Völker auf der Suche nach Frieden und Freiheit im Kaukasus

aus OWEP 4/2002  •  von Hacik Rafi Gazer

Dr. theol. habil. Hacik Rafi Gazer ist Armenier und arbeitet seit 1994 an der Theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg als Kirchenhistoriker.

Die Kaukasusregion spielt in geographischer und kultureller Hinsicht eine Brückenrolle zwischen den osteuropäischen und den zentralasiatischen Regionen. Die scheinbar überschaubare Region zeichnete sich in ihrer Geschichte und Gegenwart durch eine bunte Vielfalt der Volks-, Religions- sowie Sprachengemeinschaften aus. Einerseits wurde die Selbstbehauptung der zahlreichen Völker hinsichtlich ihrer sprachlichen, religiösen und kulturellen Eigenheiten durch die natürliche Kleinkammerung der Gebirgsregion gefördert, in der sie relativ isoliert und beschirmt lebten. Andererseits führte der Schutz der Handelswege und ihre Sicherung durch die Bewohner des Kaukasus schon früh zur Entstehung von Konflikten sowohl untereinander als auch mit den politischen Großmächten, die die Region in ihr Herrschaftsgebiet einzugliedern versuchten. Auch angesichts der jüngsten Entwicklungen ist der Kaukasus eine Krisenregion geblieben.1

Vor der Darstellung der aktuellen Situation erfolgt ein kurzer Abriss zur Geschichte und Entwicklung der Vielfalt der Völker, Religionen und Sprachen der Kaukasusregion. Die beigefügten Literaturhinweise dienen zur Vertiefung der Thematik.

Der Kaukasus – Annäherung an eine Problemregion

Der Gebirgskamm des Kaukasus bildet heute die Grenze zwischen der Russischen Föderation und Transkaukasien. Das Gebiet fällt ins Tal der Kura ab. Es bildet einen Einschnitt bzw. eine Passstraße zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer. Im Westen befindet sich das anatolische Hochland. Im Süden besteht durch das Araxtal die Verbindung über Armenien nach Persien. Von Norden nach Süden gliedert sich der Kaukasus mit einer Gesamtfläche von 440.000 Quadratkilometern in fünf naturräumliche Großeinheiten, das Kaukasusvorland, den Großen Kaukasus, die Transkaukasische Senke, den Kleinen Kaukasus und das Hochland von Armenien.

Wegen dieser geographischen Gegebenheiten war der Aufbau von Großreichen im Kaukasus nicht möglich. Von den großen Invasionen der Hunnen und Mongolen blieben die Kaukasier zunächst verschont. Seit dem 16. Jh. wurde das Gebiet dann aber zum Spielball der Machtinteressen zwischen dem Osmanischen und dem Persischen Reich. Von Russland blieb der Kaukasus allerdings bis ins 18. Jahrhundert unabhängig. Ab diesem Zeitpunkt betrieb Russland dann aber verstärkt Machtpolitik in dieser Region.

Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kämpften die russische und osmanische Großmacht um die Vorherrschaft im Kaukasus. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts war dieser dann hauptsächlich der russischen Eroberungspolitik ausgeliefert. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Kaukasus Teil der Sowjetunion. Mit der Gründung der Sowjetrepubliken entstanden im Laufe der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts mehrere autonome Gebiete, autonome Teilrepubliken sowie selbständige Sowjetrepubliken. Autonome Gebiete waren das Adygeische, das Karatschajevo-tscherkessische sowie das Berg-Karabachische. Autonome sowjetsozialistische Republiken waren Kabardino-Balkarien, Nordossetien, Tschetscheno-Inguschien, Dagestan, Abchasien, Adcharien, Südossetien und Nachitschewan. Georgien, Armenien und Aserbaidschan hatten den Status einer selbstständigen Sowjetrepublik.

Seit 1989/1990 veränderte sich die politische Landschaft erneut und damit auch der Status der genannten Gebiete. Adygien und Karatschajevo-Tscherkessien, vormals autonome Gebiete, traten der Russischen Föderation als Republiken bei. Außerdem gab es einseitige Unabhängigkeitserklärungen gegenüber den übergeordneten Republiken. So erklärten sich Abchasien, Adcharien und Südossetien gegenüber Georgien, Berg-Karabach gegenüber Aserbaidschan sowie Inguschien und Tschetschenien gegenüber der Russischen Föderation für unabhängig. Einige der genannten Republiken wurden im Gegenzug von ihren ehemaligen übergeordneten Republiken einseitig für aufgehoben erklärt, so Berg-Karabach durch Aserbaidschan und Südossetien durch Georgien.

Die postsowjetischen Verwaltungs- und nationalen Gebietseinheiten im Kaukasus haben also inzwischen unterschiedlichen Charakter und Rechtsstatus. Im Rahmen dieses Prozesses begann bei allen Völkern auch eine verstärkte Rückbesinnung auf die eigene Geschichte, Muttersprache und Religion. Daraus resultierten jedoch weitere Streitigkeiten, die bei der Betrachtung der Kaukasusregion ganz besonders beachtet werden müssen.

Annäherung an die Sprachen des Kaukasus

Zwar macht der Kaukasus nur 2 % des Territoriums der ehemaligen Sowjetunion aus. Dennoch leben dort fast 30 Millionen Menschen in etwa 60 Völker-, Sprachen-, und Religionsgemeinschaften. Sprachenvielfalt ist für den Kaukasus geradezu charakteristisch. Die Kaukasische Sprachfamilie gliedert sich wie folgt:

  • Zur Kartveli-Gruppe zählen die südkaukasischen Sprachen der Georgier, der Mingrelier, der Lazen und der Svanen.
  • Zu den westkaukasischen Sprachen gehören die Sprachen der Abchasen, der Abazinen, der Kabardiner, der Tscherkessen und der Adyger.
  • Dem Ostkaukasischen werden die Sprachen der Tschetschenen, der Inguschen, der Kisten und der Babci gerechnet.
  • Zur Avaro-Andischen Sprache zählen die der Avaren, der Laken, der Daruga, der Tabasaranen, der Lesgiher, der Aghuler, der Rutuler, der Chahchuren, der Budugen, der Kryz, der Chynalug und der Uden.
  • Zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehören die Armenier.
  • Außerdem kommt die altaische Sprachfamilie bzw. die der turksprachigen Völker hinzu. Dazu zählen die Sprachen der Nogaier, der Balkaren, der Karatschaier, der Aserbaidschaner, der Kumyken und der Turkmenen.
  • Zur mongolischen Gruppe gehört schließlich noch die Sprache der Kalmyken.

Annäherung an die religiöse Landschaft des Kaukasus

Christentum und Islam prägen heute in unterschiedlichen Gestalten die religiöse Landschaft. Die einzelnen Facetten spiegeln nicht zuletzt die Beherrschung des Kaukasus durch die verschiedenen Großmächte wider.

Perser in schiitischer und Türken in sunnitischer Form prägten im Rahmen ihrer Machtentfaltung auch in religiöser Hinsicht breite Landstriche. Russland war seit dem 18. Jh. als Kolonialmacht politisch die prägende Macht. In religiöser Hinsicht blieben die russischen Machtinteressen allerdings ohne Auswirkungen. Die Russische Orthodoxe Kirche wurde im Kaukasus nicht dominant, denn das Christentum hatte dort schon wesentlich früher Eingang gefunden. Bereits im 4. und 5. Jahrhundert wandten sich Teile der Region, besonders Armenien und Georgien, dem Christentum zu. Die Armenische Apostolische Kirche und die Georgisch Orthodoxe Kirche stehen beide in der östlichen Tradition der Christenheit.

Die Christianisierung der Völker des Nordkaukasus vollzog sich zwischen dem 6. und dem 13. Jahrhundert durch die Georgier und Abchasen. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts entstand bei den Armeniern die mit Rom unierte Armenisch-katholische Kirche sowie die Armenisch-protestantische Kirche mit je eigenen Kirchengemeinden. Die Zusammenarbeit zwischen der Armenischen Apostolischen, der Armenisch-katholischen sowie der Armenisch-protestantischen Kirche verläuft heute in einem konstruktiven entspannten ökumenischen Miteinander. Die Armenisch-katholischen Gemeinden hatten allerdings in Armenien nur bis 1927 eigene Priester. Nach der politischen Wende 1989/90 wurde die seelsorgerliche Betreuung der 300.000 katholischen Armenier in Armenien und im südlichen Georgien wieder aufgenommen. Die in Venedig und in Wien ansässigen Mitglieder der Mechitharisten-Bruderschaft engagieren sich dort in herausragender Weise.

Bei der Entstehung weiterer protestantischer Gemeinden im Kaukasus war die Missionstätigkeit der Basler Missionsgesellschaft ausschlaggebend. Einen Spezialfall bilden deutsche Gemeinden, die auf württembergische Auswanderer im Jahre 1816/17 zurückgehen. Sie hatten teils aus Hungersnot, teils aus religiösen Gründen ihre Heimat verlassen, um auf das von dem württembergischen Pietisten Johann Albrecht Bengel vorausgesagte Weltende im Jahre 1836 zu warten. Der osmanische Staat gestattete diesen Christen jedoch nicht, sich in Jerusalem nieder zu lassen, um dort die Wiederkunft des Herrn zu erwarten. Als Ausweichlösung verfielen sie dann auf die Idee, das Weltende an einem anderen Bergungsort, am Berg Ararat im Kaukasus, zu erwarten. Unter dem Schutz Russlands und des Zaren Alexander I., der sich pietistischen Kreisen gegenüber sehr wohlwollend verhielt, kamen sie in den Kaukasus. Allein in der Nähe von Tiflis entstanden sieben Dörfer.

Seit dem 8. Jahrhundert kamen arabische Stämme und mit ihnen der Islam über Armenien und Georgien in den Kaukasus. Damit war der Kaukasus das nördlichste Stück der islamischen Welt. Er blühte dann besonders unter persischem und osmanischem Einfluss zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert auf. Die Islamisierung großer Teile des Kaukasus setzte aber schon früher ein, denn bereits im 12. Jahrhundert traten die Tscherkessen, im 16. Jh. die Kabardiner zum Islam über; im 17. Jahrhundert folgten die Balkaren, die Tschetschenen und die Inguschen. Die Osseten blieben etwa zur Hälfte Christen. Die Aseris (Aserbaidschaner) bekennen sich mehrheitlich zur schiitischen Richtung des Islams; im nördlichen Teil Aserbaidschans ist aber auch der sunnitsche Islam verbreitet. Weitere islamische Völker sind die Ingilonen, Talysen, Lazen und Teile der Abchasen sowie der Adcharen. In Baku und Machachkale befinden sich islamische religiöse Verwaltungen. In Inguschien und in Tschetschenien gibt es sogar eigene islamische Direktorate.

Schließlich haben auch frühzeitig jüdische Gruppen in Kaukasien eine Heimat gefunden. Gemeinden finden sich in Dagestan, in Georgien, in Armenien und in verschiedenen Orten des Transkaukasus.

Annäherung an die Konfliktparteien im Kaukasus

Die breite Heterogenität hinsichtlich der Ethnien und Sprachen ist ein prägender Faktor für das Zusammenleben in der Kaukasusregion. Alle Republiken des Kaukasus sind Entwicklungsländer, deren Wirtschaftslage sich in den vergangenen Jahren kaum verbessert hat. Verschärfend tritt hinzu, dass sich die meisten Teilgebiete seit der Auflösung der Sowjetunion in kriegerischen Auseinandersetzungen miteinander befanden bzw. immer noch befinden.

Fragt man nach den Ursachen der Streitigkeiten, so ist die Antwort nicht allein im ethnischen Gefüge Kaukasiens zu suchen. Die politische Aufteilung des Raumes und seine ethnischen Strukturen stimmen infolge der stalinistischen Territorialpolitik heute an vielen Orten nicht mehr überein. Territorialfragen erweisen sich als Hauptstreitpunkt. Die bizarre Gegensätzlichkeit der Kaukasier tritt dabei verschärfend in Erscheinung. In kultureller Hinsicht streben die Völker nach lang anhaltender Unterdrückung die bewusste Bewahrung und Weitergabe der eigenen kulturellen Identität an. Politisch pochen sie nach jahrzehntelanger zaristischer und sowjetischer Überfremdung auf Selbstständigkeit, die sie um keinen Preis aufgeben wollen. Kompromisse werden dadurch erheblich erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Erforderlich wären die Revision der bestehenden Grenzen, die Rückgabe enteigneter Territorien, eine territorial-kulturelle Autonomie und eine Veränderung des bisherigen politischen Status einiger Regionen. Doch scheint es fast unmöglich, die Frage zu lösen.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Gebieten blockierten bisher die dringend notwendigen Wirtschaftsreformen. Durch die politischen Konflikte ist die Wirtschaft Transkaukasiens weitgehend zum Stillstand gekommen. Unsichere Handelsrouten schrecken Investoren aus dem Ausland ab. Die Sicherung der Transportwege – besonders für das Öl aus dem Kaspischen Meer – ist nach wie vor nicht geklärt. Die alte Nomenklatura aus sowjetischer Zeit wurde an vielen Orten nicht abgelöst. Eine schmale Schicht von Neureichen, die sich von Leibwächtern bis zu gepanzerten Limousinen alles leistet, ist in den alten Klans organisiert. Die Perspektivlosigkeit der Bevölkerungsmehrheit führt zu großen Abwanderungswellen in den einzelnen Republiken. Allein aus der Republik Armenien, deren Bevölkerung 1990 etwa 3,5 Millionen Einwohner zählte, sind in den letzten zehn Jahren über 800.000 Menschen emigriert.

Hinzu kommt, dass im Zuge des Entkolonialisierungsprozesses des Kaukasus die alten Feindschaften religiös instrumentalisiert werden. Jedoch handelt es sich, wenn man genau hinsieht, bei den Konflikten nicht nur um eine Auseinandersetzung zwischen Christen und Moslems, wie oft vereinfachend dargestellt wird. Viele Kämpfe werden auch innerhalb der jeweiligen Religions- und Konfessionsgemeinschaft ausgetragen.

Der bewaffnete Widerstand der „islamischen“ Tschetschenen richtet sich nicht allein gegen die „christlichen“ Russen. Die Tschetschenen kämpfen auch gegen die dagestanische Nachbarbevölkerung, also gegen ein islamisches Nachbarvolk. In Dagestan leben 35 Völkerschaften in 600 Gemeinden; die Ältesten der Gemeinden sind oft Geistliche. In der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala befand sich eines von vier sowjetischen Muftiaten. In Dagestan hatte der Islam bereits im 7. und 8. Jh. Eingang gefunden. In Tschetschenien breitete sich der Islam hingegen erst im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts aus. Das Beispiel zeigt, dass die Ursachen des Konfliktes zwischen Tschetschenien und Dagestan bzw. Russland nicht in der religiösen Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam liegen. Es geht auch nicht um den konfessionellen Vorrang des sunnitischen oder schiitischen Islams, sondern um Konflikte mit hauptsächlich nationalistischer Prägung.

Dieselbe Komplexität des Problems ist auch in Georgien anzutreffen. In Georgien leben ca. 5,5 Millionen Menschen. Davon sind 70 % Georgier, der Rest verteilt sich auf weitere Völkerschaften, u. a. Armenier, Abchasen, Adscharen, Osseten und Aseris. Zu den 400.000 Muslimen in Georgien zählen die Lazen, die Adscharen, die Osseten und teilweise die Abchasen. Nach der politischen Wende brach Krieg in Abchasien (Selbstbezeichnung Apsua) aus, das am Nordufer des Schwarzen Meeres gegenüber der Türkei liegt. Er endete, nachdem russische Truppen die Abchasen unterstützt hatten, 1993 mit der Abspaltung dieser Provinz von Georgien. Sie umfasst 8.600 Quadratkilometer; von den ca. 500.000 Einwohnern wohnen 110.000 in der Hauptstadt Suchumi. Ein großer Teil der georgischen Bewohner Suchumis (etwa 45 % der gesamten Einwohnerschaft) floh nach Tiflis. Die Frage des endgültigen politischen Status der Abchasen bleibt aber bis jetzt ungeklärt. Auch hier kämpften also nicht christliche Georgier gegen eine islamische Gruppe. Der Konflikt entfaltete sich vielmehr quer durch die religiösen Bindungen. Dasselbe gilt für den Konflikt im islamischen Ossetien. Die Südosseten streben seit einigen Jahren den Anschluss an Nordossetien an und kämpfen gegen die Georgier.

Die Wunden des Erdbeben von 1988 waren in Armenien noch offen, als 1989 der Krieg in Berg-Karabach ausbrach. Die von Aserbaidschan durchgeführte Energieblockade erschwerte in den folgenden Jahre zusätzlich den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformationsprozess, sodass die Wirtschaft Armeniens völlig am Boden lag. Die Versorgung einer großen Zahl von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Sowjetaserbaidschan war nur mit Unterstützung der Internationalen Hilfsorganisationen zu bewältigen. Beim Konflikt um Berg-Karabach stellte sich die Türkei auf die Seite Aserbaidschans und sperrte die Grenzen zur Republik Armenien. Das seit dem Ersten Weltkrieg traumatisierte armenische Volk fühlte sich angesichts dieser Lage existenziell bedroht. Mit militärischer und logistischer Unterstützung Russlands konnten sich die Armenier jedoch gegen die Angreifer behaupten. Nach grausamen Gewaltakten auf beiden Seiten kam es Mitte 1994 in Berg-Karabach zum Waffenstillstand. Die Armenier in Berg-Karabach riefen die Republik aus. Auf dem dortigen Territorium lebende Aseris verließen fluchtartig ihre Heimat und ließen sich meist in Baku nieder.

Die Ursachen des Konfliktes zwischen Armeniern und Aseris als islamisch-christliche Auseinandersetzung zu interpretieren, dürfte auch im Falle des Berg-Karabach-Konfliktes nicht zutreffend sein. Durch die Vermittlung des Weltkirchenrates trafen sich der aserische Mufti (mit Sitz in Baku) Allahschükür Paschazadeh und das armenische Kirchenoberhaupt Katholikos Vasken I. (mit Sitz in Etschmiadsin) im Februar 1993 in Montreux in der Schweiz und erklärten in einem Kommuniqué, dass es sich bei dieser Konfrontation nicht um einen religiösen Konflikt handelt. Die Republik Berg-Karabach ist bis heute von der internationalen Staatengemeinschaft nicht anerkannt. So bleibt die Entwicklung dieser Region weiterhin im Ungewissen.

Die Zukunft der Kaukasusregion

Im Kaukasus wird eine friedliche Zukunft von der Beantwortung einer entscheidenden Frage abhängen. Es wird nicht die Frage sein, wem diese Enklave, jene Exklave, dieser Landstrich oder jene Republik ausschließlich gehört und wem nicht. Vielmehr wird zu klären sein, wie die Menschen im Kaukasus ein Zusammenleben gestalten, in dem die Normen der internationalen Völkergemeinschaft – Toleranz, Menschenrechte sowie Achtung des Lebens und der Umwelt – Anwendung finden werden. Diese Werte müssen im Kaukasus neu buchstabiert werden. Inzwischen sind einige Kaukasusrepubliken Mitglied des Europarates geworden. Zu hoffen bleibt, dass die Mitglieder des Europarates partnerschaftlich die Kaukasusregion auf der Suche nach Frieden und Versöhnung unterstützen.

Darüber hinaus spielt der Aufbau bzw. Wiederaufbau eines modernen Bildungswesens in der Region eine entscheidende Rolle, denn es ist notwendig, der heranwachsenden Generation eine Perspektive zu bieten. Das von der Volkswagen-Stiftung im Jahre 2000 ins Leben gerufene Programm „Zwischen Europa und Orient – Mittelasien/Kaukasus im Fokus der Wissenschaft“ lenkt einerseits das Forschungsinteresse in Deutschland auf die Kaukasusregion und fördert andererseits Projekte vor Ort. Am Zentralasien-Seminar der Humboldt-Universität Berlin wurde im April 2001 ein von der Volkswagen-Stiftung gefördertes zweijähriges „Aufbaustudium Mittelasien/Kaukasien“ mit Master-Abschluss eingerichtet. Im Rahmen des neuen Studienganges sollen regionalspezifische Kenntnisse und fachliche Kompetenz vermittelt werden.

Es wäre zu wünschen, dass durch die genannten Programme die Kooperation zwischen kompetenten Fachkräften zur Bewältigung der vielfältigen Aufgaben in der Kaukasusregion gefördert wird.


Literaturhinweise:

  • Arat, Mari Kristin: Die Wiener Mechitharisten. Wien 1990.
  • Auch, Eva-Maria (Hrsg.): Lebens- und Konfliktraum Kaukasien. Gemeinsame Lebenswelten und politische Visionen der kaukasischen Völker in Geschichte und Gegenwart. Großbarkau 1996.
  • Duve, Freimut / Tagliavini, Heidi (Hrsg.): Kaukasus – Verteidigung der Zukunft. 24 Autoren auf der Suche nach Frieden. 2. Aufl. Wien 2001.
  • Kaufmann, Rainer: Kaukasus. Georgien, Armenien, Aserbaidschan. München 2000.
  • Lerch, Wolfgang Günter: Der Kaukasus: Nationalitäten, Religionen und Großmächte im Widerstreit. Wien 2000.
  • Mangott, Gerhard (Hrsg.): Brennpunkt Südkaukasus: Aufbruch trotz Krieg, Vertreibung und Willkürherrschaft? (Laxenburger Internationale Studien, Bd. 14). Wien 1999.
  • Nielsen, Fred: Wind, der weht. Georgien im Wandel. Frankfurt/Main 2000.
  • Pietzonka, Barbara: Ethnisch-territoriale Konflikte in Kaukasien: Eine politisch-geographische Systematisierung. Baden-Baden 1995.
  • Pleitgen, Fritz: Durch den wilden Kaukasus. Frankfurt/Main 2002.
  • Sapper, Manfred: Russland und der zweite Tschetschenienkrieg. (Untersuchungen der FKKS 22/1999). Mannheim 1999.
  • Wahl, Detlev: Lexikon der Völker Europas und des Kaukasus. Rostock 1999.

Fußnote:


  1. Vgl. zur geopolitischen Gliederung auch die folgende schematische Übersichtskarte.