Wie sehen wir den Westen, wie sieht der Westen uns? (Diskussion)

Alexandr Daniel‘, Historiker und Publizist, ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft „Memorial“, Moskau. Arsenij Roginskij, Historiker und Publizist, ist Vorstandsvorsitzender von „Memorial“.

Russland und Europa, Russland und der Westen – um dieses Thema drehen sich zahlreiche Interpretationen der russischen Vergangenheit und Gegenwart. Für Russland ist diese Gegenüberstellung ganz traditionell: Spätestens seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts spielen sich die Diskussionen über Russland und seinen Platz in der Welt entlang der Achse „Westlertum – Patriotismus“ ab. Die Gegenüberstellung von Russland und der westlichen Welt ist eine der tragenden Konstruktionen der russischen Kultur. Die Vertreter der ersten Gruppe vermuten, dass „Russland in die westliche Gemeinschaft integriert wird“ und „die russische Gesellschaft von westlichen Werten durchdrungen wird“ – und das sei gut; die anderen hingegen sind der Auffassung, dass „der Westen Russland auffrisst“ und „Werte, die der russischen Kultur fremd sind, das nationale Bewusstsein vergiften“ – und das sei schlecht.

Im restlichen Europa betrachtet man Russland ebenfalls häufig nicht als ein Land, das wie die übrigen europäischen Länder über eine eigene Geschichte und Kultur verfügt, die unabtrennbarer Bestandteil des gesamteuropäischen Erbes ist. Der westliche Beobachter blickt auf unser Land und sieht einen nicht ganz verständlichen und deswegen etwas gefährlichen, aber auf jeden Fall europafremden Raum vor sich. Gerade in der Gegenüberstellung zu Russland erkennt er alle westeuropäischen Länder, die USA, Kanada, Israel und auch Japan als einheitliche politische, kulturelle Gemeinschaft, die „Westen“ heißt.

In den letzten zehn Jahren sind die Diskussionen über die Beziehung zwischen Russland und dem Westen neu entbrannt, weil sie vor dem Hintergrund des Versuchs der Modernisierung der russischen Gesellschaft und des Staates abliefen. Doch gerade diese Modernisierung wird als Verwestlichung wahrgenommen, als Übertragung westeuropäischer sozialer und politischer Konzeptionen und Technologien – wie etwa Menschenrechte, demokratische Wahlen, unabhängige Bürgeraktivitäten usw. – in die russische Wirklichkeit. Diese Sichtweise der Reformen ist nicht nur westlichen Beobachtern zu eigen. Die russische Intelligenz nimmt zu ihrem größten Teil ebenso die Modernisierung als Verwestlichung wahr.

Wir wollen die Ausgangsüberlegung in Frage stellen. Wir sind nicht davon überzeugt, dass Russland „nicht Europa“ ist und die Modernisierung eben darin besteht, die Konzepte und die Ideale, die im Westen erarbeitet wurden, auf die ihnen bislang fremde russische Erde zu übertragen.

Worauf beruht denn eigentlich die Annahme, dass Russland „nicht Europa“ ist? Doch sicher nicht auf der Besonderheit der nationalen Kultur! Jeder, der mit russischer Literatur, Malerei, Theater, Musik bekannt ist, wird bestätigen, dass die russische Kultur bereits vor zwei Jahrhunderten Bestandteil des europäischen Beitrags zum Welterbe war. Heute geht es nicht um Kultur, sondern um das politische Sein der Nation, das sich vom politischen Sein der westeuropäischen Länder unterscheidet. Das am meisten verbreitete Stereotyp lautet so: Russland ist nicht Europa, weil Russland niemals Demokratie kannte. Es wurde immer mit autoritären und diktatorischen Methoden regiert. Manchmal wurde die Diktatur zum Massenterror.

Der Kreuzweg, an dem sich die Wege Russlands und des Westens trennten, war das Jahr 1945. Das Nachkriegswesteuropa, das unter dem Eindruck der Erfahrung des Nazismus und des Sieges über ihn stand, führte eine konsequente politische Modernisierung aller seiner Institutionen durch, von Armee und Polizei bis zu den Gewerkschaften, wobei es den Gesellschaftsvertrag auf der Grundlage des klassischen Liberalismus erneuerte. In der Sowjetunion geschah nichts Ähnliches.

Und den Wunsch gab es: Im 20. Jahrhundert hat Russland wenigstens dreimal – 1905 bis 1907, im Februar 1917 und seit dem Ende der achtziger Jahre bis heute – versucht, Demokratie zu erlangen. Die erste russische demokratische Revolution brachte konkrete Früchte: bürgerliche Freiheiten und die Anfänge einer repräsentativen Regierung; die zweite endete mit dem bolschewistischen Umsturz, über die dritte lässt sich wohl noch nichts sagen. Doch wie dem auch sei, diese hartnäckigen Versuche bestätigen nicht die These, dass demokratische gesellschaftliche Prozeduren und Institutionen für Russland etwas völlig Fremdartiges seien. Doch darf man umgekehrt behaupten, dass die liberalen Werte der russischen Kultur und dem russischen gesellschaftlichen Bewusstsein zu eigen sind?

In den sechziger Jahren geriet das Regime deutlich in eine Krise und war nicht in der Lage, unabhängige gesellschaftliche Aktivität an der Wurzel auszurotten. Doch der Eiserne Vorhang verhinderte effektiv, das Ideen vom Westen eindrangen; von allen westlichen Propagandakampagnen, die gegen die Sowjetunion gerichtet waren, hatte nur eine Erfolg – die der Popmusik. So konnte die weltanschauliche Basis für die Entstehung einer unabhängigen (später „dissidentisch“ genannten) Gesellschaftlichkeit nur autochthon sein, hervorgebracht durch die inneren Traditionen und Entwicklungstendenzen Russlands. Doch die Dissidenten wählten als Prinzipien eines alternativen gesellschaftlichen Projekts keine politische oder ideologische Plattform. Sie wählten das Konzept der Menschenrechte. Dabei wussten sie praktisch nichts darüber, sie hatten keine Vorstellung vom modernen Stand des Problems, ja sie kannten zumeist kaum solche Grunddokumente wie die allgemeine Deklaration der Menschenrechte der Vereinten Nationen, von internationalen Verträgen über die Menschenrechte ganz zu schweigen. Russland hat also dieses Konzept nicht aus Europa übernommen. Es hat es selbstständig für sich erarbeitet, indem es von der eigenen historischen und kulturellen Erfahrung ausging.

Und schließlich das Wichtigste: In der heutigen Welt wird die Position einer Nation und ihrer Kultur nicht dadurch bestimmt, woher sie ihre Ideen und Prinzipien nimmt, sondern auch dadurch, wo sie rezipiert werden. Die Idee der Menschenrechte wurde von den russischen Dissidenten nicht einfach neu entdeckt. Sie wurde mit einem neuen Sinn versehen, der sie aus ihrer juristischen Konzeption zu einer Philosophie des neuen Globalismus machte. In Russland hat sie wichtige neue Dimensionen erhalten. Das gegenwärtige westeuropäische Denken hat sich in einem Vierteljahrhundert so sehr an diese neue Sicht der Menschenrechte gewöhnt, dass ihre russischen Wurzeln übersehen wurden. Doch wenn wir von der gegenseitigen Beziehung zwischen dem modernen Russland und dem modernen Europa sprechen, darf nicht vergessen werden, dass Russen den entscheidenden Beitrag zur Modernisierung dieser Sicht geleistet haben.

Das Regime im heutigen Russland entspricht nicht den Kriterien, die von den europäischen demokratischen Gesellschaften als Norm betrachtet werden. Die Unabhängigkeit der Presse ist in den letzten Jahren stark beschnitten worden; jetzt ist sie niedriger, als sich das eine entwickelte Demokratie erlauben kann. Das Niveau von Gewalt, die von staatlichen Institutionen ausgeht, ist größer als zulässig; anders gesagt, Polizeiwillkür ist in Russland wesentlich weiter verbreitet und äußert sich viel deutlicher als im Westen. Der Tschetschenien-Krieg wird nicht von weniger, sondern von mehr Grausamkeit und Blutvergießen begleitet als der Krieg in Algerien. Aber bedeutet das, dass für das russische Nationalbewusstsein, für die russische Kultur Unfreiheit und Gewalt eher akzeptabel sind als für die amerikanische oder die französische? Anders gesagt: Heißt das, dass die Russen es lieben, wenn Polizisten sie prügeln?

Wir bezweifeln das. Wenn wir mit unseren Zweifeln Recht haben, dann darf man hoffen, dass irgendwann, in einer oder zwei Generationen, das politische Sein der Nation anfängt, besser zu ihrem bereits heute ausgeprägten europäischen politischen Bewusstsein zu passen.