Glaube und Kirche in Europa

aus OWEP 1/2003  •  von Tadeusz Szawiel

Dr. Tadeusz Szawiel ist Wissenschaftler am Institut für Soziologie der Warschauer Universität.

Welche Bedeutung hat Religion heute in Europa? Was blieb vom „christlichen Abendland“? Die Antwort auf so grundsätzliche Fragen hängt vom Ausgangspunkt des Antwortenden ab. Religiöser Glaube ist nicht so sehr die Art der Überzeugungen oder der Weltanschauung und eines dementsprechenden Verhaltens als vielmehr eine gewisse Lebensweise. Und Leben ist bedeutend mehr als Überzeugungen, als Wissen, Selbstbewusstsein und daraus sich ergebende Verhaltensweisen. Die zeitgenössische Philosophie bietet uns eine Antwort, die besagt, dass wir in bedeutenderem Maße sind, als dass wir wissen, wie wir sind. Und hier beginnt das Problem. Das Milieu unserer Lebensweisen wurde vom Glauben und von der christlichen Zivilisation geformt, und dies bestimmt uns mehr, als wir zugeben möchten. Alle sind wir Erben einer Kultur, der der christliche Glaube Gestalt gab. Sowohl die moderne Wissenschaft wie die kapitalistische Wirtschaft wie auch die Demokratie in ihrer heutigen Form sind gewollte oder ungewollte Kinder eines Impulses, der vom Christentum ausgeht. Die kapitalistische Wirtschaftsweise war schließlich das unbeabsichtigte Ergebnis der Sorge um die Erlösung der Seele (Max Weber), nicht aber der Sorge um wachsende Arbeitsproduktivität oder eines Profitstrebens. Deshalb stehen im europäischen Kulturkreis sowohl der Gläubige ebenso wie der religiös Indifferente und der radikale Atheist unter einem Horizont, der sie gemeinsam bestimmt. Selbstverständlich geht es hier nicht um eine gewisse Art von „Entmündigung“ der Nichtglaubenden, sondern nur um den Hinweis darauf, dass es Dinge gibt, über die wir keine Macht haben. Mit dem christlichen Impuls in unserer Kultur ist es ähnlich wie mit dem Umstand, dass ich Pole, Deutscher oder Franzose bin. Das ist ein Faktum, auf das ich keinen Einfluss habe. Eine solche Perspektive hat Konsequenzen, worauf ich noch zurückkomme.

Der zweite Umstand, der Erwägungen über „Religion heute“ beeinflusst, ist die deutliche Tendenz, gesellschaftliche Erscheinungen vom Gesichtspunkt der Veränderungen zu betrachten. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gewöhnte uns daran, vor allem auf Veränderungen und deren Tempo zu achten. Beigetragen haben dazu die auf das Neue eingestellten Massenmedien und eine unerhörte Entwicklung der Kommunikationstechniken, die blitzschnell alles Neue verbreiten. Aber Religion und Kirche sind eben keine „Erzählung“ darüber, was neu und am neuesten ist, was uns erstaunen und überraschen kann, sondern eher eine Erzählung über das Dauernde und darüber, wie schwer Wertvolles in neue Zeiten und Umstände übertragen werden kann.

Die dritte ausdrücklich gegenwärtige Tendenz ist das Motiv der Individualisierung und Emanzipierung des Individuums aus partikulären Bindungen und Begrenzungen – der Ökonomie, der Ideologie, der Macht oder der vorgefundenen Identitäten. Unter diesem Gesichtspunkt könnte man eine Geschichte (oder viele Geschichten) der letzten fünfzig Jahre schreiben. Aber so wichtig diese Perspektive, aus der die Individuen über sich und ihre Zukunft nachdenken, für die Antwort auf die Frage nach „Religion heute“ ist, so ist wiederum die Erzählung über Religion eher eine Erzählung von Bindungen, von Gemeinschaft und Begrenzungen. Bevor aber diese Fäden aufgenommen werden, wollen wir in äußerster Kürze versuchen, die Frage zu beantworten, wie der Stand der Religion in Europa ist.

Was sind die Europäer?

Eine gewisse Antwort auf die Frage nach dem Stand der Religiosität in Europa ermöglichen repräsentative soziologische Untersuchungen. Die mit Glaube und Kirchen verbundenen Probleme werden relativ oft Gegenstand empirischer Untersuchungen, aber erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit erschienen Forschungen, die Vergleiche zwischen Ländern ermöglichen. Die Untersuchungen der Europäischen Wertestudie umfassten 1990 25 europäische Länder und 1999 bereits 31 Länder. Die Untersuchungen von 1999 betrafen auch eine bedeutende Gruppe postkommunistischer Länder. Für die notwendigerweise sehr kondensierte Analyse wurden 16 historisch, geographisch und konfessionell unterschiedliche Länder zu zwei Zeitmomenten ausgewählt (1990 und 1999, vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1 “Was sind die Europäer?” (folgt)

Schon 1990 ist im Hinblick auf Religiosität eine deutliche Differenzierung der Europäer sichtbar. Ein niedriges Niveau zeigen die Europäer in zwei Ländern, in Ostdeutschland und Tschechien, wo nur etwa ein Drittel der Bewohner sich als religiös bezeichnet. Ebenso definiert sich nur in zwei Ländern, Ostdeutschland und Frankreich, ein erheblicher Prozentsatz der Bewohner (über 10 Prozent) als in Opposition zur Religion stehend, als Atheisten. Im höchsten Maß religiös sind Bewohner Polens, Italiens, Irlands, Österreichs, der Slowakei und Spaniens, wo etwa zwei Drittel (oder mehr) sich als religiöse Personen bezeichnen. Interessanterweise sind das ausnahmslos katholische Länder. In den übrigen Staaten bezeichnet sich etwa die Hälfte als religiös. Was hat sich neun Jahre später verändert? Insgesamt wenig, in den einen Ländern stieg der Prozentsatz der religiösen Personen etwas an, in anderen ging er ein wenig zurück – mit zwei Ausnahmen. Bedeutend sank das Niveau der Religiosität in Großbritannien (um 12 Prozentpunkte), bedeutend stieg es in der Slowakei (um 13 Prozentpunkte). Eine wesentliche Steigerung erfolgte auch in Westdeutschland und in Österreich. Am wenigstens religiös waren 1999, ähnlich wie neun Jahre zuvor, die Bewohner Ostdeutschlands und Tschechiens, aber der Abstand zwischen ihnen wuchs. Während Ostdeutschland nach neun Jahren noch weniger religiös wurde, gab es in Tschechien einen kleinen Zuwachs. Beachtenswert ist, dass 1999 alle (in der Tabelle berücksichtigten) postkommunistischen Länder (mit Ausnahme Ostdeutschlands und Tschechiens) religiöse Länder sind: etwa zwei Drittel der Bewohner in diesen Ländern sind religiöse Menschen. Überraschen mag der hohe Prozentsatz religiöser Personen in Russland und in der Ukraine. Das gestattet die Formulierung eines allgemeineren Schlusses. Das kommunistische System an sich erwies sich bei der Zerstörung religiöser Identität nicht als erfolgreich. In Russland und in der Ukraine, auch in Rumänien und in der Slowakei überdauerten die religiösen Identitäten oder wurden nach dem Fall der kommunistischen Regime blitzschnell wiedererrichtet. In Ostdeutschland wiederum, einem Anfang der fünfziger Jahre religiösen Land, erwies sich der Kommunismus als erfolgreich, wenn es um die Eliminierung religiöser Identitäten geht.

Der zweite allgemeinere Schluss betrifft die Folgen der politischen und wirtschaftlichen Transformation in postkommunistischen Ländern. Man kann sagen, dass diese beiden Arten tiefgehender Veränderungen praktisch keinen Einfluss auf das Niveau der Religiosität hatten, und wenn, dann einen positiven – wieder mit Ausnahme Ostdeutschlands. Die revolutionären Veränderungen in postkommunistischen Ländern in den Jahren 1989-1991 erwiesen sich folglich eher als Chance für die Religion. Das sind wichtige Feststellungen, denn wenn wir die nach 1989 vorgehenden Veränderungen mit dem Namen einer beschleunigten Modernisierung (ja sogar Postmodernisierung) belegen, dann führen diese Prozesse weder Verfall der Religiosität noch zur Entfernung von den Kirchen. Das bestätigt noch einmal, dass es keinen einfachen Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Entwicklungs- und Veränderungsprozessen einerseits und der Laizisierung andererseits gibt. Die Religionssoziologen unterstreichen immer häufiger: Der Weg, den in dieser Hinsicht (angefangen von der Französischen Revolution) Westeuropa ging, ist ein Sonderweg, er stellt nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme dar und bestimmt nicht die Zukunft der Religiosität in anderen Ländern.

Was sagen die Unterschiede zwischen der jungen (bis 29 Jahre) und der älteren (30 Jahre und mehr) Generation über die Religiosität der Europäer aus? In allen Ländern, mit Ausnahme der Ukraine, wo die junge Generation sich 1999 häufiger als religiös bezeichnete als die alte, definieren junge Menschen sich seltener als religiös. Das bleibt in Einklang mit unserem Wissen über die den Generationen innewohnende Dynamik des Verhältnisses zum religiösen Glauben: die Jungen waren stets weniger religiös. Aber in einigen Fällen erlaubt es die große Distanz zwischen dem Religionsniveau beider Gruppen, Schlussfolgerungen für die Zukunft zu formulieren. In Griechenland, Spanien, Großbritannien und Westdeutschland ist der Abstand zwischen beiden Generationen so groß, dass dies einen gewissen Rückgang religiöser Identitäten in der Zukunft dieser Länder bedeuten kann. Ähnlich muss man vielleicht in Ungarn und Tschechien mit einem kleinen Rückgang rechnen.

In welchem Maße sind die Europäer mit den Kirchen verbunden?

Ein Maß für die Bindung an Kirchen ist die Häufigkeit religiöser Praxis. Allgemein lässt sich sagen: je häufiger die Teilnahme an Messen und Gottesdiensten, um so enger die Bindung an die institutionelle Kirche. Tabelle 2 enthält Angaben über die Häufigkeit der religiösen Praxis bei Europäern 1990 und 1999.

Tabelle 2 “Europäer und Kirchenbindung” (folgt)

Auch in dieser Hinsicht unterscheiden sich die Europäer je nach Land erheblich. Länder mit geringer Bindung an institutionelle Kirchen sind dieselben, in denen man am seltensten Religiosität deklariert: Ostdeutschland und Tschechien, aber auch Frankreich, Großbritannien und Ungarn. Dagegen sind Länder mit relativ hohem Bindungsgrad an institutionelle Kirchen Irland, Polen, Italien, die Slowakei und Spanien, also wiederum katholische Länder. Im Zeitraum 1990-1999 blieb die religiöse Praxis prinzipiell auf einem ähnlichen Niveau – mit einigen Ausnahmen. Den größten Rückgang gab es in Irland (um 25 Prozentpunkte), aber da dies ein Abstieg von einem ziemlich hohen Niveau (81 % im Jahre 1990) war, bleibt Irland (neben Polen) das Land mit dem höchsten Prozentsatz regelmäßig praktizierender Menschen (mindestens einmal in der Woche). Von einem Rückgang kann man auch in Spanien und Holland sprechen. Wir haben auch eine Ausnahme: in der Slowakei nahmen die religiös Praktizierenden in den Jahren 1990–1999 sehr bedeutend zu (um 8 Prozentpunkte). 1999 sind Ostdeutschland, Tschechien, Frankreich und Ungarn Länder mit praktisch verödeten Kirchen, und nichts weist darauf hin, dass sich in naher Perspektive etwas ändert. Eine andere Situation gibt es in Russland und der Ukraine, wo die Prozentzahlen der Praktizierenden auch niedrig sind. Doch erst die Zeit wird zeigen, ob es den dortigen orthodoxen Kirchen gelingt, die religiöse Bevölkerung dieser Länder an sich zu binden.

Wenn wir schon wissen, wie es ist, so wollen wir auch wissen, warum es so ist. Wenn wir fragen würden, welche Faktoren den größten Einfluss auf das Niveau der Religiosität haben, so bekäme man sicher meist zu hören: das Bildungsniveau. Es stimmt, mit wachsendem Bildungsniveau verringert sich das Niveau der religiösen Praxis, das bedeutet aber nicht, dass die Bildung Ursache für ein niedrigeres Niveau religiöser Praxis ist, schließlich sind Österreich und Tschechien keine Länder, die sich im Bildungsniveau der Bevölkerung sehr unterscheiden, dennoch differieren sie hinsichtlich der Religiosität ihrer Bewohner erheblich. Die Erforschung der Religiosität im Rahmen der Europäischen Wertestudie brachte eine überraschende Antwort auf die Frage nach den Gründen. Danach hat das Land, aus dem man kommt, den größten Einfluss auf das Niveau der Religiosität. Allein die Tatsache, dass jemand in Polen geboren wird, bedeutet, dass er mit 95 % Wahrscheinlichkeit eine religiöse Person wird; wenn er in Tschechien geboren wird, dann wird er das nur mit 40 % Wahrscheinlichkeit. Über das Niveau der Religiosität entscheidet also vor allem ein einzigartiges Geflecht von historischen Merkmalen und Umständen, die wir als Kultur und Tradition des gegebenen Landes bezeichnen. Die Kirche ist universal, aber Religiosität ist immer lokal. Das wäre ein Argument für die These, dass Glaube eine gewisse Art zu leben ist und dass ein einzigartiges Geflecht von Faktoren sein Niveau und seine Verbreitung beeinflussen. Deshalb können sogar zwischen nahen Nachbarn bedeutende Unterschiede auftreten (wie zwischen Polen und Tschechien oder zwischen Tschechien und Österreich). Das ist der Grund, weshalb man so schwer die Faktoren definieren kann, die in einem gegebenen unwiederholbaren Kontext die Religion begünstigen oder nicht. Weitere, erheblich schwächere Faktoren mit Einfluss auf das religiöse Niveau sind das Geschlecht (Frauen sind religiöser), ferner das Alter und die Wohnortgröße. Einen kleinen, selbstständigen Einfluss haben das Bildungsniveau und das Einkommen.

Wie eng ist die Bindung an Gott?

Das Gebet ist eines der persönlichsten Formen im Kontakt zu Gott. Je öfter jemand betet, desto größere Bedeutung nimmt Gott in seinem Leben ein.

Tabelle 3 “Bindung an Gott” (folgt)

Die Europäer sind auch in dieser Hinsicht sehr differenziert. Das Muster dieser Unterschiede ähnelt sehr dem der Unterschiede in der Religiosität und in der religiösen Praxis. Aus den katholischen Ländern wenden sich Polen, Iren und Italiener sehr häufig in ihrem Leben an Gott, ähnlich die Rumänen und Griechen aus den orthodoxen Ländern. Am seltensten appellieren an Gott die Deutschen (aus dem Osten), die Franzosen und Tschechen, die wiederum in ganz Europa am wenigsten religiös sind und am seltensten praktizieren. Wenn wir geradewegs danach fragen, wie wichtig Gott für eine Person ist (Ziffer 1 – überhaupt unwichtig, 10 – sehr wichtig), dann ist die Lage identisch: für die Deutschen (Ost), die Tschechen und Franzosen sind die Mittelwerte am niedrigsten, für die Polen, Iren und Italiener am höchsten; sehr hoch sind sie auch für die orthodoxen Länder Rumänien und Griechenland. Wenn wir die Jahre 1990 und 1999 vergleichen, dann sind die Veränderungen in der Beurteilung, ob Gott wichtig ist im Leben, gering – mit drei Ausnahmen. In Ostdeutschland und Tschechien beobachten wir in dieser Zeit einen gewissen Rückgang, dagegen verzeichnen wir in der Slowakei eine spektakuläre Zunahme (um 2,24 Punkte!).

Wie steht es mit dem „christlichen Abendland“?

Europa, West und Ost, ist christlich im Sinne von Tradition und Kultur, die die Europäer stärker bestimmen, als diese sich dessen bewusst sind. Das ist ein sehr wichtiger und häufig unterschätzter Umstand. Denn das ist keine in Archiven und Museen verschlossene Tradition, sie stellt weiterhin einen Ausgangspunkt und ein Problem dar.1 Aber die Bedeutung der Religionen und Kirchen in europäischen Ländern ist sehr differenziert. Seit der Französischen Revolution geht jedes Land seinen eigenen Weg. Die Folge ist, dass die Bewohner der einen Länder religiös sind (so die Italiener), die der anderen im Prinzip areligiös (so die Franzosen). Es scheint nicht, dass man von gemeinsamen, richtungsweisenden Trends für die europäischen Länder sprechen könnte. Jedes hat das ihm eigene Verhältnis zur Religion und die Form der Religiosität herausgebildet, die im Prinzip in den beiden letzten Jahrzehnten andauert. Auch ist nicht abzusehen, dass die globalen Prozesse einen richtunggebenden Einfluss auf die Religiosität hätten, z. B. die Mitgliedschaft in der EU. Frankreich und Italien unterschieden sich im Niveau der Religiosität und tun es weiter, obwohl beide Mitglieder der EU sind. Ähnlich hatte der Sturz des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa keine gleichartigen Konsequenzen. Der Niedergang des Kommunismus, die politische und wirtschaftliche Transformation erwiesen sich eher als Chance für die Kirchen, vor allem die orthodoxen. In Russland, in der Ukraine, in Weißrussland und Rumänien gewinnen Glaube und Kirchen das einst verlorene Betätigungsfeld wieder. Aber das ist nicht überall so. In der Slowakei festigt sich die Religiosität nach 1989 spektakulär, in Tschechien dagegen wird sie schwächer, ebenso in Ostdeutschland. Die Zukunft des „christlichen Europas“ liegt in den Händen der einzelnen Länder und lokalen Faktoren. Ein in Krakau geborener Pole wird fast mit Gewissheit eine religiöse Person werden. Ein in Leipzig geborener Deutscher hat nur 30 % der Chance, ein religiöser Mensch zu sein. Selbst Regionen mit gemeinsamer, längerer Vergangenheit – wie Tschechien und Slowakei – bewegen sich, was die Religiosität betrifft, in entgegengesetzter Richtung.

Doch zumindest ein Faktor scheint an Bedeutung zu gewinnen. Die Position der Kirchen als Institutionen hängt in immer größerem Maße von ihren Handlungen (oder deren Unterlassung) sowie von der Beurteilung und Wahrnehmung dieser Handlungen durch die öffentliche Meinung und die Massenmedien ab. Ein Hinweis darauf ist die geschwächte Position der katholischen Kirche in Irland und in den USA nach einer Reihe von Skandalen. Die Kirchen als Institutionen erwiesen sich als unzureichend vorbereitet auf die Veränderungen in der Sensibilität und in den Beurteilungsstandards, die in den letzten Jahrzehnten in der öffentlichen Meinung vor sich gegangen sind.

Es kann also keine einheitliche Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Glaubens und der Kirchen in Europa geben. Aber diese (günstige oder ungünstige) Zukunft ist – obwohl die Veränderungen recht langsam vor sich gehen – nirgendwo garantiert: weder in Russland noch in Polen noch in Frankreich. Folglich ist Gretchens Frage aus dem „Faust“ weiterhin aktuell: „Nun sag‘: wie hast du’s mit der Religion?“ Es scheint, dass so wie damals auch jetzt viel von der Antwort auf diese Frage abhängt.

Aus dem Polnischen übersetzt von Wolfgang Grycz.


Fußnote:


  1. Davon zeugt z. B. die Rede von Jürgen Habermas bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an ihn im Jahre 2001.