Was bedeutet Heimat für mich?

Prof. Dr. Dr. h. c. Ernst Ludwig Ehrlich, 1921 in Berlin geboren, ist einer der prominentesten Vertreter des christlich-jüdischen Dialogs. Er lebt in Riehen bei Basel.

Für einen in der Schweiz geborenen und aufgewachsenen Menschen ist der Begriff „Heimat“ zwar nicht mit wenigen Worten zu umschreiben, wohl aber relativ leicht zu definieren, wobei natürlich jeweils auch das persönliche Schicksal eine Rolle spielt. Für einen Menschen jedoch, der im Alter von 22 Jahren in die Schweiz gekommen ist und seit 60 Jahren hier lebt, stellen sich bereits gewisse Probleme. Diese werden noch vervielfacht, wenn der Betreffende einer Minderheit angehört und sich seine Einreise in die Schweiz seinerzeit nicht auf normalem Wege vollzogen hat. Dazu kommt schließlich – und das ist keine leichte Sache –, dass sich das Eintreffen in die Schweiz in der NS-Zeit vollzog und der Betreffende aus Berlin gekommen ist.

Angesichts einer derartigen Befindlichkeit stellt sich sowohl für die eigene Identität als auch für die der anderen die Frage nach der Heimat in ganz besonderer Weise. Dazu kommt, dass es sich hier nicht nur um eine nationale Minderheit handelt oder etwa um eine religiöse, wo der Betreffende vielleicht als Katholik in einer protestantischen Umgebung lebt, sondern vielmehr darum, dass er ein Jude ist.

Das Judentum lässt sich nicht allein als Konfession erklären, auch nicht als Nation oder Volk im allgemeinen Sinn, sondern stellt etwas Spezifisches und damit Einzigartiges in der Geschichte dar. Wenn nun also gefragt wird, wie sich ein solcher Mensch in seinem Selbstverständnis definiert, kann die Antwort keine einfache sein, wie etwa bei einem katholischen oder protestantischen Schweizer, Wo liegt bei einem solchen Menschen der Schwerpunkt seiner eigenen Existenz, wie kann er seine eigene Geschichte entsprechend integrieren? Dazu kommt vor allem nicht nur das erwähnte Selbstverständnis der eigenen Identität, sondern auch das Verhalten der Umgebung, in der er lebt, d. h. die Akzeptanz der anderen, ob sie ihn als einen der ihren anerkennen oder als Fremdköper in ihrer Gesellschaft empfinden. Die Vorstellung von der Heimat wird daher von diesen zwei Seiten wesentlich bestimmt, von dem eigenen Bewusstsein und von dem Erscheinungsbild, das andere von ihm haben bzw. wie sie sich zu ihm verhalten. Zweifellos ist dieser Prozess mit dem eigenen Willen zur Integration in die Umwelt verbunden. Ob diese scheitert oder glückt, hängt von beiden Seiten ab. Eine Assimilation, bei der das Eigene völlig verschwindet, ist wenig hilfreich, weil die Umwelt bald erkennt, dass hier ein eher unnatürlicher Vorgang entstanden ist. Die Herkunft eines Menschen hat ihn geprägt, und ihr kann und soll man nicht gleichsam zwanghaft zu entweichen suchen.

So stellt sich mir, der in Berlin geboren ist, seit 60 Jahren in Basel lebt, das Basler Bürgerrecht besitzt und Mitglied der Israelitischen Gemeinde Basels ist, die Frage, was mir Heimat bedeutet. Diese Frage wird mir öfters gestellt, und ich pflege sie wie folgt zu beantworten: Ich bin Schweizer, gehöre zum jüdischen Volk und bin deutscher Herkunft. Die Reihenfolge dieser drei Aussagen ist kein Zufall: Meine Heimat ist die Schweiz, ich bin ferner dem Judentum verbunden und verleugne meine deutsche Herkunft nicht, wenn auch Deutsche seinerzeit meine Familie ermordet haben. Was bedeutet der Begriff der Heimat für mich? Ich fühle mich in Riehen zu Hause, reise gerne in die Welt, komme aber ebenso gerne nach Basel zurück. Mein schweizerisches Bewusstsein und Gefühl wird zudem intensiviert durch die Heirat mit einer Zürcherin. Eine solche Ehe schafft auch hinsichtlich der Heimat ein verstärktes Bewusstsein, weil uns die Angelegenheiten dieses Landes beide in gleicher Weise angehen und sie uns eben nicht fremd sind.

Heimat bedeutet also „sich zuhause fühlen“, zumal ich heute sagen darf, von der Umwelt akzeptiert worden zu sein, was gewiss eines langen Prozesses bedurfte. So hat sich an diesem Beispiel gezeigt, wie kompliziert für viele Menschen der Begriff der Heimat ist, und dass er wesentlich davon abhängt, welche Geschichte der Betreffende jeweils hat, wie er sich integrieren konnte und wie ihn die Mehrheit aufgenommen hat. Dass ich in den ersten zehn Jahren meines Hierseins nicht nur Wohlwollen erfahren habe, war für jene Zeit eher üblich, und dass ich in der Schweiz schließlich dennoch eine Heimat gefunden habe, erfüllt mich mit Dankbarkeit.