Kirche und Nation in Litauen

aus OWEP 3/2001  •  von Kestutis Girnius

Kestutis Girnius Ph.D. ist Redakteur der Nachrichtenabteilung von Radio Free Europe / Radio Liberty in Prag.

Die katholische Kirche in Litauen versucht immer noch, das schwierige Vermächtnis von über 50 Jahren sowjetischer Repression zu überwinden und für sich selbst eine neue Rolle in einem veränderten Umfeld zu finden. Das zu tun wäre auch unter den günstigsten Voraussetzungen eine ungeheure Herausforderung; die Situation, in der sich die Kirche befindet, kann jedoch kaum als optimal bezeichnet werden. Jahrzehnte einer aufgezwungenen Isolation haben die Bande gemeinschaftlicher Solidarität geschwächt und eine neue Belagerungsmentalität geschaffen, die bis heute nicht vollständig überwunden ist, während eine unbarmherzige Säkularisierung die Religiosität eines Großteils der Bevölkerung unterminierte. Obwohl die Katholiken sich allmählich mit diesen neuen Realitäten auseinander setzen und ihr Gefühl von Kränkung und Enttäuschung überwinden, bleibt der Einfluss der Kirche begrenzt.

Als Litauen 1988 begann seine Unabhängigkeit wieder zu behaupten, schien die Kirche für eine zentrale Rolle in der litauischen Gesellschaft bestimmt zu sein. Während der Jahre in den Katakomben sammelte sie einen soliden Bestand an geistigem Kapital und genoss als ein Hauptsymbol des Widerstandes gegen die kommunistische Herrschaft sowohl Bewunderung wie auch Wohlwollen. Es gibt dementsprechend eine Tendenz, die Kirche in Litauen durch ein „polnisches Prisma“ zu betrachten, das heißt, zu glauben, dass die Kirche in Litauen über die Unterstützung durch die Massen verfügt, wenn auch in bescheidenerem Ausmaß als in Polen. Diese Überzeugung war teilweise ein Ergebnis der Reichweite und der Vitalität des Dissidententums der Katholiken in den 70er und 80er Jahren.

Katholische Priester und Laien waren die Hauptkatalysatoren einer Dissidentenbewegung, die aktiver und zahlreicher war als in anderen Sowjetrepubliken. Die „Chronik der Katholischen Kirche in Litauen“ (Lietuvos Kataliku Baznycios Kronika) wurde ohne Unterbrechung seit ihrer Gründung am 19. März 1972 veröffentlicht, trotz der ständigen Bemühungen der Obrigkeit dies zu unterdrücken. Von den mehr als 15 anderen Samisdat-Publikationen waren die meisten ihrem Inhalt und Geist nach katholisch. Die abweichende Meinung der Katholiken war jedoch nicht das Ergebnis einer vertrauensvollen Überzeugung in den unvermeidlichen Sieg, das Werk einer triumphierenden Kirche. Sie gründete eher auf der Angst, dass fortgesetzte Passivität im Angesicht von Repressionen unvermeidlich zur Schwächung, wenn nicht zur Vernichtung des Katholizismus in Litauen führen würde. Die Zahl der Katholiken war rasch gefallen, Katholiken waren aus dem öffentlichen Leben entfernt worden, während der KGB beständig die Unabhängigkeit der kirchlichen Hierarchie untergrub.

Die Besetzung Litauens im Jahr 1940 kam für die Kirche zu einer ungünstigen Zeit. Während der Jahre der Unabhängigkeit (1918-1940) hatte die Kirche bemerkenswerte Fortschritte darin gemacht sich selbst zu transformieren von einer Institution, die in erster Linie den geistigen Bedürfnissen einer relativ rückwärts gerichteten Agrargesellschaft diente, hin zu einer Institution, die einer zunehmend urbanen und sich ihrer eigenen Nationalität bewussten Kultur geistige Führung zu geben hatte. Selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es viele Priester, die der litauischen nationalen Wiedergeburt indifferent gegenüberstanden, aus Angst, die Entwicklung einer klaren nationalen Identität, die auf einem bewussten Widerstand gegen den polnischen Einfluss im kulturellen Leben basierte, würde die Fundamente und die Einheit des Katholizismus in Litauen untergraben. Für viele der älteren litauischen Priester war der Verzicht auf den polnischen Einfluss gleichbedeutend mit Abtrünnigkeit, während für die Mehrheit der litauischen Intellektuellen, welche die sozialistische Ideologie und den Antiklerikalismus, der an den russischen Universitäten dominierte, absorbiert hatten, die Kirche eine Zitadelle der Reaktion darstellte, deren Einfluss auf die Erziehung und das öffentliche Leben radikal beschnitten, wenn nicht gänzlich eliminiert werden sollte.

1940 hatte sich die Situation signifikant verändert. Als eine jüngere Generation von Priestern und Laien zum Vorschein kam, konnte man die Kirche nicht länger der Indifferenz in Bezug auf nationale Belange beschuldigen. Junge katholische Philosophen, Historiker und Journalisten, die in Litauen und an westeuropäischen Universitäten ausgebildet worden waren, einflussreich und selbstsicher waren, hatten die Führerschaft über das intellektuelle Leben der Nation übernommen. Die sowjetische Besetzung beendete die Entwicklung der Kirche. Das Überleben, nicht die Ausdehnung ihres Einflusses wurde zur wichtigsten Priorität der Katholiken, als das neue Regime dazu überging Priester und Bischöfe zu verhaften, Klöster und katholische Laienorganisationen zu schließen, Kircheneigentum zu konfiszieren. Aber selbst während der dunkelsten Tage der stalinistischen Herrschaft fuhr die Kirche damit fort, weiter zu arbeiten und sich ein wenig Unabhängigkeit von den Diktaten des Kremls zu bewahren.

Die Folgen der Sowjetzeit

Die Jahrzehnte der Unterdrückung hinterließen ihre Narben auf dem litauischen Katholizismus. Die Kirche, die 1989 siegreich auftauchte, war unfähig in der Gesellschaft die Rolle zu übernehmen, die sie 1939 innehatte. Die Kluft von über 50 Jahren hatte das wechselseitige Verhältnis zwischen der säkularen Gesellschaft und der Kirche umgeformt. 1939 hatte die Kirche in einem bedeutenden Ausmaß die Tagesordnung für die Gesellschaft im Ganzen bestimmt. Heute ist die Kirche ein Zweitligist, eher eine Quelle des Trostes in Zeiten der Not als eine Quelle, die zu Rate gezogen würde, eine Institution, die selten kritisiert wird, da sie oftmals als überflüssig empfunden wird.

Verschiedene, parallel ablaufende Prozesse haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Intensive atheistische Propaganda und eine allgemeine Verbannung öffentlicher Kundgebungen von Religiosität haben den traditionellen Glauben vieler Gläubiger gekostet. Litauen wurde zu einer religiös indifferenten Gesellschaft. Der noch verbliebene Respekt, den die Kirche besitzt, sollte nicht mit einer tatsächlichen religiösen Bindung verwechselt werden. Umfragen weisen darauf hin, dass der Prozentsatz der Personen, die wöchentlich in die Kirche gingen, 1989/90 rasch anwuchs und sich dann bei etwa 15 % einpendelte. 16 % behaupten, einmal im Monat in die Kirche zu gehen, während weitere 40 % die Messe an den großen religiösen Feiertagen besuchen. Man muss diese Umfrageergebnisse jedoch mit Vorsicht behandeln. Vorsichtige Vergleiche von Antworten, die bei Umfragen in den Vereinigten Staaten gegeben wurden, mit den aktuellen Zählungen der Kirchenbesucher legen nahe, dass die Umfrageergebnisse teilweise um bis zu 50 % zu hoch liegen. In Litauen ist das Ausmaß dieser „Überschätzung“ - wenn überhaupt - noch größer. Es ist für 60 bis 70 % der Bevölkerung schon fast physisch unmöglich die Messe an hohen religiösen Festen zu besuchen, da in den Massensiedlungen, die während der sowjetischen Jahre in den größeren Städten Litauens errichtet wurden, keine Kirchen gebaut wurden. Die bescheidene Zahl von 6 % junger Menschen bis zu 30 Jahren, die wöchentlich am Gottesdienst teilnehmen, scheint richtig zu sein.

Ambivalente Popularität der Kirche

Wenn man die soziologischen Umfragen der vergangenen zehn Jahre für bare Münze nimmt, so ist die Kirche eine der Institutionen, die in Litauen am meisten Vertrauen genießt. Nur die Medien und das Präsidentenamt haben durchwegs höhere Werte. Der immer noch verbliebene Respekt für die Kirche ist das Ergebnis vieler Faktoren. Sie ist die Religion der Vorfahren. Sie wird für ihre Ausdauer während der Jahre der sowjetischen Herrschaft geachtet und genießt Anerkennung, weil sie als ein Eckstein der nationalen Identität und des nationalen Erbes betrachtet wird. Auf eine sehr diffuse Weise meint Litauer sein, Katholik zu sein. Diese Quasi-Identifikation von Kirche und Nation ist es, die viele gewöhnliche Litauer dazu führt, ihre religiöse Bindung zu übertreiben und einige Kleriker dazu verführt, die Größe ihrer Herde zu übertreiben.

Aber selbst die nominelle Popularität der Kirche ist irreführend. In einem hohen Maße ist sie populär, weil sie belanglos ist. Indem die Kirche wenig oder gar keinen Einfluss auf viele Entscheidungen hat, welche das Leben der Mehrheit der Bevölkerung direkt betreffen, tut die Kirche wenig, was den Ärger oder das Missvergnügen der gewöhnlichen Litauer hervorrufen könnte. Wenn die Kirche versuchen würde, sich ihre vorgebliche Popularität in Gestalt von Unterstützung für ihre Positionen zunutze zu machen, sagen wir, in Bezug auf Abtreibung oder Pornographie oder für eine Kampagne, um die religiöse Bildung in den Schulen zu verstärken, würde offenbar, dass die Kirche keine Divisionen oder Regimenter befehligt, sondern lediglich kleine Abteilungen.

Überdies verbirgt diese wohlwollende Ambivalenz eine tief sitzende Feindschaft, die gelegentlich innerhalb eines breiteren Sektors der Bevölkerung mit Bösartigkeit hervorbricht. So kam beispielsweise im Jahr 1995 ein Gesetz durch das sehr links dominierte Parlament, welches das Recht der Kirche, ihr früher verstaatlichtes Eigentum wieder zu erlangen, stark einschränkte, während die regierende Litauische Demokratische Arbeiterpartei eine Erklärung bezüglich der Beziehungen zwischen Kirche und Staat veröffentlichte, welche die Gläubigen beschuldigte zu versuchen, den Katholizismus zur Staatsreligion zu machen und behauptete, dass dieses „Relikt totalitärer Tendenzen“ eine Bedrohung für die Demokratie darstelle. Im gleichen Jahr wurden Änderungsanträge zur Gesetzgebung bezüglich religiöser Gemeinschaften eingereicht, welche die Existenz von Militärkaplänen sowie den Religionsunterricht in staatlichen Schulen verboten hätten. In beiden Fällen führte die Intervention des Präsidenten dazu, dass die beleidigenden Passagen aus der Schlussfassung gestrichen wurden.

Während der Jahre der kommunistischen Herrschaft verlor die Kirche viel von ihrem Schwung, ihrer Selbstsicherheit und ihrer intellektuellen Kraft. Der Klerus war isoliert, die Aktivitäten der religiösen Gemeinschaften radikal eingeschränkt und viele Katholiken kehrten der Gesellschaft, die sie ihren fundamentalen Interessen gegenüber für feindlich eingestellt hielten, den Rücken zu. Der Fall des Kommunismus beendete die Isolation der Kirche nicht. In der Tat war während der sowjetischen Herrschaft keine natürliche Nische für die Kirche in den Strukturen des öffentlichen Lebens geschmiedet worden. Eine solche Nische hätte geschaffen werden können, aber nur, wenn die Kirche sich einen Weg gebahnt hätte, indem sie die soziale Trägheit und die Feindseligkeit derer überwunden hätte, die begierig darauf waren sicherzustellen, dass die Rolle der Kirche darauf begrenzt war für die geistigen Bedürfnisse ihrer Gläubigen zu sorgen. In der Tat waren die Anstrengungen und Leistungen der Kirche, sich wieder in das öffentliche Leben zu integrieren, begrenzt.

Begrenzter gesellschaftlicher Einfluss

Die Jahre der Isolation hatten die Katholiken nicht darauf vorbereitet, ein mehr öffentliches Profil anzunehmen und für ihre eigenen Interessen Lobbyarbeit zu betreiben. Viele Katholiken glaubten naiverweise, dass eine dankbare Nation in die Bitten der Kirche einwilligen und sie mit der Rolle, die sie sich wünschte, belohnen würde. Dies geschah nicht. Überdies behinderten gerade die Wesensmerkmale, welche zur Stärke der Kirche während der kommunistischen Herrschaft beigetragen hatten, ihre Bemühungen im öffentlichen Leben mehr zu sagen zu haben. Der moralische Mut, der notwendig war, um dem erbarmungslosen Druck der Autoritäten zu widerstehen, wurde mit Vorsicht aufgenommen, nachdem die bürgerlichen Rechte erst einmal zurückgekehrt waren.

Die Rolle der Kirche als Verteidigerin der nationalen Rechte und der Menschenrechte eigneten sich schnell der Staat und die sich neu bildenden Parteien an; dabei wurde der bedeutende Beitrag, den die Kirche bei der Unterstützung der nationalen Identität gegen die Angriffe der kommunistischen Propaganda geleistet hatte, nur wenig anerkannt. Die meisten Personen des öffentlichen Lebens - Intellektuelle wie Politiker - zogen es vor, nur wenig über die Dissidentenbewegung der 70er und 80er Jahre zu sprechen, bei der sie keine Rolle gespielt hatten. Auf diese Weise fiel ein Schleier des Schweigens über die Beiträge der Kirche.

Viele der Führer von Sajudis betrachteten die Kirche mit Sympathie und sahen in ihr einen Verbündeten gegen ein erneutes Emporkommen der Neo-Kommunisten aus der Litauischen Demokratischen Arbeiterpartei. Sajudis war der Kirche gegenüber ziemlich freundlich. Priester wurden eingeladen, Gebäude zu segnen, bei wichtigen öffentlichen Anlässen zu beten und andere religiöse und quasi-religiöse Funktionen auszuüben. Diese öffentlichen Segnungen verdunkelten die Tatsache, dass die Kirche auf Armeslänge entfernt gehalten wurde, wenn wichtige politische, ökonomische oder soziale Angelegenheiten diskutiert wurden. Priester wurden eher als religiöse Spezialisten denn als Einzelpersonen betrachtet, die etwas Bedeutsames bei Angelegenheiten von allgemeinem Interesse sagen könnten.

Die Kirche war außerdem durch ihre allgemein skeptische Einstellung gegenüber den Intellektuellen gehandikapt. Während der sowjetischen Jahre waren viele Intellektuelle, unter ihnen auch Katholiken, zu schnell dabei gewesen, Kompromisse mit dem Regime zu schließen und zu ängstlich, um der Dissidentenbewegung beizutreten. Die Selbstbedienungseinstellung vieler Intellektueller führte viele Katholiken dazu, geringschätzig gegenüber solchen Einzelpersonen, aber auch gegenüber dem intellektuellem Leben als solchem zu sein. Intellektuelle Laien wurden nicht eingeladen für die Kirche zu sprechen, und so trugen die Katholiken nur wenig zu den Debatten bei, welche den öffentlichen Raum in den frühen 90er Jahren neu ordneten.

Wenn Katholiken an öffentlichen Streitgesprächen teilnahmen, waren sie häufig nicht im Gleichklang. Diejenigen Politiker, welche die Ansichten der Katholiken repräsentierten oder für solche gehalten wurden, konzentrierten ihre Aufmerksamkeit auf die falschen, das heißt auf zweitrangige Themen und trugen so dazu bei, dass die Kirche als eine Institution wahrgenommen wurde, deren Hauptanliegen für die Gesellschaft als ganze peripher waren. Aus einer Vielzahl von Gründen - zunächst waren es vielleicht Schock und moralische Entrüstung - entschieden sich die politisch aktiven Katholiken dafür, moralische Themen hervorzuheben und gegen die Aspekte des modernen Lebens zu rebellieren, die sie als beunruhigend empfanden, beispielsweise das Erscheinen von gewalttätigen und (wenigstens nach westlichen Standards) weichen pornographischen Publikationen bzw. Fernsehprogrammen. Große Anstrengung verwendeten die Christdemokraten auf den Versuch eine Gesetzgebung durchzubekommen, die es der Regierung gestattet hätte Kontrollen aufzuerlegen oder Publikationen zu bestrafen, welche die Normen des Anstandes verletzten. Viel Energie wurde darauf verwendet zu versuchen, die Einführung von legalem Glücksspiel und Casinos zu verhindern. Obwohl diese Anstrengungen zu manchen Zeiten von Erfolg gekrönt wurden, litt die allgemeine Auffassung in Bezug auf die Katholiken. Die Kirche wurde eher als Exponent von amtlichen Verboten denn von positiven Handlungen gesehen, eine Institution, die versuchte, die Zensur einzuführen und den Strom der Geschichte zurückzudrehen.

Schließlich hatte die Kirche auch nur wenige charismatische und politisch scharfsinnige Führer. Eine Reihe von Faktoren verschlimmerte die Situation schnell. Die kirchliche Hierarchie war intellektuell zögerlich, entschieden konservativ und Veränderungen gegenüber relativ misstrauisch. Kardinal Sladkevicius war der Einzige, der über uneingeschränktes Prestige und allgemeinen Respekt verfügte. Aber der Kardinal - ein heiliger und frommer Mann - war weder an Politik interessiert, noch daran eine öffentliche Rolle zu übernehmen. In den Jahren 1992/93 hatte er sich praktisch aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Und niemand schritt ein den öffentlichen Mantel aufzuheben, den er abgeworfen hatte. Während der entscheidenden Jahren 1988 bis 1993, als der öffentliche Raum in Litauen neu definiert wurde, war die Kirche viel häufiger eine schweigende Beobachterin der Entwicklungen denn Handelnde. Spätere Bemühungen eine bedeutsamere Rolle zu spielen, wurden durch interne Handicaps behindert, insbesondere durch die relative Isolation der Kirche und ihren Mangel an intellektueller Kraft.

Gefahr der gesellschaftlichen Isolation

Die Isolation, welche die Sowjets der Kirche auferlegt hatten, wurde bis jetzt noch nicht vollständig überwunden und zeigt sich auf viele Arten. Ich werde wenigstens einige nennen:

(1) Die Aktivitäten der Kirche sind primär nach innen gerichtet, sie beziehen sich darauf die Bedürfnisse der Gläubigen zu befriedigen. Es wurden nur bescheidene Anstrengungen in Gang gebracht den Handlungsspielraum der Kirche auszudehnen, etwa durch die Suche nach Konvertiten oder eine Erweiterung der Rolle der Kirche in der Gesellschaft als ganzer.

(2) Die Katholiken bleiben relativ isoliert voneinander. In vielen Pfarrgemeinden besteht das Pfarreileben in erster Linie darin die Messe zu besuchen und die Sakramente zu empfangen. Das soziale Potenzial und der Sinn für die Gemeinschaft sind unterentwickelt, obwohl es eine katholische Identität gibt, die sich durch ihre Opposition zu dem definiert, was als relativ feindliche Umgebung wahrgenommen wird.

(3) Viele Katholiken sind misstrauisch und feindselig gegenüber den Massenmedien. Katholiken haben nur wenige Mittel ihre Ansichten und Gedanken darzulegen, und selbst dieses Potenzial ist zu wenig genutzt. Die Katholiken haben keine Tageszeitung, ihre anderen Publikationen verfügen nur über eine bescheidene Auflage und sind eher an die Gläubigen gerichtet denn an die Öffentlichkeit als ganze.

(4) Die Katholiken sind politisch isoliert. Die Kirche wurde mit der Litauischen Christlich-Demokratischen Partei identifiziert und hat sich bis zu einem gewissen Grad selbst damit identifiziert. Obwohl die Partei bei den Wahlen von 1992 gut abschnitt, wurde sie danach durch eine sehr schwache Führung, erbitterte und unpassende interne Auseinandersetzungen, einen offensichtlichen Mangel an christlicher Gesinnung und durch ihren unbedeutenden Ruf innerhalb des Parlaments belastet. Die Partei splitterte sich in verschiedene Fraktionen auf, von denen keine glaubwürdig beanspruchen kann die Interessen der Katholiken zu vertreten.

Der Kirche fehlt es an intellektueller Kraft; sie besitzt keinen Expertenstab, den sie mobilisieren könnte, um bedeutsame Beiträge in intellektuellen Debatten zu leisten oder für die Öffentlichkeit attraktive politische Alternativen zu formulieren. Litauen stand und steht immer noch beträchtlichen Veränderungen gegenüber, welche durch den Wechsel zur Marktwirtschaft verursacht wurden. Dies beinhaltet ein Absinken des Lebensstandards, hohe Arbeitslosigkeit, abgrundtiefe Unterschiede im Hinblick auf individuellen Wohlstand und Lebenschancen. Soziale Ungleichheit und Verarmung sind sensible Themen, die angegangen werden müssen, aber nur wenige Politiker haben fertige Antworten oder vernünftige Ratschläge. Die Katholiken hätten versuchen können, bei der Lösung dieser Probleme die Führung zu übernehmen, indem sie die Traditionen der katholischen Soziallehre herangezogen hätten, um die Politik der Regierung zu beeinflussen. Aber die intellektuelle Kraft dazu war einfach nicht vorhanden.

Der Übergang vom Kommunismus zur Freiheit war für die Kirche in Litauen schwierig, so wie es für die meisten Institutionen im früheren Sowjetblock war. Indem sie aber die unrealistischen Hoffnungen und das Gedankengut der Vergangenheit aufgibt, beginnt die Kirche ihre Aktivitäten neu zu orientieren. Das Selbstvertrauen der Kirche wächst, die Zahl der Priester ist angestiegen, die Kirche wird offener für die Moderne und die antiklerikalen Einstellungen lassen nach. Aber es muss noch viel getan werden.

Aus dem Englischen übersetzt von Angelika Weber.