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Bildungspolitik in Polen und der Ukraine

Zusammenfassung

Zivilgesellschaften sind in Zeiten zerreißender politischer (Polen) oder militärischer Konflikte (Ukraine) besonderen Belastungen ausgesetzt – zumal dann, wenn sie unter starken staatlichen Instrumentalisierungsdruck geraten. Häufig breiten sich Tendenzen der Radikalisierung und Polarisierung, des angefachten Patriotismus und des dichotomischen Freund-Feind-Denkens aus, die demokratische Errungenschaften gefährden können. Solche Gefahren zeichnen sich oft vor allem im Bereich der Bildung(-spolitik) ab, die ein äußerst sensibler Seismograph für politische und gesellschaftliche Stimmungen ist.

Dr. Marcin Wiatr, geb. 1975 in Gleiwitz (Gliwice), ist Schulbuchforscher, Literaturwissenschaftler und Übersetzer. Er arbeitet am Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig und koordiniert dort das deutsch-polnische Geschichtsbuchprojekt „Europa. Unsere Geschichte“ sowie betreut auf deutscher Seite die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission.

Ein Neuanfang hat oft einen besonderen Reiz. Er kann Kräfte freisetzen, die all das, was noch kurz zuvor als unumstößlich galt, alt erscheinen lassen. Der politische Umbruch von 1989/90 in Ostmitteleuropa, der ein solcher Neuanfang war, entfaltete enorme zivilgesellschaftliche Kräfte und erfasste alle Bereiche des öffentlichen wie privaten Lebens. Er glich einem Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft im zusammenwachsenden Europa. In den Gesellschaften Ostmitteleuropas löste er einen tiefgreifenden Wandel aus, der sich relativ rasch auch im Bildungswesen manifestierte. Dies war auch dringend notwendig, denn die kommunistischen Entscheidungsträger, so sehr sie sich auch internationalistisch gaben, hatten in der Bildungspolitik in vielerlei Hinsicht geradezu nationalistische Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. Mit welchen Konsequenzen, lässt sich am Beispiel bildungspolitischer Entwicklungen in Polen und der Ukraine nur allzu gut studieren.

Bildungsreform in Polen nach 1989

Die demokratische Opposition der Solidarność-Zeit in der Volksrepublik Polen träumte nicht nur von einer gerechteren Gesellschaft und einem demokratisch-freiheitlichen Staat, der bürgernah agiert, gesellschaftliche Partizipation ermöglicht und wirtschaftliche Prosperität verspricht. Die Oppositionellen um Lech Wałęsa, Tadeusz Mazowiecki und Jacek Kuroń wussten auch, dass der Weg dahin über einen gerechteren Zugang zu Bildung bei gleichzeitiger Aufgabe der kommunistischen Ideologie führte. 1989/90, als es nach dem Zusammenbruch des Kommunismus soweit war, kam es deshalb vor allem darauf an, das polnische Bildungssystem zu demokratisieren und zu modernisieren, also primär das Schulsystem vom sozialistischen Erbe loszulösen und neue bildungspolitische Ziele, Prinzipien und inhaltliche Vorgaben für die Lehrpläne festzuschreiben.

Die eingeleiteten Veränderungen brachten damit neue ideelle Grundlagen der jungen polnischen Demokratie zum Ausdruck: Marxistische Erziehungsziele und Bildungsinhalte wurden verworfen, Russisch als erste obligatorische Fremdsprache zugunsten westlicher Fremdsprachen (vor allem Deutsch und Englisch) ersetzt. Anstelle der kommunistischen staatsbürgerlichen Erziehung wurden nun Religionsunterricht und Gesellschaftskunde unterrichtet. Von dieser ersten Phase der Bildungsreformen war insbesondere der Geschichtsunterricht umfassend betroffen (Aufarbeitung so genannter „weißer Flecken“). Generell wurde das staatssozialistische Bildungsmonopol im Hinblick auf die Wahrnehmung, Deutung und Vermittlung der eigenen nationalstaatlichen Geschichte beseitigt. Allerdings blieben polnische Geschichtsschulbücher immer noch einer zentralstaatlichen Perspektive verpflichtet, viele Bildungsmedien aus der kommunistischen Zeit wurden über das Jahr 1989 hinaus weiter benutzt. 1989 war diesbezüglich noch kein Einschnitt.

Die anfangs recht aktionistisch anmutenden bildungspolitischen Maßnahmen mündeten erst rund zehn Jahre nach der Wende in eine grundlegende Reform des polnischen Bildungssystems, die vor dem Hintergrund der bevorstehenden EU-Mitgliedschaft des Landes umgesetzt wurde. Viele Reformansätze im Bildungssektor folgten nicht nur den Linien europäischer Bildungspolitik, sondern resultierten auch aus den steigenden Herausforderungen des europäischen Arbeitsmarktes und dessen Bedarf an qualifizierten Arbeits-, Fach- und Führungskräften.

Dieser durch den jungen demokratischen Staat eingeleitete Neuerungsprozess wird seit einigen Jahren in Polen zunehmend kritisch reflektiert, denn selbst die im Bildungssektor Beschäftigten empfanden den Reformprozess seinerzeit als überstürzt. Insbesondere den Lehrkräften verlangten diese Reformen hohe Leistungsbereitschaft, Anpassungsfähigkeit und Weiterbildungswillen ab – oft bei unzureichender Bezahlung. Doch der Anfang für eine Revision von allerhand Verfälschungen und Mythen sowie die Abkehr von einer Verherrlichung der Nationalgeschichte wurde gemacht. Der Prozess der Demokratisierung und Dezentralisierung ging hier vielfach Hand in Hand mit der Wiederentdeckung von Multiethnizität und kultureller Vielfalt Polens und festigte pluralistische Wertevorstellungen an Schulen. Die „Vergesellschaftung“ der Schule, der zu Recht die Bedeutung einer zivilgesellschaftlichen Tragesäule der Demokratie zugesprochen wird, schritt voran.

Das kommunistische Erbe als Hürde

So sehr diese Entwicklung aus heutiger Perspektive auch zu würdigen ist, war es mit der Zeit doch augenfällig, wie schwer es fiel, in der als zentralstaatliche Aufgabe begriffenen Bildung das kommunistische Erbe abzuschütteln und die „alten“ Sichtweisen oder Gewohnheiten zu überwinden. Vor allem zivilgesellschaftliche Akteure – unabhängige Bildungsexperten und -praktiker, Lehrer, Eltern – meldeten sich kritisch zu Wort. Besonderes Aufsehen erregte dabei ein Interview, das die auflagenstärksten polnische Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ im Oktober 2011 mit Robert Szuchta – Geschichtslehrer und selbst Autor von Geschichtsschulbüchern – geführt hatte.1 Er kritisierte darin die geltenden Lehrpläne. Sie seien mehr als zwanzig Jahre nach der Wende in Polen nicht mehr haltbar. Vor allem der Geschichtsunterricht sei immer noch zentralstaatlich und nationalpolnisch ausgerichtet. Die bisherigen Defizite im Geschichtsunterricht führten – hieß es weiter – nur dazu, dass junge Leute keine Ahnung etwa von ethnischen oder nationalen Minderheiten in Polen hätten. „Wie sollten wir ihnen Toleranz und Wertschätzung für andere Kulturen vermitteln, die hierzulande leben, wenn wir nicht über die Kaschuben oder Oberschlesier unterrichten?“, so Szuchta. Er riet dazu, Lehrpläne und Schulbücher stärker nach „den Grundsätzen der Empathie und Sensibilität gegenüber dem Schicksal anderer Völker und Ethnien“ auszurichten und dabei weniger auf nationale Ereignisgeschichte, stattdessen stärker auf sozialgeschichtliche Fragestellungen einzugehen. Solange dies nicht der Fall sei, resümierte Szuchta, könne man nachvollziehen, dass etwa in Oberschlesien diese Bildungsdefizite erkannt und immer lauter Wünsche nach einem Regionalgeschichtsbuch geäußert würden.

Parallel zu diesem Interview erschienen in den meinungsbildenden Medien ähnlich kritische Stellungnahmen, die forderten, die Lehrpläne einer grundsätzlichen Überarbeitung zu unterziehen. Diese kritischen Stimmen deckten sich weitgehend mit der Beobachtung vieler Bildungsforscher, die eine unzureichende Gewichtung interkultureller Kompetenzen an polnischen Schulen kritisierten. Und sie hatten Recht. Zwar wurde interkulturelle Bildung in Polen seit dem Beginn der 1990er Jahre angeboten, doch sie richtete sich bestenfalls an Angehörige nationaler Minderheiten und ließ den gesamtgesellschaftlichen Fokus außer Acht. Hinzu kam, dass zwei Jahre nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union der Minister für nationale Bildung die Notwendigkeit verkündete, besondere Unterrichtsfächer, nämlich „Erziehung zum Patriotismus“ und „Geschichte Polens“, in das Lehrprogramm der Grundschulen, Gymnasien und Lyzeen aufzunehmen. Andererseits hatte man den Eindruck, dass die polnische Gesellschaft immer pro-europäischer wurde und in zunehmendem Maße bereit war, sich die Werte anzueignen, die mit einem Leben in einer multikulturellen, offenen Gesellschaft einhergehen.

Aktuelle Entwicklungen in der polnischen Bildungspolitik

Solche Tendenzen haben sich – in der Bildungs- wie der Geschichtspolitik – verfestigt, seitdem nach den Parlamentswahlen in Polen im Herbst 2015 eine neue nationalkonservative Mehrheit die Regierung stellte. Der PiS-Partei galt das Bildungssystem, wie es unter den Vorgängerregierungen reformiert worden war, ohnehin als zu liberal und pluralistisch. So kündigte sie nach dem Wahlerfolg an, die destruktive „Pädagogik der Scham“ zu überwinden, die sich in der Bildungspolitik eingenistet hätte. Damit war der angeblich allzu kritische Umgang vor allem mit der Geschichte Polens an den Schulen gemeint. Der so genannte „gute Wandel“ wurde erstaunlich rasch vollzogen. Seit der 2017 von der PiS-Regierung eingeleiteten Bildungsreform – die zu einem Schulsystem zurückkehrt, das der Elterngeneration aus der Zeit vor 1989 bekannt ist – dominiert in den aktuellen polnischen Geschichtsschulbüchern ein ethno-nationalistisches und polenzentristisches Bewusstsein.

Dreh- und Angelpunkt ist stets die „Nation“, wobei der im Sinne der „nationalen Ertüchtigung“ ausgelegte Katholizismus als wichtige Wegmarke kollektiver Identifikation und nationaler Zugehörigkeit gilt. Interessant dabei ist, dass der hiermit bemühte Nationsbegriff, der bestimmte Gruppen von vornherein ausschließt (in erster Linie nationale und ethnische, aber auch religiöse Minderheiten), auch in der Volksrepublik zentraler Bezugspunkt des offiziellen Diskurses (und somit auch der Bildungspolitik) war. Während die sozialistische Führung versuchte, ihm die starke katholische Prägung zu nehmen, erwies sich gerade sein religiöses Moment als Grundlage für den polarisierenden Nationalismus innerhalb der Oppositionsbewegung der 1970er und 1980er Jahre, aus der die PiS als parteipolitisches Sammelsurium für national-konservative Kräfte der Nachwendezeit hervorging.

Die Erzählung vom heldenhaft leidenden polnischen Volk, das im Laufe der Geschichte immer wieder in seiner Existenz bedroht gewesen sei und nur durch die kulturelle Weitergabe der nationalen Tradition habe überdauern können, basiert auf einer Semantik des Stolzes. Diese hebt sich von der kritischen Selbstbefragung ab und steht somit im auffälligen Kontrast zur deutschen Erinnerungskultur, die vor allem auf der Distanzierung von der eigenen Vergangenheit beruht und dem breiten, wenn auch neuerdings (etwa von der AfD) immer wieder angefochtenen Konsens folgt, dass das geschichtspolitische Wirken des Staates ein Werkzeug sei, mit dem freiheitlich-demokratische Werte gestärkt und das Erbe eines übersteigerten Nationalismus überwunden werden sollte. Die derzeitigen polnischen Entscheidungsträger in den Bereichen Kultur und Bildung betrachten Geschichtspolitik stattdessen als Generator von Patriotismus und nationaler Identitätsbildung. Dieses Verständnis von Geschichtspolitik widerspricht dem Streben nach einer pluralistischen Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Gewalterfahrung des 20. Jahrhunderts, wie sie große geschichtspolitische Projekte auf EU-Ebene, darunter das „Haus der Europäischen Geschichte“ in Brüssel, anstreben. Sein wahres Ziel besteht eher darin, weitere Wählergenerationen für die katholisch-nationale Rechte heranzuziehen.

Ausblick

So sind es aktuell eher zivilgesellschaftliche Organisationen und Vereine, die eine pluralistisch angereicherte Bildung für polnische Schulen fordern und diese zum Teil als nichtstaatliche Bildungsträger auch umsetzen. Aus ihrer Mitte kommen prägende Ideen, wie man Schule heute neu denken, Lehrer besser ausbilden und bezahlen, Methoden weiterentwickeln und Erfolge für die Entwicklung des Landes verbuchen kann. Es zeigt sich, dass diese Entwicklung einen Wendepunkt markiert: Im Bildungssektor existiert ein Handlungsraum, der vorwiegend durch die Zivilgesellschaft in Polen moderiert und mit Leben gefüllt, von bildungspolitisch Verantwortlichen aber bestenfalls misstrauisch beäugt wird. Erkennbar ist der Wunsch, die Schule wie schon in kommunistischen Zeiten als eine „staatliche Besserungsanstalt“ aufzufassen, die möglichst viele an ein kollektives Bürgerverständnis angepasste Individuen hervorbringen soll. Auf Disziplin und Autoritätshörigkeit getrimmt, droht so die Bildung in den pädagogischen und sozialen Verhaltensmustern früherer Epochen zu verharren. Das alles birgt natürlich Konfliktstoff, und in seiner Schärfe ist er dringend erforderlich. Paradoxerweise könnte er der Zivilgesellschaft in Polen mittelfristig sogar dabei helfen, Prozesse der demokratischen Willensbildung zu beleben.

Aktuelle Tendenzen im Bereich Bildung in der Ukraine

Eine ähnliche offene Forderung, Geschichte als Ressource zur nationalen Identitätsstiftung einzusetzen, lässt sich seit einigen Jahren, vor allem nach der Annexion der Krim durch Russland und den daraufhin folgenden Konflikten, in der Ukraine beobachten. Auch diese Forderung, unterstützt durch das zentralstaatliche Bildungsministerium und das ukrainische Institut für Nationales Gedenken mit Wladimir Wjatrowitsch an der Spitze, der gern von „kompromissloser Nationsbildung“ spricht, basiert auf einer dichotomen Sichtweise, die eine klare Trennlinie zwischen Freunden und Feinden zieht. Vielschichtige, multiperspektivische Erzählungen, die sich diesem Schwarz-Weiß-Schema entziehen, haben in einer solchen Geschichtspolitik ebenso wenig einen Platz wie ambivalente Heldenfiguren.

Auf den ersten Blick ist diese Entwicklung, wie sie sich in der ukrainischen Bildungspolitik niederschlägt, sogar verständlich, denn das Land ist seit 2014 Schauplatz von militärisch ausgetragenen Konflikten. Als „frozen conflicts“ strahlen sie stark auf die Gesellschaft aus, was übrigens neben der Ukraine genauso für manche Länder der östlichen Partnerschaft wie Georgien, Armenien oder die Republik Moldau zutrifft. Es wäre daher ein Leichtes, die Defizite der ukrainischen Bildungspolitik mit der anhaltend schwierigen ökonomischen und geopolitischen Lage des Landes zu erklären. Angesichts der extremen Gleichzeitigkeit etlicher Reformprozesse in der gegenwärtigen Ukraine und der strukturellen Überlastung der Ministerien ist es wirklich nicht verwunderlich, dass Reformagenden zunächst nur partiell angegangen werden. Das Schicksal der bisherigen, noch bruchstückhaften Reformen im ukrainischen Bildungssektor zeigt indessen, dass ein Vierteljahrhundert der politischen Vernachlässigung ein hochgradig ineffektives und reformresistentes System erzeugt hat. Der von der Sowjetunion geerbte extreme Zentralismus ist nachvollziehbarerweise die Zielscheibe fast aller Reformbemühungen. Doch die Bildungspolitik ist interessanterweise davon ausgenommen. Noch mehr als bei der Korruption hat sich aufgrund der formal allmächtigen Rolle des Bildungsministeriums bei sämtlichen Akteuren ein Denken etabliert, dem eigenständige Initiativen fremd sind – ein Umstand, der sich etwa auf die Entwicklung kreativer neuer Studiengänge, Lehrpläne oder zeitgemäßer Universitätsstrukturen auswirkt.

Staat versus Zivilgesellschaft

Auch hier ist aber eine stärkere zivilgesellschaftliche Partizipation gefordert, die alle ukrainischen Staatsbürger einbindet. In der gegenwärtigen Ukraine gibt es genug aktive Bildungspraktiker, die sich in Vereinen für einen besseren Unterricht engagieren, der etwa der ethnischen und kulturellen Vielfalt des Landes und der wahrlich komplexen Nationalgeschichte gerecht wird. Ein gutes Beispiel ist der in Lemberg beheimatete, aber landesweit und insbesondere in der vom Krieg gezeichneten Ostukraine agierende Ukrainische Verband der Lehrer für Geschichte, Politische Bildung und Sozialkunde „NOVA DOBA“.2 Der Verband organisiert Seminare für Lehrer, Tagungen und betreut einen landesweiten, 1997 ins Leben gerufenen Geschichtswettbewerb EUSTORY. Die Preisträger wurden zuletzt im Juni 2018 im Nationalen Historischen Museum der Ukraine in Kiew ausgezeichnet. Es läge nahe, diese zivilgesellschaftlichen Kräfte einzubinden, um den Stau im Bildungssektor zu beheben und Tendenzen einer „kompromisslosen Nationsbildung“ entgegenzutreten, die immer auch Ausgrenzungen und somit die Schwächung bürgerschaftlicher Strukturen mit sich bringen.

Stattdessen hat im September 2017 das ukrainische Parlament, die Werchowna Rada, ein neues Bildungsgesetz beschlossen. Das als „größte Bildungsreform“ angepriesene Paket soll einen Paradigmenwechsel von der Fakten- zur Kompetenzorientierung der Schulen einleiten und diesen mehr Autonomie gegenüber lokalen Schulbehörden einräumen bzw. ihre finanzielle Selbstverwaltung ermöglichen. Ein Mehr auch an inhaltlicher Freiheit für die Gestaltung des Unterrichts soll wie im Hochschulsektor durch eine unabhängige Qualitätsaufsicht abgesichert werden. Doch das Bildungsgesetz polarisiert, weil es – nicht zuletzt durch den Geschichtsunterricht – um jeden Preis einen nationalen Zusammenhalt zementieren will und deshalb Maßnahmen einleitet, die das Gegenteil bewirken. Großes Aufsehen erregte es, wie zu erwarten war, in Russland, dessen Außenministerium umgehend eine Stellungnahme veröffentlichte. Darin heißt es: „Wir wurden auf die Verabschiedung eines neuen Gesetzes … aufmerksam, in dem harte Einschränkungen für die Nutzung der Sprachen der nationalen Minderheiten mit der Aussicht ihrer vollständigen Verdrängung aus dem Bildungssystem dieses Landes zum Jahr 2020 festgelegt werden. Obwohl im Gesetz die russische Sprache nicht erwähnt wird, ist offensichtlich, dass das Hauptziel der jetzigen ukrainischen Gesetzgeber die maximale Beeinträchtigung der Interessen von Millionen russischsprachigen Einwohnern der Ukraine und die gewaltsame Aufstellung eines monoethnischen Sprachregimes in einem multinationalen Staat ist. Wir betrachten diesen Schritt als Versuch der Majdan-Behörden, eine vollständige Ukrainisierung des Bildungsraums des Landes zu vollziehen ….“ Eine scharfe Kritik an dem erwähnten Gesetz wurde bereits von außenpolitischen Ämtern Ungarns, Polens, Rumäniens sowie vom Präsidenten der Republik Moldau ausgeübt.“

Das ukrainische Bildungsgesetz wirkt natürlich wie Wasser auf die Mühlen des Gegners, der es versteht, solche Entwicklungen auf eine zynische Art und Weise als einen willkommenen Anlass zu nutzen, um seine außenpolitische Agenda zu bespielen und die Ukraine als einen nationalistischen Staat darzustellen, der von europäischen Werten weit entfernt ist. Dabei spielen allein folgende Zahlen Russland in die Hände: Während es im Schuljahr 2010/11 noch 1.149 Schulen mit Russisch als Unterrichtssprache gab (685.806 Schülerinnen und Schüler), wurden im Schuljahr 2016 nur noch 351.948 Schülerinnen und Schüler in 614 solcher Schulen unterrichtet. Ihre Zahl geht weiter stark zurück. Anstatt den Fliehkräften innerhalb der ukrainischen Gesellschaft durch partizipatorische Maßnahmen in der Bildungspolitik entgegenzukommen, werden ganze gesellschaftliche Gruppen allein wegen der sprachlichen Kriterien ausgeschlossen bzw. stigmatisiert.

Mögliche Entwicklungen im Bereich der Bildung in der Ukraine und in Polen

Zivilgesellschaften sind in Zeiten zerreißender politischer (Polen) oder militärischer Konflikte (Ukraine) besonderen Belastungen ausgesetzt. Soweit es sich um demokratische Strukturen handelt, die über eine gewisse Autonomie gegenüber dem Staat verfügen, geraten sie unter starken staatlichen Instrumentalisierungsdruck. Häufig breiten sich Tendenzen der Radikalisierung, eines angefachten Patriotismus und Freund-Feind-Denkens aus, die demokratische Errungenschaften gefährden können. Andererseits ist der Staat in dieser Situation entscheidend auf die Unterstützung durch zivilgesellschaftliches Engagement angewiesen, was gesellschaftlichen Akteuren wiederum Spielräume bietet und ihnen neue Felder und Chancen erschließt. Besonders der sensible Bereich der Bildung(-spolitik) ist darauf angewiesen.

In Polen finden 2019 drei Wahlen von zentraler Bedeutung statt: Im Mai 2019 die Wahlen zum Europäischen Parlament, im Herbst 2019 die Parlamentswahlen, anschließend wird der Staatspräsident direkt gewählt. Diese Wahlen werden Antworten darauf geben, wie sich Polen in Europa – nicht zuletzt bildungspolitisch – in den nächsten Jahren verorten wird. Wir sollten ein Stück weit einer deutsch-polnischen Sprachlosigkeit begegnen, die die gegenwärtigen Verhältnisse beim größten östlichen Nachbarn Deutschlands exotisiert und externalisiert. Sind viele polnischen Probleme und Diskurse in Bildungsfragen nicht mit deutschen (oder niederländischen, italienischen und französischen) Problemen vergleichbar? Wie müsste eine moderne Bildungspolitik aussehen? Was muss alles im Bildungssektor angestoßen werden, um die junge Generation angesichts historischer Belastungen darauf vorzubereiten, kritisch und solidarisch auf europäischer Ebene im Gespräch zu bleiben? Welche Bildung braucht es, damit ein innereuropäischer Dialog gelingt?

Ohne entscheidende Weichenstellungen in der Bildungspolitik in Europa werden wir diese Fragen nicht wirklich beantworten können. Erst durch eine weitsichtige Bildungspolitik, die die Grenzen eigener nationalstaatlicher Beschränkungen überschreitet, wird ein transnationaler Dialog über Identitätskonstruktionen, Pluralismus und Werteorientierung angestoßen. Das sind dringende Voraussetzungen für gemeinsame Zukunftsentwürfe in Europa, mitten in einer globalen Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint; einer Welt, in der multilaterale Absprachen, Vertrauen und demokratischer Konsens immer weniger Gewicht haben. Auf solche transnationalen Absprachen kommt es jedoch auch in Zukunft an. Eine kluge Bildungspolitik muss daher versuchen, die immer noch zahlreichen Konfliktpotenziale in europäischen Schulbüchern zu beseitigen oder die Rolle von bilateralen Schulbuchgesprächen bei der Suche nach Verständigung und Zusammenarbeit zu unterstützen.

Präsentation des gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtsbuchs „Europa. Unsere Geschichte“ im Beisein der Außenminister von Polen und Deutschland am 22. Juni 2016 in Berlin (© Bettina Ausserhofer für Georg-Eckert-Institut)3

So wäre man in Europa – und zwar nicht nur in der zerklüfteten Öffentlichkeit in Polen, nicht nur in der von Krisen geschüttelten Ukraine – gut beraten, vorhandene Feindbilder im Geschichtsunterricht entkräften. Dabei sollte man auch kontroverse bzw. sensible Themen aufgreifen, Ambivalenzen zulassen und über unterschiedliche erinnerungspolitische Positionen diskutieren. Angesichts der aktuellen Probleme von Modernisierung, Digitalisierung und Migration sollte die europäische Bildungspolitik so aufgestellt sein, dass sie in der Lage ist und die junge Generation in die Lage versetzt, die Ebene des Nationalstaatlichen zu überspringen und die eigentliche, eben überstaatliche, globale Dimension der Herausforderungen zu erkennen, vor denen nicht nur wir Europäer stehen.


Fußnoten:


  1. Agata Nowakowska und Dominika Wielowieyska im Gespräch mit Robert Szuchta: „Program nauczania historii jest do bani“. In: Gazeta Wyborcza, 18.10.2011; http://wyborcza.pl/1,75515,10489824, Program_nauczania_historii_jest_do_ bani.html (letzter Zugriff: 02.04.2019). 

  2. Informationen zu „NOVA DOBA“ z. B. unter https://euroclio.eu/member/ukrainian-association-teachers-history-social-studies-nova-doba/

  3. Weitere Informationen zur Präsentation unter https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/europa/zusammenarbeit-staaten/polen/160622-schulbuch/281442 (letzter Zugriff: 02.04.2019).