Staatssymbolik und Nationsbildung in der Ukraine (1991-2001)

aus OWEP 2/2001  •  von Wilfried Jilge

Wilfried Jilge promoviert als Osteuropahistoriker im DFG-Graduiertenkolleg „Das Neue Europa“ an der Humboldt-Universität Berlin zum Thema „Geschichtskultur und Nationsbildung in der Ukraine seit 1991“ und lebt derzeit in Kiew.

Auch fast zehn Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit ist in der ukrainischen Gesellschaft immer noch umstritten, welche Kriterien die gemeinsame Grundlage für die Definition einer „ukrainischen Nation“ bilden könnten. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Konstruktionen eines nationalen Geschichtsbildes, das nicht nur der Legitimation des Staates dienen soll, sondern aus dem auch grundlegende Werte und politische Optionen als Orientierung für die Zukunft abgeleitet werden sollen.1 Im Folgenden sollen anhand der Debatten um das Staatswappen und den ihm zugrunde liegenden nationalen Geschichtsbildern einige wesentliche Elemente des ukrainischen nationalen Selbstbildes herausgearbeitet werden. Zugleich lässt sich anhand dieser von Historikern im „Vorhof der Macht“ konzipierten Staatssymbolik zeigen, wie das Wappen und das dahinter liegende offiziös-staatlich festgelegte nationale Selbstbild vor dem Hintergrund der regional unterschiedlichen Erinnerungskulturen des Landes in den letzten Jahren modifiziert wurde.

In der Ukraine sind alle drei staatlichen Symbole (Flagge, Hymne, Wappen) in der Verfassung von 1996 gesetzlich geregelt. Es ist die Einsetzung eines Großen und eines Kleinen Staatswappens vorgesehen. Bisher gibt es nur ein Wappen: Der gelbe (goldene) Tryzub (deutsch: Dreizack) auf blauem Schild wurde zum Kleinen Wappen bestimmt. Dabei handelt es sich um das Hoheits- und Feldzeichen der frühen Rjurikiden aus der Zeit der Kiewer Rus`. Gemäß Artikel 20 der Verfassung der Ukraine vom 28.6.1996 soll das Große Staatswappen mit Berücksichtigung des Kleinen Staatswappens und des Wappens des Saporoger Heeres mit einer Zweidrittelmehrheit als Gesetz verabschiedet werden. Der Dreizack als alleiniges Staatswappen der Ukraine wurde von der Parlamentsmehrheit abgelehnt und nur als Kleines Staatswappen akzeptiert. In den Verfassungsdebatten 1995/96 war die Frage einer neuen Staatssymbolik einer der umstrittensten Punkte.

Das Kleine Staatswappen (1992) und das ethnopopulistische Geschichtsbild

Zunächst sollte kurz nach der Unabhängigkeit 1991 mittels eines Wettbewerbs ein einziges Staatswappen gefunden werden. Die durch das Parlament bestimmte Kommission bei der Regierung, die den Wettbewerb ausschrieb, wählte eine Komposition, die sich vor allem an der Konzeption des Lwiwer Historikers Andrij Hretschylo und der künstlerischen Ausführung von Kochan orientierte. Hretschylo spielte vor allem Anfang der neunziger Jahre als Heraldik-Spezialist in den ukrainischen Vergangenheitsdebatten eine wichtige Rolle. Seine Komposition bestand aus dem goldenen Dreizack (ukr. Tryzub) auf blauem Schild. Damit knüpfte er bewusst an die Entscheidung zur Staatssymbolik der Ukrainischen Volksrepublik (UNR/Ukrajinska Narodnja Respublika) und die künstlerische Ausführung des Präsidenten der Akademie der Künste in Kiew W. Kritschewskyj aus dem Jahr 1918 an. Hretschylo verknüpfte damit den unabhängigen Staat der Ukraine mit der UNR.2 Darüber hinaus wollte er ähnlich wie der ‚Vater’ der ukrainischen Historiographie und erste Präsident der UNR, Mychajlo Hruschewskyj (1866-1934) 1918 den ukrainischen Staat in die Tradition der Kiewer Rus‘ stellen, als deren Erbe nationalbewusste Ukrainer in Anlehnung an die Geschichtskonzeption Hruschewskyjs den heutigen Staat sehen. Der Rückgriff auf die Kommentare Hruschewskyjs zum Tryzub und seine historischen Konzeptionen spielten in den 90er Jahren eine zentrale Rolle für die Schaffung eines Wappens. Viele nationalbewusste ukrainische Historiker, die nach 1991 an der Findung eines Wappensymbols beteiligt waren, haben die populistische Argumentationsführung Hruschewskyjs und die Wappen-Diskussionen in den Kommissionen der UNR in einer modifizierten, die ethnischen Komponenten häufig noch stärker betonenden Form wieder aufgegriffen. Mit dem Tryzub auf blauem Grund sollte die heutige Ukraine mit dem Staat der UNR als glorreichem Endpunkt eines linearen, mit der Kiewer Rus‘ einsetzenden Prozesses identifiziert werden.

Eine zentrales Element dieses populistischen Geschichtsbildes ist die scharfe Abgrenzung der Ukrainer von den Russen. In der Optik dieses vornehmlich in der Westukraine populären Geschichtsbildes ist die Geschichte der Kiewer Rus‘ eine am ukrainischen „Volk“ orientierte Gegengeschichte „von unten“, die sich gegen die vermeintlich „von oben“ oktroyierte imperiale russische und sowjetische Geschichte abgrenzt. Die Bestimmung des Tryzub zum Staatssymbol war wohl weniger die Folge einer organischen historischen Entwicklung als vielmehr Ergebnis der allgemeinen machtpolitischen Konstellation Anfang der 90er Jahre sowie der relativen Stärke der Nationalbewegung Ruch, die ihre Basis vor allem im Westen der Ukraine hatte und der eigentliche soziale Träger der oben genannten Bedeutung dieser Symbolik war. Bei einer Untersuchung der politischen Entscheidungsprozesse zur Staatssymbolik gewinnt man den Eindruck, dass die Durchsetzung von blau-gelber Flagge und Tryzub vor allem durch die enge Kooperation zwischen führenden Vertretern der Nationalbewegung und den führenden Persönlichkeiten aus der nationalkommunistischen Fraktion der Kommunistischen Partei der Ukraine (KPU) zustande kamen und der Rückgriff auf die Symbolik der UNR in mancher Hinsicht schon am Anfang dieses Prozesses feststand.

Jedenfalls setzte sich mit dieser Staatssymbolik eine Konzeption durch, mit der sich die Mehrheit der Bevölkerung vor allem im Osten und Süden des Landes keinesfalls oder nur schwer identifizieren konnte. Der Tryzub war vielmehr die Ideallösung aus Sicht des (west-) ukrainischen Nationalismus. Gleichzeitig diente diese Symbolik der Legitimation der neuen Staatsführung, die sich vor allem aus der sowjetischen Nomenklatura rekrutierte und noch kurze Zeit vorher patriotische Äußerungen polizeilich verfolgen ließ. Dabei hätte die Tradition der ukrainischen Heraldik durchaus Alternativen für eine Symbolkonzeption geboten, die die Tryzub-Konzeption hätte modifizieren und die soziale Realität in den östlichen und südlichen Regionen stärker berücksichtigen können.

In der Forschung wird bisweilen die Meinung vertreten, dass das ethnisch-populistische Geschichtsbild bereits Anfang der 90er Jahre von der Konzepten der „staatlichen Schule“ und damit der Betonung der staatlichen Autorität sowie des territorialen Nationskonzepts abgelöst worden sei. Bei einer genaueren Analyse der nationalen Geschichtsbilder wird jedoch deutlich, dass die ethnisch-populistische Konzeption gerade in den Schulbüchern der 90er Jahre noch weiterwirkt. Darüber hinaus dient dieses Geschichtsbild in seiner ethnisch schärferen Variante auch als Grundlage der so genannten Fachrichtung „Ukrainekunde“ und dient in verschiedenen Schultypen als Unterrichtsprinzip.

Der Tryzub und die blau-gelbe Flagge riefen bereits während der Perestrojka-Phase und vor allem nach 1991 ablehnende Reaktionen primär in den östlichen und südlichen Regionen der Ukraine hervor. Viele Bürger verbanden mit den Farben Blau und Gelb oder mit dem Dreizack die Symbole der Banderisten, eines Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), der von Stepan Bandera (1909-1959) geführt wurde und vor allem von Russen und russophonen Ukrainern in den östlichen und südlichen Regionen, aber auch von Ukrainern in der Zentralukraine mit aggressiver nationalistischer Ideologie assoziiert wird.3 In etwas milderer Form gilt dies auch für die Interpretation der Geschichte der UNR, mit der man in den russophonen östlichen und südlichen Regionen – nicht zuletzt als Folge sowjetischer Propaganda – Bürgerkrieg und westukrainischen, antirussischen Nationalismus verbindet. Die Ablehnung des Tryzub als einziges Staatswappen der Ukraine betrifft also nicht allein den politisch begründeten Widerstand der im Parlament stark vertretenen ukrainischen Kommunisten gegen jegliche Staatssymbolik bzw. ihrer Ablehnung der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine. Die Debatten waren vielmehr auch geprägt von regional unterschiedlichen Erinnerungskulturen und unterschiedlichen historischen Erfahrungen.

Regionale Diversität der historischen Traditionen und kulturellen Identitäten

Die Territorien der heutigen Ukraine gehörten über lange Perioden zu unterschiedlichen Großreichen, wie dem Russischen Reich, Österreich-Ungarn oder Polen-Litauen. So hatten sich die heute zur Ukraine gehörenden einzelnen Regionen in unterschiedlicher Weise entwickelt. Wegen der unterschiedlichen politischen Bedingungen hat sich die nationale Bewegung in der Westukraine (die im 19. Jh. und am Anfang des 20. Jh. Teil Österreich-Ungarns war) schneller entwickelt als im Russischen Reich. Zudem geriet die Westukraine erst später unter die sowjetische Herrschaft als die übrigen Landesteile. Die Basis der ukrainischen Nationalbewegung lag daher vor allem im Westen, wo die ukrainische Sprache und ein ethnisch-ukrainisches Nationalbewusstsein besonders stark verbreitet waren.

Die Unterschiede in den historisch-politischen Traditionen werden zudem durch sprachliche Trennlinien verstärkt. In den östlichen Regionen, die zum Russischen Reich gehörten und früher als die westlichen Regionen in die Sowjetunion inkorporiert wurden, ist die Verwendung des Russischen und russisch-kulturelle Orientierungen weitaus stärker verbreitet. Gleichwohl geht die Ukraine nicht in einer statischen Ost-West-Dichotomie auf, die das Land in einen russischsprachigen, sowjetnostalgischen Osten und in eine westliche, nationaldemokratische Westukraine einteilt. So sind z.B. auch in der Westukraine außerhalb des Bereichs der Nationsbildung und der historischen Erinnerung sowjetische Prägungen in sozialer und politischer Hinsicht wirksam.

Laut sowjetischem Zensus von 1989 sind in der Ukraine 73% der Bevölkerung ethnische Ukrainer, 22% Russen; 5% gehören anderen Minderheiten an. Dabei gaben 64% der Bevölkerung in der Ukrainischen Sowjetrepublik Ukrainisch als Muttersprache an, 9% derjenigen, die Ukrainer sind, nannten Russisch und 22% der ethnischen Russen Russisch als ihre Muttersprache. Diese Daten werden auch durch neuere Untersuchungen bestätigt, können aber irreführend sein, da die genannte Sprache nicht mit derjenigen identisch sein muss, die eine Person im Alltag vorrangig benutzt. Jüngere Studien haben ergeben, dass 40% der ethnischen Ukrainer Ukrainisch sprechen, 33% der ethnischen Ukrainer Russisch bevorzugen und etwa 21% der ethnischen Russen Russisch sprechen. Nach Wilson/Khmelko sind etwa 56% der erwachsenen Bevölkerung der Ukraine russisch-, 44% ukrainischsprachig.4

In den südöstlichen Regionen, in denen mehrheitlich Russisch gesprochen wird, wird die Vermittlung von ukrainischer Sprache und Kultur keineswegs als Oktroi empfunden. Vielmehr wird die Selbstdefinition als Ukrainer mit einer positiven Haltung zur russischen Sprachkultur verbunden und eine eigene ukrainische, aber vom ukrainischen Westen unterschiedene, vor allem am Kosakentum orientierte Tradition entwickelt. Zu Recht ist darauf hingewiesen worden, dass viele Ukrainer und einige Russen bilingual sind und die Grenzen zwischen den drei größten linguistischen Gruppen (ukrainischsprachige Ukrainer, russischsprachige Ukrainer, russischsprachige Russen) häufig fließend seien.5 Die Sprachenfrage führt vor allem auf der Ebene der Debatten der ukrainischsprachigen und russischsprachigen Eliten zu Spannungen. Ernsthafte gesellschaftliche Spannungen sind bisher ausgeblieben. Freilich sollte die Sprachenfrage als potenzielles Mittel zur politischen Mobilisierung und Emotionalisierung gesellschaftlicher Konflikte nicht unterschätzt werden.6

Grundsätzlich kann man der Einschätzung ernst zu nehmender ukrainischer Wissenschaftler zustimmen, dass offenbar auch in den östlichen Landesteilen die Mehrheit der Bevölkerung ihre Zukunft im ukrainischen Staat sieht.7 In dieses Bild passt auch die Analyse der Projekte zu den ukrainischen Staatswappen, die 1991-1996 im Rahmen eines ukraineweiten Wettbewerbs von Ukrainern aus allen Regionen der mit der Auswertung befassten Kommission zugesendet wurden. Die Durchsicht zeigt, dass eine Ablehnung des Tryzub noch keine Ablehnung der staatlichen Unabhängigkeit bedeuten muss. Für die Ablehnung des Tryzubs sind vielmehr oft negative historische Erfahrungen verantwortlich. Zudem wurden anstelle dieses Zeichens Symbole verwendet, die die eigene Region besser repräsentieren, aber häufig ebenfalls einer ukrainischen Tradition entnommen wurden. Zudem kann die Einbeziehung der positiv erinnerten Leistungen der Ukrainischen Sowjetrepublik nicht gleichgesetzt werden mit einer rein sowjetischen, der ukrainischen entgegengesetzten Identität.

Die Konzeption für das Große Staatswappen (1997)

Nach der politischen Ablehnung des Tryzub, der nur als Kleines Wappen dienen sollte, wurde für die Konzeption eines Großen Staatswappens 1997 ein weiterer Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich verschiedene Autorengruppen beteiligten. Eine staatliche Kommission unter Vorsitz des Ersten Vizepremierministers Durdynec wählte die Konzeption der Autorengruppe um Prof. Marija Fjodorowna Dmytrijenko und ihres Assistenten Jurij Sawtschuk am Institut für Geschichte der nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine aus. Die Regierung ebenso wie die einzelnen Ministerien haben diese Konzeption bereits 1997 befürwortet. Im Januar 2001 hat der Präsident der Ukraine, Leonid Kutschma, diesem Projekt zugestimmt und es im dem Parlament der Ukraine (Werchowna Rada) gemeinsam mit einer Gesetzesvorlage zum Text der Hymne vorgelegt.

Im Zentrum der theoretischen Konzeption von Dmytrijenko/Sawtschuk steht das blaue Schild mit dem goldenen Dreizack (Tryzub). Der Tryzub wird aber ergänzt durch Schildhalter, die Schild und Helm einrahmen. Als Schildhalter sind hier links der Kosak mit Muskete und rechts der Löwe mit goldener Krone zur Seite gestellt. Über dem Schild befindet sich der so genannte Vinez, die Fürstenkrone. Im Folgenden sollen nun thesenartig einige wichtige Ergebnisse der Analyse dieser Wappenkonzeption sowie der mit ihr zusammenhängenden parlamentarischen und öffentlichen Debatten zusammengefasst werden.

Insgesamt beziehen sich die Autoren in ihrer Konzeption auf das „Wappen der Einheit“ (herb sobornisti), das der Künstler und Historiker Mykola Bytynskyj als Großes Staatswappen angefertigt hatte. Dieses Große Staatswappen diente Dmytrjienko/Sawtschuk als Muster für ihr Projekt eines Großen Staatswappens der heutigen Ukraine. Ähnlich wie Bytynskyj, aber in einer stark modifizierten Form, wollten Dmytrjienko/Sawtschuk ebenfalls verschiedene regionale Traditionen in ein Wappen als gleichberechtigte Komponenten des nationalen Selbstbildes einbeziehen. Neben dem Tryzub, der weiterhin das Zentrum des Wappens darstellt und die staatliche Einheit verkörpert, und dem Lemberger Löwen als nationalem Zeichen des Westens, wird anstelle des Erzengels der Kosak mit Muskete verwendet, um die östlichen staatsbildenden Traditionen zu symbolisieren. Das Vorbild für den Kosaken mit Muskete stammt bereits aus dem 16. Jh., seine Verwendung begründen die Autoren jedoch mit der Kodifizierung als „Wappen der kleinrussischen Nation“ in der Kanzlei des Hetmans Graf Kyrylo Razumowskyj aus der 2. Hälfte des 18. Jh. Razumowskyj ist einer der Persönlichkeiten der ukrainischen Geschichte, die für viele national gestimmte ukrainische Historiker nicht unbedingt zum „Pantheon der nationalen Helden“ gehören, wobei manchmal auf die engen Verbindungen des Hetmans zum Hof des Zaren und seine häufige Anwesenheit in Petersburg verwiesen wird. Daher ist die Tatsache bemerkenswert, dass Dmytrjienko/Sawtschuk in ihren Zeitungsbeiträgen die Aufmerksamkeit mehr auf die Bedeutung der „Order“ und die Persönlichkeit Razumowskyjs selbst lenken als auf die nationalen Helden Chmelnizkyj und Mazepa. Was auch immer die Motive der Autoren der Wappen-Konzeption gewesen sein mögen, so steht doch fest, dass der Hetman Razumowskyj eine in den ukrainisch-russischen Geschichtsdebatten weniger kontroverse historische Persönlichkeit gewesen ist als Mazepa und Chmelnizkyj. Zudem hat dieser letzte Hetman der Ukraine keinen Krieg gegen Russland zur Verteidigung der 1764 durch Katharina II. beseitigten Autonomie geführt. Gleichwohl wird seine reformerische Tätigkeit im Hetmanat im Sinne der Bedeutung von „staatlicher Modernisierung“ erinnert.

Berücksichtigung regionaler Traditionen

Der Bezug auf die UNR wird in den Hintergrund gedrängt. Die Kiewer Rus’ bleibt auch in der neuen Wappenkonzeption eine Schlüsselepoche, wobei die Krone die dynastisch-staatliche Komponente betont. Ähnlich wie bei der Konzeption des neuen Systems staatlicher Orden unter Präsident Kutschma wird die Rus‘ mit ihrer orthodoxen Sakralkultur als gemeinsames Erbe der Ostslawen angesehen und gleichzeitig als integrierender Faktor der regional unterschiedlichen staatsbildenden Traditionen der Ukraine. Wegen dieser Interpretation des Tryzubs und der Epoche der Rus‘ und wegen der Einbeziehung des Kosaken als Symbol östlicher Traditionen haben auch sozialistische Abgeordnete aus dem Osten und Süden Bereitschaft signalisiert, dieser neuen Struktur des Wappens als Großem Staatswappen zuzustimmen. Der Führer der Sozialisten, Moros, der zuvor ein Gegner dieser nationalen Symbolkonzeption war, hat sich nach einer Vorstellung des Konzepts durch die Autoren im Parlament ausdrücklich für die Annahme dieses Großen Staatswappens ausgesprochen.

Die Akzentsetzungen der Konzeption von Dmytrjienko/Sawtschuk (z.B. Betonung des Erbes der Rus‘ und Zurücknahme der Bedeutung der UNR) scheinen einige Unterschiede in den Erinnerungskulturen und in der Bewertung der Bedeutung historischer Epochen für die ukrainische Geschichte, die zwischen den ostukrainischen und westukrainischen Regionen bestehen, zu berücksichtigen.8

Die Berücksichtigung regionaler Traditionen und die Tendenz zu einem Bild von einer politischen Staatsnation lässt sich auch mit der Veränderung der Kräftekonstellation in jenen kulturellen und politischen Eliten erklären, die als „Wächter der Vergangenheit“ für die Geschichtspolitik des seit 1994 regierenden Präsidenten Kutschma verantwortlich sind. Diese betonen in ihren Artikeln das Erbe aller Regionen, ein respektvolles Verhältnis zu Russland und das Prinzip der „Staatsnation“, das alle ethnischen Minoritäten auf dem Territorium der heutigen Ukraine einbezieht. In den Konzeptionen für das Große Staatswappen (wie im Übrigen auch für die staatlichen Orden) wird weiterhin am Primat einer einheitlichen, homogenen ukrainischen Nation festgehalten, die als der eigentliche Träger des Nationalstaates erscheint. Tendenziell wird in den symbolisch konstruierten Geschichtsbildern eine konzeptionelle Umorientierung von einem populistisch-ethnozentrischen zu einer territorial-staatsnationalen Konzeption der ukrainischen Nation deutlich.

Zweifelsohne zeigen die regionalen Akzente im Großen Wappen, dass die Geschichtskultur die Besonderheiten der regionalen Erinnerungskulturen zu berücksichtigen versucht und damit nicht blind den politischen Ansprüchen der Herrschenden folgt. Mit Hinblick auf die symbolischen Elemente traditionalistischer Herrschaft und die Art und Weise, wie nationale und historische Symbole implementiert werden, handelt es sich aber eher um eine Integration von oben und nicht um eine diskursive Selbstverständigung zwischen Herrschern und Beherrschten über grundlegende gemeinsame Werte mittels der Vergangenheit. Vor dem Hintergrund der immer noch bestehenden gegenseitigen Unkenntnis der Regionen und der eher zunehmenden Distanz zwischen Staatsführung und Bevölkerung wären aber gerade solche Debatten in der Ukraine notwendig.


Fußnoten:


  1. Vgl. ausführlicher Jilge, Wilfried: Staatssymbolik und nationale Identität in der postkommunistischen Ukraine. In: Ethnos-Nation 6 (1998), Nr. 1-2, S. 85-113 und meinen in Kürze in einem von Jörn Rüsen u.a. herausgegebenen Sammelband erscheinenden Aufsatz „Historical Memory and National Identity-Building in Ukraine since 1991“. Dieser Aufsatz ist Bestandteil eines Dissertationsprojekts zum Thema „Geschichtskultur und Nationsbildung“, in dem u.a. die Debatten um die ukrainische National- und Staatssymbolik sowie die Geschichtsschulbücher untersucht werden. 

  2. Der Tryzub wurde vom höchsten Gesetzgebungsorgan der UNR, dem Zentralrat (Zentralna Rada) als Kleines und Großes Staatswappen angenommen. Gleichzeitig wurde die gelb-blaue Flagge auf Empfehlung Hruschewskyjs zur Staatsflagge bestimmt. Erst unter der Regierung des Hetmans Skoropadskyj wurde die heraldische Ordnung der Farben vertauscht und die blau-gelbe Flagge zur Staatsflagge bestimmt. Dies war auch die Staatsflagge unter der Regierung des Direktoriums. Die blau-gelbe Flagge ist auch die Staatsflagge der heutigen Ukraine. Auf die politischen Implikationen der Veränderung der heraldischen Anordnung der Farben kann hier nicht eingegangen werden. 

  3. Die OUN wurde 1929 in Wien gegründet. Ihre Programmatik war beeinflusst von der Ideologie des integralen Nationalismus Dmytro Donzows. Die Organisation spaltete sich 1940 in zwei Flügel: Der eine Flügel, die OUN (m), stand unter Führung von Andrij Melnyk, der andere radikalere Flügel, die OUN (b) wurde von dem jungen Terroristen Stepan Bandera geführt. Beide Flügel waren während des Zweiten Weltkriegs der deutschen Besatzungsmacht in der Ukraine zu unterschiedlichen Zeiten nützlich und kollaborierten mit den Deutschen in bestimmten Perioden, wobei Motive und Ausmaß umstritten sind. Auch wenn das Organisationszeichen der OUN (b) aus einem roten Schwert auf einem schwarzem Kreis bestand, kämpfte und demonstrierte dieser Flügel unter dem Tryzub und der blau-gelben Flagge und trug besonders zur Verbreitung der heutigen ukrainischen Staatssymbolik bei. 

  4. Khmelko, Valerij / Wilson, Andrew: Regionalism and Ethnic and Linguistic Cleavages in Ukraine. In: Contemporary Ukraine. Dynamics of Post-Soviet Transformation. Hrsg. von Taras Kuzio. Armonk/New York, London 1998, S. 60-80, hier: S. 74, 77. S. 74: Etwa 25% sehen sich dabei sowohl als Russen als auch als Ukrainer. 

  5. Jackson, Louise: Identity, Language, and Transformation in Eastern Ukraine: A Case Study of Zaporizhzhia. In: Contemporary Ukraine. Dynamics of Post-Soviet Transformation. Hrsg. von Taras Kuzio. Armonk/New York, London 1998, S. 99-113 und in diesem Band auch: Batt, Judy: National Identity and Regionalism. S. 57-59. 

  6. Vgl. ausführlicher Stewart, Susan: Sprachenpolitik als Sicherheitsproblem in der Ukraine. MZES-Arbeitspapiere, Nr. 20, Mannheim 2000. Auf den für die soziale Identität ebenfalls relevanten Faktor Konfession, der aber weniger wichtig erscheint als der regionale Faktor, kann hier nicht eingegangen werden. 

  7. Darüber hinaus gibt es bemerkenswerte Indikatoren für eine Annäherung grundlegender Merkmale der sozialen Identitäten in Ost und West, die aus einer ukrainisch-amerikanischen Studie hervorgehen, die auf 1994 bis 1999 durchgeführten Umfragen in Lwiw als Beispiel für die westliche Ukraine und Donezk als Beispiel für die Ostukraine beruht. Demnach besteht die weit überwiegende Bevölkerungsmehrheit in Lwiw aus ethnischen Ukrainern, die Ukrainisch als ihre Muttersprache sprechen und sich in ihrer überwiegenden Mehrheit mit der ukrainischen Kultur und ukrainischem Nationalbewusstsein identifizieren. Während dieses Bild für Lwiw zwischen 1994 und 1999 grundsätzlich konstant blieb, sank in Donezk die Präferenz für eine sowjetische Identität von 40% auf 20,4%. Zudem ging auch die Identifikation mit der russischen ethnischen Identität zurück, während sich die Bürger nun vor allem regional definieren und die ukrainische Identität von Platz 4 auf 2 kletterte. Vgl. die Zusammenfassung der Forschungsergebnisse in dem Bericht von Prof. Natalja Tschernysch (Lwiw) in der Zeitung Den‘ vom 3.1.2001, S. 4. 

  8. Gemäß Umfragen unter Bürgern von Donezk und Lwiw 1994 auf der Basis des in Anm. 7 genannten Projektes bezeichneten in Donezk nur 23,3% die UNR (Lwiw: 67,5%), aber 77,2% (Lwiw: 72,7%) die Kiewer Rus‘ als wichtig für das Verständnis der Ursprünge der Ukraine. Insgesamt zeigte sich, dass sowjetische historische Interpretationsmuster in Donezk die historische Erinnerung deutlich stärker prägen als in Lwiw. Vgl. Hrytsak, Yaroslav: National Identities in Post-Soviet Ukraine: The Case of Lviv and Donetsk. In: Cultures and Nations of Central and Eastern Europe. Essays in Honor of Roman Szporluk. In: Harvard Ukrainian Studies, Vol. XXII (1998), S. 263-277, hier: S. 271.