Religionen in Hamburg

aus OWEP 1/2003  •  von Michael Biehl

Dr. Michael Biehl ist Studienleiter an der Missionsakademie Hamburg.

Eindrücke

Im Hamburger Stadtteil St. Georg, in der Nähe des Hauptbahnhofes, liegen die Gebäude, in denen 1996 das katholische Erzbistum Hamburg seinen Sitz genommen hat. In der Dom-Kirche St. Marien folgt sonntags eine Messe auf die andere: Hier wie in einigen anderen katholischen Kirchen Hamburgs können die Gläubigen an der Messe in ihrer Muttersprache teilnehmen: z. B. in portugiesisch, kroatisch, polnisch, spanisch, französisch und englisch.

In der evangelischen Gnadenkirche, im Karolinenviertel, sammelt sich am Sonntag Nachmittag eine schwarze Gemeinde zum Gottesdienst. Ein schwarzer Pastor, angestellt von der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, betreut diese ökumenische Gemeinde, deren Mitglieder aus verschiedenen Ländern Schwarzafrikas kommen. Ein Großteil stammt aus Ghana, sodass ein Teil des Gottesdienstes in einer der dort verbreiteten Landessprachen Tvi stattfindet, ansonsten ist die lingua franca das Englische. Wer an diesen Gottesdiensten teilnimmt, findet eine Mischung aus vertrauter lutherischer Liturgie mit ungewohnten Lobpreis- und Gebetsteilen, die stark von einer pfingstlerischen Frömmigkeit geprägt sind, zu lauter Band-Musik und Chorgesang.

Viele evangelische Kirchengemeinden in Hamburg haben schwarzen Gemeinden, die sich selbst oft als selbstständige Kirchen verstehen, ihre Kirchen und Gemeindehäuser geöffnet. Meist ist es ein Nebeneinander, eine gemeinsame Nutzung von Räumen, weniger eine ökumenische Gemeinschaft. Zu unterschiedlich sind die Sprachen, oft die Art der Frömmigkeit und auch die Erwartungen an Gemeinde und Gottesdienst. Für viele Glieder der schwarzen Gemeinden ist der Gottesdienst das zentrale Ereignis der Woche und dauert mehrere Stunden, anschließend bleibt die Gemeinde oft bis in den Abend hinein zusammen. Das gilt sowohl für schwarze Gemeinden der klassischen Denominationen und Konfessionen wie auch für Neugründungen schwarzer Kirchen in Hamburg, von denen es zusammen etwas über 50 gibt.

In der Böckmannstraße, nahe dem Hauptbahnhof, liegt die Merkez-Camii-Zentralmoschee. Sie gehört zu den wenigen islamischen Gebetsstätten in Hamburg, die von außen deutlich als Moschee zu erkennen sind: eine Kuppel und Zierminarette weisen nach dem Umbau das Gebäude sichtbar als Moschee aus. Hier sammeln sich überwiegend Muslime mit einem türkischen Hintergrund. Neben den getrennten Gebetsräumen für Männer und Frauen finden die Besucher im Eingangsbereich des Gebäudes ein Reisebüro, einen Friseur, einen Buch- und Devotionalienladen und eine Teestube mit kleinem Restaurant. Die Moschee ist, wie fast alle anderen in Hamburg, auch sozialer Treffpunkt.

Diese wenigen Szenen bieten nur den besser wahrnehmbaren Ausschnitt aus einer großen Vielfalt von Religionen und christlichen Konfessionen und Denominationen in Hamburg. Sie zeigen, dass neben den vertrauten Gemeinschaften längst Frömmigkeit, Glaube und Gemeinden von Menschen aus anderen Ländern und Kulturen in Hamburg heimisch geworden sind. Hamburg ist religiös vielfältig. In nächster Nähe zum „Kleinen Vatikan“, dem Sitz des katholischen Erzbischofs (www.erzbistum-hamburg.de), liegen die evangelisch-lutherische Gemeinde St. Georg, die Serbische Orthodoxe Kirche, ein Gemeindesaal, in dem die Brüdergemeine zusammenkommt, und die Räume der Metropolitan Community Church, einer ökumenischen Freikirche, die homosexuell empfindende Gläubige ausdrücklich begrüßt. Im direkten Umkreis liegen mehrere islamische Gebets- und Gemeinschaftsräume (vgl. etwa www.muslim-markt.de/moscheen/staedte_d/staedte_h/hamburg.htm). Ähnliches lässt sich in Altona oder iin den Vierteln nördlich des Sternschanzenparks beobachten.

Das religiöse Feld

Die Vielfalt von christlichen Konfessionen und Denominationen gehört seit Jahrhunderten zu Hamburg: die Lutheraner (seit der Reformation 1528 in Hamburg), katholische Gemeinden nach der Reformation oder die Anglikanische Gemeinde, klassische Freikirchen wie Mennoniten und Methodisten und die jüdische Gemeinde. Zumeist waren den Nicht-Lutheranern aus wirtschaftlichen und politischen Gründen im 16. und 17. Jahrhundert Privilegien im benachbarten Altona gewährt worden, um den Handel zu fördern: Toleranz als eine Funktion des Handels und der Staatsraison, oft genug gegen den Widerstand der lutherischen Geistlichen.

Altona und Hamburg gehören längst zusammen, religiöse Toleranz ist keine Frage von vom Senat zu gewährenden Privilegien mehr (aber durch den Entzug des Religionsprivilegs für Vereine wieder eine Frage der Staatsraison, die nicht nur „islamistische“ Vereine trifft, die damit geschwächt werden sollen). Die aktuelle religiöse Vielfalt ist weiterhin eine Folge der wirtschaftlichen Verflechtungen der Hafenstadt, die wir heute unter dem Begriff der Globalisierung analysieren. Die Zuwanderung aus wirtschaftlichen Gründen erfolgte bekanntermaßen ab Anfang der sechziger Jahre in immer neuen Wellen, und so kamen Menschen aus den verschiedensten Teilen der Welt nach Hamburg. Von den 1,7 Millionen Einwohnern Hamburgs stammen ca. 275.000 ursprünglich nicht aus Deutschland, die größte Gruppe unter diesen Zuwanderern ist in Hamburg die türkische, doch die Liste des Statistischen Landesamtes weist für 2001 weitere 40 Nationalitäten aus, deren Angehörige offiziell in Hamburg gemeldet sind.

Zunächst wies wenig darauf hin, dass mit diesen Zuwanderern auch ihre Religionen Einzug in Hamburg fanden. Doch je stärker die Gemeinschaften mit einer gemeinsamen Herkunft, Sprache und Kultur wuchsen und je mehr bei ihnen der Gedanke, später in die Heimat zurück zu kehren, zurück trat, desto mehr organisierten sie sich auch religiös. Dies schlug sich am deutlichsten wahrnehmbar im Zuzug von Menschen islamischen Glaubens nieder. Zwar kamen bereits in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts persische Kaufleute und haben später eine kleine schiitische Gemeinde gegründet, die bereits 1969 die Imam-Ali-Mosche an der Außenalster einweihte (www.islamic-centre-hamburg.de). Doch erst durch spätere Zuwanderungen und Fluchtmigration – z. B. afghanische Muslime – wurde der Islam in Hamburg zur dritten „Konfession“ nach den Evangelischen und den Katholischen. Man schätzt, dass es etwa 60 islamische Gebetstätten in Hamburg gibt, von solchen, die wie die Imam-Ali-Moschee bis zu 600 Betenden Platz bieten, bis zu kleinen Räumen für knapp 20 oder 30 Gläubigen, die nur durch unauffällige Schilder als islamische Gebetsorte erkennbar sind.

Nach dem sog. „Hamburger Religionsatlas“ (Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften) machen Muslime, Hindus, Buddhisten, Sikhs und andere Gruppierungen der großen Weltreligionen etwas mehr als 10 % der darin aufgeführten Religionsgemeinschaften aus, fast 90 % gehören zum christlichen Spektrum. Gerade weil der Islam so präsent geworden ist, wird nämlich leicht übersehen, dass die Zuwanderung auch zu einer weiteren Differenzierung innerhalb der Christenheit beitrug, denn es kamen nicht einfach Kopten, Armenier, Serben, Koreaner oder Indonesier, sondern serbische und rumänische Orthodoxe, ukrainische Katholiken, armenische und koptische altorientalische Kirchenmitglieder und syrische und äthiopische Orthodoxe, schwarze Baptisten und Methodisten, reformierte Indonesier, koreanische Presbyterianer.

Zuwanderungsbewegungen erfassten und veränderten damit aber auch die bereits ansässigen Konfessionen und Religionsgemeinschaften. Nachdem Hamburg Anfang des 17. Jahrhunderts einmal Zufluchtsort für die aus Portugal vertriebenen sephardischen Juden gewesen war, wurde die große jüdische Gemeinde durch die systematische Entrechung und Vertreibung und die Shoa fast vollständig vernichtet. Inzwischen wächst sie wieder durch den Zuzug von Menschen jüdischer Abstammung aus Osteuropa und den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion an. In diesem Jahr hat die jüdische Gemeinde die ehemalige jüdische Schule am Grindelhof 60 Jahre nach der Schließung durch die Nationalsozialisten neu eröffnet.

Religionen und ihre Wahrnehmung

Wer sich genauer mit der Entstehung und Entwicklung der genannten und weiterer Gemeinschaften in Hamburg beschäftigt, kann leicht feststellen, dass deren Geschichte zwar wechselvoll war, aber längst nicht in dem Maße, wie sich in der gleichen Zeit die Wahrnehmung und die Einstellung zum Religiösen und zu Religionen in Hamburg verändert haben.

Das hat natürlich mit den Veränderungen der Mitgliederzahlen dieser Gemeinschaften zu tun. Während die Mitgliedszahlen der evangelischen Kirche deutlich zurückgangen sind (1977: 76 %; 2000: 44 %, in einigen Stadteilen Hamburgs jedoch nur noch zwischen 20 % und 30 %) und während die anderer klassischer Denominationen sich weniger veränderten (die der katholischen Kirche erhöhten sich sogar leicht und liegen bei 10 %), wuchs die Zahl der religiösen Gemeinschaften und deren Mitglieder deutlich.

Es dauerte einige Zeit, bis dieses Phänomen wirklich in den Blick der Beobachter rückte. Hamburg wurde vor 15 bis 20 Jahren von Kirchengruppen als ein exemplarisches Experimentierfeld für die Auseinandersetzung der Kirchen und von Christinnen und Christen mit der Säkularisierung besucht. Wie in anderen Großstädten wurde die Stadt als der Lebensraum betrachtet, in dem Christen und Christinnen offen die Säkularisierung der Lebensvollzüge begrüßten und neue Modelle entwarfen, wie kreativ damit umgegangen werden könnte. Ebenso kam man nach Hamburg, um zu studieren, wie Kirchen und Gemeinschaften kritisch versuchten, der Entkirchlichung der Menschen und der Gesellschaft zu begegnen. Damals wurden der Mitgliederschwund und die Öffnung zur Säkularität als Verschwinden von Religion im klassisch christlichen Sinne interpretiert.

Einige Jahre später veränderte sich der Blick. Jetzt schien die Rückkehr der Götter zu dämmern, und man nahm erstaunt und auch besorgt wahr, wie sich die Formen von Religion veränderten und aus den Kirchen auszogen.

Christliche Basisgruppen, Kleinstgruppen, spirituelle Zentren und die sogenannten „Jugendsekten“ – die nie Sekten der Jugend waren – sprangen überall auf, die Esoterik-Welle rollte und die Menschen machten sich auf, das „Neue Zeitalter“ neugierig zu erkunden, kritisch beäugt von den etablierten Kirchengemeinschaften, die manches als sektiererisch und religiös fanatisch beurteilten und davor warnten. Auch für diese Zeit könnte Hamburg als exemplarisches Beispiel gelten, bis hin zur Hamburger „Arbeitsgruppe Scientology“ der Hamburger Innenbehörde, die stellvertretend für viele in Deutschland die juristische Auseinandersetzung mit den Scientologen geführt hat.

Was zunächst als eine neue religöse Welle eingeschätzt wurde, wurde zunehmend als eine Pluralisierung und Differenzierung des religiösen Feldes verstanden, die sich nicht mehr angemessen mit den Kategorien Kirche/Sekte/Esoterik verstehen ließ. So kann man heute feststellen, dass entgegen den früheren Thesen die Säkularisierung nicht die Zahl der religiös orientierten Menschen verringert hat. Ebensowenig sind es neureligiöse Gemeinschaften, die stark gewachsen sind. Im Gegenteil sind es Gruppierungen, Fraktionen, „Denominationen“ der klassischen Weltreligionen, die den weitaus größten Teil der Menschen sammeln, die sich nicht nur individuell religiös orientieren, sondern regelmäßig bis gelegentlich an Veranstaltungen einer Gemeinschaft teilnehmen.

Die beiden großen Konfessionen, evangelisch und römisch-katholisch, haben in Hamburg weiterhin ein Gewicht in der Gesellschaft, das sich längst nicht mehr nur ihrer Mitgliederzahl verdankt, sondern auch ihrem starkem Engagement auf sozialem, politischen und religiösem Gebiet. Trotz des Gewichtes und des Gehörs, das sie auch in der der Religion zurückhaltend begegnenden Hansestadt immer noch haben, sind es längst nicht mehr sie alleine, die die religiöse Vielfalt repräsentieren könnten. So sind es auch Angehörige dieser Konfessionen, die ökumenische – jenseits von katholisch-evangelisch – und interreligiöse Aktivitäten mittragen. Dazu gehört die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hamburg (http://www.ack-hamburg.de), die zur Zeit aus über 30 christlichen Gemeinschaften besteht, darunter dem African Christian Council, den alleine mehr als 50 schwarzafrikanische Gemeinden und Kirchen in Hamburg bilden.

Auch die islamischen Gemeinden haben eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die Schura oder Rat, der gegenwärtig mehr als 40 der Hamburger islamischen Gemeinschaften und Vereine zusammenfasst. In mehreren Ausschüssen sollen u. a. islamische Grundsätze zu Bildungsfragen, interreligiösem Dialog, Kultur und Rechtsfragen erarbeitet werden.

Ökumene und interreligiöser Dialog in Hamburg

In all diesen Zusammenschlüssen und Arbeitsgemeinschaften geht es nicht nur um den ökumenischen oder interreligiösen Dialog im engeren Sinne als Gespräch über religiöse Fragen. Auch das ist wichtig und trägt zum Abbau von Vorurteilen und Feindbildern bei. Sehr wichtig war die lange Geschichte des Dialogs mit den islamischen Gemeinschaften in der Zeit nach dem 11. September 2001. Hamburg schien ja ein Zentrum des islamistischen Terrors zu sein, der Vorwurf lautete sogar, dass eine allzu naive religiöse Toleranz den Terrorzellen einen fruchtbaren Nährboden geboten hätte. Dem konnte aus Erfahrungen mit islamischen Gemeinschaften ein glaubwürdiges Bild eines anderen Islam in Deutschland entgegen gesetzt werden, und die gemeinsame spirituelle Praxis bot eingeübte Möglichkeiten zur gemeinsamen Bewältigung der Trauer und der Ratlosigkeit im Gebet.

Über das Gespräch über das eigene religiöse Selbst- und Fremdverständnis hinaus versuchen die ökumenisch und interreligiös aktiven Gemeinschaften, sich in Hamburg zu gesellschaftlichen Fragen zu Wort zu melden und gemeinsame Projekte voranzutragen. Das reicht von der Frage des Friedens zwischen den Religionen, über die Frage der Armut in Hamburg, über neue Vorstellungen für eine ökumenische und interreligiöse Präsenz jenseits getrennter neuer Gemeindegründungen in der neu entstehenden Hafencity bis zu einem gemeinsam verantworteten Religionsunterricht an den Schulen und zur Forderung nach einer Akademie der Weltreligionen. Dort wollen die beteiligten Traditionen auf akademischem Niveau Zukunftsfragen der Religionen, der Gesellschaft und des Zusammenlebens bearbeiten und Nachwuchs ausbilden. Ein Beispiel für solche Zusammenarbeit bietet das Programm zum Tag der Weltreligionen (dieses Jahr am 14. November), mit der Möglichkeit, vor Ort etwas über die Religionsgemeinschaften zu erfahren oder lernen oder am Abend in Vorträgen und Diskussionen gemeinsame Anliegen zu erörtern.

Die Vielfalt der Religionen und Konfessionen gehört zu Hamburg und prägt einen Ausschnitt des Lebens in Hamburg, weil sehr viel mehr Menschen, als man gemeinhin denken könnte, sich zu einer christlichen Gemeinschaft oder den Gemeinschaften anderer Weltreligionen in Hamburg halten. Die Dialoge zwischen den verschiedenen religiösen Gemeinschaften führen dazu, dass die Gemeinschaften sich gegenseitig nicht nur zu ihren Grundlagen befragen, sondern auch zu den Konsequenzen, die für das gesellschaftliche Leben aus diesen Grundlagen folgern. In dieser Auseinandersetzung relativiert sich mancher Unterschied, den man vermuten könnte, und anders, als dem Dialog vor allem mit dem Islam immer wieder vorgeworfen wurde, hält dem ein naives Gutmenschentum nicht lange stand.


Literaturhinweise:

Wolfgang Grünberg / Dennis L. Slabaugh, Ralf Meister-Karanikas (Hrsg.): Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften. Hamburg: Dölling u. Galitz, 1994.

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