Polen – ein katholisches Land?

aus OWEP 3/2001  •  von Wolfgang Grycz

Wolfgang Grycz, Slawist, ist Mitglied der Redaktion dieser Zeitschrift.

Die Frage, ob Polen ein katholisches Land ist, mag den meisten absurd erscheinen. Welches Land in Europa – wenn nicht jenes zwischen Oder und Bug – könnte dieses Prädikat beanspruchen.

Beeindruckende Zahlen

Das Pallottiner-Institut für Statistik der Katholischen Kirche gab Ende 2000 in Warschau ein umfassendes Werk „Kirche und Religiosität der Polen 1945 – 1999“ heraus, das die Forschungsergebnisse bedeutender polnischer Wissenschaftler enthält.1 Als die Freiheit über Polen „hereinbrach“, da meinten nicht wenige in- und ausländische Beobachter, jetzt werde es mit Kirche und Gläubigkeit schnell bergab gehen. In der Tat haben manche übereifrige Schritte von Kirchenführern dazu beigetragen, Unmut gegenüber der eigenen Konfession anzuhäufen. Umso mehr überraschen die Erkenntnisse dieses Buches, die von der katholischen Krakauer Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ zusammengefasst werden:

„92,9 % der Polen halten sich für Katholiken. Etwa 47 – 50 % nehmen regelmäßig am Sonntagsgottesdienst teil, 16,3 % gehen wöchentlich zur Kommunion, 15 % engagieren sich im Leben der Pfarrei. Polen blieb des religiöseste Land Europas. Die Transformation nach 1989 hat die Laizisierung nicht beschleunigt…

Die polnischen Katholiken sind jedoch eine innerlich differenzierte Gemeinschaft. Wie (das polnische Meinungsinstitut) CBOS darlegt, sind 10 % der Polen Personen, die tiefgläubig sind, regelmäßig praktizieren und sich mit der Lehre der Kirche identifizieren. 35 – 55 % sind gläubig und praktizieren, akzeptieren ‚in bedeutender Mehrheit, aber nicht ausnahmslos‘ die gesellschaftliche und moralische Botschaft der Kirche, etwa 20 – 25 % der Polen praktizieren unregelmäßig, sind schwächer mit der Kirche verbunden und gegenüber deren sozialer Botschaft kritisch eingestellt. Schließlich gibt es 20 – 30 % Menschen, deren Verbindung zur Kirche sich auf den mehrmaligen Messbesuch im Jahr beschränkt. Zahlreiche Mitglieder dieser letzten Gruppe sind Vertreter der Intelligenz: Wenngleich 80 % der Personen mit Hochschulbildung sich als gläubig deklarieren, praktizieren 42 % der Intelligenzler nicht. Zum Atheismus bekennen sich 2,3 % der Polen – der größte Teil dieser Gruppe sind junge Menschen (zwischen 18 und 25 Jahren).

Ein Problem bleibt die Selektivität des Glaubens. Obwohl 91 % der Polen an Gott glauben, glauben nur 69 % der Befragten an ein ewiges Leben, 65,8 % an die Auferstehung, 72 % an die Existenz des Himmels, 41 % an die Existenz der Hölle… Ein bedeutender Teil der Katholiken zieht die Lehre der Kirche in … Angelegenheiten der Moral in Zweifel. Ein Drittel der Befragten billigt das Verbot vorehelicher Beziehungen, ein Viertel das Verbot von empfängnisverhütenden Mitteln. In dieser letzten Frage ist die Diskrepanz zwischen der Meinung der Kirche und jener der Jugend besonders deutlich. Nach Meinung von Prof. Janusz Mariański, Religionssoziologe an der Katholischen Universität Lublin, … wird das Verbot empfängnisverhütender Mittel nur von 10 – 20 % der Abiturienten akzeptiert. Aus den Untersuchungen ergibt sich auch, dass in der polnischen Gesellschaft ein Missklang herrscht zwischen dem Glauben, zu dem man sich bekennt, und dem Bewusstsein, wie man ihn im beruflichen oder öffentlichen Leben umsetzt.“2

Was die Präsenz der Kirche im öffentlichen Leben angehe, so „akzeptieren fast 90 % Kreuze in öffentlichen Gebäuden, 80 % Religionsunterricht in den Schulen…, 70 % erkennen der Kirche das Recht zu, sich zu Themen von Moral und Sitte zu äußern. 75 % der Befragten vertrauen der Kirche (Ende der 80er Jahre kam diese Zahl an 90 % heran, und als sich der ‚kalte Religionskrieg‘ verstärkte, da fiel sie auf 45 %). Dennoch antworteten auf die Frage, ‚ob… die katholische Kirche in den letzten 7 – 8 Jahren sich zu viel oder zu wenig in öffentlichen Dingen geäußert hat‘, 59 %, es habe zu viele dieser Stellungnahmen gegeben (entgegengesetzter Meinung waren 5 %). 76 % meinen, die Kirche solle sich nicht über die Politik der Regierung äußern.

Bei 50 % der Befragten haben religiöse Überzeugungen auf politische Entscheidungen keinen Einfluss. Ein Drittel glaubt, die Kirche müsse Anteil haben an der Festigung der Demokratie (genauso viele sind gegenteiliger Meinung). Es stabilisiert sich ein ziemlich hohes Niveau des Antiklerikalismus: Etwa 32 % der Befragten meinen, die Kirche interessiere sich zu sehr für irdische Macht unter Vernachlässigung ihrer Heilsmission. 57,8 % akzeptieren die Meinung, die Kirche sei reich (gegenteiliger Meinung sind 8,4 %).“ Die das Bild eines katholischen Landes stark prägende Tatsache des sonntäglichen Kirchbesuchs stellt sich erfreulich dar. 1980 nahmen 51 % an der Sonntagsmesse teil, 1999 sind es noch immer 46,9 %. Dabei gab es Schwankungen: zu Beginn des Kriegszustandes waren es 57 % (Zeichen des antikommunistischen Protestes!), 1993 nur 43,1 %. Positiv entwickelt hat sich die Zahl der Kommunizierenden. Sie stieg von 7,8 % im Jahre 1980 auf 16,3 % im Jahre 1999.

Die vorgelegten Untersuchungen über religiöse Praktiken machen auch evident, was im Westen fast nie zur Kenntnis genommen wird: dass es im Lande selbst große Unterschiede gibt. Das höchste Niveau religiöser Praxis zeigen die „galizischen“ Diözesen Tarnów, Rzeszów und Przemyśl, das niedrigste die Diözesen Łódź, Szczecin-Kamień (Stettin-Cammin) und Sosnowiec. Dabei gibt es Schwankungen zwischen 70 und 30 %. Die polnischen Soziologen unterstreichen auch das „sich haltende hohe Niveau der Priesterberufe. 1998 hatten wir 26.919 Priester (1990: 25.225). Fast die Hälfte von ihnen ist noch unter 40 Jahren, jeder fünfte ist über 60 – der polnische Klerus ist einer der jüngsten in Europa.“

In einem Kommentar zu den vorgelegten Untersuchungen schreibt Pater Adam Boniecki, Chefredakteur des „Tygodnik Powszechny“, dass die große Zunahme religiöser Bewegungen in Polen ein Phänomen sei. In 18 Jahren seien derartige gesamtpolnische katholische Bewegungen um das Achtfache angestiegen. Heute engagierten sich dort mehr Katholiken als in der Gemeindearbeit. Dies zeige einen Wandel in Richtung auf eine „Religiosität der Wahl“.3

Stärken und Schwächen des polnischen Katholizismus

Eine von Papst Johannes Paul II. 1991 feierlich eröffnete polnische Plenar-Synode sollte Polens Katholiken mit den Aufgaben von Gegenwart und Zukunft vertraut machen. Sie verabschiedete 14 Abschlussdokumente, die Ende Februar 2001 in Kraft traten. Bischof Tadeusz Pieronek, bis 1998 Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz und jetzt Rektor der Päpstlichen Theologischen Akademie in Krakau, äußerte sich im Zusammenhang damit recht kritisch über den Zustand der katholischen Kirche in Polen: „Der anfängliche Enthusiasmus der gesamtpolnischen Synode ist schnell erloschen. Hauptsächlich durch Schuld der Bischöfe. Ich meine, es fehlte die Überzeugung, dass es lohne in diese Idee zu investieren.“4

Trotz aller Vorbehalte könne man aber die Ergebnisse dieser Synode nicht ganz negieren. Immerhin habe es sich gezeigt, dass ein Potenzial für eine solche Synode auch in Polen existiert. Sie habe „ziemlich viel“ von der Schwäche der Kirche in Polen gezeigt. Sie offenbarte, „dass es unerhört schwierig ist, in der Kirche eine systematische, organische Arbeit durchzuführen. Diese Kirche ist fähig zu augenblicklichem Enthusiasmus bei den Papstreisen, fähig zur Feier des Jubiläumsjahrs, zu spektakulären Aktionen… Im Allgemeinen erfüllen die polnischen Pfarreien besser oder schlechter ihre Rolle. Die einen sind ein bisschen so etwas wie ‚Dienstleistungspunkte‘, andere versuchen den modernen Menschen zu verstehen, ihn zu engagieren. Man kann also nicht sagen, dass unsere Kirche ganz schwach sei und nichts tue.

Aber wenn man die normale Arbeit der Kirche beobachtet, dann muss man sich gleichzeitig bewusst machen, dass es nicht leicht ist sie zu vertiefter Reflexion zu bewegen. Die Jugend geht immer mehr von der Kirche weg. Wir haben Probleme, mit der Welt von heute ins Gespräch zu kommen. Eine gemeinsame Anstrengung, wie es die Synode sein sollte, ist weiterhin notwendig, doch sie war zu schwach. Sie legte die Wahrheit bloß, dass wir dazu nicht fähig sind, dass wir unsere ‚heilige Ruhe‘ haben wollen.“

Dennoch weist Bischof Pieronek den Vorwurf zurück, die katholische Kirche in Polen klammere sich zu sehr an ihre Traditionen. „Heute, nach vielen Jahren der Erfahrung, wissen wir, dass wir darauf nicht verzichten dürfen, denn die Tradition stellt gleichsam eine Schutzschicht dar. Man sagt: Der polnische Katholizismus ist ein traditioneller Katholizismus und das ist seine Schwäche. Ich würde eher sagen: Das ist seine Stärke. Als falsch erwiesen sich die Prognosen, wegen seiner intellektuellen Schwäche, wegen seiner Oberflächlichkeit, wegen seines spezifischen Brauchtums werde der polnische Katholizismus mit dem Beginn der Freiheit weggefegt werden. Die Freiheit ist gekommen, und der Katholizismus in Polen dauert an.“

Darauf hingewiesen, dass in den Synodenpapieren kein Hinweis auf die vom Papst verurteilte Sünde des Antisemitismus zu finden sei, und gefragt, ob die Bischöfe dieses Problem für unwesentlich hielten, antwortet Pieronek: „Diese Angelegenheit findet sich dort nicht, auch nicht das ursprünglich geplante Dokument über die Ökumene.“ Die Bischöfe hätten die Synode abschließen wollen, deshalb habe die Zeit dafür gefehlt, ein gutes Papier über Ökumene zu erarbeiten, „obwohl Erzbischof Nossol dies anmahnte“.

Als die Interviewer wissen wollen, ob in Polen nach den Affären mit dem Kloster in Auschwitz, mit dem Kiesplatz dort, mit dem Streit um die griechisch-katholische Kathedrale in Przemyśl keine Zeit sei, ein Dokument zu erarbeiten, das Fragen des Verhältnisses zu anderen Gemeinschaften und Religionen behandle, erwiderte der Bischof: „Ich verstehe dies auch nicht. Die Ökumene wird in Polen immer noch als ein Problem gesehen, das nicht unseres ist. Im Alltag treffen wir eigentlich nicht auf Menschen anderer Bekenntnisse. Und wenn wir sie treffen, dann auf der Ebene offizieller Kontakte. Es ist eine Feiertags-Ökumene, eine Ökumene zum Vorzeigen. Das Problem des Ökumenismus schiebt man den Spezialisten zu. Ein Beispiel: …In der Heilig-Kreuz-Kirche in Warschau wurde eine Messe gelesen. Man lud auch Vertreter anderer Kirchen ein. Bei der Weitergabe des Friedensgrußes ging zu den Gästen aus den anderen Kirchen der Ökumene-Spezialist des Episkopats. Weder der Hauptzelebrant noch einer der anderen 80 anwesenden Bischöfe tat dies. Das ist für mich ein Symptom.“

Trotz aller Mängel erscheine „als Vision der Synode eine dynamische Gemeinschaft, die sich ihrer Verantwortung für die pastorale Arbeit bewusst ist. Eine Gemeinschaft, die offen ist für Gott, die Welt und die Menschen, vor allem für den verlorenen, versklavten und armen Menschen. Zum ersten Mal nimmt die Kirche in Polen in diesen Dokumenten einen offiziellen Standpunkt in wichtigen gesellschaftlichen Fragen ein. Die Kirche fürchtet die Welt nicht, sondern sie muss sie gewinnen und durch die Kraft des Evangeliums verwandeln. Deshalb akzeptiert sie die Bürgergesellschaft, die Demokratie, den Pluralismus, den freien Markt, die Konkurrenz, die europäische Integration, dennoch fordert sie stets die Achtung ethischer Werte, ohne die eine integrale Entwicklung des Menschen nicht möglich ist.“

Andere gehen noch kritischer um mit ihrer Kirche. So der im vergangenen Jahr verstorbene bedeutende Theologe Józef Tischner. Von ihm stammt das Wort: „Das Christentum in Polen wird heute nicht durch Laizismus noch Atheismus… bedroht, sondern durch eine Parodie der Religion.“5 Und noch einmal Tischner: „Ich bin tief überzeugt davon, dass unser Vaterland heute, wie fast nie, die Religion braucht, die Polen erneuert. Aber was macht Polen mit der Religion? Sehr oft macht es daraus ein Werkzeug zum Hass wider den Nächsten.“

Pole = Katholik?

Kaum ein Schlagwort wie dieses hat in Geschichte und Gegenwart die katholische Mehrheitskirche und die religiösen und nationalen Minderheiten in Polen entzweit. Ursprünglich besagte es, dass der Protestant ja ein „Preuße“ und der orthodoxe Christ ein „Russe“ sei. Das erklärt sich aus den Verfolgungen durch die Teilungsmächte Preußen und Russland, hat aber längst seine Bedeutung verloren. Dennoch wird das Wort noch immer als Kampfinstrument verwendet – oder unterstellt.

Der – seine katholische Kirche ebenso liebende wie kritisierende - Pater Stanisław Musiał SJ betont die Bedeutung, die das patriotische Engagement der katholischen Kirche in Polen für das Selbstverständnis der Nation hatte. „In der kommunistischen Zeit übernahm die Kirche die Funktion des Hauptverteidigers der nationalen Identität. Ihr verdanken die Polen, dass ihr nationales Bewusstsein nicht ‚ausgewaschen‘ wurde wie in manchen Ländern des ehemaligen Sowjetblocks. Dass der Kommunismus in Mittel- und Osteuropa zusammenbrach, resultierte vor allem daraus, dass er nicht fähig war Polen zu schlucken, wo die Kirche die Seelen regierte. Diese nach dem Krieg der Kirche aufgezwungene nationale Rolle musste 1989 zu Ende gehen. Die Kirche in Europa nahm nach dem II. Vatikanischen Konzil entschieden Kurs auf den Universalismus und will sich mit keinerlei Nation mehr identifizieren. Denn die Zugehörigkeit zu einer katholischen ‚Nation‘ ist heute kein ausreichender Träger des Glaubens. Dass meine Vorfahren Christen waren, sagt noch nichts über den ausreichenden Grund, dass ich es bin.“6

Man müsse sich darüber klar werden, dass „polnische Nation“ und Katholiken kein Synonym seien. Auch fühlten sich nicht alle Katholiken wohl in „Kirchen, die aus verschiedenen patriotischen Anlässen mit polnischen Farben beflaggt“ seien. Statt auf äußerliche Zugehörigkeit zur „katholischen Nation“ zu pochen, sollten die katholischen Christen in Polen mehr an ihrer persönlichen Heiligung und moralischen Erneuerung arbeiten. Wie tief die moralische Krise gehe, zeige sich vor allem auch an der Gewissenlosigkeit, mit der sowohl gläubige wie nichtgläubige Politiker sich in den letzten Jahren bereichert hätten, als es um den „Sturm auf die öffentlichen Kassen“ ging. „Die Katholiken legten keine größere Selbstlosigkeit an den Tag.“ Musiał kommt zu dem Schluss, dass „moralisierende Appelle und die Brandmarkung des Bösen nicht ausreichen“.

Die Diskussion um die Teilnahme von Polen an der Ermordung von Juden im ostpolnischen Jedwabne im Sommer 1941 zwingt auch die Kirche, in dieser Frage Stellung zu beziehen. Nach einigen nicht immer glücklichen Äußerungen bemüht sich die Führung der katholischen Kirche in Polen um eine gemeinsame Linie. Nationalistische Kräfte protestierten gegen das Sühnegebet der Bischöfe am 27. Mai 2001 in Warschau7, das sie, für die die Losung „Pole = Katholik“ eine Selbstverständlichkeit ist, scharf ablehnen. In Flugblättern wetterten sie gegen diese „Attacken auf Polen, auf die Würde und Ehre der polnischen Nation“. „Sogar Bischöfe und Erzbischöfe“ hätten sich für solche antipolnische Tätigkeit hergegeben, wie diese Gebetsveranstaltung zeige.

Die eher kirchenkritische Wochenzeitschrift „Polityka“ würdigt es, dass Polens Bischöfe dennoch diesen Schritt gewagt haben. Die Demonstranten gegen das Sühnegebet seien zwar gering an Zahl gewesen, aber dies heiße nicht, dass es für die Kirche kein Problem gebe. „Ein großer Teil der Gesellschaft will keine Diskussion über Jedwabne hören, will keine Bitten um Vergebung…, er fühlt sich beleidigt, zu Unrecht angeklagt und manipuliert.“ Der Kirche harre noch eine große Überzeugungsarbeit.

Zum Thema Jedwabne schreibt Agnieszka Magdziak-Miszewska an die Adresse ihrer katholischen Landsleute: „Große Nationen haben das Recht auf die großen Seiten ihrer Geschichte stolz zu sein, gleichzeitig sind sie fähig sich zu deren dunklen Seiten zu bekennen. Die Prüfung, die heute vor uns steht, wird bestätigen, ob wir wirklich eine große Nation sind.“8

Polen auf dem Weg ins vereinigte Europa

Land und Gesellschaft sind in einem raschen Wandel begriffen. Selbstverständlichkeiten von gestern gelten nicht mehr, Werte erscheinen überflüssig, und ein – auch moralischer – Pluralismus macht sich breit, der die Katholiken und ihre Kirche verunsichert.

Am 25. August 2000 beschlossen die polnischen Bischöfe ein Schreiben über den „religiösen Dialog anlässlich des Großen Jubiläums des Jahres 2000“. Es erinnert an die ständige Pflicht der Kirche, den Dialog „mit jedem Menschen“ zu führen. In erster Linie richtet sich diese Bestrebung „zu den Juden hin, denn mit ihnen verbinden uns zahlreiche und tiefe Bande“.9 Durch den Primas habe die Kirche um Vergebung gebeten „für die Haltung derer unter uns, die Personen anderer Bekenntnisse missachten oder den Antisemitismus tolerieren. Wir glauben, dass die Söhne und Töchter der katholischen Kirche in Polen individuell – in ihrem Gewissen und gemeinsam - … diesen besonderen Akt aufgreifen.“ Die Kirche ruft dazu auf, alle Judenfeindlichkeit, allen Antisemitismus zu überwinden, andererseits erwartet sie, dass die Polenfeindlichkeit aufgegeben werde.

Das bischöfliche Schreiben zeigt, dass man es sich auch mit der Diskussion um die Nichtglaubenden nicht mehr so leicht macht. Natürlich habe die kommunistische Kirchenfeindlichkeit und atheistische Indoktrination von über 40 Jahren ihre Spuren hinterlassen. Aber auch die Kirche und die Katholiken selbst trügen ein gerüttelt Maß an Schuld. Bereits im Schreiben an die Seelsorger von 1999 habe die bischöfliche Kommission für den Dialog mit den Nichtglaubenden daran erinnert, dass jeder Mensch ein Kind Gottes sei. „Darauf stützt sich seine Größe und Würde.“ „Viele heute nichtglaubende Menschen waren einst in der Kirche. Sie wurden nicht selten verletzt, gingen mutlos gemacht davon. Heute bedauern wir… diese Fälle, in denen es Menschen der Kirche an Liebe zu den Nichtglaubenden mangelte.“

„Gläubige und Nichtglaubende“ seien zum gemeinsamen Handeln für das Wohl der lokalen Gemeinschaften, des Vaterlandes und der Welt aufgerufen. Das gelte auch für die Sorge um die Armen und Notleidenden, für die soziale Gerechtigkeit und den Frieden, für das Handeln gegen soziale Ungleichheit, für die Versöhnung und das einträchtige Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Weltanschauungen.


Polen ist ein weiterhin stark vom Katholizismus geprägtes Land. Das beweisen die Zahlen: der hohe Anteil gläubiger Menschen, die immer noch vorhandene große Wertschätzung für die Kirche (bei aller Kritik an Einzelentscheidungen), die vollen Kirchen. Nach Meinung von Religionssoziologen ist eine rapide Veränderung dieses Bildes in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Dennoch hinterlässt der starke und plötzliche Wandel in Polens Gesellschaft Spuren auch im Verhalten zur Kirche. Anfang der neunziger Jahre hatte es den Anschein, als fände Polens Kirchenführung den Weg in die Moderne nicht. Allmählich sucht sie den Weg in die Zukunft, erkennt die Zeichen der Zeit. Das geschieht manchmal verspätet, denn Polens Bischöfe „lernen langsam“ (Tadeusz Pieronek).


Fußnoten:


  1. Kościół i Religijność Polaków 1945-1999.“ Instytut Statystyki Kościola Katolickiego SAC, Warszawa 2000. 

  2. „Tygodnik Powszechny“, Krakau, 21. Januar 2001. 

  3. „Tygodnik Powszechny“, 21. Januar 2001. 

  4. „Tygodnik Powszechny“, 18. März 2001. 

  5. „Tygodnik Powszechny“, 9. Juli 2000. 

  6. „Tygodnik Powszechny“, 18. Februar 2001. 

  7. Vgl. hierzu auch den entsprechenden Text in der Rubrik „Dokument“ in diesem Heft. 

  8. „Więź“, Warschau, April 2001, S. 49. 

  9. List Rady Episkopatu Polski do spraw Dialogu Religijnego z okazji Wielkiego Jubileuszu Roku 2000. Zaakceptowany przez 307 Zebranie Plenarne Konferencji Episkopatu Polski.