„Fleischbeschau“

aus OWEP 2/2002  •  von Inge Bell

Inge Bell lebt in München und arbeitet als Fernseh- und Hörfunkjournalistin für ARD und ZDF mit dem Themenschwerpunkt Balkan.

Sie hat eine hässliche Narbe von einer Blinddarm-Operation und einen ausgeschlagenen Zahn. Das mindert ihren Kaufpreis. Für nur 2000 Mark wechselt sie den Besitzer. Das Mädchen neben ihr ist teurer, bessere Ware, weil unversehrt. Sie wird für 3000 Mark verkauft. Die Mädchen haben nur einen Slip an. Damit die Männer sie besser begutachten können. Die Mädchen stehen herum, frieren. Ein paar von ihnen haben die Arme über der nackten Brust verschränkt. Ein paar von ihnen rauchen nervös. Sie schweigen. Die Männer reden. Schnell werden sie handelseinig – für mich die Blonde aus Moldawien und die Brünette aus Rumänien, 5000 Mark. Das Geschäft wird per Handschlag besiegelt. Ehrensache. Die Ware darf sich wieder anziehen. Ihre wenigen Sachen packen. Ab ins Auto. Fahrt durch die Nacht. Dann zu Fuß über die grüne Grenze. Endstation Bordell. Die mit Narbe und ohne Zahn an die Bar, die andere – Striptease. Für beide gilt: Sex mit den zahlenden Kunden, bis der Kaufpreis abgearbeitet ist. Keine Widerrede. Sonst gibt’s nichts zu essen oder Schläge auf den Hinterkopf, wo man die Narben nicht sieht.

Sexsklavinnen aus dem Osten sind Exportschlager. Die Wirtschaft in den Ländern des ehemaligen Ostblocks krankt vor sich hin, in den einen mehr, in den anderen weniger. Das hängt von ihrer Nähe zur EU ab. Tschechien, Polen, Ungarn und Slowenien scheinen die schlimmsten Jahre schon hinter sich zu haben, doch Rumänien, Bulgarien, Albanien, das ehemalige Jugoslawien und das, was einmal die Sowjetunion war, hinken einem positiven wirtschaftlichen Wandel noch deutlich hinterher. Grundsätzlich gilt: je weiter östlich, desto desolater die Wirtschaft, je weiter östlich, desto trostloser der Alltag, je weiter östlich, desto ärmer die Menschen – und desto verzweifelter. Dafür blüht die Schattenwirtschaft. Waffenhandel und Drogenschmuggel sind äußerst lukrative Geschäfte in diesen schwierigen Zeiten. Doch Menschenhandel, und vor allem Frauenhandel ist wegen des schier endlosen Nachschubs aus den ärmsten Ländern Osteuropas noch weitaus attraktiver: Schlepperbanden und Zuhälterringe machen damit jährlich Milliardengewinne; 7 Milliarden Dollar sagen Schätzungen. Angeblich sollen derzeit 500.000 Osteuropäerinnen im Ausland als Sexsklavinnen arbeiten. Doch Zahlen sollte man mit Vorsicht genießen, niemand weiß wirklich, wie viele Frauen und Mädchen aus Osteuropa Richtung Westen verkauft und in die Prostitution gezwungen werden. Nur soviel: es sind Zigtausende jährlich. Niemand kennt die tatsächlichen Ausmaße dieses Geschäfts.

Ein Geschäft, in dem Gewalt alles ist und Menschenwürde nichts. Ein Geschäft mit der Naivität der Frauen und Mädchen. Ein brutales Geschäft mit ihren Träumen von einer besseren Zukunft.

Der Mechanismus

Zum Beispiel: Schauplatz Republik Moldawien. Nordöstlich von Rumänien gelegen. Das Land gehörte zum Sowjet-Reich, ist seit 1990 unabhängig. Schreiende Armut – das monatliche Einkommen eines Lehrers liegt bei 10 US-Dollar, bei Preisen fast wie im Westen. Selbst wer Arbeit hat, kann davon nicht leben. Doch Arbeit gibt es nicht in der Republik Moldawien. Dafür gibt es viele Zeitungsanzeigen und Vermittlungsagenturen, sie versprechen Arbeit im Westen. Kellnerin in Italien, 2000 US-Dollar im Monat; Sprachkenntnisse, Berufserfahrung oder gar gastronomische Ausbildung – nein, keine Voraussetzungen erforderlich, außer Frau sein und jung sein. Die Frauen, die sich darauf einlassen, sind nicht misstrauisch. Sie sind naiv, haben zwar keine Erfahrung mit dem Westen, gehen aber das Risiko ein. Ihre Vorstellung von Westeuropa ist allenfalls das verzerrte Bild, das ihnen das westliche Fernsehen vorgaukelt: reiche Länder, sorglose Menschen – das genaue Gegenteil von Moldawien. Das Paradies. Dort muss es einem ganz automatisch gut gehen. Die einzige Chance, dem Elend zu entrinnen, die letzte Möglichkeit, die arme Familie zu unterstützen. Außerdem wird von den Agenturen meist sogar ein Arbeitsvertrag gemacht, um die Frauen in Sicherheit zu wiegen. Doch der ist das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben ist. Das wissen die Frauen aber nicht – sie denken: Vertrag, Stempel, Unterschrift, das wird schon seine Richtigkeit haben. Erst nachdem die Reise Richtung Westen begonnen hat, merken die Frauen, dass sie in die Falle gegangen sind. Dass die netten Männer, die den Reisebus begleiten oder das Auto fahren, den Pass nicht mehr herausrücken wollen, sich als brutale Schlepper oder Mittelsmänner entpuppen. Die jungen Frauen merken zu spät, dass sie nicht mehr entkommen, dass sie sich nicht durchsetzen können. Sie sind schon zu Sklavinnen geworden. Sie werden bei Nacht zu Fuß über Wald und Feld getrieben, weil sie ja gar kein Visum haben für Ungarn oder Österreich oder Italien oder Deutschland. Der Traum von der rosigen Zukunft im Westen zerbricht in dieser Nacht. Die Realität ist ein schäbiges Zimmer in einer Bar oder einem Privathaus. Eine Zwischenstation, der eigentliche Sklavenmarkt. Hier werden sie zusammengepfercht wie Vieh, meist bringen andere Händler andere Frauen aus anderen Ländern dazu – ein Umschlagplatz. Die Gruppe Frauen wird den „Einkäufern“ vorgeführt, so nackt wie möglich, und dann an ihren Endabnehmer verkauft, einen Zuhälter. Widerstand ist zwecklos. Die Männer im Business sind brutal und kennen keine Skrupel.

Neben den Frauen, die absolut unwissend in die Falle einer Vermittlungsagentur geraten, neben den Frauen und Mädchen, die schlichtweg gekidnappt werden, gibt es auch junge, naive Frauen, die sich freiwillig in die Hände von Schleppern oder Menschenhändlern begeben. Sie sehen in der Prostitution die einzige Verdienstmöglichkeit, die einzige Chance, der meist kaputten Familie zu Hause zu entrinnen. Prostitution – das wird schon nicht so schlimm sein. Besser jedenfalls als das Leben mit dem Suff und den Schlägen des Vaters, mit der Arbeitslosigkeit der Geschwister, mit der Perspektivlosigkeit in einem trostlosen Dorf. Außerdem verspricht der Zuhälter oder Mittelsmann Amüsement: Du sollst tanzen und ein bisschen nett sein zu den Männern. Wer dir gefällt, mit dem kannst Du dann aufs Zimmer gehen.

Erst wenn auch sie weiterverkauft und eingesperrt werden, wenn ihnen Papiere und Menschenrechte genommen werden, wenn sie misshandelt und gefügig gemacht werden, merken sie, dass sie in eine Falle gegangen sind. Und noch dazu sehenden Auges. Das Schlimme daran: sie denken, sie seien daran selbst schuld, sie wollten sich ja einlassen auf das Wagnis Prostitution, jetzt müssen sie das eben ausbaden. Dass sie selbstbestimmte Prostitution erwartet hatten, eine Prostitution, in der sie die Oberhand behalten und ihre Freier aussuchen können, dann aber machtlos in die Zwangsprostitution geraten sind, macht für sie keinen Unterschied in ihrer Scham und ihren Schuldgefühlen.

Die Umschlagplätze

Drehscheibe Balkan. Serbien ist ein beliebter Umschlagplatz für den Exportartikel Sex-Sklavin. Serbien hat Tschechien und Polen den Rang abgelaufen, diese Länder waren noch Anfang der neunziger Jahre die Hauptumschlagplätze für den Menschenhandel. Zig-Tausende Mädchen und junge Frauen aus den Herkunftsländern Rumänien, Moldawien, Ukraine, Bulgarien, Weißrussland. Sie werden verkauft in die Zielländer Kosovo, Albanien, Mazedonien, aber auch: nach Italien, Deutschland, in die Benelux-Länder und Frankreich. Die Händler, Schlepper und Zuhälter sind meist Albaner, Serben, Russen, Türken. Die Kunden in den Bordellen sind Männer aller Nationalitäten und Schichten, Einheimische des jeweiligen Ziel-Landes, Otto Normalverbraucher eben.

Die Frauen werden in den meisten Fällen illegal über die Grenzen gebracht: nach Serbien also zum Beispiel zu Fuß durch Wald und Wiese, versteckt in einem LKW oder Minibus, in einem Boot, das bei Nacht und Nebel über die Donau gerudert wird. Sie werden dann in die Übergangsquartiere gesperrt, bis alle erwarteten Frauen-Gruppen eingetroffen sind, bis der eigentliche Sklavenmarkt stattfinden kann. Das können Hinterzimmer von Bars sein, kleine Hotels, Privathäuser von Mittelsmännern. Hier müssen zwanzig oder mehr Mädchen und Frauen Platz finden, wo keiner ist. Sie schlafen auf dem Boden, bekommen beispielsweise aus einem großen Futternapf kalte Bohnen aus Konserven vorgesetzt. Das Essen reicht nie. Die Behandlung ist unter aller Menschenwürde und kann wochenlang andauern, bis eben alle Frauen beisammen sind. Bis dahin Schikane und Misshandlung, um den Willen zu brechen. Wohl auch darum setzen die Menschenhändler zunehmend auf Mädchen und sehr junge Frauen: sie sind gefügiger, wissen sich nicht zu wehren. Schließlich der entscheidende Tag: die „Fleischbeschau“. Zuhälter und Weiterverkäufer aus allen möglichen Ländern kommen zusammen, um die Ware zu begutachten. Sie nehmen sie gleich mit. Wieder geht es über Grenzen, rastlos, heimlich, der Gewalt ausgesetzt. Ein Schlepper voran, schaut, ob die Luft rein ist, eine Gruppe von bis zu zehn Frauen und Mädchen dazwischen, ein Aufpasser hinten.

Endstation Bordell

Irgendwann kommen sie müde und abgekämpft in ihrem Zielbordell an. Sie wissen nicht, was sie hier erwartet. Eine Puffmutter in der Regel, die ebenfalls in der Prostitution Karriere gemacht hat, die als junges Mädchen ebenfalls verkauft und in die Prostitution gezwungen wurde, dann vielleicht mit 22 Jahren vom Zuhälter zur „Vertrauensperson“ erkoren wurde. Sie ist also „etwas Besseres“ geworden, schon Elite. Sie ist die brutale Zwischeninstanz zwischen dem Zuhälter und den Zwangsprostituierten. Einerseits Ansprechpartnerin und vermeintliche Freundin für die Frauen, andererseits bedingungslos loyal zu ihrem Zuhälter. Sie verrät ihre Untergebenen gnadenlos, sollten verzweifelte Fluchtpläne zu ihr dringen. Denn sie ist die eigentliche Managerin des Geschäfts, sie kassiert das Geld ein, leitet es weiter nach oben; sie setzt die Anordnungen ihres Chefs nach unten durch. Meist spricht sie mehrere Sprachen, weil ihre Frauen ja aus mehreren Ländern kommen, genauso wie die Freier. Im Laufe der Jahre hat sie in ihrer Praxis Rumänisch, Serbisch, etwas Türkisch gelernt, je nachdem, in welchem Zielland sie arbeitet. Sie war erst die Freundin der neu dazugekommenen Frauen, die erste Ansprechpartnerin, sie solidarisierte sich, gab Tipps, wird aber dann schnell zur Projektionsfläche des Hasses. Die meisten Zwangsprostituierten sind bis zuletzt der Meinung, der Zuhälter sei ja eigentlich ein guter Mensch, er habe Verständnis, nur die Puffmutter ist der Drachen. Dass das zum System gehört, durchschauen sie nicht.

Es beginnt der Alltag im Bordell: Wenn die Frauen Glück haben, haben sie ein eigenes Zimmer, auf das sie dann abends mit ihren Freiern gehen. Meistens aber müssen sie sich das Zimmer oder sogar das Bett teilen mit zwei oder drei anderen Frauen. Sie werden knapp gehalten mit Essen, denn Essen kostet. Ein Tässchen Kaffee als Lichtblick des Tages müssen sie sich verdienen mit zusätzlicher Arbeit: sie waschen die Wäsche des Zuhälters, polieren sein Auto, Bordell-Putzen gehört ohnehin zur Tagespflicht. Abends dann die Anmache in der Bar, die eigentliche Arbeit. Gut drauf sein, der Freier darf nicht merken, wie schlecht es einem geht, sonst geht er nicht mit aufs Zimmer. Dann gibt’s kein Geld, sondern Psychoterror oder Schläge seitens der Puffmutter – oder im schlimmsten Fall Misshandlungen seitens des Zuhälters. Aber auch das wird von den Frauen perverserweise oft als verdiente Strafe interpretiert. Die Frauen und Mädchen dürfen nicht raus aus dem Bordell. Sie könnten ja weglaufen oder aufgegriffen werden ohne Papiere. Der Zuhälter verspricht Freiheit. Nach ein paar Monaten, wenn der Einkaufspreis abgearbeitet ist. Und natürlich wolle die junge Frau sicher mit etwas Geld in der Tasche zurückkehren nach Hause. Also noch ein paar Monate. Das Geld sieht sie nie. Es wird alles beim Zuhälter verwahrt. Er führt angeblich Buch über die Einnahmen. Aber er zieht auch gnadenlos ab, was die Frau verbraucht: Geld für Essen, Geld für Shampoo, Geld für Wäsche, Geld für Schminke. Er rechnet großzügig, zu seinen Gunsten allerdings. Beispiel Mazedonien: Ein Shampoo kostet vielleicht 3 Mark, der Zuhälter berechnet es mit zwanzig, denn er muss es schließlich noch einkaufen, weil seine Mädels ja nicht rauskönnen. Zum Vergleich: Eine Stunde mit dem Freier auf dem Zimmer kostet 50 Mark, dabei gehen aber 70 Prozent an den Zuhälter, nur 30 Prozent werden der Frau „gutgeschrieben“. Das bedeutet: das Abarbeiten des Einkaufspreises dauert, denn der Zuhälter verrät ihr ja nicht, wie wenig sie tatsächlich gekostet hat, sondern schmeichelt ihr damit, dass sie eine besonders schöne und teure Anschaffung war. Auch die darüber hinausgehenden Einnahmen der Frau bleiben selbst in der Theorie winzig. Abgesehen davon, dass in den allermeisten Fällen die Frauen nie ihr Geld bekommen. Man entledigt sich ihrer rechtzeitig, entweder durch Weiterverkauf an einen anderen Zuhälter – ab und zu muss man ja das Sortiment erneuern. Oder dadurch – und das gilt vor allem auf dem Balkan –, dass man der Polizei einen Tipp gibt, bei der nächsten Razzia doch bitte diese und jene mitzunehmen. Diese Mechanismen kennen die Frauen allerdings nicht. Sie denken, bei der Razzia haben sie einfach nur Pech gehabt. Dass der Zuhälter ein „mieses Schwein“ ist, sagen nachher nur diejenigen, die körperliche Gewalt von ihm erfahren haben.

Endstation Straßenstrich

Auch wer auf dem Straßenstrich eingesetzt wird, ist gefangen. Tagsüber leben die Frauen in Billigquartieren, wieder zu mehreren zusammengepfercht, damit es billiger ist. Trotzdem werden ihnen monatlich Hunderte von Mark abgeknüpft als Kostgeld. Die Angst vor einem Aufgriff durch die Polizei lässt sie bei ihrem Zuhälter bleiben. Wohin sollen sie fliehen? Sie können die Sprache des Landes nicht, in dem sie „eingesetzt“ werden, sie haben oft berechtigtes Misstrauen gegen Polizei und Behörden. Es wird ihnen von ihrem Zuhälter und von älteren „Kolleginnen“ schon eingetrichtert, dass eine Festnahme schlimmste Misshandlung, Haft und Folter bedeutet. Wenn sie in Westeuropa eingesetzt werden, woher sollen sie wissen, dass die Polizei möglicherweise nicht korrupt ist, nicht mit ihren Zuhältern gemeinsame Sache macht? Sie haben keine Erfahrung und keine Möglichkeit, sie zu machen.

Warum fliehen sie nicht?

Warum fliehen sie nicht? Gegenfrage: wie? Sich wehren ist zwecklos. Es gibt für sie keinen Ausweg. Auf dem Straßenstrich werden sie überwacht, im Bordell sind sie eingesperrt, ihre Puffmutter, ihr Zuhälter lassen sie nicht raus. In den schlimmsten Fällen sind die Fenster vergittert, das Haus weiträumig umzäunt, ein scharfer Hund bewacht das Terrain. Außerdem haben die Frauen schon lange keine Papiere mehr. Sie sind illegal in dem Land, in dem sie zur Prostitution gezwungen werden. Schlepper, Puffmutter und Zuhälter malen in den düstersten Farben die Gefahren eines Aufgriffs durch die Polizei aus: du wirst gefoltert, ins Gefängnis geworfen und dann abgeschoben in Deine Heimat, Du wirst mit Schimpf und Schande dort empfangen und hast noch nicht mal Geld dabei. Warum wenden sie sich nicht an die Freier, bitten sie um Hilfe? Weil die Freier ihnen entweder nicht glauben: die Mädels sind doch alle so gut drauf hier, die tun das freiwillig, es geht ihnen hier nicht schlecht. Außerdem kann theoretisch jeder Freier ein Freund des Zuhälters sein oder ein absichtlich auf sie angesetzter Spion und sie beim Zuhälter verraten, wenn sie ihm ihre Sorgen und Ängste schildern. Denn was sie hier gelernt haben, ist vor allem eins: Misstrauen. Selbst wenn sie also fliehen könnten, wohin? Zur Polizei, die, wie sie glauben und wie es tatsächlich oft in Osteuropa und gerade auf dem Balkan der Fall ist, mit den Zuhältern unter einer Decke steckt? Die Polizei, eine Behörde, ist die unwahrscheinlichste Anlaufstelle für sie. Zu groß das Misstrauen. Denn auch im eigenen Land ist man nichts anderes als Behördenwillkür und Korruption von dieser Instanz gewohnt. An sie wendet man sich also besser nicht. Auch nicht, wenn man in Westeuropa zur Prostitution gezwungen wird. Für uns, die wir im Westen aufgewachsen sind und selbstverständlich höhere Gerechtigkeit im Polizei- und Justizapparat suchen, ist dieses Misstrauen vollkommen unverständlich. Diese Frauen aber, die aus ihren Herkunftsländern nichts anderes kennen als eine korrupte und willkürliche Polizei, sehen sich nur vom Regen in die Traufe kommen.

Die Kunden

Unabhängig von ihrem „Einsatzort“ müssen sie vor allem Kunden bedienen, die aus dem ganz normalen Umfeld des jeweiligen Landes kommen. Es sind in der Regel keine „Sexbestien“, die perverses Vergnügen suchen. Es sind oft ganz brave Männer, die ein ihrer Meinung nach harmloses Vergnügen und Abwechslung von daheim suchen. Deshalb ist ihnen möglicherweise der kriminelle Hintergrund ihrer Lustobjekte gar nicht bewusst, abgesehen davon, dass sie ihn, selbst wenn sie ihn erfahren, gar nicht wahrhaben wollen, es interessiert sie schlichtweg nicht. In Deutschland beispielsweise soll täglich eine Million Männer ins Bordell gehen. Und wo Nachfrage ist, ist auch ein Angebot. Ein unmoralisches allerdings, wenn es um osteuropäische Sex-Sklavinnen geht. Natürlich gibt es auch nicht wenige Männer, die die Befriedigung perverser Wünsche suchen, und gerade eine sprachlose, hilflose, gefügige osteuropäische Sexsklavin darf sich nicht verweigern. Wird entsprechend gezahlt, steht ihnen das Lustobjekt auch für Misshandlungen zur Verfügung. Der Wunsch nach Sex ohne Kondom gehört da schon fast zum Standard. Man muss auch den kulturellen Hintergrund des Einsatzlandes sehen. Frauen, die aus Bordellen in Albanien, Kosovo oder dem albanisch besiedelten Teil Mazedoniens entkommen, berichten oft von albanischen Freiern, die sich benähmen wie Tiere, von ihnen könne man meinen, dass nicht „eine Mutter, eine Frau sie geboren“ habe.

Die Regel ist einfach: wo viele Männer auf einem Haufen sind, da sind auch viele Bordelle. Auf dem Balkan heißt das vor allem: entlang der LKW-Transitrouten und da, wo internationale Friedenstruppen eingesetzt werden. Das ist natürlich besonders pikant, denn hier machen sich auch viele Deutsche die Hände schmutzig an dem schmutzigen Geschäft mit dem Menschenhandel und der Zwangsprostitution junger Frauen und minderjähriger Mädchen. Die LKW-Fahrer, die von Westeuropa bis in die Türkei und weiter fahren, bedienen sich zur Triebabfuhr auf ihrem Weg eines Angebots, das unter jeder Menschenwürde liegt. Und auch die Soldaten der internationalen Friedenstruppen – darunter viele deutsche KFOR–Soldaten – nehmen das unmoralische Angebot wahr. Sie gehen in Bars und Bordelle, in denen Frauen und Mädchen aus ganz Osteuropa nicht nur illegal arbeiten, sondern zur Prostitution gezwungen werden. Zuhälter berichteten noch bis zur Mazedonien-Krise letztes Jahr vom blühenden Geschäft mit den deutschen Soldaten: rund um Tetovo hätte sich die Anzahl der Bordelle verdreifacht. Deutsche Soldaten scheinen nach Aussagen der Zuhälter gute Kunden zu sein: zuverlässige Zahlungsmoral, keine unkorrekten Wünsche nach Sex ohne Kondom, anständiges Benehmen den Prostituierten gegenüber. Doch laut Verteidigungsministerium gehen deutsche Soldaten im Kosovo oder Mazedonien nicht in Bordelle. Und schon gar nicht in welche, in denen Mädchen und junge Frauen zur Prostitution gezwungen werden.

Nach der Razzia oder Flucht

Was geschieht, wenn die jungen Frauen es schaffen, zu fliehen oder wenn sie bei einer echten Razzia aufgegriffen werden (also nicht vom Zuhälter verraten werden, weil er sie loswerden will)? Hier muss man deutlich unterscheiden zwischen Einsatzländern in Westeuropa oder auf dem Balkan und in Osteuropa. Im Westen wächst die Sensibilisierung für das Thema Zwangsprostitution allmählich. Es gibt eine Reihe von Hilfsorganisationen, die im Fall von Menschenhandel und Zwangsprostitution erste Hilfe anbieten. Ihre Mitarbeiterinnen werden im Falle einer Verhaftung von der Polizei hinzugerufen, haben in der Regel eine Muttersprachlerin dabei, damit die Frauen sich wieder „heimisch“ fühlen können in ihrer Sprache. Die Angebote reichen dann von Rechtsberatung über ärztliche Untersuchung oder psychologische Betreuung bis hin zur Unterbringung in einer Schutzwohnung, wo die seelisch und körperlich schwer traumatisierten Frauen überhaupt erst einmal wieder zu sich finden können. Trotzdem fällt es diesen Frauen schwer, Vertrauen zu fassen. Bisher wurden sie immer nur ausgebeutet und betrogen, warum sollten sie plötzlich Menschen vertrauen? Dazu kommt, dass sie von ihren osteuropäischen Heimatländern gemeinnützige Organisationen, Menschenrechtsorganisationen nicht kennen und gar nicht verstehen können, wie ihnen jemand nun ganz uneigennützig helfen will. Wo ist hier der Haken, fragen sie sich. Dazu kommt, dass sie nur zeitweise in der sicheren Unterkunft bleiben können, denn Frauen und Mädchen, die als Illegale hier aufgegriffen wurden, erwartet die Abschiebung zurück ins Heimatland. Nur wenn sie gegen ihre Zuhälter oder Menschenhändler protestieren, dann genießen sie Zeugenschutz und Schutz vor Abschiebung. Aber nach Prozessende haben auch sie kein Recht zu bleiben. Sie müssen auf jeden Fall zurück in ihr Heimatland. Und das hindert viele, überhaupt gegen ihre Peiniger auszusagen, denn das verbreitet sich in Windeseile bis in ihre Heimat, dorthin also, wohin sie wieder abgeschoben werden. Das deutsche Asylrecht erkennt keine geschlechtsspezifischen oder nichtstaatlichen Verfolgungsgründe an, die den Frauen ermöglichen würden, legal und mit Aussicht auf Integration und Arbeit hier zu bleiben.

Hilfsorganisationen in Osteuropa

Auch in den Ländern Osteuropas und des Balkans bauen westliche Hilfsorganisationen allmählich „Zweigstellen“ auf, über Telefon-Hotlines können sich betroffene Frauen bei ihnen melden – wenn sie überhaupt die Nummer kennen. Aber wie sollen sie an die Nummer kommen, solange sie noch in Bordellen sitzen oder auf dem Straßenstrich anschaffen müssen? Oftmals sind die Mitarbeiterinnen der osteuropäischen Zweigstellen ganz junge Akademikerinnen frisch von der Uni, die den „Feindkontakt“ scheuen, also gar nicht auf die Straße gehen, um entsprechende Informationsbroschüren zu verteilen. Sie sehen sich eher als die analysierenden Mitarbeiter, die das Phänomen Zwangsprostitution in ihrem Land eher von einer wissenschaftlichen Warte aus beobachten. So verwundert es nicht, dass eine tschechische Anlaufstelle seit über einem Jahr eine leerstehende Schutzwohnung betreibt. Als eine Kontrolle seitens des westeuropäischen Partners kam, setzte man kurzerhand eine freiwillige Prostituierte als Vorzeige-Fall in die Wohnung, weil es peinlich war, zuzugestehen, dass man keine echte Zwangsprostituierte vorweisen konnte. Schließlich geht es um Geld, um das finanzielle Rückgrat der Organisation, um die eigene Stelle. Das soll nur ein Beispiel für die Anfangsschwierigkeiten sein, die derartige Hilfsprojekte und Organisationen in Osteuropa noch haben. Auf der anderen Seite haben auch sie einen schweren Stand, denn in den meisten Ländern Osteuropas müssen sie aufklären und kämpfen gegen die ignorante Haltung der Gesellschaft und der Politik, die in Zwangsprostitution und Menschenhandel gar kein ernst zu nehmendes Problem sieht. Gefragt nach der Reintegration von Opfern der Zwangsprostitution in Rumänien, sagte zum Beispiel der rumänische Ministerpräsident noch vor einem halben Jahr bei einem Besuch in München, das sei kein Problem in Rumänien, darum müsse man sich also dort nicht kümmern.

Die Rückkehr

Was also, wenn die Frauen es irgendwie schaffen, alleine in ihr Heimatland zurückzukehren oder abgeschoben werden? Kehren sie allein zurück und ohne Hilfe, kann der Teufelskreis nicht durchbrochen werden. Die Frauen sind psychisch kaputt, vergraben ihre Erfahrungen tief in der Brust, sprechen mit niemandem über ihre Niederlage. Sie empfinden Scham und fürchten Schande. Außerdem sind die Menschenhändler und Zuhälter dieselben geblieben. Kommt eine geflohene oder abgeschobene Frau wieder zurück, fällt sie schnell wieder in die Hände des ersten Händlers. Und alles beginnt von vorn. Hilfsorganisationen versuchen zwar, den Rückkehrerinnen eine Perspektive zu eröffnen, ihnen Fortbildungen zu ermöglichen oder eine Arbeitsstelle zu finden. Aber das grenzt ans Unmögliche in Ländern wie Moldawien, Rumänien oder Albanien, wo es einfach keine Arbeit gibt. Doch Frauen und Mädchen, die im Ausland in die Prostitution gezwungen wurden und dann zurückkehren (müssen), sind auf Hilfe angewiesen. Denn ohne Hilfe haben sie keine Zukunft.