Was bedeutet Heimat für mich?

aus OWEP 3/2003  •  von Joachim Wanke

Dr. Joachim Wanke ist Bischof der Diözese Erfurt.

Theologie, kirchliches Leben und Seelsorge sind immer mitgeprägt von der konkreten gesellschaftlichen Situation, in der Christen leben. Mir geht das so im Blick auf die dramatische Wende, die der Osten Deutschlands in jüngster Zeit durchlebt hat. Hier in einem neuen Bundesland, in Thüringen, habe ich mein Bischofsamt auszuüben. Hier lebe ich zusammen mit anderen katholischen Christen konkret die Nachfolge Christi und „baue“ Kirche. Meine „Heimat“ wird mir so zu einem Ort des theologischen Nachdenkens und der seelsorglichen Inspiration.

Ich habe persönlich als Bischof die tiefgreifende Zäsur erleben können, die uns die politische Wende 1989/90 innerhalb des kirchlich-seelsorglichen Lebens unserer Ortskirche gebracht hat. Der Wandel vom Staatssozialismus zur freien Marktwirtschaft ließ auch unser kirchliches Leben und die Gestalt unserer Seelsorge nicht unberührt. Es ist in diesem Zusammenhang übrigens eine interessante Frage, ob Ost und West in ihren je unterschiedlichen Erfahrungen in der Seelsorge nicht auch etwas voneinander lernen könnten.1

Ich verweise als Analogie für den Zusammenhang zwischen Evangelium und konkreter „Heimat“ der Verkünder des Evangeliums auf die Apostelgeschichte. Wer die harmonisierende Darstellung der frühen Kirchengeschichte in der Apostelgeschichte nachliest, wird erst auf den zweiten Blick die Brüche und Spannungen entdecken, die mit dem „Weg“ des Evangeliums von Jerusalem nach Rom, in die hellenistische Welt hinein, verbunden waren. Ich meinte nach der politischen Wende zunächst auch, dass die Umstellung des politischen und wirtschaftlichen Systems im Osten Deutschlands uns als katholische Ortskirche wenig berühren würde. Ich habe mich in dieser Einschätzung korrigieren müssen. Der Vergleich der „Wende“ in Ostdeutschland und Osteuropa mit den Transformationen, denen das Evangelium auf seinem Weg aus dem jüdischen Binnenraum in die Welt des Hellenismus ausgesetzt war, mag etwas weit hergeholt sein. Dennoch wage ich einmal diesen Vergleich, weil ich meine, dass Paulus und die christlichen Missionare im Raum des spätantiken Hellenismus vergleichbare Aufgaben zu lösen hatten wie wir jetzt in den postkommunistischen Ländern Europas. Paulus wirkte in einer Welt, in der die überkommenen religiösen Großmythen ihre stabilisierende Kraft verloren hatten. Die „Heimat“ des Paulus war die Stadtluft von Tarsus, von Korinth und Ephesus. In dieser Welt des Paulus war der religiöse Synkretismus modern. Die Menschen wurden von existenziellen Ängsten und Verlorenheitsgefühlen umgetrieben. Sie warfen sich östlichen Mysterienkulten in die Arme wie heutzutage manchen fragwürdigen Esoterik-Kulten.

Die Kirche kann nur das Herz und das Denken der Menschen erreichen, wenn sie sich „inkulturiert“ – also eine Gestalt gewinnt, in der das Evangelium Jesu Christi mit der „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art“ (Gaudium et spes, 1) in Berührung kommt.

Ein Menschenleben mag zu kurz erscheinen, um solch ein gewaltiges Vorhaben realisieren zu können. Doch erfolgen Wandel und Erneuerung, Umbruch, Abbruch und Neuanfang in der Kirchengeschichte immer so, dass einzelne Menschen Zeichen setzen, beispielhaft handeln, in Worten und noch mehr durch ihr Tun andere inspirieren und so zum Ferment werden, durch das eine Gesellschaft vom Evangelium „eingefärbt“ wird. Dazu kann uns die Grundsolidarität mit den Menschen unserer jeweiligen Heimat verhelfen.

Wir stehen jetzt neu vor der Herausforderung, in Europa noch einmal die kulturelle, sinneröffnende Kraft der Botschaft des christlichen Glaubens unter Beweis stellen zu müssen. Dabei kommt uns durchaus auch manches aus unserem Umfeld zu Hilfe. Lässt sich vielleicht doch mehr von dem, was unsere Mitmenschen umtreibt, für diese „Inkulturation“ lernen, als wir meinen? Ich deute nur an, in welche Richtung meine Überlegungen zielen.

  • Das Handeln der Kirche hat auf die wachsenden Freisetzungen der Menschen zu achten, die natürlich auch von neuen Zwängen begleitet werden. Insgesamt jedoch dürfen wir uns nicht durch die wachsende Liberalität in der Gesellschaft den Blick für unserer Zeit zugrunde liegende Grundströmungen trüben lassen. Der epochale Freiheitsaufbruch im Osten Europas und auch im Osten Deutschlands war mehr als nur ein Verlangen nach Anschluss an den Konsum des Westens oder nach freien Reisemöglichkeiten. Natürlich sind solche Umbrüche komplexe Ereignisse mit mancherlei auch quer laufenden Tendenzen und Motiven. Doch ist der Ruf nach Freiheit von menschenverachtenden, auf Lüge aufgebauten Gesellschaftssystemen ein „Zeichen der Zeit“, das der „Freisetzung“ des Menschen im Evangelium ahnungsvoll entgegenkommt.

  • Unsere Pastoral hat zu achten auf das sehr feine Gespür der Menschen für Wahrhaftigkeit, für „Authentizität“. Das gilt für die Kirche insgesamt. Es gibt keine Evangelisation durch die Kirche ohne Selbstevangelisation der Kirche. Auch die Unerbittlichkeit, mit der uns von der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten wird, kann eine verborgene Hilfe Gottes für seine Kirche sein.

  • Ich bemerke hier bei uns im Osten eine neue Aufmerksamkeit gegenüber dem Einzelnen und seiner Würde. Dem scheint zu widersprechen, was an zunehmender Inhumanität in unserer Gesellschaft auch zu registrieren ist. Dennoch bleibe ich bei dieser Behauptung, dass es gegenläufig ein tiefes Gespür gibt für den Wert der einzelnen Person. Wir wollen „menschlich“ behandelt werden. Es gibt das Verlangen, den Zufälligkeiten einer undurchschaubar gewordenen Welt, aber auch den Zwängen einer rein ökonomisch denkenden Umwelt zu entkommen. Ich erlebe Menschen, die sich Zielen jenseits von Haben und Genießen verschreiben, die „einfach“ leben, die in der Hingabe an andere sich selbst überschreiten. Die Seligpreisungen der Bergpredigt werden auch außerhalb der Kirche gelebt.

  • Ich erkenne mehr und mehr, dass die Menschen ein tiefes Verlangen haben, in glückenden Beziehungen leben zu können. Wieder mag manches dagegen sprechen: Das Zerbrechen von Ehen, die Erosion der Familien, die Selbstinszenierung mancher Menschen in gesteigertem Lebensgenuss – notfalls auch auf Kosten anderer. Der Zeitgenosse, wie ich ihn in meinem Umfeld erlebe, leidet weniger an materieller Armut als vielmehr an Beziehungsarmut. Darin erkenne ich eine Herausforderung für uns Christen. Wir brauchen eine Kirche, in der durch das Lebenszeugnis gläubiger Menschen erfahren wird: Eine Freiheit wird dadurch kostbar, dass in ihr ein Anruf hörbar wird. Man könnte sogar sagen: Im Du des anderen, in seinem „Ruf“, der mich trifft, wird meine wahre Freiheit erst konstituiert. Mein Leben ist nicht ein beliebiges, austauschbares Produkt anonymer Gesetzmäßigkeiten, sondern es antwortet auf eine von außen kommende Stimme, die wirklich mich selbst meint.

Der Marxismus östlicher Prägung hatte die Sinngebung menschlichen Lebens auf ein imaginäres kommendes Paradies auf Erden verlagert. Der Waren- und Genussfetischismus der liberalen Gesellschaft westlicher Prägung „vertröstet“ auf den unmittelbaren Genuss im Hier und Jetzt. Mich lehrt der Blick auf die Menschen hier im Osten: Der „Hunger“ bleibt und die Suche nach Erfüllung geht weiter. Das ist meine tägliche Erfahrung – nicht nur bei meinen Thüringer Landsleuten, auch bei mir selbst.

So gehört beides für mich zusammen: Das Evangelium und meine „Heimat“, in der das Evangelium auch heute Menschen berühren und verwandeln will.


Fußnote:


  1. Vgl. Joachim Wanke, „Wiedervereinigte Seelsorge“. Ein Beitrag zum pastoralen Erfahrungsaustausch zwischen Ost und West, in: Ost-West Informationsdienst des Katholischen Arbeitskreises für zeitgeschichtliche Fragen, hrsg. vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Bonn 1998, Nr. 200, S. 3-14.