Heimat Europa? Regionale Akzente in osteuropäischer Literatur

aus OWEP 3/2003  •  von Alfred Sproede

Prof. Dr. Alfred Sproede lehrt Slavistik und Baltistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Sesshaftigkeit innerhalb eines vertrauten regionalen bzw. landschaftlichen Horizonts, Zugehörigkeit zu einer überschaubaren regionalen, familiären oder beruflichen Gemeinschaft – diese Grundzüge von Heimaterfahrung und Heimatbedürfnis sind fraglos eine anthropologische Grundtatsache. Und doch scheint es bei aller überhistorischen Gültigkeit dieser Strukturen, als erschlösse sich Heimat im spezifischen Sinn erst aus einem doppelten Kompensationsbezug, der eine klare historische „Adresse“ hat: Einerseits ist Heimat offenbar Kompensation für Defizite, die in der politischen Nation erfahren werden; und andererseits fängt sie eine Reihe von Problemen auf, die in der Gesellschaftsstruktur der Moderne wurzeln. Heimat kann die Entgrenzung der regionalen Horizonte kompensieren, die ein nationaler Einigungswille bewirkt, aber auch die Rationalisierungs- und Verfahrenslogiken nachtraditioneller Gesellschaften entschärfen; sie ist in dieser Sicht ein nachholender Prozess der Lebenswelt-Erfindung.

Die Vorstellungen, die sich mit dem deutschen Wort Heimat verbinden, sind keineswegs nur von idyllischer bzw. romantischer Art. Das Grimmsche Wörterbuch verzeichnet auch die eigentums- und erbrechtliche Bedeutung „Haus und Hof, Besitztum“, „Stück Land“. In der Mehrheit der slavischen Sprachen entsteht das Wort für Heimat nicht aus Bedeutungserweiterungen von „Grundeigentum“, sondern leitet sich vom Phänomen des Familienverbands und der Zeugung ab. Heimat ist hier Geburtsort, Vaterland, Familienherkunft (poln. „ojczyzna“, „miejsce“ respektive „strony rodzinne“; russ. „rodina“, „rodnoj kraj“ und das ältere „otečestvo“). Das Ukrainische kennt die Übergangsform „bat‘kivščyna“ (von bat‘ko, „Vater“), in der mit der Konnotation „Erbteil“ Abstammungs- und Eigentumsbedeutung ineinander übergehen.

Die vor- oder gegenpolitische Raumordnung bzw. Raumerfahrung in überschaubaren Horizonten und geringer Komplexität spiegelt den Gegensatz von „droit du sol“ („Bodenrecht“) und „droit du sang“ („Blutrecht“) wieder, so wie er in die verschiedenen Rechtsordnungen zur Staatsbürgerschaft eingegangen ist. Gerade in den osteuropäischen Ländern mit ihrer überwiegend landwirtschaftlich tätigen Bevölkerungsmehrheit speist sich das Herkommen sprachlich nur selten aus territorialen, sondern überwiegend aus Vorstellungen, die auf den Familienverband verweisen.

Problem-Heimat Polen: Das politische „Vaterland“

Heimat und Herkommen in Polen rücken spätestens seit den drei Teilungen des Landes von 1772, 1793 und 1795 in den Horizont der Politik. Denn die drei Teilungsmächte greifen nicht nur durch Grenzziehungen und neue Rechtsordnungen, sondern auch durch die Konskription massiv in die regionalen Identifikationsgefüge ein. Nach den missglückten Aufständen von 1794, 1830/31 und 1863/64 setzen Deportationen ein, aber auch die so genannte „Große Emigration“, die nach 1830 ein westeuropäisches Polentum vor allem in Paris in Wartestellung bringt. Die großen Romantiker Mickiewicz und Słowacki gestalten den Heimatverlust und die Sehnsucht nach dem polnischen Zuhause in sehr verschiedener Weise.

Mickiewiczs Versepos Herr Thaddäus, oder Die letzte Fehde in Litauen. Eine Adelsgeschichte aus den Jahren 1811 und 1812 entsteht gegen 1834 in Paris. Das Werk ist in doppeltem Sinne kontrafaktisch: Obwohl nach einer erneuten Niederlage Polens (der russischen Niederschlagung des Novemberaufstandes 1831) entstanden, schildert es den Russlandfeldzug Napoleons 1812, als ob die Befreiung der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik aus russischer Unterdrückung noch eine reale Chance hätte. Mickiewicz fingiert die Aussicht auf eine Befreiung durch Napoleon allerdings nicht, um die Nostalgie nach der adligen Sarmaten-Heimat zu bedienen. Für ihn beinhaltet Napoleons Politik das unvollendete (aber auch nach dessen Scheitern noch aktuelle) Programm einer europäischen Föderation; Polen-Litauen soll dabei den Anfang machen, auch wenn die Doppelrepublik vorab nur im Rückblick auf eine glückliche Kinderzeit oder als künftige Hoffnung und als Versprechen Bestand hat.

Sehr vergleichbar ist auch die „Philosophie der Tat“, die der Latenzperiode von Heimat ein Ende setzen soll, denn Napoleon oder Westeuropa werden Polen die Freiheit nicht zum Geschenk machen; vielmehr kann die versprochene Föderation nur Realität werden, wenn Polen und Litauer ihrer innenpolitischen Zügellosigkeit (dem Missbrauch des liberum veto und der Adelsfreiheiten) Grenzen setzen und wieder konsens- bzw. handlungsfähig werden. Dienst am Gemeinwohl, die Verdammung der Standes- und Besitzegoismen (poln. „prywata“) – mit diesen Prinzipien verarbeitet die polnische Elite insgesamt den Heimatverlust, und zwar überaus selbstkritisch: Weil der altpolnische Adel sich nicht in die Disziplin des Gemeinwohls fügen wollte, bringt der Dienst an Polen jetzt um so größere Opfer mit sich.

Es liegt auf der Hand, dass diese politisierte Heimat, dieses Vaterland der Märtyrer, immer wieder zur Zielscheibe von Kritik und Spott werden musste. Bereits der polnische Positivismus geht gegen den Kult des nationalen Verschwörer- und Märtyrertums vor. Er problematisiert dabei das politisierte Vaterland im Namen einer moralischen Heimat. Bolesław Prus schildert in der Erzählung „Der Irrtum“ (1884) aus der Perspektive eines Kindes, wie der Fanatismus „vaterländischer“ Politiker die Lebenswelt solidarischen Polentums zerstört. Die versprochene polnische Nation wird auch in Sienkiewiczs Kurzroman „Sieger Bartek“ (1882) auf den Boden der Lebenswelt herabgeholt: Der aus der Region Posen kommende Bauer Bartłomej hat sich unter preußischer Führung im Militärdienst hervorgetan und im Frankreichfeldzug 1871 besondere Verdienste erworben. Erst bei der Heimkehr bemerkt der dumpfe, politisch unbedarfte Haudegen, dass seine Heldentaten ein sinnloses Opfer waren. Keine versprochene Heimat hat er erworben – im Gegenteil: Während seiner Zeit im Frankreichfeldzug wurde sein Hof von einem Deutschen vereinnahmt.

Diese Konstellation findet das polnische 20. Jahrhundert vor. In seinem Emigrationsroman Transatlantik (1953) verhöhnt Witold Gombrowicz die polnische Operettenheimat und ihre große Fahne. Dem Vater-Land (poln. ojczyzna), das nur Opfer verlangt und seine Kinder zu Märtyrern macht, stellt er eine polemische „synczyzna“, das eigenwillige, lustbetonte Sohnes-Land entgegen. In Sławomir Mrożeks satirischem Theaterstück Auf hoher See (1961) ist dieses Vaterland ein auf dem Ozean herumtreibendes Floß; hier berät eine Gruppe von Schiffbrüchigen, wie das drohende Verhungern abgewendet und wer durch „demokratische“ Beratung dazu designiert werden kann, sich als Überlebensration für die Gemeinschaft zu opfern.

Bereits früher als diese Frontalangriffe auf die polnische ojczyzna vollzog sich in der polnischen Sprachkultur ein interessanter Prozess. Wie bereits gesagt, gibt es keine wörtliche Entsprechung zu „Heimat“; es fehlen nicht nur der pietistische Gemütswert und das biedermeierliche „Gestimmtsein“, das im deutschen Begriff mitschwingt. Aber es gibt natürlich das Bewusstsein von vorpolitischen Regionen und Gemeinschaften; und noch vor dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums wird deutlich, dass dieses Bewusstsein beträchtliches Widerstandspotenzial enthält. Damit ist eines der Motive für die Neubildung „mała“ respektive „prywatna ojczyzna” (kleines bzw. privates Vaterland) benannt. Wo der Begriff zuerst auftaucht, bedarf noch der Klärung; er verbindet sich mit den Werken von Nachkriegsautoren wie Czesław Miłosz, Julian Stryjkowski, Andrzej Kuśniewicz oder Tadeusz Konwicki. Die Texte umkreisen die im 19. Jahrhundert und durch die Westverschiebeung Polens 1945 verlorenen Ostgebiete – poetisierte, in der Erinnerung wiedergefundene Landstriche um Wilna und aus den Heimatregionen Mickiewiczs sowie aus der Region um Lemberg und aus Galizien.

Post-Kommunismus, Heimat und „private Vaterländer“

Das Interesse an der vor-politischen Peripherie Polens kommt erneut in der Prosa der neunziger Jahre zum tragen. Andrzej Stasiuk malt die Welt hinter Dukla aus – Galizien und die Beskiden-Region. Bereits vor dieser Zeit hatte die polnische „Literatur über die Wurzeln“ (literatura korzenna) sich neue Regionen erschlossen: die westliche Peripherie, die polnischen Vertriebenen nach der Westverschiebung Polens als neue Heimat aufgegeben ist. Dabei kommen vor allem die beiden Städte Danzig und Breslau in den Blick – Breslau als die Stadt, in die überwiegend Lemberger Polen umgesiedelt werden, Danzig als neue Heimat so genannter „Repatrianten“ aus Wilna.

Bei der Entstehung der polnischen Prosa über die Danziger Neu-Heimat hat ein deutscher Schriftsteller Geburtshilfe geleistet: Günter Grass ist mit seiner Danziger Trilogie (Die Blechtrommel, Katz und Maus, Hundejahre) ein einzigartiger Anstoß zum unbefangenen Umgang mit der deutschen Geographie der früheren Freien Stadt. Grass ist zugleich der Bote einer von den polnischen Stalinisten tabuisierten, aber letztlich unabweisbaren Vorgeschichte. Die Strahlkraft der Stadt in der polnischen Literatur rührt weiterhin aus einer ganz paradoxen Situation. Je mehr Danzig durch die Gewerkschaftsbewegung „Solidarność“ und die historischen Ereignisse von 1980-1981 zum neu-polnischen Gdanśk geworden ist, desto souveräner kann die Stadt mit ihrer Geschichte umgehen, und das heißt auch: mit ihrer deutschen Vergangenheit. Danzig wird Heimat, insofern es Ort deutsch-polnischen Erzählens sein kann.

Vor diesem Hintergrund erscheint Mitte der neunziger Jahre Stefan Chwins Roman Tod in Danzig (Originaltitel Hanemann, 1995). Chwin, dessen Vater nach dem Kriege aus Wilna nach Danzig gekommen ist, verbindet hier die Inspiration der ostpolnischen Literaten mit dem allgemeinen Regionalismus, der nach der Wende von 1989 populär geworden ist. Die Eltern des Erzählers sind nach Kriegsende in das von Russen verwüstete Danzig gekommen – die Mutter aus dem in Trümmern liegenden Warschau, der Vater als Wilnaer „Vertriebener“ – und haben sich am Stadtrand Richtung Oliwa ein Haus ausgesucht, in dem ein zurückgebliebener Deutscher wohnt. Der Anatomieprofessor Hanemann hat sich nicht dem Flüchtlingsstrom angeschlossen, der unter russischem Panzerbeschuss die Flucht über die Ostsee angetreten hat. In Danzig hält ihn die lähmende Erinnerung an den Tod seiner Geliebten, Luise Berger, die vor Kriegsende bei einem geheimnisvollen Schiffsunfall ums Leben gekommen ist. Aus eigenen Kindheitserlebnissen und aus Zeugnissen gewinnt der Erzähler das Bild Danzigs von den Anfängen der nationalsozialistischen Übergriffe auf die Freistadt bis zur Durchsetzung stalinistischer Verhältnisse in den fünfziger Jahren. In Tod in Danzig wird eine „fremde Kultur“ entschlüsselt, die den polnischen „Neu-Danzigern“ aus den Hinterlassenschaften der vertriebenen Deutschen entgegentritt.

Was deutsche Vertriebenenverbände über Jahrzehnte hin nicht verstehen konnten: dass nämlich die vermeintlichen Neusiedler keine begeisterten Agenten der Polonisierung deutscher Gebiete, sondern wie sie selbst Vertriebene waren, das gestaltet Chwin hier meisterlich als den Zusammenstoß polnischer Ostvertriebener inmitten einer Welt deutscher Namen – von den Warm-Kalt-Schildern der Wasserhähne über die Porzellanbeschriftungen und Monogramme hinterlassener Haushaltsgegenstände bis zu Straßennamen. Die Stadt Danzig wird dabei zu einem beinahe mythischen Gelände (wie Dublin bei James Joyce oder Alfred Döblins Berlin).

Fast ebenso wichtig wie die entfaltete Fabel ist in diesem Kontext die Transformation eines vorgegebenen kulturellen Text-, Benennungs- und Geographierepertoires: etwa die Wiederkehr deutscher Namen und Dinge hinter der überlagerten Kultur derer, die hier neue Heimat finden sollen. Diese Seiten des Buches bieten eine Hermeneutik der Kultur und Lebenswelt, die in der osteuropäischen Literatur einzigartig dasteht.

Heimaten östlich von Polen

In anderen Ländern des ehemaligen „sozialistischen Lagers“ hat diese Flurbereinigung andere Voraussetzungen gehabt – und ist dennoch zu vergleichbaren Ergebnissen gelangt. In Litauen ist vor einiger Zeit ein Roman erschienen (neuerdings auch in deutscher Übersetzung zugänglich), der das regionale Raster auf die Modernisierungsschübe projiziert, die das Land seit der Unabhängigkeit erlebt: Renata Šerelytės Roman Sterne der Eiszeit (2002). Ein literaturbegeistertes Mädchen geht aus dem heimatlichen Dorf nach Vilnius, um zu studieren und in den Literaturbetrieb Zugang zu finden. Der zerfallenen und – auch nach der Beseitigung der sowjetisierten Verwaltung – vom Alkoholismus verwüsteten ländlichen Heimat steht die turbulente und korrupte Hauptstadt gegenüber: eben auch kein wirkliches rettendes Terrain. Und doch ist das neue Vilnius ein Raum, in dem die Heldin bei allen Schockerfahrungen und Verwirrungen einen Boden unter den Füßen hat, der seit der Wende nicht mehr polizeilich unterkellert ist. Die Vorgänge, so abstoßend sie sein mögen, sind nicht Ausfluss einer sowjetisch verwalteten Welt. Sie entwachsen einem Boden, der nicht politisch-administrativ präpariert ist, sondern lebt – einem Boden, in dem die Menschen vielleicht doch Wurzeln schlagen können?

Aber Šerelytės Vilnius liegt bei aller Lebendigkeit doch noch auf einem präparierten Grund: Die Lebendigkeit der Stadterfahrungen verdankt sich im Wesentlichen einer absichtsvollen (und gelegentlich überspannten) poetischen Fiktion. Die „Sterne“ und die „Eiszeit“ sind, ebenso wie alle „Nachthimmel“, „Tauwetter“ und andere Morgenröten, von beinahe märchenhafter Art. Sie kommen aus der Zeit, als das Wünschen geholfen hat, sind im Guten oder Schlechten voluntaristisch – eben: Heimat-Fiktion. Die in großer Fülle aufgerufenen dichterischen Traditionen, angefangen von den bäuerlichen Jahreszeiten des großen litauischen Dichters Donelaitis, geben dem Bild eine gewisse Tiefe; aber sie suggerieren ein Zuhause, das vor allem dem Literaturkritiker als heimische Region offen steht.

Das imaginäre Galizien des Jurij Andruchovyč

Das litauische Regionalporträt von Renata Šerelytė wirkt poetisch erzwungen; es verdankt sich einem literarischen Kraftakt, der letztlich innerhalb der ideologischen Räume und Horizonte des früheren Regimes verpufft. Jurij Andruchovyč entfaltet das Bild seiner Umwelt ohne solchen Voluntarismus. Er kennt ebenso wie seine litauische Kollegin die ruppige Modernität und den aggressiven Kommerzialismus der post-sowjetischen Ära; seine Romane der frühen neunziger Jahre, etwa Erholungstouren (1992), Moskoviada. Ein Schauerroman (1993) oder Perversion (1996) schildern eine ganze Gesellschaft buchstäblich im freien Fall – ganz ohne das Netz der Schönen Literatur, vielmehr in direkter Konfrontation mit verfallenden Alltagsgewissheiten und den Ruinen der sowjetischen „lichten Zukunft“.

Sein Essayband Ortsunsicherheit (Dezorijentacija na miscevosti, 1999) geht weit über die Wortgefechte hinaus, die sich vordem die Bohémiens aus der ukrainischen Peripherie lieferten. Die jetzt veröffentlichten Artikel handeln wohl noch von einem „künstlerischen Freiraum“ in der Provinz. Aber diese Provinz ist jetzt viel mehr: eine alteuropäische Kultur- und Geschichtslandschaft als gegenwärtige Heimat. Das Wort „Desorientierung“ im ukrainischen Originaltitel weist genau wie die Evokation der „Ruinen“ aus der K.u.k.-Ära auf ein positives Terrain.

Den Eröffnungsessay nennt Andruchovyč „Erc-Herc-Perc“ – Anspielung auf den Vorfall, als ein ukrainischer Bauer beim Regimentsappell den Namen des habsburgischen Kommandeurs „Erzherzog Ritter von Toskana“ verballhornt. Verballhornen die Ukrainer auch weiterhin die Namen der beiden vormaligen Imperien Habsburg und Russland? Gilt noch immer der Satz, dass „die Ukraine sich in den eigenen Orten erst noch einleben muss“? Andruchovyč bejaht diese Fragen. Aber er genießt auch die Entdeckungen, die ihm bei der Suche nach Heimat begegnen. Wie die Danziger Autoren, so trifft auch er auf eine deutsche – diesmal Habsburger – Vergangenheit: Es sind K.u.k-Germanismen, eine an Wiener Vorbildern geschulte Architektur, vor allem aber eine schwindelerregende Grenzverschiebung: Im Lichte der österreichischen imperialen Vergangenheit betrachtet, rückt Lemberg nämlich unvermutet aus der Nachbarschaft mit Tambov und Taschkent in den Dunstkreis Venedig oder Triests; und „Russland ist fern, ja es existiert gar nicht mehr.“ („Carpathologia cosmophilica. Versuch einer fiktiven Landeskunde“).

Andruchovyčs „fiktive Landeskunde“ zielt immer wieder auf die metaphorische Abschaffung der sowjet-russischen Nachbarschaft. Im Aufsatz „Die Schiffs-Stadt“ wird Lemberg zu einem riesigen Wrack, das auf der Wasserscheide zwischen dem Baltischen Becken und dem Schwarzen Meer auf Grund gelaufen ist. Die Stadt überbrückt und verwischt somit die Grenze zwischen den beiden Großregionen, sie liegt aber auch in einer Ruinenlandschaft, inmitten des Strandguts einer gewaltsamen, blutigen Geschichte, der ganze Bevölkerungsgruppen – vor allem die Juden – zum Opfer gefallen sind. Aber das Bild der Wasserscheide ist ambivalent: Die Grenze teilt nicht nur, sie wird auch überschritten; und eben auch die Begegnungen sind in Lemberg aufgehoben. Lemberg ist eine rettende Arche.

Aus der Geschichte ließe sich solche Gewissheit nicht leicht gewinnen. Deshalb wendet sich Andruchovyč den Gewissheiten geformter, artikulierter Landschaften und Orte zu: „Das Formgefühl, oder genauer: der Mangel daran – das ist der Name für all unsere Unglücksfälle. Wir können und wollen aus unserem Leben kein Kunstwerk machen … Wir verstehen es nicht, mit den Vögeln, den Blumen und den Skulpturen zu koexistieren“ (Ortsunsicherheit, S. 39). So liest sich Andruchovyčs Dichtung streckenweise wie eine Einübung in das Formenrepertoire der Stadt Lemberg; und die Stadt, ihre Architektur, speziell ihre barocken Kirchenbauten, helfen unserer Unfähigkeit zur „Koexistenz mit den Skulpturen“ auf.

Das Bewusstsein, in einer ganz entlegenen Region zu leben, artikuliert Andruchovyč zuletzt in seinem Essay „Zeit und Raum, oder Mein letztes Territorium“, einer Stellungnahme zur Kunst der Postmoderne. Hier zeigt sich, wie weit die titelgebende Ortsunsicherheit noch in das Gefühl der Heimat hineinreicht. Denn Galizien ist nicht nur ein den Raum gestaltendes Formenspiel; es ist auch österreichische Erfindung und polnisches Phantasma, Heimat des Chassidimus und des Marxismus, Territorium der Intrige und Anekdote, kurz: ein Raum, in dem die Gespenster und Ephemeriden herrschen, ein postmodernes Gelände par excellence. Und so bleibt die zunächst so aussichtsreich wirkende Heimatbestimmung als offene Aufgabe, wenn nicht als Verlegenheit, zurück.

Ausblick

Die vorliegende Skizze versuchte dem Problem „Heimat“ näher zu kommen, indem sie an einigen Beispielländern die Spannung „regionale Identitätsentwürfe versus Nation“ und „gewachsene Lebenswelt versus Modernisierung“ auslotete. Dabei ist zunächst ein vorab nicht berücksichtigter Gegenpol zum Bedeutungsfeld Heimat (Region, Lebenswelt etc.) in den Blick gekommen: der totalitäre Staat als Agent einer zeitlich gerafften Modernisierung und zugleich als Anwalt übergreifender Raumordnungen, Bevölkerungsverschiebungen o. ä.

Die Gegenbilder von Heimat – Vertreibung, Migration, Fremdheit und Umgang mit Fremden – konnten hier nur am Rande erwähnt werden. Es ging hier überwiegend um Raumordnungen und Sinnwelten mit Entlastungsfunktion und mit reduzierter Komplexität. Zu fragen wäre als nächstes nach Wahlheimaten und nach literarischen Darstellungen über die Anverwandlung „fremder Welten“. Die Ausweitung der Europäischen Union bis kurz vor die Tür der Ukraine und Weißrusslands wird gerade diesen Problemen sicherlich manch neue Wendung geben. Und vielleicht treffen künftige Forschungen zu diesen Fragen in eine Zeit, in der ein auf Osteuropa gerichtetes Problembewusstsein hierzulande auch wieder heimisch geworden sein wird – statt eines entpolitisierten und vor Bernstein-Kulissen pompös zelebrierten Kulturaustauschs.


Literaturhinweise

  • Andruchovyč, Jurij: Dezorijentacija na miscevosti. (Ortsunsicherheit. Essays), Ivano-Frankivs‘k 1990.
  • Andruchovyč, Jurij: Spurensuche im Juli. Gedichte, übersetzt von Anna-Halja Horbatsch. Reichelsheim 1995.
  • Chwin, Stefan: Hanemann. Danzig 1995. Deutsch unter dem Titel „Tod in Danzig“ von Renate Schmidgall. Berlin 1997.
  • Haslinger, Peter (Hrsg.): Regionale und nationale Identitäten. Wechselwirkungen und Spannungsfelder im Zeitalter moderner Staatlichkeit. (Identitäten und Alteritäten, Bd. 5). Würzburg 2000.
  • Huber, Andreas: Heimat in der Postmoderne. Zürich 1999.
  • Solms, Wilhelm (Hrsg.): Dichtung und Heimat. Sieben Autoren unterlaufen ein Thema. Marburg 1990.
  • Šerelytė, Renata: Sterne der Eiszeit. Aus dem Litauischen von Akvilė Galvosaitė), Berlin 2002.