Mystik im Hinterhof.

Ein Derwischkloster in Nürnberg
aus OWEP 1/2003  •  von Michael Albus

Prof. Dr. Michael Albus ist Journalist beim Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) und verantwortlicher Redakteur dieser Zeitschrift.

Man traut seinen Augen kaum: Zwischen grauen alten Häusern im Hinterhof eines Nürnberger Vorstadtviertels, einige Kilometer vom Zentrum der Altstadt entfernt, befindet sich seit etwa zwanzig Jahren ein Derwischkonvent. Zum Komplex gehören eine Küche, ein Tanzraum und ein Gebets- und Versammlungsraum. Dort treffen sich wöchentlich die Mitglieder des Konvents aus Nürnberg und Umgebung und in bestimmten Abständen Anhänger aus der ganzen Bundesrepublik und aus dem europäischen Ausland. Unter ihnen befinden sich sehr viele Frauen. Dies ist besonders zu erwähnen, weil, der Tradition des islamischen Ordens gemäß, eigentlich nur Männer Derwische sein können. Offenbar hat sich der Orden, trotz aller konservativen Grundsätze, der „westlichen“ Entwicklung angepasst.

Während der Treffen finden Lehrgespräche, Ritualübungen, Gebete, Initiationen und die Sema, der für diese Derwischrichtung charakteristische Drehtanz, statt. Im stillen Hinterhof herrscht an den Wochenenden eine dichte religiöse Atmosphäre. Nichts ist zu spüren von einem rigorosen fundamentalistischen Islam. Die Dherga – so nennt man ein Derwischkloster – steht Menschen aller Religionen und Bekenntnisse offen.

Auf den ersten Blick erscheint alles, was sich in der Dherga ereignet fremd. Auf den zweiten Blick allerdings entdeckt man Gemeinsamkeiten mit dem Christentum, ja auch mit dem Judentum. Diese Gemeinsamkeiten ruhen im Wurzelgrund der Mystik der drei großen monotheistischen Weltreligionen.

Man hat den Eindruck, dass viele Menschen, die auf dem Wege, auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben sind, hier etwas finden, was dem Christentum, wie es sich heute institutionell darstellt, abhanden gekommen ist, gleichwohl aber zum Kern seiner Botschaft gehört. Die Sehnsucht nach einem lebbaren Ursprung treibt sie in eine andere Religion, weil ihnen die eigene fremd und kalt geworden ist.

Der Sufismus – eine gefährliche Erinnerung

Sufismus ist die Sammelbezeichnung für unterschiedliche Gruppierungen und Strömungen im Islam mit mystischen Traditionen, Riten und Praktiken.

Die Sufis führen ihre Bewegungen auf Mohammed und ihm vorhergehende Propheten zurück. ‚Sufi’ wird hergeleitet aus dem arabischen Wort „suf“, das bedeutet: grobes, wollenes Gewand. Vermutlich haben die Anhänger solche Wollgewänder als Bußgewänder getragen. Die anderen Religionen kennen in ihren mystischen Bewegungen ähnliche Kleidungsarten, zum Beispiel die wollene Kutte der Mönche und Nonnen im Christentum. Die Sufi-Bewegung tauchte im frühen 10. Jahrhundert auf und breitete sich sehr schnell über den heutigen Irak, Iran, Arabien, und Ägypten aus. Ähnlichkeiten des Sufismus mit älteren, nichtislamischen asketischen und mystischen Bewegungen wie Gnosis, Manichäismus, Neuplatonismus und Buddhismus sind offenbar. Von Anfang an standen die traditionellen Muslime der sufistischen Bewegung kritisch bis ablehnend gegenüber. Offiziell anerkannt wurde sie erst im 11. und 12. Jahrhundert.

Die Derwische und ihre Anziehungskraft

Die Derwische machen Ernst mit der Mystik. Sie haben keine Scheu, ihre religiöse Ergriffenheit zu zeigen. Für „moderne“ Menschen, die aus der christlichen Tradition kommen und nach ihren Wurzeln suchen, bieten sie eine religiöse Heimat an, die ihnen Freiheit lässt und sie nicht sofort vereinnahmt. Das macht sie für viele so anziehend. Das Faktum kann ein Christ kritisch betrachten. Für nichtexistent kann er es nicht erklären.

Auch bei den Derwischen gibt es solche, die „am Rande“ stehen. Sie suchen sich, wie viele religiöse Randbewohner unserer Tage, Teile aus vielen Religionen und religiösen Bewegungen zusammen und weben daraus einen Teppich, auf dem sie Platz für ihre große Sehnsucht finden. Dass dabei für viele westliche Anhängerinnen und Anhänger auch ein Schuss Geheimnisvolles und Exotisches mitspielt, ist nicht zu übersehen. Aber kann nicht gerade das den „alten“ Religionen etwas sagen, die durch die Kälte der Aufklärung gegangen und schlafenden Vulkanen gleich geworden sind?

Als Teil der sufistischen Bewegung verfügen auch die Derwische über kein dogmatisch festgelegtes Glaubensbekenntnis, kennen keine orthodoxe Lehre, keine allgemeinverbindlich interpretierende Instanz. Sie charakterisieren ihren Glauben als „Freundschaft mit Gott“. Sie trauen es sich zu, eine Einheit zwischen der mittelbaren menschlichen Erkenntnis und der unmittelbaren göttlichen Wahrheit zu erreichen. Ein kühnes Unterfangen, aber nicht neu in der Geschichte der Religionen – und offenbar durch keine Instanz auszurotten. Das Streben nach äußerer Anspruchslosigkeit und innerer Armut übt offenbar auch eine große Anziehungskraft auf Menschen aus, die in einem immer heftiger werdenden globalen Turbokapitalismus ihre Ohnmachtserfahrungen machen. Man findet bei den Derwischen und ihren Randbewohnerinnen und Randbewohnern im Nürnberger Hinterhof viel Sympathisches und wünscht sich auch als „alter“ Christ zuweilen die Teilnahme an den Wonnen einer ursprünglichen religiösen Erfahrung.

Die Suche nach dem Meister – Rumi

Die Derwische von Nürnberg verehren als ihren Meister Maulana Dschalaluddin Rumi. Er lebte von 1207 bis 1273. Geboren wurde er in Balch, das heute in Afghanistan liegt. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in Konya in Anatolien. Man erzählt, dass die Mongolen, als sie im Jahre 1256 vor Konya eintrafen, die „Stadt der Heiligen“ verschonten, weil Rumi sich dort aufhielt. Sein Sohn Sultan Walad gründete den Mevlevi-Orden, den Orden der Tanzenden Derwische. Die gesamte islamische Mystik wurde von seinem umfangreichen literarischen und geistlichen Werk geprägt – bis auf den heutigen Tag.

Über die entscheidende Erfahrung seines Lebens, die ihn durch und durch veränderte und zu einem „Muster mystischer Liebeserfahrung“ machte, schreibt Annemarie Schimmel: „Am 30. Oktober 1244 traf er (Rumi) den Wanderderwisch Schams-i Tabriz, „Sonne des Glaubens“, der ihn, wie die Überlieferung erzählt, durch eine provozierende Frage so schockierte, dass er ohnmächtig wurde. Wie vom Blitz getroffen, entzündete sich seine Seele, und all das, was er in Jahren geistiger Erziehung gelernt hatte, entlud sich in dieser Liebe zum Derwisch, der etwa gleichaltrig mit ihm gewesen sein dürfte … Wochen verbrachte er mit ihm in Abgeschlossenheit, über die Geheimnisse der Gottesliebe diskutierend, und seine Familie und seine Schüler waren entsetzt. Nach längerer Zeit spürte er, dass es wohl besser wäre, wenn er Konya verließe; er verschwand heimlich, und es war sein Verschwinden, das Rumi zum Dichter werden ließ. Dieser wusste nicht, was ihm geschah; er lauschte der Musik, drehte sich in ekstatischem Tanz und rezitierte Verse – er, der sich nie mit persischer Poesie befasst hatte, sang, als sei er selbst ein Instrument.“

Das dichterische Lehrwerk Rumis ist das 26.000 Verse umfassende „Mathnawi“. Es wurde als „Koran in persischer Zunge“ bezeichnet und ist nach dem Koran das meistgelesene Buch im Islam. In den letzten Jahren erfährt die Lehre Rumis eine Renaissance im Westen, besonders auch in Nordamerika. Für viele, vor allem auch jüngere Menschen, ist er zu einer Kultfigur, zu einem aktuellen Wegweiser geworden.

Auch von Rumi selbst sind die unterirdischen Verbindungen zum „alten“ Christentum nicht zu übersehen. Annemarie Schimmel bemerkt in ihrer Rumi-Biografie: „Er kannte die christlichen Mönche – war doch Kappadokien, das an die Konya-Ebene östlich anschließende Gebiet, seit frühchristlicher Zeit eine Hochburg mystisch getönter Frömmigkeit (Gregor von Nazianz, Gregor der Große u. a.), und man kann sich fragen, ob nicht einige von Rumis Sängen auch ein wenig von byzantinischer volkstümlicher Lyrik beeinflusst sein könnten. Türkisch wurde im einfachen Volk gesprochen; Persisch war, im gesamten östlichen Islam, die offizielle Sprache sowie die Sprache der hohen Literatur, während die Theologen sich des Arabischen bedienten. Maulana kannte die verschiedenen Sprachen ebenso wie die verschiedenen religiösen Richtungen und Praktiken.“

Die großen Religionen haben alle ihre Meister und sie haben Orte, an denen sie ihre Sehnsucht festmachen können. Es sind Orte mit einer eigenartigen Ausstrahlung, mit einer Aura, deren Wirkung man sich über alle geschichtlichen Verkrustungen und modernen Verzerrungen hinweg schwerlich entziehen kann. Sie üben eine ungebrochene Faszination aus, die auf einen glühenden Kern schließen lässt.

Der Weg nach Nürnberg führt über Konya

Konya, achtgrößte Stadt der Türkei, mit rund einer Million Einwohner ist auch heute noch eines der wichtigsten mystischen Zentren des Islam. Die Stadt liegt im zentralanatolischen Hochland, in rund tausend Metern Meereshöhe, umgeben von Bergen und ist die Hauptstadt der gleichnamigen türkischen Provinz. Konya liegt am Kreuzungspunkt uralter Handelswege und hat eine wechselvolle Vergangenheit.

Neben vielen bedeutenden Persönlichkeiten hat sich, wie die Apostelgeschichte berichtet, auch der Völkerapostel Paulus dort mehrfach aufgehalten. Heute ist Konya eine pulsierende Großstadt, der aber das frühe Bild ins Gesicht eingegraben ist. Viele große und prachtvolle Moscheen prägen das Weichbild der Stadt. Unter den türkischen Städten ist Konya die konservativste. Seit 1975 besteht dort die große Selcuk-Universität. Trotz des bestehenden Verbotes in der säkularen Türkei Kemal Atatürks haben die Studentinnen es durchgesetzt, an der Universität das Kopftuch tragen zu dürfen.

In Konya liegt auch Maulana Dschalaluddin Rumi begraben. Er ist dort 1273 verstorben. Einmal im Jahr, um den 17. Dezember, seinen Todestag, finden große Gedenkfeiern statt, während derer auch die Sema, der Rundtanz der Derwische, als zentrale religiöse Übung öffentlich aufgeführt werden darf. Ansonsten ist den Derwischen seit 1925 jedes öffentliche Auftreten per Gesetz verboten. Dennoch ist in der Volksfrömmigkeit die religiöse Praxis zum Andenken Rumis lebendig. Viele Menschen kommen vom Land in die Stadt und beten täglich an seinem Grab. Der Weg in den Nürnberger Hinterhof führt ziemlich direkt über Konya.

Die dunklen Trommeln Gottes hören

Wer ein paar Tage lang die Atmosphäre und religiöse Dichte in der Nürnberger Dherga miterlebt hat, wird, bei allem kritischen Hinblick, die Frage nicht los, warum Menschen gerade an diesem Ort den ersten und letzten Fragen ihres Lebens nachgehen und nicht im Dunstkreis der zahlreichen christlichen Kirchen der traditionsreichen Stadt.

Die Frage soll stehen bleiben. Sie ist eine kritische Frage an das Christentum. Aber es ist auch eine Frage nach der Aktualität von Religion überhaupt – nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa; es ist eine globale Frage.

Worum es geht, hat der amerikanische Religionssoziologe Peter. L. Berger am Ende seines Buches „Der Zwang zur Häresie – Religionen in der pluralistischen Gesellschaft“ so formuliert: „In der Geschichte gibt es Zeiten, in denen die dunklen Trommeln Gottes inmitten all der Geräusche dieser Welt kaum zu hören sind … Doch es gibt auch andere Zeiten. Es sind die, in denen Gott mit Donnergrollen zu hören ist … Dem Menschen ist es nicht gegeben, Gott zum Sprechen zu bringen. Dem Menschen ist es nur gegeben, in einer Weise zu leben und zu denken, dass seine Ohren nicht verstopft sind, wenn Gottes Donner ertönt.“