Zwischen Orient und Okzident: Die Seidenstraße

aus OWEP 3/2014  •  von Rudolf A. Mark

Zusammenfassung

Die Seidenstraße stellte ein eurasisches Handels- und Kommunikationsnetz dar, das seit Beginn der modernen Zeitrechnung Orient und Okzident verband. Es reichte von China über Zentralasien bis in die Levante und nach Westeuropa. Gehandelt wurde nicht nur Seide, sondern auch eine breite Palette von Luxusprodukten und anderen Handelswaren. Über die Karawanenwege verbreiteten sich zudem Kunstrichtungen, Herstellungstechniken und Religionen, bevor die Seidenstraße ihre globale Bedeutung verlor.

PD Dr. Rudolf A. Mark ist Vertretungsprofessor für Osteuropäische Geschichte an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Das Wort Seidenstraße klingt in den Ohren vieler Menschen nach Tausend-und-einer-Nacht, nach orientalischer Pracht und exotischer Ferne. Daneben verblasst die reale Bedeutung der alten Handelsroute, die einst ein weitverzweigtes System von Karawanenwegen und ein west-östliches Kommunikationsnetz sondergleichen darstellte. Der Geograph Ferdinand von Richthofen ließ das schon 1877 bei einem Vortrag in Berlin anklingen, als er „Ueber die centralasiatischen Seidenstrassen“ sprach.1 Damit war der Begriff in die Welt gesetzt, dessen Singularform aber das komplexe historische Phänomen nur unzureichend wiedergibt.

Entstehung und Dimension

Archäologische Funde und die ältesten Nachrichten antiker Quellen zeugen von sehr frühen Kontakten zwischen China und dem Uralgebiet. Schon Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. scheinen Handelsbeziehungen die östliche Peripherie Europas mit dem Fernen Osten verbunden zu haben. Auch Handwerkstechniken und Formen künstlerischen Ausdrucks verbreiteten sich über diese Verkehrswege. Felsenzeichnungen in Südsibirien, der Mongolei und in China verraten europäische Vorbilder: die Herkunft aus der griechisch-römischen Welt.

Das Netz der Seidenstraße2

Aus diesen vor- und frühgeschichtlichen Kontakten entwickelte sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. die Seidenstraße.3 So belegen Funde von Kunstgegenständen aus den römischen Provinzen Beziehungen zwischen dem Mittelmeerraum und Mittelasien im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. Gleichzeitig existierte mit dem Reich der Kuschan nördlich und südlich des Hindukusch eine Übergangs- und Kontaktzone zwischen China und dem indo-sakischen Kulturbereich. Sie erweiterte sich mit der Ostexpansion der Perser und dem Vordringen türkischer Völkerschaften nach Mittelasien. Allerdings beeinträchtigten Niedergang und Aufstieg der Nomadenreiche immer wieder Umfang und Reichweite des Kommunikationsnetzes. In seiner größten Ausdehnung sollte es sich von China über mehr als 8.000 Kilometer bis nach Westeuropa erstrecken.

Ihre östlichen Ausgangspunkte besaß die Seidenstraße im Süden Japans und in den chinesischen Hauptstädten Chang‘an und Luoyang. Eine weitere Route folgte den Wegen nördlich der Taklamakan-Wüste, berührte den Syr-Darja-Fluss und erreichte am Aralsee vorbei Wolga, Don, die Krim und das Mittelmeer. Von den mittelasiatischen Handelsplätzen zogen die Karawanen durch das Tal des Kabul-Flusses und des Swat zum Indus, dem Persischen Golf und nach Arabien.

Von den japanischen Inseln führte die Nordost-Route über die koreanische Halbinsel, über Peking, Datong, den Edsingol-Fluss und Turfan nach Kutscha und Jarkand. Im Tarim-Becken berührte sie die Südroute, die über Ganzhou, Anxi und Miran heranführte. Wichtige Stationen in Mittelasien waren dann Chodschand, Samarkand, Buchara, Gurgandsch, Merw und Nischapur. Von dort zogen die Karawanen nach Derbent am Kaspischen Meer und nach Georgien. Bagdad, Isfahan, Bosporus und Konstantinopel waren weitere Ziele. Abzweigungen führten über Herat nach Sistan und zur Golfküste.

Natürlich bereisten die Kaufleute nur bestimmte Abschnitte, an deren Endpunkten Waren und Karawanen wechselten. Zwischen China und Mittelasien lag der Handel in der Hand der turksprachigen Uiguren, die teils bis zur Wolga reisten. Auch Sogdier (Tadschiken) waren im Geschäft mit China aktiv, dessen Waren sie in den Iran und nach Konstantinopel brachten. An der Wolga übernahmen jüdische und ostslawische Fernhändler den Transport auf den Routen nach Mittel- und Westeuropa. Ein Umschlageplatz, den byzantinische Kaufleute aufsuchten, lag zudem an der Don-Mündung.

Angeschlossen an die Seidenstraße war die sibirische Pelzstraße, die seit frühesten Zeiten aus der Mandschurei zum Baikalsee, entlang der Angara, über Jenissei, Irtysch und Kama an die Wolga führte. Dann war es nicht mehr weit zu den bedeutenden Handelsniederlassungen Kiew und Nowgorod. Hier kreuzten sich die östlichen Routen mit dem Skandinavien und den Schwarzmeerraum verbindenden Wasserweg „von den Warägern zu den Griechen“, wie diese Handelsverbindung in der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Nestor-Chronik des Kiewer Höhlenklosters bezeichnet wurde.

Die Welt der Kaufleute und des Karawanenhandels

Eine erste Blütezeit erlebten Handel und Wandel auf den östlichen Abschnitten der Seidenstraße zwischen dem 7. und dem 10. Jahrhundert. Unter der Tang-Dynastie entfaltete das Reich der Mitte ein leistungsstarkes Staatswesen, das Stabilität und wirtschaftliche Wohlfahrt garantierte. Das kosmopolitische Imperium förderte Kunst und Wissenschaft und trug für sichere Handelsbeziehungen Sorge. In Chang’an lebten Tausende von Ausländern, die den Handelsaustausch mit Mittel-, Süd- und Vorderasien betrieben. Aus China wurden Seide, Tee, Gewürze, Duftstoffe, Papier, Porzellan, Jade, Edelsteine und Keramik exportiert, während das Kaiserreich Waren aus der gesamten damals bekannten Welt bezog: Bernstein kam von der Ostsee, Juchtenleder, Fuchs-, Zobel- und Marderfelle aus dem Norden der Rus‘ und Westsibirien. Aus Arabien und dem Persischen Golf stammten Weihrauch, Korallen und Perlen, aus Indien Baumwolle und Messing, aus Persien Glas- und Kristallgefäße sowie Stoffe. Byzanz lieferte Brokat, Afghanistan Lapislazuli, Mittelasien Seidengewebe, Heilpflanzen und Rubine. Die Mongolei war mit Kamelen und Pferden vertreten. Aus dem Westen wurden „Medikamente“, vor allem Bibergeil4 importiert, das sich in China hoher Nachfrage erfreute. Eingeführt wurden auch Jagdfalken, Jagdhunde und Geparden sowie Wein aus Taschkent und Persien. Natürlich veränderte sich die Warenpalette im Laufe der Zeit, wobei die Verlagerung von Transportwegen und Handelsströmen etwa auf den Seeweg eine wichtige Rolle spielte.

Da die Seidenstraße über weite Distanzen keinen befestigten Wegen folgte, mussten Kaufleute und Karawanenführer sehr gut mit der Route vertraut sein und die Wasserstellen zwischen den Karawansereien oder Handelsplätzen kennen. Vor allem die Wüsten konnten nur mit Hilfe von Kamelen – im Westen Dromedare, im Osten (zweihöckrige) Trampeltiere – durchquert werden. In den Steppengebieten dienten auch Wagen zur Fortbewegung. Sie wurden von Zeitgenossen als eine recht „holperige“ Angelegenheit beschrieben. Aber sie boten Schlaf-, Wohn- und Ruheraum sowie andere Erleichterungen, die lange Fahrten erträglich machten. Der berühmte arabische Gelehrte und Händler Ibn Battuta (14. Jahrhundert) berichtet von drei Sklavinnen, die in seinem Wagen mitreisten: „Denn in dieser Wildnis reist man möglichst schnell, weil keine Herbergen zur Verfügung stehen und man auf die einzelnen Wasserstellen angewiesen ist, die eine Strecke von zwei oder drei Tagen auseinanderliegen.“5

Besonders gefürchtet waren die Wüsten zwischen Pamir und Kaspischem Meer: Kisil Kum (Roter Sand) und Kara Kum (Schwarzer Sand), noch mehr die südlich des Tarim-Flusses gelegene Wüste Taklamakan. Gefährlich waren vor allem Sandstürme. Sie hielten die Reisenden nicht nur auf, sondern verwehten auch Wegmarken und Spuren mit tödlichen Folgen für die so Orientierungslosen. Nicht nur Ruinen untergegangener Städte und Siedlungen säumten die Karawanenwege.

Es war aber nicht nur die Unbill der menschenfeindlichen Landesnatur – auch Nomadengruppen, Wegelagerer und Räuber bedrohten Reisende und Karawanen. Daher wurden die Strecken im chinesischen Herrschaftsbereich seit frühesten Zeiten durch Wachposten, Signaltürme und militärische Außenposten gesichert. Auch die Karawansereien in Mittelasien waren meist befestigte Plätze mit Schutzmannschaften. Deren Aktionsradius war allerdings beschränkt, weshalb sich die Karawanen auf weiten Abschnitten selbst schützen mussten. Daher durften sie nicht zu klein sein, aber auch nicht zu groß, um die Kommunikation nicht zu erschweren; zudem konnte die Wasserversorgung dann zum Problem werden. Neben der Hitze stellten Kälte, Schnee und Eis weitere Hindernisse dar, nicht nur in den Hochgebieten von Pamir, Hindukusch und Tien-Schan. Noch im 19. Jahrhundert scheiterten selbst gut ausgerüstete Militärkolonnen an unerwarteten Wintereinbrüchen in den Steppengebieten.

Ein Zentrum und eine Drehscheibe des eurasischen Handels bildete die Stadt Samarkand. Von Alexander dem Großen gegründet, war sie Machtzentrum und Handelsplatz, von dem die Karawanen in alle Himmelsrichtungen aufbrachen, bevor die Stadt von Dschingis-Khan zerstört wurde. Unter Timur Lenk (Ende 14. Jahrhundert) wurde sie jedoch prächtiger wieder aufgebaut. Auch Kaschgar in Ostturkestan, Buchara im Serafschan-Tal oder Urgentsch waren herausragende Stationen der Seidenstraße.

Der westliche Abschnitt

Archäologische Funde, vor allem Münzhorte silberner Dirhems6, die aus den Städten Taschkent, Samarkand und Buchara stammen, zeugen von regen Handelsverbindungen zwischen Mittelasien und Europa seit dem 9. Jahrhundert. Die Berichte arabischer Handelsreisender wie Ibn Churdadbih (2. Hälfte des 9. Jahrhundert) oder Ibn Fadlan (1. Hälfte 10. Jahrhundert) liefern dazu anschauliche Schilderungen. Durch das damals ins Licht der Geschichte tretende ostslawische Reich der Kiewer Rus‘ mit seinen günstigen Flusssystemen und Handelsplätzen führten wichtige Routen der nordwestlichen Ausläufer der Seidenstraße. Auf ihr wurden Seiden- und Baumwollstoffe, Edelsteine, Halbedelsteine und Gewürze aus Mittelasien gegen einheimische Produkte wie Rauchwaren, Leder, Wachs, Honig, Leinen, Flachs, aber auch Sklaven sowie Goldmünzen und Luxusartikel aus Konstantinopel getauscht. Dieser Handel funktionierte besonders gut, solange das zwischen Krim, Don und Wolga gelegene Khaganat der Chasaren die Steppenzone bis zum Kaspischen Meer kontrollierte. Die Waräger, wie die skandinavischen Fernhändler und Krieger im Osten bezeichnet wurden, erreichten über die Wolga diese Handelsplätze, wo arabische und uigurische Kaufleute ihre Waren anboten.

Jüdische Kaufleute bestritten einen erheblichen Teil des Handels der Rus‘ mit den Chasaren, mit Byzanz, Persien und dem arabischen Raum. Sie bereisten auch Westeuropa. Kontakte bestanden zwischen Kiew, Nowgorod, Ladoga sowie dem oberen Dnjepr mit Haithabu. Sie reichten auch nach Schweden und England, an den Rhein und nach Flandern. So zogen slawische und jüdische Händler von Kiew über Halitsch, Przemyśl und Krakau nach Prag. Dort zweigte eine Route entlang der Elbe nach Haithabu ab, während der Hauptweg über Regensburg nach Mainz führte. Über Verdun und Lyon wurden im Weiteren vor allem Sklaven bis in das Kalifat von Cordoba gehandelt. Von anderen Waren, die ihren Weg nach Westen fanden, zeugen bis heute seidene Tücher und Gewänder in den Museen Aachens oder die Nachricht von Gewürzen aus Mittelasien wie Pfeffer, Ingwer oder Nelken, die auf den Märkten in Mainz zu finden waren. Im fränkischen Reich erstanden die Kaufleute Schwerter, Glaswaren, abgerichtete Falken und Wollstoffe für ihre östlichen Handelspartner.

Technologietransfer und Geistesströmungen

Kommerz und Warenaustausch bildeten nur eine Dimension der Seidenstraße. Eine andere zeigte sich in der Verbreitung von Technologien, Kunstfertigkeiten und Religionen. So fand die Seidenproduktion von China über Mittelasien und den Iran den Weg nach Byzanz, während umgekehrt Verfahren der Glasherstellung aus dem Mittelmeerraum bis ins Reich der Mitte gelangten. Später verbreitete sich die Produktion von Papier und Pulver über die Seidenstraße nach Westen. In Mittelasien fanden Bronzespiegel aus China und iranische Techniken der Edelmetallbearbeitung Nachahmer. Gleichzeitig scheinen dort Handwerker – zunächst wohl in Merw – von Formen und Objekten angewandter Kunst wie Gemmen und Brakteaten aus dem indo-iranischen Kulturkreis inspiriert worden zu sein. Nicht zuletzt wurde auch die Fabrikation von Brokat und bunten Stoffen aus Wolle oder Baumwolle durch Importe aus Zentralasien und der Levante in das chinesische Reich vermittelt. Damit einher ging die Übernahme von Ornamenten, Motiven und Abbildungen, die Kleidung, Teppiche oder Wandbehänge zierten.

Die völkerverbindende Bedeutung der Seidenstraße manifestierte sich zudem in der Verbreitung von Musikinstrumenten, die religiösen Zwecken, aber auch Tanz und Unterhaltung dienten. Vor allem Laute und Flöte, zuerst in der griechisch-römischen Welt in Gebrauch, fanden seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. von Nordindien bis Ostturkestan Eingang in Kult und Lebenswelten. Sie begleiteten auch den Buddhismus, der den Kaufleuten aus Nordwestindien durch Afghanistan bis in das Siebenstromland, das Tarim-Becken und China folgte. Die von den Taliban in Bamyan im März 2011 zerstörten Buddha-Statuen markieren diesen Weg der Missionare nach Norden. Die zahlreichen Tempel und Heiligtümer in den Höhlen der alten westchinesischen Grenzbefestigung Dunhuang sind weitere beeindruckende Monumente des Buddhismus in Zentralasien.

Andere Bekenntnisse wie etwa die gnostische Lehre Manis, der Zoroastrismus und das Parsentum breiteten sich seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. vom persisch-mesopotamischen Raum nach und in Zentralasien aus. Bald besaßen sie auch in China von Kaufleuten und Migranten gegründete Gemeinden. Nach Verboten durch die chinesische Regierung im 9. Jahrhundert und der islamischen Eroberung Zentralasiens setzte auch dort der Niedergang dieser synkretistischen Glaubensgemeinschaften ein.

Funde von Psalmen-Handschriften aus dem 5. Jahrhundert in der Turfan-Oase lassen vermuten, dass damals auch Christen in Zentralasien lebten. Vielleicht waren sie orthodoxe Byzantiner, die von der Krim aus entlang der Seidenstraße ihre kirchliche Organisation ausbauten. Wir wissen von Bischofssitzen in Itil an der Wolga sowie in Choresmien. Erfolgreicher waren aber nestorianische Christen, die seit dem 6. Jahrhundert in Zentralasien missionierten und in Balch ein Erzbistum errichteten. Sie konnten wenig später sogar das „Wohlwollen des … chinesischen Kaisers T’aitsung“7 erwerben. Auch von Merw aus scheinen Nestorianer Glaubensverkündung betrieben zu haben. Bischofssitze lassen sich bis nach Kaschgarien, christliche Begräbnisstätten und Inschriften in der südlichen Mongolei und im Norden Chinas nachweisen. Im 11. Jahrhundert hatten die Nestorianer Mongolen, Tataren und möglicherweise auch Teile der Seldschuken christianisiert. Christliche Gemeinden und Bischofssitze – z. B. in der Hafenstadt Hang-Tschu – zeugten von dem Erfolg der Missionare im Reich der Mitte während der Mongolenzeit. Der Sturz der Yüan-Dynastie 1368 bedeutete dann das (vorläufige) Ende christlicher Präsenz im östlichen Bereich der Seidenstraße.

Die mongolische Zeit

Dschingis-Khans Nachfolger errichteten in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts über weite Teile Chinas, Zentralasiens und Osteuropas ihre Herrschaft. Kommunikations- und Handelsrouten vernetzten die sich bald verselbstständigenden mongolischen Nachfolgestaaten. Das System der Seidenstraße erlebte gleichzeitig eine Verdichtung und funktionale Erweiterung durch das mongolische Fernmelde- und Postwesen. Es verkürzte die Reisezeit und beschleunigte die Übermittlung von Nachrichten. Nicht nur die italienischen Kaufleute Maffeo, Niccolò und Marco Polo waren auf ihren China-Reisen Ende des 13. Jahrhunderts von dem effizienten Betrieb dieser Einrichtung beeindruckt.

Die verbesserte Kommunikation beförderte eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte in China, Persien und Zentralasien mit Ausstrahlung bis nach Osteuropa. Die gesamte Region konnte sich so von den Verheerungen der mongolischen Eroberungen allmählich erholen und zumindest die materiellen Verluste ersetzen; nicht zuletzt auch deshalb, weil die mongolischen Herrscher bei ihren Kriegszügen Handwerker, Künstler und Fachleute häufig verschonten und viele an ihre Höfe verschleppten. Textilverarbeitung und die Produktion von Luxusartikeln für die Hofhaltung nahmen so einen neuen Aufschwung. Außerdem äußerten sich Herrschermacht und Reichtum in Architektur und Kunststilen, die in vielfältigen Anverwandlungen westliche wie östliche Motive, Mythen, Darstellungsformen und Techniken vereinten.

Die Seidenstraße entfaltete hier ein weiteres Mal ihre geisteskulturelle Bedeutung und transkulturelle Wirkmächtigkeit. Im Persien der Ilkhane (1. Hälfte des 14. Jahrhundert) nahm die iranische Hochkultur chinesisch-mongolische Einflüsse auf. Kunsthandwerk, Textilien, aber auch Chronistik, Ikonographie und literarische Produktion ließen solche erkennen. Kaum noch nachweisbar sind sie für die Architektur, der allerdings im Reich der noch stark dem Nomadentum verbundenen Ilkhane eher wenig Bedeutung zukam. Berichtet wird aber u. a. von dem Bau buddhistischer Pagoden, die Gemälde im Stil zentralasiatischer und chinesischer Tradition schmückten. Zur gleichen Zeit wurden in der Architektur Mittelasiens immer mehr iranische Elemente verwendet und weiterentwickelt. So entfaltete sich eine materielle Kultur, die – trotz Unterschieden im Detail – islamische Gemeinsamkeit in Architektur und bildender Kunst erkennen ließ.

Die „Pax Mongolica“ bildete zudem eine Epoche, in der Westeuropa auf die Veränderungen in Asien zu reagieren und diesen Teil der Erde zu erkunden begann. Es war die gewaltige Macht der Mongolenherrscher, die für das Abendland in seinen Auseinandersetzungen mit der islamischen Welt vielverheißend erschien. Ordensgeistliche im Auftrage von Papst und Königen, aber auch Kaufleute begannen die Routen der Seidenstraße zu frequentieren. Die Geistlichen reisten als Diplomaten, Wissenschaftler und Missionare, die Kaufleute versuchten, neue Handelswege und Profitquellen zu erschließen. Sie haben wertvolle Zeugnisse hinterlassen, die uns unersetzbare Informationen über die Verhältnisse in Nordasien und die östlichen Regionen Europas liefern.

Die Seidenstraße begann im 14. Jahrhundert ihre Bedeutung als eurasisches Kommunikationssystem zu verlieren. Einige Routen blieben aber auch dann noch für den interregionalen Handelsverkehr wichtig. Heute dient das Bild von der Seidenstraße als Aufforderung, eurasische Gemeinsamkeiten auch in praktische Politik umzusetzen.

Zwischen Ostasien und dem Mittelmeerraum bestanden bereits seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. Handelsbeziehungen. Im Laufe der Jahrhunderte bildete sich ein umfangreiches Wegenetz heraus, für das sich im Anschluss an eines der wichtigsten Handelsgüter seit dem 19. Jahrhundert der Begriff „Seidenstraße“ eingebürgert hat. Auf den Handelswegen durch den Orient und Zentralasien bis nach China lagen so bekannte Städte wie Isfahan, Buchara und Samarkand, erwähnt werden müssen – da sie ebenfalls mit dem Netz der Seidenstraße in Verbindung stehen – aber auch Konstantinopel, Kiew und Peking und viele andere. Neben dem Warenaustausch spielte auch der Kulturtransfer eine wichtige Rolle, der in vielfältiger Gestalt zur wechselseitigen Bereicherung von Orient und Okzident geführt hat.


Fußnoten:


  1. Ferdinand von Richthofen: Ueber die centralasiatischen Seidenstrassen bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. Vortrag gehalten in der Sitzung der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin am 2. Juni 1877. Berlin 1877. 

  2. Die beigefügte Graphik wurde mit freundlicher Genehmigung von Sueddeutsche.de eingefügt. Im Original findet sie sich im Beitrag von Anna Fischhaber, „Marco Polos Märchenwelt“, vom 31. August 2011, einsehbar unter http://www.sueddeutsche.de/reise/legendaere-reiseroute-die-seidenstrasse-marco-polos-maerchenwelt-1.1135394 (letzter Zugriff: 06.11.2017). 

  3. Die wichtigste Literatur, die für den Beitrag herangezogen wurde: Hans Wilhelm Haussig: Die Geschichte Zentralasiens und der Seidenstraße in vorislamischer Zeit. Darmstadt 1992; ders.: Die Geschichte Zentralasiens und der Seidenstraße in islamischer Zeit. Darmstadt 1988; G. A. Pugačenkova (Hrsg.): Na sredneaziatskich trassach šelkovogo puti. Očerki istorii i kul’tury. Taschkent 1990; Ulrich Hübner, Jens Kamlah, Lucian Reinfandt (Hrsg.): Die Seidenstraße. Handel und Kulturaustausch in einem eurasiatischen Wegenetz. 2. Aufl. Kiel 2005; Thomas Ertl: Die Seidenstraße im Mittelalter. Geographie – Bedeutung – Mythos. In: Christine van Hoof (u. a., Hrsg.): Grenzüberschreitungen: Wege zwischen Okzident und Orient. St. Ingbert 2012, S. 131-171. 

  4. Ein Sekret aus den Drüsensäcken des Bibers, das auch heute noch zur Herstellung von Parfüm verwendet wird (Anmerkung d. Redaktion). 

  5. Ibn Battuta: Reisen ans Ende der Welt 1325-1353. Neu hrsg. von Hans D. Leicht. Lenningen/München 1985, S. 35. 

  6. „Dirhem“, auch „Dirham“, ein bis heute in der arabischen Welt gebräuchlicher Münzbegriff, der vom griechischen Wort „Drachme“ abgeleitet ist (Anmerkung d. Redaktion). 

  7. Haussig (wie Anm. 3, oben), S. 223.