Frauen und Arbeitswelt in den osteuropäischen Staaten

aus OWEP 2/2002  •  von Hanna Suchocka

Prof. Dr. Hanna Suchocka, Ministerpräsidentin a. D. und Justizministerin a. D., ist derzeit Botschafterin der Republik Polen beim Heiligen Stuhl in Rom.

Eines der großen Probleme in den osteuropäischen Staaten ist die Situation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Konferenzen wurden bereits zu dieser Problematik abgehalten, und man hat versucht, das Thema von allen möglichen Seiten anzupacken. Wie dies bei allen gesellschaftlichen Phänomenen der Fall ist, verändert sich allerdings auch die Problematik des Frauenanteils auf dem Arbeitsmarkt dynamisch. Daher liegt es nicht nur nahe, sondern ist sogar unabdingbar, die einzelnen aufeinander folgenden Phasen des angedeuteten Veränderungsprozesses genauer zu untersuchen. Dieser Ansatz wird es ermöglichen, mit unzulässigen Vereinfachungen oder sogar mit weitverbreiteten Mythen aufzuräumen. Zu diesem Zweck soll das Thema unbedingt im Zusammenhang mit der Rolle der Frau im öffentlichen Leben an und für sich behandelt werden. Da die einzelnen Aspekte der Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit von Frauen oft sehr emotional angegangen werden, wird eine genaue Analyse der Situation erschwert oder völlig vereitelt. Genau dies ist aber erforderlich, will man ein Problem wirklich lösen.

I.

Heute kann meines Erachtens niemand mehr leugnen, dass die grundlegenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt während der Umstellungsphase auf die Marktwirtschaft sowohl die Männer als auch die Frauen betroffen haben. In diesem Zusammenhang ist zunächst einmal festzuhalten, dass eine hohe Arbeitslosigkeit entstand – und damit ein Problem, mit dem sich die sozialistischen Staaten bis dato nicht hatten auseinandersetzen müssen. Die Arbeitslosigkeit stellte die bestehenden Gesellschaftsstrukturen auf den Kopf. Darüber hinaus kam es zu anderen Veränderungen, wie beispielsweise einem Rückgang des Gesamtanteils der erwerbstätigen Bevölkerung und einer Veränderung der Strukturen oder Profile angebotener Stellen, nicht zuletzt verursacht durch die fortschreitende Privatisierung. Vor allem in den ersten Jahren des wirtschaftlichen Umbaus stellte man immer wieder auch öffentlich fest, dass von den negativen Auswirkungen vor allem Frauen betroffen waren. Es ist eine Tatsache, dass der Umwandlungsprozess die Lage der Frauen auf dem Arbeitsmarkt erschwerte. Von Anfang an wurden mehr Frauen als Männer arbeitslos, da es ihnen schwerer fiel, die Erwartungen der neuen Arbeitgeber in Bezug auf Mobilität, Verfügbarkeit und Arbeitszeiten zu erfüllen.

Aus diversen Statistiken geht hervor, dass die Arbeitslosigkeit bei den Frauen auch länger andauerte. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen unter den Frauen lag bei 49,4 Prozent, der unter den Männern bei 41,6 Prozent. Auch als sich die wirtschaftliche Lage nach 1993 verbesserte, hatte dies bei den Frauen keinen so entscheidenden Einfluss auf die Beschäftigungssituation wie bei den Männern. Die Wiederbelebung der Wirtschaft war zweifelsohne den Veränderungen in den Eigentumsstrukturen zu verdanken. Zunächst jedoch führten sie zur Liquidation ganzer bis dahin staatlicher Industriezweige (sowohl in der traditionellen Schwerindustrie als auch in anderen Sektoren) und zur Streichung von Arbeitsplätzen außerhalb der Herstellung und Verarbeitung, die vor allem mit Frauen besetzt gewesen waren. Paradoxerweise verbesserte sich durch die allgemeine Wiederbelebung der Wirtschaftslage jedoch die Situation der Frauen nicht in dem Ausmaß wie die der Männer, da die Nachfrage nach männlichen Arbeitskräften um einiges stärker anstieg als die nach weiblichen.

An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass sich die starke Regulierung des Arbeitsmarktes, die eigentlich für mehr Stabilität und Sicherheit der Beschäftigungsverhältnisse sorgen soll, auch als Haupthindernis bei der Reduzierung der Arbeitslosigkeit erweisen kann. Das bedeutet, dass genau die Eigenschaften des Arbeitsmarktes, die wir instinktiv als positiv bezeichnen würden – was wir, wie die Erfahrung zeigt, auch in der Praxis tun – dem Abbau der Arbeitslosigkeit im Wege stehen. Beispielsweise können manche Absicherungsmaßnahmen gegen Arbeitslosigkeit sich als Fallen herausstellen und im Endeffekt den guten Zweck, zu dem sie geschaffen wurden, ad absurdum führen. Eines der Hauptanliegen von Gewerkschaften ist die Absicherung der Beschäftigungsverhältnisse. Mit anderen Worten: Es wird versucht, die Entlassung eines Arbeitnehmers so weit wie möglich zu erschweren. Bereitet es jedoch einem Arbeitgeber große Schwierigkeiten, einem Arbeitnehmer zu kündigen, wird er auch in Zeiten günstiger Konjunktur keine neuen Stellen schaffen. Der Arbeitgeber nützt die günstige Lage also nicht zur Expansion, da er davon ausgeht, dass er bei einem Wirtschaftsabschwung die Anzahl seiner Beschäftigten nicht reduzieren kann und die daraus entstehenden Kosten schließlich die während des Booms erwirtschafteten Gewinne übersteigen werden. Diese Überlegung wirkt sich immer negativ auf die Chancen weiblicher Arbeitssuchender aus. Um noch ein Beispiel anzuführen: Auch extrem hohe Lohnkosten aufgrund von Sozialabgaben und Krankenversicherungsanteilen können den Arbeitgeber veranlassen, formelle Arbeitsverhältnisse zu umgehen. Die Bestrebungen des Arbeitsnehmers, die für ihn günstigste Lösung – das heißt die größtmögliche Sicherheit – zu finden, können sich also wiederum zu seinen Ungunsten auswirken; anstatt einer Garantie auf ein vertraglich festgelegtes Arbeitsverhältnis erhält er nur Gelegenheitsjobs ohne Festanstellung.

II.

Möchte man sich ein klares Bild verschaffen, wie es um die Aussichten auf eine Veränderung und Verbesserung der Situation der Frauen im Zuge des wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozesses bestellt ist, kommt man allerdings um eine umfassende Bestandsaufnahme nicht herum. Es reicht nicht aus, nur die Lage der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu betrachten. Wie bereits geschildert, waren die wirtschaftlichen Veränderungen für die Frauen nachteilig. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass diese Veränderungen auch neue Chancen für die Frauen mit sich brachten, wie beispielsweise die Möglichkeit, eine eigene Firma zu gründen und sich selbstständig zu machen. Daher muss unbedingt untersucht werden, mit welchen Mitteln und Methoden Frauen Hindernisse auf ihrem Weg überwinden können, wenn sie die durch den Umstrukturierungsprozess gewonnenen neuen Chancen nutzen und im Wirtschaftsleben aktiv werden wollen. Diese Probleme sind in dem von Eva Lisowska herausgegebenen Papier „Frauen & Wirtschaft“ sehr klar beschrieben. Dort wird betont: „Was die Hindernisse angeht, die Frauen davon abhalten, kleine und mittlere Unternehmen zu gründen, so sind diese wirtschaftlicher (Mangel an Kapital, schwieriger Zugang zu Krediten, Wettbewerb), sozialer (traditionelle Sozialsituation, die gängigen Klischees zur Rolle und zum Status der Frau in der Gesellschaft führen zu einem geringen Selbstwertgefühl und mangelndem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten) und bildungspolitischer (Mangel an Informationen zur Gründung eines eigenen Unternehmens, unzureichendes Wissen über Unternehmensführung, traditionelle Bildungsmuster) Natur.“ Dieser Artikel erschien zwar bereits vor einigen Jahren (1996), doch die angesprochene Problematik ist nach wie vor aktuell. Unternehmerinnen mühen sich noch immer ab, die aufgeführten Hindernisse zu überwinden. Maria Anna Knothe und Ewa Lisowka weisen in ihrer Publikation „Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Nachteilige Veränderungen und Unternehmertum infolge des wirtschaftlichen Wandlungsprozesses“ deutlich auf die Tatsache hin, dass auch 1999 der Hauptteil der Schwierigkeiten, mit denen polnische Unternehmerinnen kämpften, auf Folgendes zurückzuführen war: traditionelle Sozialisation, unzureichende betriebliche Führungskenntnisse, mangelnder Zugriff auf Informationen über die Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen, über berufliche Weiterbildung und über potenzielle Partner sowie mangelnder Zugang zu Fremdkapital.

Nun, da nicht nur Polen, sondern auch andere osteuropäische Staaten an der Schwelle des Beitritts zur Europäischen Union stehen, könnten sich die oben aufgezählten Hindernisse als existenzbedrohend für die Frauen herausstellen. Es ist daher an der Zeit, Wege zu finden, sie zu überwinden.

Meiner Ansicht nach gibt es trotz aller Bemühungen, die Gleichberechtigung der Geschlechter in Polen durchzusetzen, noch immer keine klare Antwort, welcher der richtige Weg dazu ist. Obwohl die Frau einen hohen sozialen Status genießt, ist die Frage der Gleichberechtigung noch lange nicht vom Tisch. Mit dem Ende der kommunistischen Herrschaft wurde eine Debatte über die Rolle der Frau in der polnischen Gesellschaft und vor allem in der Familie losgetreten. Viele begannen, die Rechte der Frauen mit der erzwungenen Gleichberechtigung der Vergangenheit zu verbinden. Ein großer Teil der Gesellschaft sah die politischen Veränderungen als passenden Zeitpunkt für die Frauen an, sich wieder voll ihren Tätigkeiten als Hausfrauen zu widmen, nachdem sie der Kommunismus in die Betriebe gezwungen und dadurch die polnische Familie geschwächt hatte. Dadurch wird das Problem jedoch nicht gelöst. Ich glaube an die Familie als Einheit und ich glaube, dass wir innerhalb dieser Einheit auf eine Art und Weise Ebenbürtigkeit und eine gleichmäßige Aufgaben- und Ressourcenverteilung schaffen müssen, die zu einem stärkeren sozialen Zusammenhalt und zu größerer sozialer Harmonie führt. Den Frauen sollte selbst die Wahl gelassen werden. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist es wichtig, wie weit die aktive Rolle einer Frau von den Mitgliedern ihrer eigenen Familie akzeptiert wird. Die Rolle des Mannes (ihres Ehemannes) ist in dieser Frage entscheidend. Ohne eine Einigung innerhalb der Familie laufen alle gesetzlichen Bestimmungen über den gleichberechtigten Status von Mann und Frau ins Leere. Die Probleme der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau müssen unbedingt umfassend behandelt werden; die Gewährung einzelner Rechte allein reicht nicht aus.

III.

Die ehemals sozialistischen Staaten sind nun auf einer Entwicklungsstufe angekommen, in der es entscheidend sein wird, alte Vorurteile über die Rolle der Frau in der Gesellschaft aufzubrechen. Die polnische Gesellschaft steht der Rolle der Frau als Managerin in paradoxer Weise gespalten gegenüber. Ich möchte einige Zahlen dazu anführen, wie die Führungsqualitäten von Frauen im Vergleich zu denen von Männern beurteilt werden. Bei dieser Umfrage1 wurden Frauen und Männern mehrere Fragen gestellt (Angaben in Prozent):

Glauben Sie, dass Frauen besser schlechter
Disziplin unter den Angestellten wahren 56 17
Arbeit organisieren 38 23
eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen 43 26
gewissenhaft sind und verantwortlich handeln 61 14

Diese Antworten zeichnen ein sehr positives Bild der Frauen. Doch trotz der hohen Wertschätzung von Frauen legten die Befragten beiderlei Geschlechts bezüglich Frauen in Managementpositionen eine äußerst reservierte Haltung an den Tag. Sie zogen männliche Führungskräfte vor, was an unserer Mentalität, unserem Bildungssystem und unseren Traditionen liegt.

Ich denke, dass in der Frage der neuen Rolle der Frau die Worte des Heiligen Vaters von großer Bedeutung sind: „Es hängt von ihnen (den Frauen) ab, einen neuen Feminismus zu propagieren, der nicht der Versuchung anheim fällt, Modelle männlicher Dominanz zu imitieren, um den wahren Geist und die wahren Fähigkeiten der Frauen in jeder Instanz des gesellschaftlichen Lebens zu bestätigen und zu bekräftigen, und um jegliche Diskriminierung, Gewalt und Ausbeutung zu überwinden.“2

Aus dem Englischen übersetzt von Anke Thannheiser.


Fußnoten:


  1. M. Cichocwicz/I. Kawalec, Women in Employment, (The Centre for Public Opinion Research), in: Centre for Europe, Warsaw University, Warschau 1995, S. 81. 

  2. Vgl. The Social Agenda. A Collection of Magisterial Texts. Rom 2000, S. 59.