanmäßigen Fahrten, ein neues Transportmittel, das man als „gleislose Straßenbahn“ bezeichnete.

Vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 befand sich die Stadt im Blockadering. Sie wurde täglich von Süden aus beschossen, von der Seite der Pulkower Höhen, darum war gerade die Sonnenseite des Prospektes am meisten verwundbar. Heute erinnern Spuren des Bombardements an den Krieg, die man auf einem der Postamente der Anitschkow-Brücke sorgfältig bewahrt.

Die erste Metrostation auf dem Newski-Prospekt, die Station „Platz des Aufstandes“, wurde 1955 eröffnet und bildete die Endstation der ersten Gleisverbindung vom Platz des Aufstandes nach Awtowo. Der oberirdische, im Stil des Stalin-Empire gestaltete Stationspavillon befindet sich auch heute an der Stelle der früheren Kirche. Am 1. Juli 1963 wurde die Metro-Station „Newski-Prospekt“ eröffnet, sie gehört zur Moskau-Petrograder Linie. Historisch ist das die zweite Linie der Petersburger Metro. Im Jahre 2011 eröffnete man die Metrostation „Admiralität“, die an der Kleinen Meeresstraße neben dem Newski-Prospekt gelegen ist. Sie wurde zur tiefstgelegenenen U-Bahn-Station der Welt.

Der Newski-Prospekt – die Kommunikation Petersburgs

Jeder, der zum ersten Mal auf den Newski-Prospekt gerät, bemerkt die für Sankt Petersburg ungewöhnliche Dynamik: Der Menschenstrom lässt nicht zu, dass man den Schritt verlangsamt. Kann man jetzt so entspannt den Newski entlangschlendern, wie Gogol das beschrieb? – Unmöglich! Es sei denn in den weißen Nächten, am frühen Morgen. Aber auch dann begegnet man Fußgängern, die schon den herabgelassenen Brücken oder der gerade geöffneten Metro entgegen eilen. Der Newski-Prospekt ist die fleischgewordene Idee der Beschleunigung, der Zielstrebigkeit. Und zur selben Zeit kann man in einem beliebigen Augenblick diesen eindimensionalen Fluss der Zeit verlassen, in einem Café haltmachen, wo man die schnelle Strömung von außen beobachtet, „sub specie aeternitatis“, und schon ist das Ziel aus dem Blick geraten. Eine bereits von Gogol angemerkte Besonderheit: „Hier kann der Bewohner der Petersburger oder der Wyborger Seite, der einige Jahre nicht mehr bei seinem Freund auf den Peski oder beim Moskauer Stadttor gewesen ist, sicher sein, dass er ihm unfehlbar begegnet.“

„Man betritt kaum den Newski-Prospekt, da riecht es schon nach einem einzigen Schlendern. Man kann irgendeine notwendige, unumgängliche Sache zu erledigen haben, aber sobald man ihn betreten hat, vergisst man ganz sicher jeden Plan.“

Es gibt jedoch auch eine andere Seite des Newski, seiner Geschichte, die noch auf ihren anthropologisch orientierten Chronisten wartet: die Geschichte des Newski-Prospektes als eine Geschichte der Emanzipation und ihrer Institutionen. Diese wenig erforschte Seite der Kommunikation sollte aufdecken, welche Rolle die Salons, die Kaffeehäuser, wie es sie in dieser Reichhaltigkeit auf dem Newski im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung gab, bei der Emanzipation der Individuen in den Nischen spielten, die vor der Macht versteckt waren, in denen die freie Selbstverwirklichung möglich war, Diskussionen, Meinungsaustausch, die Vielfalt von Perspektiven, aus denen sich eine neue Sicht herausbildet, die Formung neuer Gruppen von Gleichgesinnten.

So werden Spelunken und Kaffeehäuser zu legitimen Plätzen des Lebensraums eines Publikums, das einen vernünftigen Gedanken ausarbeitet und die Werte des Lebens verteidigt. In ihnen bilden sich die effektiven Gegengewichte der Macht, und das nicht nur in der Form von Kritik der offiziellen Ideologie, der Beratung angenommener Gesetze, sondern auch in Form von Scherzen, Anekdoten, Humor, die die von der Macht für sich beanspruchte Ernsthaftigkeit neutralisieren. In dieser Geschichte der Emanzipation und ihrer Institutionen des Newski könnte man manch anderes, nicht petrinisches Modernisierungs- und Aufklärungsprojekt von oben, sondern eher nach Habermas eines von unten finden, in der Geschichte der Salons, Kaffeehäuser und Bars. Für die Menschen, die daran teilnehmen, ist das nicht einmal ein Projekt, weil es chaotisch erscheint, es ist selbstorganisiert, vergleichbar den krummen Trampelpfaden, die sich hier an der Stelle des zukünftigen Prospektes befunden hatten. Das ist nicht die gerade Perspektive, sondern die nichteuklidische Geometrie der „irregulären“ Fortbewegung der Menschen, ihrer Kommunikation und des Austausches, in gewissem Grade den Marktbedingungen ähnlich, die ihre grelle Spur in der Architektur des Newski hinterlassen haben. Alles dies erlaubt es, das Irrationale nicht zu verdrängen, sondern es zu kondensieren, die Phantasien und Wünsche, sie im Wort zu verwirklichen, so, wie es Gogol tat. In dieser Kommunikation häuft sich das Potenzial für den gesellschaftlichen Wandel.

Ich muss an die ersten flashmobs und Demonstrationen auf der großen Konjuschennaja-Straße zu Zeiten Medwedjews und Putins denken, ganz nah am Gogol-Denkmal, wo dieser seinen Newski-Prospekt aus einer gewissen Entfernung betrachtet.

Aus dem Russischen übersetzt von Friedemann Kluge.

Der Newski-Prospekt, bereits von Peter dem Großen geplant, entwickelte sich zur Haupt- und Prachtstraße Sankt Petersburgs. Er durchzieht, gesäumt von zahlreichen historischen Bauwerken, die Innenstadt der Newa-Metropole in einer Länge von 4,5 Kilometern.


Fußnote: