Kulturelle Prägung und kulturelle Grenzen im neuen Europa

aus OWEP 2/2002  •  von Thomas Bremer

Prof. Dr. Thomas Bremer, Professor für Ökumenik (Schwerpunkt: östliche Kirchen) und Friedensforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, ist Mitglied der Redaktion dieser Zeitschrift.

Begriffe und Inhalte

Das deutsche Wort „Grenze“ ist slawischen Ursprungs (von „granica“); es gehört zu den relativ wenigen slawischen Wörtern, die wir in unsere Sprache übernommen haben. Diese Beobachtung lässt nicht nur darauf schließen, dass sich germanische und slawische Stämme sehr früh voneinander abgegrenzt haben und zwischen sich eine „granica“ wussten, sondern sie weist vor allem auch darauf hin, dass zwischen den Nachbarn eine solche Form von Begegnung und Austausch bestand, in der es möglich war, dass sogar ein Wort der einen Sprache ohne große Veränderungen von der anderen entlehnt werden konnte, sodass der germanische Ausdruck „Mark“ aus dem aktiven Gebrauch verdrängt wurde.

Dieses kleine Beispiel zeigt, dass mit dem Begriff „Grenze“ sehr unterschiedliche Vorstellungen verbunden werden können. Eine Grenze mag eine schier unüberwindliche Hürde sein, wie es die Systemgrenze in Mitteleuropa einige Jahrzehnte war, oder sie kann als Ort der Begegnung, des Kontakts und des Austausches verstanden werden. Auch schließen sich diese beiden Eigenschaften von Grenze nicht notwendig gegenseitig aus: selbst die Grenze, die Europa in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts geteilt hat und die ja mitten durch Berlin gegangen ist, konnte es trotz all ihrer Monstrosität und Grausamkeit nicht verhindern, dass nicht nur Menschen (oft unter Inkaufnahme großer Risiken) und Waren sie überschritten, sondern dass sich vor allem auch Ideen und geistige Entwicklungen von ihr nicht zurückhalten ließen; sie überwanden die Grenze, und zwar sowohl in östliche als auch in westliche Richtung. Es wäre also falsch, mit dem Begriff der Grenze zunächst eine nicht überbrückbare Trennung in Verbindung zu bringen. Das Element der Berührung und Begegnung ist, wie noch gezeigt werden soll, von mindestens ebenso großer Bedeutung.

Grenzen umschließen Räume, die durch sie, die Grenzen, erst ihre Gestalt gewinnen. Der Bezirk Reinickendorf in Berlin, das Land Niedersachsen oder die Republik Österreich haben sehr genaue Grenzen, und damit haben sie auch eine exakte und festgelegte Gestalt. Jeder, der es wissen möchte, kann ganz genau erfahren, was zum Bezirk Reinickendorf gehört und was eben etwa in Pankow oder im Wedding liegt. Allerdings gibt es auch Räume, die sich nicht so einfach festlegen lassen. Die Bahnhofsgegend, die Lüneburger Heide oder Mitteleuropa haben keine derart genauen Grenzen, und daher ist die Bestimmung dessen, was damit gemeint ist, erheblich schwieriger. Das verursacht bei der Bahnhofsgegend und bei der Lüneburger Heide in der Regel keine größeren Probleme, wohl aber beim Mitteleuropabegriff, und sieht man genauer hin, so muss man feststellen, dass auch der Begriff „Europa“ nicht in seinen Grenzen feststeht, wenigstens nicht in den östlichen. Manchmal wird die Ostgrenze Europas (geographisch) mit dem Ural gleichgesetzt, zuweilen wird jedoch auch gesagt, sie sei identisch mit der Grenze zwischen der westkirchlich und der orthodox geprägten Welt. Ganz offensichtlich gibt es also verschiedene Inhalte dessen, was man mit dem Begriff Europa in Verbindung bringt. Nur am Rande sei auf die Probleme verwiesen, die mit diesen beiden Erklärungen einhergehen: wenn wir den Ural als Ostgrenze Europas verstünden, bleiben Fragen wie die nach der Südostgrenze des Kontinents oder nach der Bedeutung des Mittelmeerbeckens offen; und wenn wir die Orthodoxie als Ausschlusskriterium verwenden, dann fiele Griechenland, EU-Mitglied und in vieler Hinsicht Wiege der europäischen Kultur, gleichsam unter den Tisch.

Vielleicht ist es daher sinnvoll, die Frage umzudrehen und nicht nach den Grenzen zu fragen, sondern zuerst nach den Inhalten. Wenn wir also zunächst definieren, was wir unter der Heide verstehen, dann fällt es uns leichter zu urteilen, ob eine bestimmte Gegend, ein Ort oder eine Region zur Heide gehören oder nicht. Die Grenzen werden durch das Gebiet bestimmt, welches sie umschließen, nicht umgekehrt. Demnach hätten wir also zu klären, was Europa ist, und bekämen dann – so ist zu hoffen – eine Antwort auf die Frage nach seiner Ausdehnung.

Mosaik „Europa“

Was also macht Europa aus? Es gibt zahlreiche, höchst unterschiedliche Ansätze, diese Frage zu beantworten. Zunächst wird Europa häufig als Wertegemeinschaft beschrieben. Danach sind die vor allem durch die Aufklärung vermittelten, allerdings im christlich-jüdischen Erbe zu Grunde liegenden Werte wie Anerkennung der Würde des Menschen und damit Achtung der Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit und anderes typische Kennzeichen für das, was man unter „Europa“ versteht. In der aktuellen Menschenrechtsdebatte bezüglich der Politik gegenüber China oder dem Iran zeigt sich dieses Verständnis, und auch die damit verbundenen Konsequenzen: In der Logik des europäischen Menschenrechtsverständnisses liegt die Forderung nach der universalen Gültigkeit der Menschenrechte, die dann eben bei anderen Staaten und Gesellschaften Widerstand hervorrufen kann. Europa wird also durch diese Werte zusammengehalten, ja sogar gebildet. Der Kontinent setzt sich aus Gesellschaften und Staaten zusammen, in denen sich die genannten Wertvorstellungen entwickelt haben und wo sie heute mehr oder weniger konsequent angewendet, wenigstens aber verbal bekannt werden. Allerdings fällt damit ein rein geographisches Verständnis unseres Kontinents praktisch aus: Überall dort, wo diese Werte geachtet und hoch gehalten werden, wäre dann Europa. Nicht die Frage nach einem Wo, sondern die nach einem Wie würde dann mit dem Begriff „Europa“ beantwortet.

Es ist also klar, dass allein durch die Berufung auf die europäischen Werte noch keine Antwort auf unsere Frage gegeben werden kann. Ganz offensichtlich muss noch etwas hinzukommen, was Europa ausmacht. Oft werden hier die europäischen Traditionen genannt. Es gibt etwas, was aus Europa stammt und über die Werte hinaus gemeinschaftsbildend wirksam ist. Die religiöse Prägung des Kontinents durch das Christentum, die Aufnahme von Elementen der antiken Philosophie und Kultur sowie deren Integration in das christliche System, die besondere Form von Staatenbildung auf relativ engem Raum mit dem daraus folgenden Bedürfnis nach exakter Grenzfestlegung und der relativ intensive Austausch zwischen verschiedenen Gruppen und Einheiten, die vor allem durch Sprache geprägt sind, ließen sich hier nennen. Die vorher genannten Werte werden also in solchen Traditionen und durch sie vermittelt. Die religiöse Prägung spielt hierbei eine zentrale Rolle.

Zum einen wurde Europa zum christlichen Kontinent schlechthin, zumal nach den Eroberungen des Islam, welche das Christentum auf der Arabischen Halbinsel und in Nordafrika fast vollständig verschwinden ließen. Infolge der Prägung des europäischen Westens durch die römisch-lateinische Kultur, die bald mit dem Christentum in seiner westlichen Form eng verbunden war, und infolge der Verbreitung des griechisch geprägten Christentums in Ost- und Südosteuropa sowie die vor allem durch Mönche erfolgte Kolonisation des nördlichen Osteuropa war der christliche Glaube bald fast überall auf dem Kontinent verbreitet. Die Intoleranz der christlichen Lehre gegenüber anderen Religionen hat dazu beigetragen. Das Verschwinden von allen anderen religiösen Phänomenen gehörte zum Programm der Christianisierung, wie es von den Akteuren und den Zeitgenossen verstanden wurde. Die deutliche Aufteilung zwischen den beiden Römischen Reichen sorgte nur an erstaunlich wenigen Punkten – etwa in Dalmatien oder bei der Mission der Bulgaren – für Konflikte; die meisten Auseinandersetzungen des ersten Jahrtausends zwischen dem christlichen Osten und dem Westen waren nicht durch machtpolitische Hintergründe bedingt, sondern durch unterschiedliche Interpretationen der christlichen Lehre. Hier zeigt sich ein häufig übersehener oder vernachlässigter Faktor für die Entstehung von Konflikten, nämlich die religiösen Auseinandersetzungen inhärente Dynamik, die Kompromisse erheblich erschwert.

Zum anderen kamen im Laufe der Geschichte weitere Prägungen der religiösen Gestalt Europas hinzu. Neben dem christlichen Glauben ist das Judentum zu nennen, das immer eine wichtige Rolle in Europa gespielt hat, trotz der zahlreichen und massiven Verfolgungen im Verlauf der Geschichte. Der Islam ist nach seiner Vertreibung aus Spanien in Südosteuropa, wohin er durch die Osmanen gebracht worden ist, sesshaft geworden und geblieben. Durch Eroberungen kamen weitere islamisch geprägte Gebiete an Russland.

Schließlich sind die Trennungen zu nennen, die sich innerhalb des Christentums vollzogen haben: das Schisma von 1054 (das eigentlich ein Mythos ist, weil sich die Aufhebung der Gemeinschaft zwischen östlicher und westlicher Kirche in einem langsamen Prozess vollzogen hat, welcher im ersten Jahrtausend begann und wohl erst 1204, mit dem vierten Kreuzzug, abgeschlossen war), und die Reformation des 16. Jahrhunderts mit ihren Folgen, nämlich der Entstehung der protestantischen Kirchen. Der Kontinent hatte sich damit in drei Räume aufgeteilt: einen südlichen und westlichen katholischen, einen nördlichen evangelischen und einen südöstlichen und östlichen orthodoxen. Die Mitte war – vor allem aufgrund der besonderen Situation in Deutschland – gemischt.

Fließende Übergänge

Doch gab es vor allem an den Rändern dieser religiösen Grenzen stets Phänomene, die die Durchgängigkeit der Grenzen verdeutlichten. Einige Beispiele: Orthodoxe Gläubige und Priester lebten auf griechischen Inseln zeitweise unter katholischen Bischöfen, notgedrungen zwar, aber doch halbwegs funktionierend. Katholiken und Protestanten in Deutschland teilten sich Kirchengebäude und lernten in verschiedenen Gebieten, insbesondere in den konfessionell nicht eindeutig geprägten Städten, miteinander zu leben; orthodoxe Theologen übernahmen – häufig nach Studienaufenthalten im Westen – katholische oder evangelische Denkmodelle, um die Lehre ihrer eigenen Kirche zu systematisieren; bei den Muslimen in Südosteuropa lassen sich zahlreiche Elemente der christlichen Volksfrömmigkeit finden, bis hin zu Elementen einer Marienverehrung bei bosnischen Muslimen. Das heißt nicht, dass die Konfessionen oder gar die Religionen problemlos miteinander leben konnten; wir wissen schließlich auch von vielen Konflikten und Beispielen für Intoleranz und Gegensatz. Religiöse Grenzen in Europa waren offenbar keineswegs undurchlässig und unüberwindbar. Das wurden sie zumeist erst dann, wenn sie mit anderen Grenzen, insbesondere in der Neuzeit mit nationalen Grenzen, zusammenfielen. In diesen Fällen wurde das religiöse Bewusstsein instrumentalisiert, zum Teil auch erst geweckt, um eine Homogenisierung zu erreichen. Das lässt sich besonders in Südosteuropa deutlich beobachten und nachweisen.

Wenn man diese Phänomene als europäische Traditionen betrachten will, dann erscheint Europa als der Kontinent des religiösen Pluralismus. Damit ist hier nicht einfach ein Nebeneinander von religiösen Überzeugungen gemeint (denn das lässt sich ja auch woanders finden), sondern ein Prozess des sich gegenseitigen Beeinflussens, der hier wie wohl nirgends sonst wirksam geworden ist. Auch an vielen anderen Phänomenen ließe sich zeigen, dass eigentlich nicht die Aufteilung in Blöcke bestimmend war, in Ostrom und Westrom, in katholische und evangelische Welt, in Christentum und Islam, sondern vielmehr die Interaktion zwischen diesen Blöcken, die sich vor allem an ihren Rändern vollzog. Zur europäischen Tradition gehört damit also die Grenzüberschreitung, die Überwindung und kritische Infragestellung der herkömmlichen Prägungen. Diese Tradition ist sicherlich nicht unabhängig von den oben genannten Werten zu denken; beide stehen in einem engen Wechselverhältnis zueinander.

Zur Verdeutlichung: Hier soll kein Idealbild von Dialog, Toleranz und friedlichem Zusammenleben gezeichnet werden. Mir sind die zahlreichen Konflikte und Probleme durchaus bewusst, die durch die religiös vermittelten Prägungen im Laufe der Geschichte entstanden sind. Doch hat das Christentum trotz seines Absolutheitsanspruchs gerade in seinen verschiedenen konfessionellen Ausprägungen und gerade in Europa einen Raum gefunden, wo Austausch, Begegnung, Übernahme von Elementen und gegenseitige Befruchtung möglich waren. Die Entstehung emanzipatorischer Ideen und die Entwicklung der Vorstellung von Menschenrechten und Menschenwürde, die ja Grundlage für unser heutiges (auch politisches) Handeln sind, sind in diesem Kontext zu sehen, auch wenn die Kirchen lange Zeit gebraucht haben, um einzusehen und positiv zu würdigen, welche Folgen ihre Lehre hatte.

Religion und Kultur

Inwieweit sind diese zunächst und vorwiegend religiösen Prägungen denn auch kulturell prägend geworden und geblieben? Trotz der zahlreichen Interaktionen und Verschiebungen im Laufe der Geschichte haben sich die zunächst religiös bedingten Unterschiede doch auf die Prägung der großen Räume in Europa ausgewirkt. Vor allem die Instrumentalisierung für die Zwecke nationaler Homogenisierung hat sich der Religion bedient. Wenn Katholisch-Sein mit der kroatischen Identität und Orthodox-Sein mit der serbischen absolut gleichgesetzt werden, dann sind Übergang und Begegnung zwischen beiden natürlich erheblich erschwert. Das betrifft dann nicht nur die Kirchen, sondern auch die neu entstandenen Gesellschaften, und es kann, wie sich gezeigt hat, Konsequenzen bis in die jüngste Geschichte haben.

Die bisherige Darstellung des Charakters der innereuropäischen kulturellen Grenzen kontrastiert mit Samuel Huntingtons berühmter These von den Kultur- bzw. Zivilisationsgrenzen: Es ist offensichtlich, dass beide Konzepte nicht miteinander übereinstimmen. Natürlich ist unbestreitbar, dass es kulturell geprägte Räume in Europa gibt (wobei gleich noch zu überlegen sein wird, was unter „Kultur“ zu verstehen ist). Doch sind diese „civilizations“ bei Huntington zu sehr als in sich verschlossen und starr dargestellt. Er übersieht die zahlreichen Berührungen und gegenseitigen Beeinflussungen und verleiht damit der Grenze zwischen ihnen eine zu große oder eigentlich eine falsche Bedeutung, da sie nur trennend ist.

Wir müssen überlegen, was wir unter Kultur verstehen, wenn wir über kulturelle Grenzen bzw. die von ihnen gebildeten kulturellen Räume sprechen. Inwieweit lässt sich sagen, dass die religiösen Prägungen in den verschiedenen Teilen Europas auch kulturell prägend gewesen sind? Ohne jeden Zweifel hat der Kult auch die Kultur beeinflusst. Barock in Oberbayern oder Böhmen sind nicht ohne den Katholizismus der Gegenreformation denkbar, die Musik eines Johann Sebastian Bach und eines Georg Friedrich Händel ohne ihren protestantischen Hintergrund nicht zu verstehen. So ist auch die Orthodoxie für die Kultur Osteuropas in weiten Teilen prägend geworden. Doch gilt das auch für eine Kultur im Sinne der Summe aller bewussten Verhaltensweisen von Menschen? Lässt sich das Verhalten von Menschen durch die ursprünglich religiöse Prägung ihrer Gesellschaft erklären, und, was noch wichtiger ist, lassen sich auch die Missverständnisse zwischen Menschen aus verschiedenen „Kulturen“ dadurch erklären und vielleicht sogar vermeiden?

Hierzu ist zu fragen, welche Rolle die Religionen bzw. die kirchlichen Prägungen denn heute in Europa einnehmen. Wie wir wissen, lassen sich in den ehemals sozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas Tendenzen erkennen, wonach den traditionellen Kirchen und Religionsgemeinschaften neue Bedeutung zugesprochen wird, wenn auch mit Ausnahmen. Die Kirchen sind voll, Priester genießen hohes gesellschaftliches Ansehen, und viele Menschen bezeichnen sich als religiös. Allerdings handelt es sich hierbei wohl vor allem um die zum Teil folkloristische Begleiterscheinung der gesellschaftlichen Suche nach Elementen für eine neue Identität, wie sich das leicht an soziologischen Untersuchen zeigen lässt. Viele Menschen haben sich der traditionellen Religion ihrer Gesellschaft zugewandt, weil sie nach dem Zusammenbruch des früheren politischen Systems eine neue Wertstiftung oder einen geistigen Halt finden wollten. Doch entspricht häufig die religiöse Praxis nicht dem verbalen Bekenntnis, und die genannten Untersuchungen zeigen auch, dass die Menschen sich in ihren konkreten Lebensentscheidungen nicht primär von den Werten leiten lassen, die ihnen von den Kirchen vorgegeben werden. Interessanterweise ist gerade in Polen, wo die katholische Kirche eine so große Rolle bei der Überwindung des kommunistischen Regimes spielte, die Anhängerschaft des Katholizismus seit der Wende zurückgegangen.

Weiterhin ist zu überlegen, was denn eigentlich mit „Prägung“ gemeint sein kann. Ohne Zweifel gibt es historische Traditionen, die in Gesellschaften präsent sind. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass in den ost- und mitteleuropäischen Staaten die Berufung auf die eigene Geschichte häufig großes Gewicht hat. Geschichte wird nicht nur als Vergangenheit erlebt und verstanden, sondern als Faktor, der auch die Gegenwart bestimmt. Vor allem bei politischen oder militärischen Konflikten zeigt sich, dass sich oft beide Seiten auf die Geschichte beziehen und versuchen, mit vermeintlichen historischen Rechten heutige Ansprüche oder politisches Handeln zu rechtfertigen. Am deutlichsten wurde das wohl in den Auseinandersetzungen um die Neuordnung des ehemaligen Jugoslawien sichtbar. Nicht nur bei den kriegerischen Konflikten, sondern auch in Argumentationen nach außen oder bei Verhandlungen wurde immer wieder die „historische Gerechtigkeit“ bemüht, nach der gewisse Gebiete der eigenen Seite zufallen müssten. Das Bonmot eines westlichen Beobachters, in Bosnien gebe es zuviel Geschichte pro Quadratmeter, hat in seiner ganzen Bitterkeit durchaus einen wahren Kern, und so erklärt es sich auch leicht, dass den westlichen, vor allem den amerikanischen Vermittlern von Seiten der Konfliktparteien häufig mangelndes Geschichtsbewusstsein vorgeworfen wurde.

Religion und Identität

Die heutige Prägung der ost- und mitteleuropäischen Staaten ist offensichtlich nicht mehr oder wenigstens nicht nur religiös vermittelt. Vielmehr wirken eine ganze Reihe von Elementen identitätsprägend; „patchwork identity“ ist der Begriff, den die anglophonen Sozialwissenschaften hierfür geprägt haben. Dabei darf nicht übersehen werden, dass auch die Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft für viele Menschen große Bedeutung erlangt haben. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen die Wende bedauern würden oder sich nach den alten Zeiten zurücksehnten. Doch haben die Umstände, unter denen sie einen großen Teil ihres Lebens verbracht haben, eben prägend auf sie eingewirkt. Viele Probleme im Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen lassen sich auf dieses Phänomen zurückführen. Gerade auch hier, an dieser Mehrfachprägung, zeigt sich die Fähigkeit Europas zur gegenseitigen Beeinflussung, zum Pluralismus (im oben genannten Sinne) und zur Grenzüberschreitung, zur Überwindung der Starrheit der Blöcke. Einfache Sichtweisen und Lösungen helfen hier nicht weiter.

Was ist nötig, damit aus dieser Grenzüberschreitung auch wirklich eine Grenzüberwindung wird, damit also die Ausnahme die Regel wird? Wenn tatsächlich die Identitäten aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt sind, dann gibt es Überlappungen. Die Huntingtonsche Trennung gilt auch hier nicht. Ein konkretes Beispiel: Die mitteleuropäischen Staaten Polen und Tschechien gehören durch ihre religiöse Tradition und durch lange Jahrhunderte ihrer Geschichte dem westlichen, lateinischen Europa an. Durch ihre sprachliche Prägung bilden sie einen Teil der slawischen Welt, und in der Geschichte hatte vor allem Polen immer wieder mehr oder weniger starke Berührungspunkte mit dem orthodox (oder besser: ostkirchlich) geprägten Osten. Die jüngste Geschichte, in der Polen und die damalige Tschechoslowakei zum Sowjetblock gehörten, bildet jedoch natürlich auch einen Teil der Prägung dieser Länder und ihrer Gesellschaften. In dieser einmaligen Kombination können sie also in einer einzigartigen Weise eine Brückenfunktion zwischen dem europäischen Osten und dem Westen erfüllen. Das böse Wort „Zwischeneuropa“, das mit so vielen leidvollen Erfahrungen für die polnische Geschichte behaftet ist, könnte so eine neue Bedeutung erhalten: Damit kann ein eigener Raum gemeint sein, der, da er Elemente von zwei Traditionen in sich birgt, eine gewichtige Rolle in beiden „Kulturkreisen“ spielt. Die verschiedenen Grenzen, durch die „Zwischeneuropa“ gebildet wird, zeigen sich gerade hier in ihrer Durchlässigkeit und in ihrer verbindenden Funktion. Die alte Befürchtung, nirgends richtig dazuzugehören, wird durch die neue Fähigkeit abgelöst, für die beiden benachbarten Räume durch Austausch, Vermittlung und Kontakt geradezu unentbehrlich zu sein. Das Patchwork, aus dem jede europäische Identität besteht, wird damit zur notwendigen Voraussetzung für Grenzüberwindung; es lässt sich sogar sagen, dass Grenzen in dem Sinne, dass sie feste und starre Blöcke umgeben, dann gar nicht mehr gegeben sein können, wenn wir die Wirklichkeit anerkennen, dass es keine eindeutigen und eindimensionalen Identitäten geben kann. Damit wird auch die Vorstellung von zwei festen Räumen in Europa, nämlich Ost und West, hinfällig, die nach 1990 nur ihre ideologische Konnotation verloren hatte, sonst aber durchaus noch präsent war. Es ist ja etwa auch leicht einzusehen, dass eine Aussage wie „Die Ukraine gehört zu Osteuropa“ nicht der komplexen Wirklichkeit dieses Landes gerecht werden kann.

Kulturelle Grenzen und Prägungen im neuen Europa sind also komplexe Wirklichkeiten, die jedoch auch Chancen in sich bergen. Jeder Versuch, einfache und eindimensionale Erklärungen für diese Phänomene zu finden, muss zum Scheitern verurteilt sein. Doch beim Versuch, aus diesen Erkenntnissen, die ja aus der Sicht vieler politischer und wirtschaftlicher Entscheidungsträger in den Bereich der „soft facts“ gehören, Folgerungen für politisches Handeln zu ziehen und wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen, sie also in den Bereich der „hard facts“ zu übertragen, ergeben sich zahlreiche Schwierigkeiten. Es stellt sich vor allem die Frage, ob sich mit den religiös bedingten Prägungen überhaupt sinnvoll agieren lässt, da doch zumindest in Westeuropa die Religion gesellschaftlich eine immer geringere Rolle spielt. Allerdings muss beachtet werden, dass sie sich eben von ihrer religiösen Herkunft gelöst haben und selbständige Faktoren geworden sind, die unabhängig von der Religion wirksam sind. Wenn man das einsieht, dann kann man auch nicht mehr auf den Gedanken kommen, die jugoslawischen Zerfallskriege seien mit dem konfessionellen Unterschied zwischen katholischen Kroaten, orthodoxen Serben und muslimischen Bosniaken zu erklären. Und die Tatsache, dass Russland orthodox geprägt ist, macht dann auch nicht eine Integration des Landes in die europäischen Strukturen a priori unmöglich.

Die kulturellen Prägungen stehen als selbstständige Elemente innerhalb der vorher skizzierten europäischen geistigen Landschaft; sie unterscheiden sich zwar deutlich voneinander, gehören aber eben alle zu diesem bunten Bild Europas. Unser Kontinent würde verlieren, wenn das Überwinden der Grenzen oder die „Entgrenzung“ bedeuten würde, dass die Unterschiede nivelliert werden. Er lebt durch die Vielfalt und Buntheit, die im Rahmen der zu Grunde liegenden europäischen Tradition ihre eigene Dynamik entfalten. Die unterschiedlichen kulturellen Prägungen stellen gleichsam Subsysteme des Obersystems Europa dar. Innerhalb dessen tragen sie zu seiner Verwirklichung bei, ja sie machen es erst möglich, dass unser Kontinent als Erdteil der Vielfalt, des Austausches und der Begegnung gesehen wird. Es ist an uns als Bürgern Europas, diesen Zustand, der nicht gottgegeben ist, zu schätzen und zu bewahren.