Gehört Serbien zu Europa?

(Diskussion 1)
aus OWEP 1/2000  •  von Rudolf Grulich

Dr. Rudolf Grulich, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Kirchengeschichte Böhmen-Mähren-Schlesiens in Königstein/Taunus, Honorarprofessor für Kirchengeschichte an der Universität Gießen.

Die Frage ist mehr als eine rhetorische. Natürlich liegt Serbien in Südosteuropa und gehört damit zu unserem Kontinent. Die Frage scheint noch klarer mit Ja beantwortet werden zu müssen, wenn man bedenkt, dass östliche und südliche Nachbarn Serbiens wie Rumänien und Bulgarien Beitrittskandidaten der EU oder bereits wie Griechenland Vollmitglieder sind. Es waren die Kriege Serbiens seit 1991, zunächst gegen Slowenien und gegen Kroatien, die fragen ließen, wie europäisch dieses Land ist. Es gehört aber eine Portion Heuchelei dazu, nur die Ausschreitungen und Grausamkeiten der serbischen Armee und der Freischärler als Kriterien zu nehmen und von „Serbien“ zu sprechen. Brutalitäten gab es in Europa zahlreiche in diesem Jahrhundert. Das Nazi-Regime hat das Ausland nicht vergessen lassen, dass Deutschland auch das Land der Weimarer Klassik ist. Die Übergriffe, denen nach dem 8. Mai 1945 große Teile der tschechischen Bevölkerung tatenlos zusahen, waren des Volkes eines Comenius unwürdig. Dennoch ist die Tschechische Republik in der ersten Reihe der EU-Beitrittskandidaten, ohne die Beneš-Dekrete außer Kraft setzen zu brauchen. Eines dieser Dekrete verhindert alle Strafverfolgung für Schwerverbrecher bis Herbst 1945, wenn diese Verbrechen dem Okkupanten schadeten.

Die Frage nach der Zugehörigkeit Serbiens zu Europa ist die Frage, was Europa ist. Sicher ist es kein „Christenklub“. Dieses böse Wort kam in die Diskussion, als die Europäer Brüssels die Türkei nicht wollten. Jahrhundertelang lebten auch Nichtchristen in Europa, vor allem Juden, die allein im katholischen Polen vor dem Zweiten Weltkrieg nach Millionen zählten. Albanien hat eine absolute, Bosnien eine relative muslimische Mehrheit.

Die Frage nach dem Wesen Europas hat nach dem Zweiten Weltkrieg europäische Denker beschäftigt und Versuche gebracht, zu klären, wann dieses Europa entstand, „als Ganzes betrachtet, als eine Gemeinschaft, die sich deutlich von jeder anderen unterscheidet“ (Oskar Halecki). Christopher Dawson schrieb damals sein Buch „The Making of Europe“, das deutsch unter dem Titel „Die Gestaltung des Abendlandes“ erschien. Er sieht die Zeit um das Jahr 1000, in dem die Unabhängigkeit Polens (und später Ungarns) von Otto III. anerkannt wurde, als Enddatum im Aufbau Europas.

Schon vorher war die Kiewer Rus´ 988 christlich geworden, etwa zur gleichen Zeit auch die skandinavischen Königreiche. Slawen wie der Tscheche František Dvornik und der Pole Halecki haben mehr als Dawson die Bedeutung Ostmitteleuropas hervorgehoben, Dvornik mit „The Making of Central Europe“, Halecki mit „Grenzraum des Abendlandes“ und vor allem seinem Büchlein „Europa. Grenzen und Gliederung seiner Geschichte“. Er zeigt, dass „Osteuropa im Mittelalter eine Gesellschaft von Völkern und Königreichen (war), deren politische Struktur der vielstaatlichen Gesellschaft Westeuropas ähnlich war, mit der sie eine gemeinsame kulturelle und religiöse Tradition teilte“. In Südosteuropa ist es das Osmanische Reich, das die Völker dieses Raumes für Jahrhunderte vom übrigen Europa trennt, doch dabei hatte Griechenland das gleiche Schicksal wie Serbien, das dann im 19. Jahrhundert fast gleichzeitig mit den Griechen seinen Kampf um Unabhängigkeit erfolgreich beginnt und wie die Griechen diesen Kampf bis zu den Balkankriegen weiterführt. Wenn also Osteuropa nicht weniger europäisch ist als das übrige Europa, so liegt das Defizit an westlichem Nichtwissen. Slavica non leguntur, sed sunt. Als Christopher Dawson 1950 für Haleckis Europa-Buch das Vorwort schrieb, hob er die „Kräfte der Freiheit“ hervor, die „so tief in der nationalen und religiösen Tradition verwurzelt (sind), dass sie nicht völlig vernichtet werden können, solange die Völker Osteuropas ihre nationale Eigenart behalten“. Vier Jahrzehnte später bewiesen diese Völker, dass Sehnsucht nach Freiheit und nationale Eigenart stärker waren als ein postkoloniales Imperium.

Werfen wir einen Blick auf die Geschichte Serbiens: Die Serben sind Slawen, deren Zugehörigkeit zu Europa der slawische Papst dem Westen einschärfte, als er 1980 die Slawenapostel Kyrill und Method zu Patronen Europas erhob. Nach erster Christianisierung vom Westen erhielten dann die Serben das Christentum endgültig von Kontantinopel, da sie jenseits jener Linie siedelten, durch die Kaiser Theodosius das Imperium Romanum in ein Ost- und Westreich geteilt hatte. Die Anfänge eines serbischen Staates liegen nicht im heutigen Serbien, sondern im Gebiet Montenegros. Das mittelalterliche „Rascien“ hatte Kontakte zu Venedig, zum Westen, zu Rom. Als Serbien im 13. Jahrhundert Königreich wurde, erhielt es 1217 die Königskrone vom Papst, was aber den neuen serbischen König Stefan II. nicht hinderte, sich die Selbständigkeit seiner Serbischen Orthodoxen Kirche 1219 vom Patriarchen und Kaiser Ostroms bestätigen zu lassen. Dieser mittelalterliche serbische Staat wird dann sogar zu einer Großmacht: 1346 lässt sich König Dušan zum Kaiser der Serben und Römer krönen und plant die Eroberung von Konstantinopel. Er stirbt aber vor der Kaiserstadt am Bosporus. Vier Jahrzehnte nach der Kaiserkrönung und dem baldigen Tod Dušans bringt dann die Niederlage der Türken in der Schlacht am Amselfeld 1389 das Ende Serbiens, das erst im 19. Jahrhundert als Fürstentum und später Königreich aufersteht. Was Serbien blieb, war seine orthodoxe Kirche. Deren Selbständigkeit nahm den Serben nicht der Sultan, sondern zweimal der griechische Patriarch in Konstantinopel.

Wer Serbien aus Europa ausschließen will, hat jenes beängstigend enge Europabild, das Europa nur als Synthese von Antike, Christentum und Germanentum sieht. Dagegen wandte sich mit Recht der slawische Papst. Für das Europäertum der Serben spricht auch ihre Stellung in der europäischen Kultur. Durch Flucht und Auswanderung kamen während der Türkenherrschaft Hunderttausende von Serben in Habsburger Gebiete, vor allem als 1690 der damalige Patriarch Arsenije das Patriarchat Peć auf dem Amselfeld verließ und im österreichischen Ungarn Zuflucht suchte. Serben siedelten sich bis in die Gegend des heutigen Budapest an, wo 1830 in Buda, dem alten Ofen, die Kulturorganistion der Matica Srpska entstand, die später ihren Sitz in Novi Sad nahm, das bis 1918 zum Habsburgerreich gehörte. Serben kämpften im österreichischen Heer in den Kriegen des 18. Jahrhunderts. Der serbische Philologe und Aufklärer Vuk Karadžić übersetzte den Code Napoléon ins Serbische und hatte Kontakt zu deutschen Dichtern und Gelehrten. Jakob Grimm und Goethe schätzten die serbische Volksdichtung hoch ein. „Die Epochen der Aufklärung, der Romantik und des Realismus öffneten den Weg zu jenem literarischen und kulturellen Aufschwung, der im freien serbischen Königreich am Ende des 19. Jahrhunderts zum Vorschein kam und zum Aufblühen der Literatur in der Moderne führte“ (Alida Bremer).

Die Frage nach der Zugehörigkeit Serbiens zu Europa ist auch eine meist in Deutschland gestellte und ist bedingt durch die zwei Weltkriege. Deutschland hat sich nicht allein vom Nationalsozialismus befreien können. Auch den Serben muss geholfen werden, den Weg zu Demokratie und Freiheit zu finden, der diesem Volk seinen Platz in Europa sichert. Serbischerseits muss aber deutlich eine Abgrenzung zu dem erfolgen, was seit 1991 im serbischen Namen geschah. In Kroatien, in Bosnien und im Kosovo ist Ungeheuerliches passiert: Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen die Kultur anderer Völker wurden nicht nur von Einzelnen und Freischärler-Gruppen begangen, sondern waren systematisch von hohen Stellen geplant, angeordnet und vorbereitet worden. An der Distanzierung von diesen Verbrechen und an ihrer Verurteilung wird sich nicht nur die serbische Opposition gegen das Milošević-Regime in ihrer Glaubwürdigkeit und demokratischen Legitimität messen lassen müssen, sondern auch die Serbische Orthodoxe Kirche.