Die Oder: zwischen Idylle und Krieg

aus OWEP 3/2004  •  von Wolfgang Grycz

Der Verfasser ist Mitglied der Redaktion dieser Zeitschrift.

Die Oder (polnisch und tschechisch Odra) entspringt in 634 m Höhe im Odergebirge in Tschechien. Länge: 860 km. Sie fließt durch die Mährische Pforte nach Polen, passiert Ratibor/Racibórz, Oppeln/Opole, Breslau/Wrocław und wird südlich von Frankfurt/Oder zum deutsch-polnischen Grenzfluss. Bei Stettin/Szczecin teilt sie sich in mehrere Arme und fließt durch das Papenwasser ins Stettiner Haff.

Sagen- und Legendenwelt sparen die Oder weitgehend aus – und doch „spricht“ „die Geschichte um so lauter und vernehmbarer an dieser Stelle“, wie Theodor Fontane feststellt.

Ob Geschichte oder nicht, am Fluss leben Menschen. Und es scheint eine besondere Gnade, am Ufer eines solchen Stromes aufzuwachsen – täglich die Oder vor Augen, immer auf den Fischerbooten zu Hause. Die Beine über das Bollwerk baumeln lassen, den Blick auf die Wiesen am östlichen Ufer gerichtet, auf die dahinziehenden Schlepper auf ihrem Weg von Stettin nach Schlesien, auf das Wasser des Flusses: dunkel, geheimnisvoll und bedrohlich. Immer wieder forderte es Opfer: Kinder rutschten von der Böschung, Badende gerieten in Strudel, Verzweifelte gingen „in die Oder“. Aber das Positive überwog. Nicht nur die schnell dahinströmende Oder, auch deren alte, stillgelegte Arme mit ihren Sandbänken, die den Fluss regulierenden Buhnen, die Auen und Wälder an beiden Seiten des Flusses – all das war wie ein Paradies und bot selbst für Menschen aus armen Schichten ein Stück Lebensqualität.

Über der Gegenwart hat man vergangene Zeiten nicht vergessen. Sie waren hier am Unterlauf des Flusses – etwa zwischen dem Raum Küstrin (polnisch Kostrzyn) und Frankfurt/Oder – besonders lebendig.

Küstrin, eine von Napoleon selbst bewunderte Festung, war etwas, an dem Geschichte festzumachen ist. Hier konnte man auch das Doppelgesicht des Preußentums kennenlernen. Der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. hatte 1730 erleben müssen, dass sein Sohn – der spätere Friedrich II. – nach England fliehen wollte. Unterstützt wurde er dabei von einem Freund, dem Offizier Katte. Für den König war das Landesverrat. Der Prinz blieb am Leben, doch über Katte verhängte Friedrich Wilhelm I. das Todesurteil. In der Festung Küstrin musste der spätere Friedrich der Große auf Befehl seines Vaters mit ansehen, wie sein Freund enthauptet wurde. Dem zum Tode verurteilten Offizier ließ „Seine Königliche Majestät“ mitteilen, es täte ihm leid, „es wäre aber besser, dass er stürbe, als dass die Justiz aus der Welt käme“. Für den Dichter Fontane war diese schreckliche Geschichte ein Schlüssel für „dieses gleich sehr zu hassende und zu liebende Preußen“ (Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Das Oderland“, S. 299). Kaum einige Jahre auf dem Herrscherstuhl, führte der als Prinz so gedemütigte Friedrich II. sein Land in den „Siebenjährigen Krieg“. Und wieder wurden zwei kleine Orte am rechten Ufer der Oder zum Schauplatz gewaltiger Schlachten. Bei Zorndorf nördlich von Küstrin besiegte Friedrich im August 1758 ein russisches Heer, etwa ein Jahr später erlebte er auf dem Feld von Kunersdorf (polnisch Kunowice) seine schwerste Niederlage gegen Österreicher und Russen.

Aber Friedrich war nicht nur militärisch an der Oder aktiv. In den Jahren 1746 bis 1753 organisierte er einen „in der Stille geführten Siebenjährigen Krieg“ im Oderbruch, jenem wasserreichen Überschwemmungsgebiet östlich von Berlin: hier wurde die Oder begradigt, mit Dämmen eingefasst, das Binnenwasser aufgefangen und abgeführt. Es entstand so etwas wie ein riesiges landwirtschaftliches Versorgungsgebiet. Mit diesen Arbeiten sollte auch die immerwährende Überschwemmungsgefahr gemindert werden. Die Arbeiten führten aber auch dazu, dass die im schwer zugänglichen Terrain wohnende größtenteils wendische Bevölkerung verdrängt oder assimiliert wurde. Hier in der Abgeschiedenheit hatten „in Aberglauben und Unwissenheit befangene Gemeinschaften“ gelebt, die „trotz ihres christlichen Bekenntnisses mit den alten Wendengöttern nie recht gebrochen hatten“ (Fontane, ebd., S. 37).

Aber es ging auch im nächsten Jahrhundert kriegerisch weiter. Am 6. November 1806 fiel die Festung Küstrin durch Verrat in die Hände der Franzosen. Als Napoleons Truppen aus Russland zurückfluteten, konnten die Franzosen Küstrin gegen den Ansturm der verbündeten Gegner noch bis 1814 halten.

Die Kriege kamen und gingen – die Oder blieb die gleiche: verbunden mit Überschwemmungsgefahr, mit Versandung, mit bedrohten Dämmen. Auseinandersetzungen gab es höchstens, wenn sich auf der Oder die böhmischen und schlesischen Flößer mit den Dampfschiffern ins Gehege kamen. Aber dieser Krieg wurde nur verbal geführt.

Bis in die ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges waren kaum Veränderungen an der Oder zu spüren. Auch wenn hier Millionen Soldaten nach Osten geführt wurden: Der Fluss behielt sein weitgehend ziviles Gesicht. An seinen Ufern konnte man spielen, baden, wandern. Wir wussten vom Krieg, hörten vieles Schreckliche, aber die über uns ziehenden Bomber luden ihre Last nicht gerade an der Oder ab.

Anfang 1945 wird das ganz anders. Der Krieg bricht in unseren Alltag ein. Die Großoffensive trägt die sowjetischen Truppen in drei Wochen bis an die Oder. Panzerspitzen erreichen den Fluss Anfang Februar. An einem dieser Abende bietet sich uns ein schrecklich-schönes Schauspiel: der Himmel über dem östlichen Ufer scheint in Flammen zu stehen. Die fliehenden deutschen Truppen haben die Benzinvorräte auf dem Fliegerhorst östlich von Frankfurt in Brand gesteckt: ein Fanal!

Die Sowjetarmee sammelt an der Oder ihre Kräfte. Sie bleibt grundsätzlich auf der östlichen Seite, baut aber Brückenköpfe im Westen auf. Der Wehrmacht gelingt es nicht, sie wieder über die Oder zurückzuwerfen. Dieser Stellungskrieg dauert etwa zehn Wochen. Am 16. April setzen die sowjetischen Marschälle Shukow und Konjew zum „Durchbruch an der Oder“ an. Im Kampf um die Seelower Höhen fallen Zehntausende deutsche und sowjetische Soldaten. Die Oder als letzte geografische Sperre schützt nicht mehr. Der Weg nach Berlin ist frei.

Auf der östlichen Seite der Oderbrücke in Frankfurt hatte noch im Frühjahr 1945 ein Schild darauf hingewiesen, dass es hier „zum deutschen Osten“ gehe. Vor Kriegsende, aber noch mehr danach ziehen jetzt in einem unübersehbaren Strom Flüchtlinge und Vertriebene über den Fluss nach Westen. Die Vertriebenen, die im Sommer 1945 über die Grenze kommen, waren am Ende ihrer Kräfte. Sie beseelt nur der eine Wunsch: deutsch verwaltetes Gebiet zu erreichen. Die Städte am westlichen Oderufer werden zu riesigen Flüchtlingslagern. Erschöpfung und Krankheit raffen zahllose Menschen dahin. Zum Elend der Flüchtlinge kommt das der entlassenen deutschen Kriegsgefangenen. Sie werden in Frankfurt östlich der Oder freigelassen. Auch unter ihnen hält der Tod reiche Ernte. All diese Menschen kommen in eine Stadt, die vom russischen Kommandanten zur Plünderung freigegeben – und zum großen Teil nach der Besetzung niedergebrannt worden ist.

Wir leben jetzt an einer Grenze, die wir nicht überschreiten können. Noch bis in die sechziger Jahre hinein war es für Polen und DDR-Deutsche unmöglich, ohne umständliche Visa-Beschaffung das jeweils andere Land zu besuchen. Doch die Propaganda auf beiden Seiten des Flusses tönt, dass wir befreundete sozialistische Staaten seien. Wir sollen die Trennungslinie als „Friedensgrenze“ begreifen. Doch sie wird eher als „tote Grenze“ erlebt. Nicht einmal meinen Hund darf ich im ufernahen Wasser schwimmen lassen, schon droht ein DDR-Grenzer ihn zu erschießen.

Wir aber wollen gern wieder die andere Seite unserer Oder sehen. Dazu scheint uns jedes Mittel recht. Beim Hochwasser von 1947 schließen wir uns einem FDJ-Aufgebot an, das Jugendliche zum Schutz der Dämme auf die andere Seite bringen soll. Es ist alles vereinbart. Auf Lastwagen schafft man uns auf die hölzerne Brücke, die ebenfalls von Eismassen und Hochwasser bedroht ist. Aber am östlichen Ende weigern sich die Polen, uns an Land zu lassen. Ersatzweise müssen wir Steine in die primitiven hölzernen Eisbrecher transportieren, die unter jedem Ansturm größerer Schollen zittern. Unser Polen-Abenteuer ist missglückt.

In den siebziger Jahren wird die Oder-Grenze durchlässiger. Unter den Parteiführern Honecker und Gierek können die Bewohner von DDR und Polen recht formlos über die Grenze gelangen. Aber die plötzliche Öffnung bringt nicht nur Begeisterung. Eine wahre Menschenflut ergießt sich über die Warenhäuser der grenznahen DDR-Orte. Bald entsteht Unmut, ja Wut auf die „Polen, die alles aufkaufen“.

Mit dem Erstarken der Gewerkschaftsbewegung „Solidarność“ findet dieser kleine Grenzverkehr ohnehin ein Ende. Um den „polnischen Bazillus“ fernzuhalten, wird die Grenze wieder dicht gemacht. Die Völkerfreundschaft ist auf Eis gelegt. Nur Berechtigte dürfen über die Grenze. Unter dem Verbot leiden auch die Kontakte zwischen polnischen und deutschen Pfarrgemeinden.

In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre verstärkt sich die „Ausreise-Bewegung“ aus der DDR. Nicht wenige versuchen, diese Flucht über die deutsche Botschaft in Warschau zu erreichen. Manche schwimmen durch die Oder. Gutwillige Polen versorgen sie mit trockener Kleidung oder gar mit einer Fahrkarte nach Warschau. Man flieht nach Osten, um nach Westen zu kommen!

Ab 1989 wurde auch an der Oder alles anders. In Polen war eine demokratische Regierung an der Macht, in Berlin fiel die Mauer, die Staatsführer beider Länder trafen sich in Frankfurt, um einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Bald herrschte Visafreiheit über den Fluss hinweg.

Seit 1. Mai 2004 ist die Oder nicht mehr Außengrenze der Europäischen Union. Dennoch denkt man diesseits und jenseits des Flusses nicht nur positiv übereinander. Es gilt, große Probleme – nicht nur im mentalen Bereich – anzupacken. Die Gründung der deutsch-polnischen Universität Viadrina in Frankfurt, wo Studenten aus beiden Ländern lernen, ist ein positives Zeichen. Aber vieles ist noch zu lösen – auch in Bezug auf die Oder selbst. Jahrzehntelang – seit dem Krieg – haben beide Anrainer kaum etwas gegen die Versandung getan. Die Schifffahrt wird behindert, die Sandbänke wurden immer größer, die Dämme verlangen noch viele Investitionen. Obwohl – oder weil – die Grenze jetzt offen ist, schauen viele Bewohner am westlichen Ufer mit Sorge in die Zukunft. Es gibt Städte, die seit der „Wende“ Zehntausende Bewohner verloren haben. Tausende Wohnungen stehen leer. Die Arbeitslosigkeit ist auf dem Höchststand.

Die Gebiete an der Oder – diesseits und jenseits – sind in einem großen Umbruch. Vieles ist an der Oder „im Fluss“. Ob zum Guten oder zum Schlechten, darüber werden nicht nur die Menschen an der Oder entscheiden, sondern auch die Verantwortlichen auf beiden Seiten. Die Frage wird sein, ob man die grenznahen Gebiete und Städte weitgehend sich selbst überlässt: ohne Industrie, mit Investitionsruinen. Die schöne Landschaft an der Oder wird diese Probleme nicht lösen.