Ein Mann des Dialogs: Lubomyr Kardinal Husar, ukrainischer griechisch-katholischer Großerzbischof von Lwiw/Lemberg

aus OWEP 2/2001  •  von Wolfgang Grycz

Fast visionär wirkt heute ein Foto aus dem Jahre 1980: Es zeigt den kürzlich zum Großerzbischof von Lemberg und zum Kardinal erwählten damaligen Archimandriten Dr. Lubomyr Husar vor dem überlebensgroßen Bild des Bekenners dieser ukrainisch-katholischen Kirche des byzantinischen Ritus, des legendären Großerzbischofs von Lemberg Joseph Slipyj. Das erwähnte Foto entstand seinerzeit in Deutschland. Dorthin hatte der greise, nach 18 Jahren sowjetischer Haft in Rom lebende Kardinal Slipyj den 47-jährigen Archimandriten Husar geschickt, damit er seine Botschaft an die Christen im Westen verlese. Dies war schon damals als ein besonderer Vertrauensbeweis des Kardinals gesehen worden.

Seither hat sich der bis dahin – außerhalb des ukrainischen Milieus – recht unbekannte Pater Husar in vielen Ländern einen Namen gemacht. Er hielt an der bedingungslosen Ablehnung des religionsfeindlichen Regimes im sowjetischen Machtbereich fest, blieb kritisch gegenüber manchen Schritten orthodoxer Hierarchen, gleichzeitig erwies er sich als ein Mann der Toleranz, des ökumenischen Dialogs, der Sehnsucht nach Einheit im Glauben.

Lubomyr Husar wurde am 26. Februar 1933 in Lwiw (dem damals noch polnischen Lwów) in der Westukraine geboren. Bei Kriegsende floh die Familie in den Westen. Nach dem Studium an mehreren Universitäten der USA machte er seinen Doktor in Rom. Nach der Priesterweihe wirkte er als Seelsorger im Staat New York und bis 1969 als Präfekt am Ukrainischen Kolleg in Stamford/Connecticut. 1972 trat Lubomyr Husar als Priestermönch in den ukrainischen Studiten-Orden ein. 1978 wurde er Archimandrit des Klosters in Grottaferrata bei Rom.

1977 weihte ihn Kardinal Slipyj im Geheimen – ohne Wissen des damaligen Papstes und des Vatikans – zum Bischof für die Ukraine. Diese Tatsache war lange Jahre nur wenigen Insidern bekannt. Formell wurde sie vom Vatikan und von der Synode der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche erst Mitte der neunziger Jahre akzeptiert. Am 2. April 1996 wurde seine Weihe öffentlich gemacht.

Inzwischen war Husar – 1992 – in die Ukraine zurückgekehrt. Im Frühjahr 1996 wurde er Exarch seiner Kirche für das Gebiet Kiew-Wyschhorod. Ein halbes Jahr später zeigte es sich, dass Husar im Zentrum seiner Kirche – in Lemberg – noch dringender gebraucht wurde: am 17. Oktober 1996 trat er an die Seite des damaligen Oberhaupts seiner Kirche, Kardinal Lubatschiwskyj. Als dieser am 14. Dezember 2000 starb, nahm Lubomyr Husar das Amt des Administrators für die Erzdiözese Lwiw wahr.

Am 25. Januar 2001 wählte die in Lwiw versammelte Synode der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche Bischof Lubomyr Husar zum Großerzbischof von Lwiw. Die Bestätigung durch Papst Johannes Paul II. kam binnen Stunden. Zwei Tage danach wurde bekannt, dass der Papst den neuen Großerzbischof von Lemberg in das Kardinalskollegium aufnehmen werde.

Es geht Lubomyr Husar um ein gutes Miteinander mit den Christen anderer Glaubensgemeinschaften, vor allem natürlich mit den orthodoxen Brüdern. Erste Reaktionen nach seiner Ernennung machen deutlich, dass selbst schärfste orthodoxe Kritiker der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine seine Wahl begrüßen. Der Sprecher des Lemberger orthodoxen Erzbischofs Augustin, Vater Scharabura, der aus seinen Vorbehalten gegen Handlungen der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine keinen Hehl macht, äußerte, er habe aus allen Kontakten mit Husar „den Eindruck, dass er tolerant ist… Wir hoffen, dass es positive Veränderungen geben wird.“

Der neue Großerzbischof von Lwiw/Lemberg wird sich besonders zwei Aufgaben widmen müssen: nach fast einem halben Jahrhundert seine Kirche auch mental aus ihrem „Katakombenleben“ herauszuführen, den Gläubigen den Weg zu einem wahrhaft christlichen Leben zu weisen, ihr religiöses Wissen zu erweitern und – zweitens – in ökumenischem Geist die schier heillose Zerstrittenheit der Christen in der Ukraine zu überwinden. Wer ihn kennt, weiß, dass er die Fähigkeiten und den festen Willen dazu hat.