Polens Katholiken, ihre Kirche und „ihr“ Papst

aus OWEP 3/2000  •  von Wolfgang Grycz

Wolfgang Grycz, Slawist, ist Mitglied der Redaktion dieser Zeitschrift.

Der polnische Literatur-Nobelpreisträger Czesław Miłosz hat für seinen Landsmann Johannes Paul II. zum 80. Geburtstag eine Ode geschrieben. Darin schildert er in poetischer Sprache, was Karol Wojtyła für die Welt geleistet hat. In der Zeit der mächtigen Tyrannen habe er die Menschen Hoffnung gelehrt und ihnen gezeigt, dass „nur Christus Herr der Geschichte ist“. Erstaunt habe die Welt gefragt, wie es möglich sei, dass „Dich die jungen Leute aus ungläubigen Ländern verehren, sich Kopf an Kopf auf den Plätzen versammeln und auf die Frohe Botschaft warten, die vor 2000 Jahren verkündet wurde.“1

Die Polen wissen, was sie an „ihrem“ Papst haben, wie viel sie ihm beim Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit verdanken. Sie sind stolz auf ihn, sie eilen, ihn zu hören und zu sehen (auch wenn sehr viele dem Hören keine Taten folgen lassen).

Also ein fast ungetrübtes Bild? Ein überragender Papst, ein Volk, das ihn hervorgebracht hat und dem er sich in der gemeinsamen Geschichte und Religion tief verbunden weiß. Und doch stellen sich Fragen ein, die dieses Bild trüben: Ist es natürlich, dass die Katholiken des Landes – und sie sind die erdrückende Mehrheit – nicht die geringste Kritik an diesem Mann der Kirche äußern – oder zu äußern wagen?

Personenkult – auf katholisch?

Zu diesem Problem nahmen zwei Wegbegleiter Karol Wojtyłas, Bischof Tadeusz Pieronek und der Chefredakteur der Krakauer katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“, Priester Adam Boniecki, in einem Interview Stellung.2

Sie, die den heutigen Papst gut kennen, mit ihm vertraut sind, beschreiben ihn als einen Menschen, der aus seiner Einfachheit niemals einen Hehl machte. Der seine Fehler hatte – weil er z.B. langweilige Vorlesungen hielt, oft zu spät kam, manchmal direkt naiv erschien. Aber sie zeigen auch seine ganze Herzlichkeit und Offenheit, die er den Menschen entgegenbrachte. Auf die Frage nach den Quellen des Personenkults, der „in Polen Karol Wojtyła umgibt, nach den Quellen seiner Totemisierung und Idolisierung“, äußert Boniecki, dass diese „Atmosphäre des Kults…von Anfang an“ den Papst sehr gestört habe. Bei der letzten Pilgerreise in die Heimat sei sie ihm „wohl kaum noch erträglich“ erschienen. Aber es bleibt eine Tatsache, dass nach ihm Straßen und Schulen benannt werden, dass man ihm Ehrenbürgerschaften und -doktorate verleiht.

Vor einigen Monaten wurde in der polnischen Presse darüber gespottet, dass Bistümer den Grad ihrer Frömmigkeit daran messen, wie viele Papstdenkmäler es in der Diözese schon gäbe. Bischof Pieronek meint, der Kult habe sich wohl nicht vermeiden lassen, denn „die Menschen brauchten so etwas sehr. Und niemand hat Wojtyła um seine Meinung gefragt.“ Er „schafft ganz gewiss diesen Kult nicht. Lange Zeit setzte er dem entschiedenen Widerstand entgegen. Später hatte er weniger Kraft und winkte nur ab.“ Als in der Krakauer Erzdiözese das von einem italienischen Bildhauer geschaffene Denkmal des Papstes aufgestellt werden sollte, wehrte sich der Krakauer Erzbischof Macharski sehr. Jahrelang lag es neben der Kathedrale auf dem Wawel, weil der Kardinal gegen die Aufstellung war. „Aber er musste dem Druck und dem Verlangen der Menschen nachgeben. Sein Widerstand brach. Jetzt steht dieses Denkmal in Wadowice“ (dem Geburtsort des Papstes).

Pieronek macht darauf aufmerksam, dass „dieser Kult Gott sei dank nur in manchen geographischen Bereichen zu finden ist – neben Polen hauptsächlich in Lateinamerika. Dagegen ist dessen Antithese die mächtige Kritik am Papst in vielen anderen Ländern – auch von Seiten der katholischen Kirche. Die Idolisierung ist nicht nur deshalb gefährlich, weil sie das Verständnis erschwert, indem sie bewirkt, dass Emotionen den Verstand vernebeln, sondern auch deshalb, weil gerade der Papst in der Kirche diese beiden Strömungen versöhnen muss. Diese Spannung kann für den Zusammenhalt der Kirche gefährlich werden.“

Boniecki verwies in diesem Zusammenhang darauf, wozu dieser Kult außerdem führe: „…dass man in Polen z.B. nicht normal über die Probleme dieses Pontifikats sprechen kann. Dass man öffentlich nicht einmal jene sachlichen Fragen stellen darf, die der Papst sich selber stellt. Viele Menschen nehmen schon allein die Tatsache, dass eine Frage formuliert wird, als Sakrileg. Dabei spürt Wojtyła das Bedürfnis nach Diskussion und Dialog…“ Der Krakauer Chefredakteur, der zuvor Jahre in Rom wirkte, meint, dass den Papst selber „auch jene dramatische Frage ziemlich beschäftigen muss, die Priester Tomasz Węcławski zu stellen den Mut hatte: ‚Stützt sich die katholische Kirche in Polen mehr auf den Papst als auf Jesus Christus?‘“

Kein Zweifel: Polens katholische Kirche, die soviel Positives von Johannes Paul II. empfangen hat, steht in seinem Schatten. Laien, Priester, Bischöfe haben dazu beigetragen, dass es so kam. Es wurde Mode und war bequem, eigene Predigten und Verlautbarungen mit Zitaten des Landsmanns in Rom zu schmücken. Das hindert weite Teile dieser Ortskirche „erwachsener“ zu werden. Dabei fehlt es nicht an nüchtern denkenden, gescheiten Menschen in Polen, die zu einem weisen Umgang mit dem Geschenk dieses Papstes fähig sind. Die sich bewusst sind, dass man mit kritikloser Verehrung weder Johannes Paul II. noch der Kirche im Lande einen Dienst tut. Ihnen geht es nicht um Negierung dessen, was der Papst für die Kirche vor allem in seiner Heimat bedeutet. Sie wollen vielmehr, dass der Glaube und die Kirche in diesem Lande eine Zukunft haben. Auch für die Zeit „danach“.

„Sieben Worte“ – eine Bilanz ohne Papstzitat

Der erwähnte Professor Tomasz Węcławski, Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Poznań (Posen) und Mitglied der Internationalen Theologenkommission, legt den Finger auf diese Wunde. Ende 1999 erinnerte er in einem Artikel der Krakauer Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ daran, dass der Papst „uns nur für eine gewisse Zeit“ gegeben ist.3 Und er fragt: „Was wird, wenn diese Zeit vorüber ist?“ Dabei verwies er auf jenen Augenblick der Erschütterung, die über die Gläubigen in Polen kam, als der Papst bei seinem letzten Heimatbesuch einen Schwächeanfall erlitt. Zwar haben Polens Katholiken damals auch in dieser Situation Vertrauen und Besonnenheit gezeigt, aber gerade dieses Ereignis musste ihnen klarmachen, dass irgendwann dieser große Landsmann nicht mehr sein würde.

Angesichts dessen hält Węcławski eine Bestandsaufnahme der Kirche in Polen für dringend nötig. Er will sie anstoßen mit diesem Artikel. Er soll keine Kritik am Papst darstellen, sondern zur Reflexion anregen, was in Polens Kirche zu tun ist. Dabei will er durchaus auf Johannes Paul II. zurückgreifen, doch werde er – und das ist ein fast provozierendes Novum – ihn nicht unmittelbar zitieren.

Warum er diesen billigen Rückgriff auf Papstzitate vermeidet, begründet er folgendermaßen: „Eine solche Vorgehensweise wähle ich bewusst. Ich denke nämlich, man muss gleich zu Beginn das Schwierigste und Wichtigste sagen, selbst wenn es etwas beunruhigend klingen mag: Wir müssen uns frei machen von jener ‚päpstlichen‘ Dimension und jenem ‚päpstlichen‘ Charakter, mit denen wir gemeinsam das durchleben, dass wir heute Kirche in Polen sind.

Natürlich geht es hier nicht im geringsten darum, in Frage zu stellen, dass sich die Kirche (in Polen wie überall) auf den Glauben und die Autorität des Petrus stützt. Es geht auch keineswegs darum, die Bedeutung, Kraft und Größe der Vision zu schmälern, die sich in dem gegenwärtigen Nachfolger Petri personifiziert. Es geht darum, dass unser kirchlicher Lebensstil – zumindest in seiner gesamtpolnischen Dimension – sich sehr stark und meiner Überzeugung nach in immer gefährlicherer Weise von jenem Bezugspunkt abhängig macht, den Johannes Paul II. darstellt. Ganz kurz gesagt: es muss darum gehen, dass wirklich das wichtiger wird, was der Papst uns sagt und zeigt, als die Tatsache, dass er es zu uns sagt und dass wir mit ihm zusammen unsere Dinge sehen.

Die Gefahr steckt also keineswegs in der Größe des Geschenks, das der Papst darstellt. Die Gefahr steckt auch nicht in der allgemeinen Anerkennung, mit der diese Gabe angenommen wird – vor allem dann, wenn Johannes Paul II. nahe und unmittelbar bei uns ist. Die Gefahr besteht darin, dass praktisch nur allein der Papst über die für unser Kirche-Sein fundamentalen Dinge spricht…“ Die örtlichen kirchlichen Autoritäten würden sich nur darauf beschränken, Konsequenzen insbesondere moralischer Art hinzuzufügen. „Die Gefahr beruht also darauf, dass der Papst für uns das sagt und tut, was eigentlich hier am Ort und im Alltag unsere Aufgabe wäre…“

Professor Węcławski macht die ihm notwendig erscheinende Bestandsaufnahme von Glaube und Kirche in Polen an sieben Worten – so ja auch die Überschrift seines Artikels – fest. Es sind die Forderungen: glauben, sich erinnern, vergeben, annehmen, danken, geben, gehen. Der Autor sieht darin eine Art Katechismus für die Kirche in Polen. Das ganze Programm stütze sich natürlich auf das erste Wort, auf den Glauben. Alle anderen seien Konsequenzen.

Die Lektüre vermittelt den Eindruck, dass alle diese notwendigen Eigenschaften aber auch zu dem einen Ziel hinführen, das er schlicht mit „Gehen“ bezeichnet. Es markiert die eigentliche Intention dieser Bestandsaufnahme. Węcławski verweist am Ende seines Artikels darauf, woher er dieses Wort genommen hat. Es steht im Markus-Evangelium (Mk 14,41-42) und lautet: „Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Es ist genug. Die Stunde ist gekommen… Steht auf, wir wollen gehen!“ Das sagt Jesus, als er die schlafenden Jünger im Garten Getsemani weckt. Das Ganze also ist ein Appell wider das Beharrungsvermögen, wider die Versuchung sich nur auf den Papst zu verlassen. Wenn der Verfasser diese Worte als Forderungen begreift, dann macht er klar, dass auf diesen Gebieten vieles im Argen liegt.

Wider Passivität und Bequemlichkeit

Beim Thema „Glauben“ verdeutlicht Węcławski, dass es hier um eine ständig zu leistende Anstrengung geht. Vom „Wesen dieser Anstrengung hat der durchschnittliche Christ in Polen jedoch nicht viel Ahnung (viele überdurchschnittliche polnische Christen im Übrigen auch nicht). Weshalb? Die Antwort ist relativ einfach: eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht spricht, hört auf, Selbstverständlichkeit zu sein – sie verschwindet im Schatten, wird reduziert…“ Viele Menschen identifizierten sich mit der Kirche, seien in Gruppen und Gemeinden aktiv. „Dennoch werden die gleichen Menschen bei der Frage, ob sie sich mit Tod und Auferstehung Jesu als Beginn ihrer christlichen Berufung identifizieren, ratlos. Darüber, wie es geschah und geschieht, dass wir Kirche sind, was es bedeutet, dass wir diese Kirche in Polen heute sind, was Quelle und Stütze, was Gottes Absicht und Ziel unseres gemeinsamen Seins und Handelns in der Kirche ist, spricht außer dem Papst zu allen Polen fast niemand.“ Deshalb fragt der Autor, warum das so sei. Er zitiert in diesem Zusammenhang das Paulus-Wort im 2. Korintherbrief: „Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet.“ Und er schließt daran die Frage: „Haben wir nicht geglaubt? Erinnern wir uns nicht daran, woran wir in erster Linie glauben?“

„Erinnern“ ist das zweite Wort in der Bestandsaufnahme. Zum Glauben gehört es, dass man „sich erinnert“. Dass man eine lebendige Verbindung herstellt zur Vergangenheit. Dabei sollte man all das Positive und Gute in Polens christlicher Geschichte in Erinnerung haben, aber auch das, worin man versagt hat. „Es gibt ganze große Gebiete polnischen Lebens, die das betrifft. Auch an sie und an sie um so mehr müssen wir uns erinnern.“

An dritter Stelle nennt der Autor das „Vergeben“. Das Wort geht manchen leicht von der Zunge, „…aber es fällt schwer einem konkreten Menschen zu vergeben“. Dann werde schnell die Bedingung gestellt, „dass diejenigen, denen wir vergeben sollen, mit denen wir uns versöhnen sollen, sich zuerst zur Schuld uns gegenüber bekennen müssen.“ „Die Bereitschaft zur Vergebung, die für unsere Schuldiger Zeichen und Appell zur Umkehr sein soll, ist ein Maß für reifen Glauben…“ Dabei wird auch an die internationale Versöhnung erinnert, an das „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“, das die polnischen Bischöfe 1965 an ihre deutschen Mitbrüder richteten. Dieses Wort sei „noch immer nicht restlos (von den Deutschen und von den Polen) verstanden und zu eigen gemacht worden“.

Unter dem Stichwort „Annehmen“ geht es darum, dass man alles annehmen muss, was Gott uns schickt, vor allem aber darum, die realen Menschen um uns herum zu akzeptieren. Immer noch sei das Leben in Polen von der unglücklichen Eigenschaft gekennzeichnet, von dem tief verwurzelten Reflex, die Menschen in „eigene“ und „nicht dazugehörige“ einzuteilen. Die „eigenen“ braucht man, um sich wohl zu fühlen, die „nicht eigenen“, um die Schuld für Misserfolge auf sie abzuladen. Węcławski warnt davor jene abzustoßen, die nicht ganz in unser Schema passen – auch nicht in unser kirchliches. Dabei erinnert er an Jesu Wort von denen, die ihn aufnahmen, während es die Seinen nicht taten. Węcławski warnt davor jene aus Kirche und Erlösung ausgrenzen zu wollen, die einem nicht passen.

Als weitere Punkte seines Appells nennt der Verfasser „Danken“ und „Geben“. Dankbar müssten wir Gott sein für all das Gute, das er uns erweist. Aber auch für das Schwere. Die Menschen in Polen geben gern und reichlich – gerade auch für die Kirche und für die Linderung von Not. Der Autor sieht sich veranlasst darauf hinzuweisen, dass man die Gutmütigkeit der Menschen nicht überstrapazieren sollte, indem man an manchen Stellen zu viele finanzielle Mittel anhäuft. Man müsse laut darüber sprechen. Es dürfe nicht sein, dass man einerseits die Opferwilligkeit der Gläubigen lobt, andererseits allzu umtriebig dabei ist, Spenden zu ergattern, dass man gespendete Gelder für undurchdachte Investitionen vergeudet, vom Missbrauch ganz zu schweigen. Zum Zweiten dürfe die Kirche nicht den Eindruck erwecken, „dass Persönlichkeiten der Kirche sich von jenen abhängig machen, die über das große Geld verfügen, oder mehr noch, dass sie solche Menschen begünstigen.“

Der Forderungskatalog Węcławski gipfelt in dem eingangs genannten Appell an die Kirche, sie solle „gehen“, das heißt: endlich aufwachen, sich auf den Weg machen. Dieses kurze Wort „gehen“ sei das „schwierigste – und zwar sowohl für jeden von uns gesondert wie auch vielleicht noch mehr für die Kirche als Ganzes. Die Kirche ist überall und insbesondere in Polen (vor allem dann, wenn sie um sich herum die nahen und entfernteren Länder Europas betrachtet) in der Versuchung bei dem zu bleiben, was ist. Es gibt so viele Dinge, bei denen wir bleiben möchten – und vielen scheint es, dass es gut wäre dabei zu bleiben.“

Dann führe man sehr schnell das Wort im Mund „von der Treue zum christlichen und nationalen Erbe, zur großen Tradition, zu den Wurzeln, zum Glauben und zur Frömmigkeit der Väter, zum Kreuz und zum Evangelium. Solche Worte tauchen zu Recht auf. Aber jene, die sie aussprechen, scheinen sich oft nicht darüber klar zu sein, wie sehr sie irren, wenn sie meinen, dass dieses Wort es ihnen erlaubt oder, mehr noch, geradezu gebietet bei dem zu bleiben, was ist, dass es jede Ablehnung von Veränderung rechtfertige und adele.”

Węcławski fordert von der Kirche Bewegung, Aufbruch, Mut zum Risiko. Wenn man sich nur immer bewusst sei, dass die Wurzel des Glaubens Christus ist. Nur er sei immer der gleiche – „gestern, heute und in Ewigkeit. Wenn wir daran nicht glauben, wenn wir uns das nicht nehmen lassen, woran wir Gefallen gefunden haben, was uns schmeckt, was uns in der Welt notwendig erscheint, dann werden wir alle zusammen untergehen.“

Der Autor sieht den Einwand schon voraus, „dass man solche Dinge leicht sagen kann, so lange man nicht entscheiden müsse, was wir konkret zurücklassen, wovon wir ablassen, was wir verändern sollen. Darauf möchte ich antworten: Wenn wir sagen ‚wir müssen gehen‘, dann handelt es sich nicht darum, eine Liste gewünschter und unerwünschter Veränderungen und Abweichungen vom Bisherigen aufzustellen. Es geht um unsere Freiheit von uns selbst und von der Falle einer mehr oder weniger ‚heiligen‘ Überzeugung (die für gewöhnlich nicht offen ausgesprochen wird), dass das, was uns gefällt, auch Gott gefällt, und was uns nicht gefällt, ihm nicht gefallen kann. Wer nur ein wenig die Kirchengeschichte kennt – auch die Geschichte der Kirche in Polen – weiß, wie viel Schaden eine solche Überzeugung angerichtet hat und immer noch anrichtet.“

Mehr Mut zur Ökumene!

Węcławskis Artikel hat eine Diskussion ausgelöst, die in mehreren Stellungnahmen zum Ausdruck kam. Seine Anregungen wurden aufgegriffen, erweitert, an Realitäten des polnischen Alltags festgemacht. Aber sie scheinen auch manche in der Kirche erschreckt zu haben. Versuchte da nicht jemand den Papst zu kritisieren?

Eine wichtige Ergänzung kam von Prof. Wacław Hryniewicz OMI, Leiter des Instituts für Ökumene an der Katholischen Universität Lublin. Polens Katholiken müssten sich bewusst sein, dass sie nicht allein sind. Deshalb schlägt er vor, den sieben Worten Węcławski eine achte Forderung hinzuzufügen: „Die anderen wahrnehmen.“ Dazu schreibt er: „In Polen leben nicht nur Katholiken. Es gibt auch Christen anderer Konfessionen sowie Bekenner anderer Religionen und Weltanschauungen.“ Reife Religiosität zeige sich in der Fähigkeit, „anderen mit größerem Verständnis, mit Achtung und Wohlwollen entgegenzugehen“.4

Als Mängel des polnischen Katholizismus sieht er die Neigung, „der eigenen Konfessionsgemeinschaft das Monopol auf Wahrheit und auf ein privilegiertes Verhältnis zu Gott zuzuschreiben. Diese gefährliche Illusion macht uns so oft zu Menschen, die gegenüber anderen unnachgiebig und missgünstig sind. Dann schieben wir den Gedanken von uns weg, dass andere in vielen Dingen der Wahrheit und Gott näher sein könnten als wir selbst.“

Die anderen wahrnehmen, das bedeute „fähig zu sein, von ihnen all das zu lernen, was uns fehlt, wofür wir in unseren religiösen Haltungen und Gewohnheiten weniger sensibilisiert sind. Es gibt auf der Welt weder ein ideales Christentum noch eine ideale Kirche. Es gibt nur das Christentum konkreter Menschen und Kirchen.“ Er sieht wie Węcławski die Notwendigkeit, dass sich Polens Kirche auf den Weg macht. „Aber wie? Zusammen mit anderen, indem man die anderen überhaupt wahrnimmt. Die Kirche Christi ist eine Gemeinschaft von Jüngern, die gemeinsam gehen…“ Hryniewicz spricht von der Gefahr, dass „wir uns in unserem eigenen Egozentrismus und ekklesialen Narzismus verlieren…“

Noch Ende 1999 fand, angeregt von der Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“, eine Debatte über Prof. Węcławskis Thesen statt. Dabei äußerte der Chefredakteur der Krakauer Zeitschrift „Znak“, Jarosław Gowin: „…dem Autor der ‚Sieben Worte‘ geht es ja nicht darum, dass bei uns Kirche weniger päpstlich werde, sondern darum, dass sie auf andere Weise papsttreu sei. Wenn man die Frage stellt, ob unsere Kirche die unwiederholbare Chance nutzt, wie sie das Pontifikat Johannes Pauls II. darstellt, dann würde ich zu den pessimistischen Äußerungen Priester Węcławskis neigen. Ist denn in den Dokumenten des Episkopats und in der Volkskatechese das Gedankengut des Papstes nicht eher als eine Art Ornamentik vorhanden? Entstehen auf den katholischen Hochschulen interpretierende Arbeiten, nicht nur solche, die die Lehre des Papstes zusammenfassend wiedergeben? Widmen die Gruppierungen katholischer Intelligenz dieser Lehre genügend Aufmerksamkeit…? Sind die Politiker, die Johannes Paul II. so eifrig beklatschen, nach dessen letzter Pilgerreise in die Heimat auch nur im mindesten weniger empfänglich für Korruption, erliegen sie weniger der Versuchung den Staat für ihre Partei zu vereinnahmen? Gibt es im Alltagsleben der polnischen Gesellschaft mehr Wohlwollen und Selbstlosigkeit? Und vor allem: hat das Pontifikat Johannes Pauls II. es uns erlaubt unseren Glauben zu vertiefen? Ich behaupte nicht, dass die Antworten auf alle diese Fragen negativ sind. Aber mir scheint, dass wir die große Gabe des Pontifikats … uns sehr oberflächlich zu eigen machen.“5

Die genannten Stellungnahmen – vor allem der Aufsatz Węcławskis – machen deutlich: „Es denkt“ in der katholischen Kirche Polens. Dieser Prozess ist schon seit längerer Zeit im Gange und reicht tiefer, als äußere Beobachter es sehen oder wahrhaben wollen. Dabei geht es nicht darum, den polnischen Papst in billiger Weise zu kritisieren, Polens Kirche von ihm zu trennen, sondern darum, dass diese Kirche ihre eigenen Kräfte mobilisiert, Karol Wojtyłas Worte nicht nur zitiert, sondern realisiert, dass sie diesen Papst als Geschenk annimmt und nutzt, statt ihn für die eigene Bequemlichkeit zu missbrauchen. Nicht mehr und nicht weniger wollen jene, die – wie der Dekan der Posener Theologischen Fakultät - wünschen, dass ihre Kirche aufwacht und sich im Vertrauen auf Christus auf den Weg macht.

Der polnische Dichter Czesław Miłosz sieht im Übrigen den heutigen Papst nicht auf Seiten der Traditionalisten, der ängstlichen Wahrheitswächter, wenn er in seiner Ode schreibt:

Du bist mit uns und wirst von nun stets bei uns sein.
Wenn die Mächte des Chaos sich melden
Und die Besitzer der Wahrheit sich in den Kirchen verschließen
Und nur die Zweifelnden treu bleiben…“


Fußnoten:


  1. „Gazeta Wyborcza“, Warschau, 18. Mai 2000. 

  2. „Gazeta Wyborcza“, 19. Mai 2000. http://www.gazeta.pl/Iso/Raporty/Papiez/006rap.html 

  3. „Tygodnik Powszechny“, Krakau, 12. Dezember 1999. 

  4. „Tygodnik Powszechny“, 16. Januar 2000. 

  5. „Tygodnik Powszechny“, 26. Dezember 1999.