Europa im 21. Jahrhundert

aus OWEP 1/2000  •  von Karl Lehmann

Bischof Dr. Karl Lehmann, Bischof von Mainz, ist Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Trotz aller Krisen und Kriege des 20.Jahrhunderts, die auch an der Jahrtausendwende nicht Halt machen: Europa geht hoffnungsvoll in das 21. Jahrhundert. Versöhnung und Einheit sind gewachsen, in den Herbstmonaten des Jahres 1999 wurde dies an verschiedenen Orten in Deutschland ins Gedächtnis gerufen, bekräftigt und gefeiert. Am 31.Oktober etwa wurde mit der Unterzeichnung der „Gemeinsamen Erklärung zu Rechtfertigungslehre“ in Augsburg ein Jahrhunderte langer konfessioneller Streit beigelegt und ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Einheit der Kirchen Europas und der Welt getan. Am 9.November jubelten in Berlin Zehntausende über den Fall der Mauer vor zehn Jahren und über das Ende der Spaltung Europas in der Zeit des Kalten Krieges.

„Hoffnung ist möglich“, so sagten es die europäischen Bischöfe jüngst auf ihrer zweiten Sonderversammlung, und sie nennen auch „Zeichen der Hoffnung“: „Mit Freude stellen wir die zunehmende Öffnung der Völker füreinander fest, die Versöhnung von Nationen, die lange Zeit verfeindet waren, die fortschreitende Ausdehnung des Einigungsprozesses auf die Länder Osteuropas. Es wachsen Anerkennung, Zusammenarbeit und Austausch aller Art, so dass nach und nach eine europäische Kultur, ja ein europäisches Bewusstsein entsteht, das hoffentlich, besonders bei den Jugendlichen, das Gefühl der Brüderlichkeit und den Willen zum Teilen wachsen lässt.“

Europa gehen aber an der Schwelle zum 21. Jahrhundert auch die Krisen und die Aufgaben nicht aus. Vor allem die Gewalt und das Flüchtlingselend im Kosovo dürfen im Jubel über ein auf dem Weg zur Einheit voranschreitendes Europa nicht aus dem Blick geraten. Gerade aufgrund gewachsener Hoffnung in Europa - die auch die Hoffnung des Evangeliums ist - und in der Rückbesinnung auf seine Wurzeln muss sich Europa unermüdlich seinen Aufgaben und Verpflichtungen - für die eigenen Länder, aber auch für die Länder anderer Kontinente - stellen und an der Vision für das nächste Jahrhundert weiterarbeiten.

Europas Wurzeln

Das zusammenwachsende Europa braucht eine neue Identität, die freilich nicht nur im politischen Bereich oder in der Übereinstimmung wirtschaftlicher Interessen gründen kann. So wichtig das Zusammenwachsen in der politischen und ökonomischen Dimension auch sein mag, so darf die kulturelle, d.h. geistig-spirituelle und ethische Identität des neuen Europa nicht so vernachlässigt werden, wie dies bisher weithin der Fall war. Die Frage nach diesen geistigen Wurzelkräften des künftigen Europa lässt sich auch nicht durch den bloßen Hinweis auf die je verschiedenen Kulturen in den einzelnen Regionen und Ländern, Sprachen und Nationen oder gar durch den Hinweis auf die weltanschauliche Neutralität und die Religionsfreiheit beantworten. Denn dies würde, spirituell und ethisch gesehen, einen Rückzug auf die Pluralität gleichgültig nebeneinander stehender Weltanschauungen oder einer Fluchtbewegung ganz ins Private gleichkommen. Tendenzen dafür gibt es genug. Hier hat der Westen gewisse Reserven der Länder und Kirchen in Mittel- und Osteuropa noch nicht genügend begriffen.

Die europäische Kultur ist aus vielen Wurzeln zusammengewachsen. Der Geist Griechenlands und die römische Welt, die Errungenschaften der lateinischen, keltischen, germanischen und slawischen Völker, die hebräische Kultur und auch die islamischen Einflüsse gehören zu diesem Ganzen. Auch wenn die Völker Europas vielleicht häufiger gegeneinander als miteinander gehandelt haben, so entstammen sie doch einer gemeinsamen kulturellen Überlieferung. Es gibt auch keine Epoche, die nicht an diesen geistigen Grundlagen weitergebaut hätte. Europa war immer ein solches Wagnis im Wandel und ist darum auch heute ein „unvollendetes Projekt“ (J. Habermas). Es wäre eine Fiktion, sich so zu verhalten, als ob dies je anders gewesen wäre, und es wäre ein Versäumnis, die uns heute gegebene Chance nicht zu ergreifen.

Die Spaltung Europas hat das Schwergewicht auf Westeuropa und die Völker germanischer und romanischer Herkunft verschoben. Wir müssen wieder neu lernen, dass die slawische Welt gleichursprünglich und gleichberechtigt zu diesen Säulen Europas gehört.

Es ist müßig, sich um die Vorherrschaft des einen oder anderen kulturellen Elementes im geistigen Fundament Europas zu streiten. Niemand kann aber sicherlich leugnen, dass der christliche Glaube ganz entscheidend zum bleibenden Wurzelboden Europas gehört. Daran haben auch die Kirchenspaltungen des 11. und 16. Jahrhunderts in Ost und West nichts ändern können, so sehr die einheitsstiftende Kraft des christlichen Glaubens dadurch bis heute empfindlich geschwächt wurde. Europa wurde der erste Kontinent, der sich in seinem ganzen vielgestaltigen Erbe vom christlichen Glauben erfassen ließ und damit die Voraussetzung schuf für eine vom Glauben der Kirche geprägte Einheit und Kultur.

In diesem Sinne sprechen wir mit Recht von „christlichen Wurzeln“ Europas. Niemand will damit behaupten, „Europa“ und „Christentum“ würden schlechthin zusammenfallen. Eine solche Identifizierung wäre auch nicht im Interesse des Christentums selbst, denn der christliche Glaube ist eine Einladung zur Gemeinschaft mit Gott, die an alle Menschen gerichtet ist. Das Christentum darf in seiner universalen Sendung nicht „eurozentrisch“ verkürzt werden. Es hat durch die Kraft des Geistes die Fähigkeit zur Inkulturation bei allen Völkern und in allen Sprachen. Aber niemand wird deshalb leugnen, dass der christliche Glaube der Kultur Europas so sehr Gestalt verliehen hat, dass sie ohne ihn ihre Identität nicht bestimmen könnte. Auch der einzelne Europäer, selbst wenn er sich vom Glauben völlig lossagen sollte, muss sich immer wieder der Frage nach dem Sinn des Christentums und der von ihm inspirierten Kultur stellen.

Die Neuheit und die tief wirksame, ja unverbrauchbare Kraft des christlichen Glaubens zeigen sich in der europäischen Kultur auch dann noch, wenn andere, zum Teil auch entgegengesetzte oder feindselige Tendenzen die Geschichte mitbestimmen. Der christliche Glaube hat auch sehr viele Anstöße für Einstellungen und Einrichtungen gegeben, die - wenigstens später - oft außerhalb der Kirche oder manchmal auch gegen sie verliefen. Man denke nur an den Humanismus, die Rolle der Technik, die Bedeutung der Wissenschaft und die Entdeckung sowie den Rang der Menschenrechte. Auch die konkrete Humanität Europas ist noch in Bewegungen, die dem christlichen Glauben ferner gerückt oder gar fremd geworden sind, vom christlichen Erbe inspiriert, z.B. in Werken der Wohltätigkeit. Heute ist eine solche Herkunft oft vergessen, wird nicht selten verleugnet oder auch entstellt. Aber es bleibt eine ernsthafte Frage, wie weit grundlegende Einsichten des christlichen Menschenbildes, wie z.B. Personwürde, abgespalten werden können vom lebendigen Wurzelgrund des Glaubens, ohne dass sie - wenigstens auf Dauer - ihren authentischen Sinn verlieren. Das Christentum muss heute, gerade auch in gemeinsamer ökumenischer Verantwortung, manches Geistesgut, das aus dem Bereich der Kirche selbst ausgewandert und fast unkenntlich geworden ist, wieder identifizieren, sich neu aneignen und mit seinem eigenen Leben füllen. So ist z.B. Menschenwürde für jede einzelne Person und in jedem Fall nicht aufrechtzuerhalten ohne die Glaubensüberzeugung, dass der Mensch Ebenbild Gottes ist und darin seine Auszeichnung und Würde findet.

Wenn wir von Europa und seinen Wurzeln sprechen, blicken wir aus christlicher Verantwortung also nicht primär zurück, träumen nicht nostalgisch von einem romantisch vergoldeten „Abendland“ (das es in dieser Gestalt dann doch niemals gab!), sondern sorgen uns um das gegenwärtige und künftige Europa mit seinen Spannungen und Widersprüchen. Europa darf sich nicht bloß auf sein christliches Erbe berufen, sondern muss durch das heutige Zeugnis der Christen in Stand gesetzt werden, in der Begegnung mit der Person und der Botschaft Jesu Christi neu über seine Zukunft zu entscheiden. Dazu brauchen wir Kirchen im Westen nicht zuletzt die Hilfe und das Beispiel der Schwestern und Brüder in Mittel- und Osteuropa, die ihre Stärke und Freude des Glaubens, lange im Leiden erprobt, nicht um das Linsengericht moderner Anpassung preisgeben dürfen.

Europas Aufgaben … für die Welt

Die Kirche denkt weltweit. Sie kann Europa nicht ohne die anderen Kontinente begreifen. Es wäre nämlich das verhängnisvolle Zeichen eines kollektiven Egoismus, wenn das neue Europa sich selbstzufrieden von den Nöten der übrigen Welt zurückziehen würde. Dafür gibt es leider einige Anzeichen. Aber dies dürfen wir nicht hinnehmen. Im Gegenteil, Europa muss möglichst bald seine weltweite Verantwortung und Verpflichtung gegenüber den Armen, unterentwickelten Völkern, der Hungersnot, der Schuldenlast, vielfältiger Ungerechtigkeit und der Bedrohung der Schöpfung unter Beweis stellen. Die Migrationsbewegungen und das Nord-Süd-Gefälle werden von den künftigen Europäern verlangen, dass sie immer wieder über ihre eigenen Interessen hinausgelangen und sich den noch stärker werdenden Nöten der Weltgesellschaft zuwenden.

In diesem Sinn appelliert auch die Europäische Bischofssynode in ihrer Schlussbotschaft: „Haltet Europa offen für alle Länder der Welt, indem ihr fortfahrt, im gegenwärtigen Kontext der Globalisierung Formen nicht nur der wirtschaftlichen, sondern auch der sozialen und kulturellen Zusammenarbeit zu entwickeln, und greift den Appell auf, den wir - mit dem Heiligen Vater - erneut an euch richten, die internationalen Schulden der Entwicklungsländer zu erlassen oder wenigstens zu reduzieren, wie einige Länder es schon getan haben.“

… innerhalb Europas

Auch innerhalb Europas werden fundamentale Rechte des Menschen auf Leben, Gleichheit, Freiheit und Frieden noch immer missachtet und mit Füßen getreten. Menschenwürde und Grundrechte gilt es im zusammenwachsenden Europa für alle Menschen zu verwirklichen. Auch die Kirche hat dabei ihre Aufgabe.

Die Kirche leistet für das künftige Europa das Beste, wenn sie ihrem eigenen Auftrag treu bleibt und das tut, was ihre ureigene Aufgabe ist und was sie täglich vollzieht: die Verkündigung des Evangeliums. Alle Erneuerungsbemühungen der letzten Jahrzehnte, auch des Zweiten Vatikanischen Konzils, zielten daraufhin, dass die Kirche selbst immer mehr fähig werde, den Menschen unserer Zeit das Evangelium zu verkünden. Dann baut sie nämlich durch ihre Verkündigung und den Religionsunterricht, ihre Theologie und ihre vielfältige Präsenz in der Gesellschaft die Werte auf, die einer Erneuerung bedürfen: die Menschenwürde, das Menschenbild, das Ethos des Alltags, die Verwirklichung einer Einheit in den „Grundwerten“ mitten in aller weltanschaulichen Vielfalt.

Die katholische Kirche kann aber auch ihren Beitrag leisten im schwierigen Prozess der europäischen Integration. Als Weltkirche muss sie in ihren eigenen Strukturen immer wieder neu um die Balance von Einheit und Vielfalt ringen. Deshalb wird die Kirche einerseits gewiss für wirksame Strukturen einer europäischen Einigung eintreten, aber auch den Integrationsprozess kritisch begleiten. Brüssel darf nicht eine große Planierraupe werden, die auf dem Weg zur Integration besonders die regionalen Kultureigenheiten niederwalzt. Die Modernisierung ist nicht so unschuldig, wie sie sich gibt. Sie gefährdet und zerstört oft auch unreflektiert z.B. religiös geprägte Milieus. Neben den europäischen Einheitskonzepten sind die nationalen und regionalen Besonderheiten der europäischen Länder nicht minder wichtig. Es gibt eine Einheitsbesessenheit, die ungeniert an der Vielheit der Sprach-, Denk- und Lebensformen Europas vorbeigeht. Die Kirchen werden hier gerade durch ihre feste Verwurzelung in den einzelnen Ländern eine Europa-Mentalität fördern, die das verbindliche Allgemeine bejaht, ohne die Bedeutung des Lokalen und Regionalen zu verwischen.

Vision Europa

Europa ist schon lange eine Vision. Es waren nicht nur Politiker, sondern vor allem auch Schriftsteller, die gegen den Nationalismus in Europa zu Feld zogen und poetisch-utopisch ein Gemeinschaftsgefühl beschworen, das endlich aus der verwirrenden Vielfalt und der tödlichen Zerstrittenheit herausführen sollte. Oft genug sind sie von denen belächelt worden, die sich als „Pragmatiker“ auf das „Machbare“ beriefen. Die europäische Kooperation wurde dabei vielfach als Voraussetzung der Friedenssicherung und der Wahrung einer gemeinsamen Kultur verstanden. Die Visionen und Polemiken sind von einer verblüffenden Aktualität. Wenn es gelegentlich auch zu einer Begegnung zwischen poetischer Europa-Vision und politischer Praxis kam, so fehlt gerade in unserer Zeit zum Thema „Europa“ z.B. eine fruchtbare Begegnung zwischen Schriftstellern und Politikern. Den einen geht es so leicht die zukunftsweisende Inspiration ab, den anderen misslingt die Vermittlung mit der nüchtern betrachteten Realität.

Diese Spaltung findet sich wohl in sehr vielen Menschen. Auf der einen Seite lebt in jedem von uns die Sehnsucht nach einer Überwindung enger Grenzen, nationalistischer Übersteigerung, des ruinösen wirtschaftlichen Verdrängungswettbewerbs und überholter Kleinstaaterei. Viele trauern noch um den unsinnigen Tod so vieler auf den Schlachtfeldern Europas. Schikanen bei Grenzübertritten verursachen Kopfschütteln. Auch wenn uns oft weniger als eine Flugstunde von anderen Ländern trennt, so ist zum Beispiel die Anerkennung vieler Schul- und Studienabschlüsse immer noch nicht ausreichend gelöst. Überall, wo sich solche Hindernisse auftürmen, gibt es bei uns allen kleinere und größere Europa-Visionen. Aber die Realität holt uns rasch wieder ein. Die Vielfalt der Sprachen zeigt uns rasch die eigenen Grenzen auf. Die wirtschaftliche Situation hat immer noch zwischen den einzelnen Staaten ein großes Gefälle. Geht es um wirtschaftliche Interessen, werden Verhandlungen knallhart. Wir alle haben unser Wunschbild Europa im Kopf, aber es ist nicht das Ergebnis des Ausgleichs vieler Bestrebungen und Interessen, die überall existieren und berücksichtigt werden wollen, sondern eben oft nicht viel mehr als eine vage Utopie.

Hinzu kommen Ängste. Jahrzehntelang war Europa in Ost und West gespalten. Die Mauer durch Deutschland und Mitteleuropa schien der einzige wirkliche Gegensatz zu sein. Nachdem sie gefallen ist, zeigt es sich, wie viele Sperren noch in unseren Köpfen sind. Dies gilt für ganz Europa. Alte nationalistische Einstellungen, die wir längst überwunden glaubten, stehen über Nacht wieder auf. Allianz-Muster aus dem Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit gewinnen in den Beziehungen der Staaten untereinander wieder die Oberhand. Blutige Bürgerkriege, wie im ehemaligen Jugoslawien, zerschlagen jäh unsere Europaträume. Viele glauben auch, wir müssten zu viel für dieses Europa opfern: eine ziemlich stabile Währung, einen relativ hohen Lebensstandard, viele soziale Errungenschaften, große Freiheiten, kulturelle Vielfalt und regionalen Reichtum. Sie wittern einen mächtigen Verwaltungsapparat, der mit seiner bürokratischen Macht vieles einebnet und in eine gleichmacherische Uniform presst. Manchen erscheint der Integralismus der Europäischen Union mit seinen vielen Regelungsmechanismen wie das große Tier der Apokalypse. Diese Angst wird zuweilen auch bewusst geschürt.

Aber es darf nicht bei dieser unfruchtbaren Gegensätzlichkeit bleiben. Wir dürfen uns nicht entmutigen und zerreiben lassen zwischen einer Europa-Vision, die an der Wirklichkeit schnurstracks vorbeiläuft, und einem platten Pragmatismus, der keine moralische Kraft aufbringt gegen den Druck der Stärkeren, der Anpassung aller an das, was ist, und der Gewalt derer, die sich rücksichtslos durchsetzen. Wir müssen uns neu auf die realen Möglichkeiten und unsere Verantwortung besinnen, um die Zukunft gewinnen zu können.

Dabei spielt auch der Blick in die Vergangenheit eine Rolle. Das neue Europa ist nicht die Wiederherstellung einer früheren geschichtlichen Stufe seiner Existenz, es wird aber auch nicht einfach in den Treibsand einer geschichtslosen Zukunft hineingesetzt. Der wahre Blick in die Vergangenheit kann auch befreiend wirken für die Zukunft. Europa war - wie bereits gesagt - eigentlich von Anfang an und besonders auch in der Neuzeit immer eine Einheit in Vielfalt. Seine Kultur war aus griechischen, römischen, jüdisch-christlichen, arabischen und humanistischen Wurzeln gewachsen. Immer ging es um die zentralen Ideen der Freiheit, der Menschenwürde und der Verantwortung, die mehr und mehr von den Institutionen der Demokratie geschützt wurden. Die schwierige Aufgabe einer wirklichen Einigung des vielgestaltigen Europa ist durch die Teilung in Ost und West lang verdeckt geblieben. Wir haben eher mit der Dauerhaftigkeit der Teilung gerechnet. Der Ernstfall einer europäischen Einigung aus Ost und West war lange Zeit eher eine Utopie, auch wenn viel davon gesprochen worden ist. Nun besteht die echte Möglichkeit, dass Europa wieder neu zu sich kommt und zu sich erwacht. Die Revolutionen in Mittel- und Osteuropa haben dazu beigetragen, dass in Europa die Geschichte nicht mehr stillsteht, sondern dass sie neu in Bewegung geraten ist.

Europas Geschichte ist spannungsvoll und widersprüchlich. Sie hat auch düstere Seiten. Es ist eine Geschichte der unaufhörlichen Kriege, des Imperialismus, der Unterdrückung der übrigen Welt, des Ausblutens anderer im Dienste unseres Wohlstands. Sind nicht auch viele Ideale und Träume der Freiheit Vorwand für Anarchie und Willkür gewesen? Und doch haben wir am Ende dieses Jahrhunderts eine besonders gute Chance für ein friedvolles und vereintes Europa. Die Zeit vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute ist die längste Friedenszeit, die Europa jemals erfahren hat. Die Zukunft Europas ist so offen wie schon lange nicht mehr - und trotz allen Leidens auch so voller Hoffnung.