Der Versöhnungsfonds der katholischen Kirche in Deutschland

Interview mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Karl Lehmann
aus OWEP 1/2001  •  von Martina Gollrad

Die Deutsche Bischofskonferenz hat Maßnahmen zur Entschädigung von Fremdarbeitern in katholischen Einrichtungen und zur Versöhnungsarbeit in Europa beschlossen und dafür insgesamt zehn Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Mit diesem Geld werden zwei Fonds (Entschädigungsfonds und Versöhnungsfonds) mit unterschiedlichen Aufgaben und Zuständigkeiten eingerichtet. Während der Entschädigungsfonds von der Münchner Hauptvertretung des Deutschen Caritasverbandes betreut wird, wurde Renovabis, die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, mit der Geschäftsführung des Versöhnungsfonds beauftragt. Martina Gollrad hat den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Karl Lehmann, nach den Aufgaben und der Bedeutung dieses Versöhnungsfonds gefragt.

OWEP: Warum hat die Deutsche Bischofskonferenz neben der direkten Entschädigung der Fremdarbeiter durch den Entschädigungsfonds auch noch einen Versöhnungsfonds eingerichtet?

Lehmann: Mit dem Entschädigungsfonds versuchen wir den betroffenen Menschen durch eine finanzielle Unterstützung ein Zeichen der Anerkennung des erlittenen Unrechts zu geben. Er ist gewissermaßen rückwärtsgewandt. Auf der anderen Seite muss es aber auch darum gehen, den Blick nach vorne zu richten und alles daran zu setzen, dass sich so etwas wie die Verschleppung von Menschen zur Zwangsarbeit nicht wiederholt. Dazu soll dieser Versöhnungsfonds dienen.

OWEP: Welche Projekte sollen aus diesem Fonds finanziert werden?

Lehmann: Es geschieht auf diesem Gebiet seit Jahrzehnten schon sehr viel. Wir stehen nicht am Anfang. Jetzt geht es darum, mit diesen zusätzlichen Mitteln neue Impulse zu geben und deutliche Zeichen zu setzen. Die Überlegungen gehen dahin, Projekte zu fördern, die von mehreren Gruppen und Einrichtungen getragen werden und die einen „Vorbildcharakter“ haben können. Ich hoffe, dass es zu einer fruchtbaren übergreifenden Kooperation kommt, die neue Ideen und neue Ansätze entwickelt. Auf keinen Fall sollen die Mittel in die „normalen“ Haushalte der einzelnen Einrichtungen und Werke fließen. Hier muss etwas Zusätzliches geschehen.

OWEP: Auch die katholische Kirche muss sparen. Wie erhalten Sie diese Gelder angesichts der angespannten finanziellen Lage und wo werden diese abgezogen?

Lehmann: Die Mittel für den Entschädigungs- und für den Versöhnungsfonds werden von den Bistümern nach einem festgelegten Schlüssel aufgebracht. So haben es die Bischöfe beschlossen. Es ist Angelegenheit jedes einzelnen Bistums, aus welchem Haushaltstitel die Mittel entnommen werden.

OWEP: Warum haben die deutschen Bischöfe Renovabis mit dieser Aufgabe betraut?

Lehmann: Da wir eine Reihe von Organisationen und Werken haben, die seit langer Zeit in der Versöhnungsarbeit tätig sind, wäre es wenig sinnvoll gewesen, etwas Neues zu schaffen. Deshalb lag es nahe, ein bestehendes Werk mit der Koordination dieser zusätzlichen Initiative zu beauftragen. Wir sind froh, dass sich Renovabis mit seiner vielfältigen Erfahrung bereit erklärt hat diese Aufgabe zu übernehmen.

OWEP: Seit dem Ende des Nationalsozialismus sind nun 55 Jahre ins Land gegangen. Wie kann die katholische Kirche dazu beitragen, eine so belastete Vergangenheit über diese finanzielle Unterstützung hinaus aufzuarbeiten?

Lehmann: Die katholische Kirche gehörte mit zu den Ersten, die nach dem Kriege den Weg der Versöhnung mit unseren Nachbarn im Westen und Osten gesucht und beschritten hat. Im Westen war es wegen der politischen Verhältnisse zunächst einfacher. Aber auch mit Polen sind wir gemeinsam einen langen und manchmal schwierigen Weg gegangen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ergaben sich ganz neue Möglichkeiten. Es geht bei der Aussöhnung der Völker nach so viel Grausamkeit und Unrecht zunächst einmal darum, dass man über das Geschehene spricht, dass man sich der Vergangenheit und der Wahrheit stellt. Ebenso wichtig ist es aber auch, daraus die Lehren zu ziehen. Und dies muss immer wieder neu geschehen. Wenn wir auf die Ereignisse in Teilen des ehemaligen und heutigen Jugoslawien blicken, dann wird uns bewusst, wie gefährdet der Friede zwischen Staaten, zwischen Völkern und zwischen Menschen immer wieder ist. Wir müssen die Vergangenheit als Erinnerung bewahren, damit wir alles daran setzen, für die Zukunft eine friedlichere Welt zu gestalten.

OWEP: Die Fonds der katholischen Kirche sind im Vergleich zur Stiftungsinitiative von Staat und Wirtschaft „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ relativ schnell handlungsfähig geworden. Dennoch wird der katholischen Kirche fehlendes Bedauern und ein zu geringes Bewusstsein für Unrecht vorgeworfen. Besteht hier noch Handlungsbedarf?

Lehmann: Solche Vorwürfe sind völlig unberechtigt. Die katholische Kirche hat in der Vergangenheit über Jahrzehnte hin ihre Solidarität mit den Opfern des Nationalsozialismus zum Ausdruck gebracht – und das nicht nur durch finanzielle Leistungen, die weit über das hinausgehen, was jetzt zur Diskussion steht. Wir haben das – nachträglich betrachtet – vielleicht zu wenig öffentlich dargestellt. Was die Frage der Schuld betrifft, so haben wir immer den Vorwurf der Kollektivschuld zurückgewiesen. Schuld muss zurechenbar bleiben. Viele sind schuldig geworden, viele aber auch nicht. Und viele haben ihr Leben verloren, weil sie sich für Verfolgte und vom Tode Bedrohte eingesetzt haben. Diesen Menschen würde man durch ein allgemeines Schuldbekenntnis großes Unrecht tun. Es wird immer einige geben, die die katholische Kirche durch den Vorwurf der Komplizenschaft mit dem Unrechtssystem moralisch diskreditieren wollen. Wer aber die vielen Veröffentlichungen und die Dokumente über die katholische Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus liest, der kommt zu einem sehr differenzierten Urteil. Wir haben mit den Fonds zur Entschädigung und zur Versöhnung auch unseren Anteil an der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung übernommen und gleichzeitig einen Weg beschritten, der sich als sehr effektiv erweist.


Hinweis der Redaktion:
Weitere Informationen zum Versöhnungsfonds können Sie dem beigelegten Faltblatt entnehmen oder im Internet abrufen unter: http://www.renovabis.de/versoehnung