Was bedeutet Heimat für mich?

aus OWEP 3/2003  •  von Józefa Hennelowa

Die Verfasserin, geboren in Wilna (polnisch: Wilno, litauisch: Vilnius), ist stellvertretende Chefredakteurin der in Krakau erscheinenden katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“.

Meine Heimat sind die nordöstlichen Grenzmarkbezirke des früheren Polens. Ich verließ sie im Sommer 1946, als es keine Hoffnung mehr gab, dass diese Gebiete zu Polen zurückkehren werden, ja, mehr noch, als feststand, dass dort ein kommunistisches Regime herrschen wird, wie es mir schon aus der zweimaligen sowjetischen Besetzung in den Kriegsjahren bekannt war. Meine Heimatstadt Wilna wurde zur Hauptstadt der Litauischen Sowjetrepublik, sie wurde für Jahrzehnte barbarischen Zerstörungen ihrer Vergangenheit, ihrer Kultur und ihres Geistes unterworfen: Während man die einen Kulturdenkmäler sprengte, erlaubte man anderen, zu Ruinen zu werden, wieder andere – wie z. B. die schönsten Kirchen – verwandelte man in Gebäude, die weltlichen, ja sogar blasphemischen Zielen dienten (das Atheismus-Museum in der Barockkirche des hl. Kasimir). Die Stadt verlor außerdem viel von ihrem urbanistischen, unnachahmlichen Zauber, sie wurde umbaut mit einer Masse von Siedlungen, die sich durch außerordentliche architektonische Hässlichkeit auszeichnen.

Als Litauen nach dem Niedergang der Sowjetunion zu einem unabhängigen demokratischen Staat geworden war, da wurde die Rettung der Kulturdenkmäler und die Wiederherstellung ihrer eigentlichen Funktion sofort eingeleitet, aber dafür kam der alte Streit um die Geschichte der Stadt wieder auf die Tagesordnung, der alte und bis zum heutigen Tage gleichermaßen lebendige Prozess des Gegeneinanders ihrer Bewohner: der weiterhin zahlenmäßig sehr großen polnischen Minderheit und der eigentlichen heutigen Hausherren – der Litauer. Dieser Streit ist noch immer so heftig und so spürbar vom ersten Tag, ja sogar von der ersten Stunde meines Aufenthaltes an, wenn ich Wilna besuche (und ich war dort viele Male – in kommunistischer Zeit und im gegenwärtigen Litauen), sodass mich dies nicht mehr in ungestörter Weise von „Heimat, Vatererbe, Zuhause“ sprechen und denken lässt, wenn es um die heutige Wirklichkeit der Stadt und ihrer Umgebung geht.

Wenn ich diese Worte spreche und denke – und dies ist weiterhin eines der wichtigsten Erlebnisse und wird es bleiben –, dann sind das gleichsam drei Dimensionen der Erinnerung, der Emotion und der Werte, die für mich unantastbar bleiben.

Die erste dieser Dimensionen ist die Landschaft – jene, mit der sich die schönsten Erlebnisse der Kindheit und Jugend verbinden. Diese Art, wie das Gelände geformt ist, wie die Flüsse verlaufen, die Waldwege, wie die Bäume in den Wäldern eine in der Welt einmalige Schönheit und Atmosphäre ausstrahlen. Eine solche Landschaft treffe ich manchmal irgendwo ausschnittsweise in Polen (z. B. im Gebiet an der Ostsee oder in der Gegend von Suwałki). Dann bin ich wieder bei mir zu Hause. Und in der Erinnerung habe ich erneut alles vor Augen, und dies sind Erinnerungen an ein Paradies – die durch nichts getrübt sind. Die Kiefern, die Hügel, der Sand, die eingespurten Wege, die Birken, die im Herbst durch das Grün der Nadelbäume leuchten, der ruhige und gewundene Lauf der Gewässer.

Die zweite Dimension – das ist die in den Mauern der Stadt enthaltene Vergangenheit. Jene, die meinem Herzen am nächsten steht: die Spuren der polnischen Romantiker in der Stefan-Batory-Universität, das Gefängnis und die Zelle des großen polnischen Dichters Adam Mickiewicz und seiner studentischen Freunde im Basilianer-Kloster, die Gräber der Aufständischen, die der Partisanen, Orte und Erinnerungsstücke, die mit Marschall Piłsudski zusammenhängen, die Friedhöfe – besonders der im Ortsteil Rossa mit dem „Literatenhügel“. Obwohl ich im übrigen sehr die Möglichkeit geschätzt habe, an der Krakauer Jagiellonen-Universität studieren zu können, werde ich es nie verwinden, dass dies nicht meine Universität war, d. h. die Wilnaer Stefan-Batory-Universität mit ihren faszinierenden Höfen und Erinnerungsstücken, jene Hochschule, die so manchen Meister meiner Jugend erzogen hat, wie den Wissenschaftler und Politiker Stanisław Stomma, den Schriftsteller Antoni Gołubiew, den Historiker Lech Beynar (Jasienica) und die Professorin Irena Sławińska.

Die dritte Dimension ist das, was meinen Glauben in den ersten zwanzig Jahren meines Lebens geformt hat – der demütige Glaube einer Stadt, die mit dem schönsten Gesang der Menschenmassen in den Kirchen und in Kalwaria bei Wilna betete. Nie wieder werde ich eine so gesungene Muttergotteslitanei hören wie in Wilna bei den Maiandachten im Marienheiligtum im Spitzen Tor (Ostra Brama). Nie werden die polnischen Bußgesänge, zusammen mit dem Geräusch der auf die Knie fallenden Menge, so erschütternd wahrhaftig sein wie dort, wo ich zur Fastenzeit immer den Hymnus „Vor Deine Augen, Herr, legen wir unsere Schuld nieder …“ hörte.

Die Muttergottes im Spitzen Tor, die ja von der Bevölkerung im früheren Ostpolen nicht weniger inbrünstig verehrt wurde wie die Muttergottes von Tschenstochau in Zentralpolen, hat mich für mein ganzes Leben vor jedem katholischen Triumphalismus bewahrt, denn sie war stets so demütig in ihrer kontemplativen Stimmung auf dem Bild, so zugänglich für jeden Bettler an der Straße, auf die das Fenster der Gnadenkapelle sich öffnete und sie fast mit Händen greifbar erscheinen ließ. Da ich in den Kriegsjahren in der Seelsorge im Bereich einer der Kirchen vertieft die Liturgie und den gregorianischen Gesang kennenlernte, der von einem – die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils gleichsam vorwegnehmenden – Benediktiner äußerst lebendig gepflegt wurde, ist die gregorianische Liturgie zu meiner geistigen Heimat geworden, die meinem Herzen am nächsten steht, wo immer ich sie bis heute höre, obwohl schon über ein halbes Jahrhundert seit meiner Trennung von der Heimatstadt und den heimatlichen Gefilden vergangen ist. Das ist die einzige Dimension der Wirklichkeit jenes Gebietes, die geblieben ist und zu der ich auch jetzt zurückkehren kann, wenn das übrige nur noch ein in der Erinnerung und dem Herzen bewahrter Schatz geworden ist.

Aus dem Polnischen übersetzt von Wolfgang Grycz.