Die Donau.

Persönliche Annäherung an einen großen Strom
aus OWEP 3/2004  •  von Gerhard Voss

P. Dr. Gerhard Voss OSB ist Mönch der Benediktinerabtei Niederaltaich und Rektor des dortigen Ökumenischen Instituts.

Die Donau entsteht aus dem Zusammenfluss der im Schwarzwald entspringenden Quellflüsse Brigach und Breg bei Donaueschingen und mündet in Rumänien ins Schwarze Meer, hier mit drei Armen ein Delta bildend. Gesamtlänge: mindestens 2.845 km. Einzugsgebiet: 817.000 km2 mit 200 Millionen Menschen. 10 Anrainerstaaten: Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn – teilweise Grenzfluss zwischen beiden Ländern; Grenzfluss auch zwischen Kroatien und Serbien, zwischen Serbien und Rumänien, Bulgarien und Rumänien sowie dann zwischen Rumänien und Moldawien und zwischen Rumänien und der Ukraine. Sie durchfließt folgende Hauptstädte: Wien, Bratislava, Budapest und Beograd.

Die Flüsse meiner Jugenderinnerungen gehören nicht zu den großen Strömen: die Ruhr und die Emscher und einige Bäche des Münsterlandes. Die Ruhr hat in mir den Eindruck einer Einheit von Fluss und Landschaft hinterlassen. Die Emscher ist mir nur als schlammiger, schwarzer Abwässerkanal in Erinnerung. Dass sie als Nebenflüsse zu größeren Systemen gehören, war mir kaum bewusst.

Seit gut 45 Jahren lebe ich nun im Benediktinerkloster Niederaltaich am nördlichen Ufer der Donau. An die Lage am Wasser erinnert im Namen Niederaltaich schon die germanische Silbe aich. „Wasser“ ist vermutlich auch die Bedeutung der den Flussnamen Elz und Ilz zugrunde liegenden keltischen Silbe alt. Der Name Niederaltaich (ursprünglich „Altach“) ist also sprachlicher Ausdruck der Kontinuität des Stromes bei allen Wanderungsbewegungen der Völker. Seit mehr als 1250 Jahren hat die Donau die Geschichte der Abtei geprägt – nicht zuletzt ihre ökumenische Ausrichtung. Als Abt Emmanuel Heufelder, dem wir diese Ausrichtung des Klosters verdanken, 1934 als Prior die geistliche Leitung des Klosters übernahm, wurde ihm die Lage an der nach Osten fließenden Donau zur Verpflichtung, die Weisung Papst Pius‘ XI. in seinem an die Benediktinerklöster gerichteten Schreiben „Equidem verba“ von 1924 aufzugreifen, sich mit der Geschichte, Theologie und Liturgie der Kirche des Ostens vertraut zu machen. Schon 1935 reiste er der Donau entlang nach Rumänien.

Vor der Säkularisierung der Klöster in Deutschland im Jahre 1803 besaß Niederaltaich Weinberge in der Wachau. Der Transport erfolgte auf dem Wasserwege. Das war nicht ganz problemlos, hatten doch mancherorts harte kristalline Ausläufer des Böhmerwaldes im Fluss tückische Schwellen (Kachlet) und Engstellen (Jochenstein) gebildet, die erst im 20. Jahrhundert durch den Bau von Schleusen ihre Gefährlichkeit verloren. Das Totenbuch der Abtei verzeichnet jedenfalls manche Unfälle auf der Donau. Die Reise konnte auch auf dem Landweg erfolgen. Schon in frühgeschichtlicher Zeit gab es hier eine Fähre, über die ein aus Böhmen kommender Handelsweg die südlich der Donau verlaufende große west-östliche Verkehrsstraße erreichte. Heute noch verläuft die Eisenbahnlinie Frankfurt/Main – Wien südlich der Donau, die Autobahn A 3 jedoch bei uns nördlich. Wenn ich gefragt werde, wo Niederaltaich liegt, sage ich gewöhnlich scherzhaft: An der Verkehrsader vom Atlantik zum Bosporus. Nicht unwichtig für die Geschichte Niederaltaichs ist auch, dass es in der Diözese Passau liegt, die bis ins 18. Jahrhundert bis nach Ungarn reichte. Der heilige Stephanus, der Patron der Passauer Domkirche, wurde der Patron auch ihrer Filialkirche in Wien, des heutigen Stephansdoms, und der Namenspatron des ersten christlichen Königs Ungarns.

Zur Geschichte Niederaltaichs gehören auch häufige Überschwemmungen. Bei unserer Fronleichnamsprozession steht deshalb einer der Segensaltäre immer auf der Donau-Fähre. Heute wird in Niederaltaich jedoch nicht mehr nur um Abwendung von Gefahren gebetet, die von Seiten der Donau den Menschen drohen. Nicht weniger groß sind die Gefahren, die von Seiten der Menschen dem Fluss – und letztlich dann doch wieder den Menschen – drohen. Niederaltaich liegt an dem in Deutschland einzigartigen, etwa 70 km langen Stück einer – ohne Regulierung durch Staustufen – noch strömenden Donau mit wechselnder Wasserhöhe. Für viele unserer Gäste ist es ein tiefes Erleben, meditativ am Ufer des Stromes zu weilen. Vor allem aber ist dieses Stück Donau zwischen Straubing und Vilshofen – besonders im Bereich der Isar-Einmündung – mit seinen Auwäldern ein Habitat für einen heute selten gewordenen Artenreichtum von Flora und Fauna.

Diese Urwüchsigkeit ist heute bedroht. Seit 1992 ist die Donau durch den Rhein-Main-Donau-Kanal im Westen mit dem Atlantik verbunden. So wurde die Donau zu der großen west-östlichen Wasserstraße quer durch Europa (die östlich von Belgrad durch Morava und Vardar/Axios auch eine Verbindung zur Ägäis erhalten soll). Unbestritten ist eine solche Wasserstraße nützlich. Ich erinnere mich, dass vor ihrer Fertigstellung ein größeres Objekt von der Deggendorfer Werft ins Ruhrgebiet transportiert werden sollte. Der Transport war weder auf der Straße noch mit der Bahn möglich. Und so blieb nur der weite Weg die Donau abwärts bis ins Schwarze Meer, durch den Bosporus, vorbei an Istanbul/Konstantinopel, weiter dann durchs Mittelmeer und im Atlantik der französischen Küste entlang bis Rotterdam und von dort den Rhein aufwärts.

Seit Bestehen der Rhein-Main-Donau-Verbindung wird für das noch nicht kanalisierte Stück von Straubing bis Vilshofen eine Verbesserung der Schifffahrtsbedingungen gefordert. Heftig diskutiert wird, ob dazu Staustufen erforderlich sind oder ob das auch durch flussbauliche Maßnahmen erreicht werden kann, die das hochwertige Ökosystem nicht zerstören, wie das östlich von Wien im österreichischen „Nationalpark Donauauen“ gelungen ist. Auwälder und Überschwemmungsgebiete bieten durch ihre lebendige Fluktuation zwischen Land und Wasser vielen Pflanzen und Tieren – besonders Vögeln und Fischen – Heimat. Sie sind zudem die „Nieren“ des Wasserkörpers und hüten die Verbindung zwischen dem Fluss und dem Grundwasser. Auch sind sie ein erster Schutz gegen allzu schnell heran- und abströmende Hochwasser.

Wirtschaftspolitisch werden zur Optimierung der Rentabilität für den Ausbau der Donau sehr hohe Vorgaben gemacht, die in der Tat wohl ohne Staustufen nicht erreichbar sein dürften. So wird gefordert, dass ganzjährig Schiffe von 110 m Länge, 11,40 m Breite, mindestens 2,50 m Ladetiefe und 2.220 Tonnen Ladungsvermögen verkehren können. Das würde aber auch bedeuten, dass auf der ganzen deutschen Strecke die meisten der 122 Brücken erhöht und viele der Schleusen vergrößert werden müssten. Von den insgesamt 2.850 Kilometern der Donau müssten mindestens 1.500 Kilometer weiter ausgebaut werden, vor allem in den Tieflandregionen in Ungarn und im rumänisch-bulgarischen Grenzgebiet. In Niederaltaich hat sich ein Ökumenischer Aktionskreis „Lebendige Donau“ gebildet, der an einem eigens dazu errichteten Kreuz einmal monatlich zu einem „Donaugebet“ und jährlich am Fest der Taufe Christi zur Segnung der Donau einlädt.

Am 17. Oktober 1999 fand hier ein Donaugebet mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. von Konstantinopel statt. Damit begann ein als Schifffahrt organisiertes Symposion mit dem Thema „Ein Strom des Lebens. Die Donau hinab bis zum Schwarzen Meer“. Es war getragen vom Netzwerk „Religion, Wissenschaft und Umwelt“ unter der Schirmherrschaft des Ökumenischen Patriarchen (der sich selbst beteiligte) und des Präsidenten der Europäischen Union. Ich hatte die Freude, teilnehmen zu dürfen. Die Reise war eine Veranschaulichung bedrängender Umweltprobleme – vor allem durch Kriegshandlungen und in Folge der großen Staubecken bei Gabčikovo (SK) und Orşova (RO/YU) vor dem „Eisernen Tor“ –, aber auch groß angelegter Renaturierungsprojekte, besonders im Donaudelta. Immer deutlicher wurden mir die größeren politischen Zusammenhänge – schon dadurch, dass in Serbien in ein anderes Schiff umgestiegen werden musste, weil die durch die NATO-Bombardements im Rahmen des Kosovo-Krieges im Sommer 1999 zerstörten Donaubrücken eine Durchfahrt versperrten. Die Weiterreise führte quer über den Balkan in den geschichtlichen Einflussbereich des Byzantinischen und des Osmanischen Reiches, den wir Abendländer in unserem geschichtlichen Selbstverständnis meist ausblenden, wenn wir uns als Erben der alten Griechen und Römer verstehen.

Die Donau in Deutschland und im deutschen Mythos

Die deutsche Beteiligung an dem Symposion war gering. Im Bewusstsein der Deutschen spielt die Donau nicht die Rolle wie etwa für die Menschen in Österreich und den übrigen Ländern des Donaubeckens, die einmal zur „Donau-Monarchie“ gehörten. Die Donau hat zwar ihren Ursprung im Schwarzwald, der zugleich die Wasserscheide ist zwischen Donau und Rhein. Als ein wirtschaftlich nutzbarer Fluss durchfließt die Donau ab Ulm lediglich den Südosten Deutschlands. Der Böhmerwald ist die Wasserscheide zwischen den nördlichen Zuflüssen der Donau und der Moldau, einem Zufluss der Elbe, in der sich alle Wässer Mitteldeutschlands sammeln. Rhein, Elbe und auch Oder fließen in nördliche Richtung in uns vertraute Meere. Allein die Donau fließt nach Osten. Bei Passau verlässt sie Deutschland. Wiener Charme besingt sie noch als „blau“. Dann aber, jenseits der „Porta Hungarica“, verliert sie sich auf dem Balkan, und der ist uns Deutschen fremd und unheimlich mit seiner Geschichte kriegerischer Wirren und jahrhundertelanger „Türkengefahr“ – Prinz Eugen gilt da als eine leuchtende Ausnahme. Ganz eindeutig dominiert im Mythos der Deutschen „Vater Rhein“. Im Nibelungenlied verkörpert er germanische Tugend. Auf ihrem Zug nach Osten erfahren die hehren Recken vom Rhein an der Donau bis Wien zwar noch freundliches Entgegenkommen, im Hunnenland aber ist ihnen der Untergang beschieden. Dessen ungeachtet verbrämte mit dem Zug der Nibelungen nationalsozialistische Ideologie ihre hegemonialen Bestrebungen auf dem Balkan. Das Ende an der „braunen“ Donau war dann schlimmer als „der Nibelunge nôt“ im Mythos.

Vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer

Das Symposion auf der Donau hat zur lebendigen Erfahrung werden lassen, dass die Donau heute zehn Anrainerstaaten hat, die sie durchfließt oder deren Grenze sie bildet; fünf davon zählen geschichtlich zum Abendland (Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn und Kroatien), und fünf sind traditionell orthodox (Serbien, Rumänien, Bulgarien, Moldawien und die Ukraine). Zum gesamten Donaubecken gehören aufgrund der Nebenflüsse auch noch das Engadin (Inn), der Osten Tschechiens (March), Slowenien, Bosnien und Montenegro (Drau und Save).

Bei der letzten Plenarsitzung des Symposions sagte der Engländer Tom Spencer, bis zum Sommer 1999 Vorsitzender des außen-, verteidigungs- und sicherheitspolitischen Ausschusses des Europäischen Parlamentes: „Wir haben jeden Zwischenfall auf dem Balkan als einen außenpolitischen betrachtet. Der Balkan war unser psychologischer Abfalleimer. Hier herrschen, sagten wir, Armut, Fehden, Intoleranz und Barbarei, die wir längst hinter uns gelassen haben. Wie kurz ist das Geschichtsgedächtnis! … Den Balkan betrachteten wir als das ‚Andere‘. Unbedacht reden wir nach, was der österreichische Handelsminister diesen Mai sagte: ,Europa endet da, wo die Orthodoxie beginnt.‘ … Wir dürfen das tiefe Misstrauen gegenüber dem Westen auf dem Balkan nicht übersehen, das weit zurückreicht, sicher bis zur Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahre 1204. Wir müssen eine Versöhnung der Geschichte anbieten, fühlen und leben, die den Völkern des Balkans ihren rechtmäßigen Platz als volle Glieder der europäischen Familie garantiert … Bürgerkrieg, Niederlage, Besetzung und Herrschaftsverlust hat auf unserem Kontinent alle vor die Forderung gestellt, auf unsere nationalen Mythen zu schauen. Versöhnung auf persönlicher und geistlicher Ebene ist der Schlüssel: die Anerkennung einer gemeinsamen Vergangenheit, einer gemeinsamen Gegenwart und einer gemeinsamen Zukunft.“

Inzwischen gibt es eine Reihe organisatorischer Zusammenschlüsse, die zeigen, dass die Aufgaben, die die Donau stellt, als gemeinsame Herausforderungen angenommen werden. Im Juni 2003 fand in Ulm eine Konferenz statt zum Aufbau eines Verbundes der Donaustädte. Seit 1994 gibt es eine Donauschutzkommission der Anrainerstaaten zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Gewässerschutzes, der Wassernutzung und der Überwachung und Verringerung von Schadstoffauswirkungen. Der WWF, die weltweit größte Naturschutz-NGO, engagiert sich im Rahmen seines Programmes „Grüne Donau“ entlang des Stromes mit Großprojekten in mehreren Ländern.

Die Kirchen haben relativ spät begonnen, sich für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Die schöpfungstheologischen Grundlagen der Heiligen Schrift sowie der kirchlichen Liturgie und Spiritualität waren verschüttet. Gerade das Wasser spielt hier jedoch eine besondere Rolle, offenbart sich in ihm doch in besonderer Weise die Heiligkeit, die geheimnisvolle Tiefendimension, die aller Schöpfung innewohnt.