Geistige Osterweiterung – ein Programm

aus OWEP 2/2006  •  von Hans Maier

Dr. Hans Maier, langjähriger Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und bayerischer Kultusminister, ist emeritierter Professor für Religionstheorie und Christliche Weltanschauung der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Vor zwei Jahren erlebte die Europäische Union ihre bisher größte Erweiterungsrunde.1 Zu den 381 Millionen Menschen in 15 EU-Staaten kamen rund 74 Millionen Einwohner der Länder Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Ungarn, Slowakei, Slowenien, Tschechien und (griechisch)Zypern hinzu. Die Osterweiterung, wie sie geographisch nicht ganz präzise genannt wurde – zu den Neuen gehörten ja auch Malta und Zypern! – war die logische Folge des Falls der Mauer, des Zusammenbruchs der Sowjetunion, der Befreiung der mittel- und osteuropäischen Völker in den Jahren nach 1989. In den Beitrittsländern war daher der 1. Mai 2004 ein Feiertag. Man feierte die Wiedervereinigung des lange Zeit in eine Ost- und eine Westhälfte geteilten Europas.

Die Neuen im Osten verdanken „Europa“ einen kräftigen Wachstumsschub. Die ökonomische Leistungskraft stieg im ersten Jahr der Zugehörigkeit zur EU um durchschnittlich fünf Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland lag das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in dieser Zeit bei einem Prozent, in Großbritannien bei 3,1 Prozent.

Hat der wirtschaftliche Erfolg zu einem stärkeren Zusammenrücken, zu Ansätzen einer gemeinsamen Politik der osteuropäischen Länder geführt? Offenkundig noch nicht; noch immer treten die neuen Länder in der EU meist einzeln, seltener im Verbund auf. Eher kann man von wechselnden Allianzen entlang unterschiedlicher Themen sprechen. Es ist einleuchtend, dass die Osteuropäer in ein, zwei Jahren noch kein ähnliches Europabewusstsein entwickeln konnten wie die West-, Nord- und Südeuropäer in mehreren Jahrzehnten der Zugehörigkeit zur Union; sie werden daher in Brüssel mehr als nationalstaatlich orientierte Verfechter ihrer Interessen wahrgenommen, wozu auch ihre deutliche Position in Fragen wie der mittelfristigen Finanzplanung und der für Osteuropa besonders wichtigen Dienstleistungsrichtlinie beiträgt.

Als jedoch die Westeuropäer im Sommer 2005 nach den gescheiterten Referenden über die Europäische Verfassung in Frankreich und den Niederlanden sich untereinander hoffnungslos zerstritten, boten die Osteuropäer ein deutlich besseres Bild. Sie traten geschlossener auf. Und es entbehrte nicht der Ironie, dass sie den uneinigen Westeuropäern sogar finanzielle Hilfe anboten, um sie von ihren starren Positionen, von ihren hochaufgezäumten gallischen, teutonischen, britischen Rössern herabzuholen.

Was hält die neuen Ost-Mitglieder der EU zusammen? Es sind nach meiner Meinung – abgesehen von der erwähnten stärkeren nationalen Bindung – vor allem drei Dinge. Erstens ein ausgeprägter Marktliberalismus, verbunden mit der Bereitschaft zu weitreichenden technischen Innovationen. So stehen heute in der Slowakei, dem neoliberalen Musterland, die Investoren Schlange, und manche Slowaken beginnen bereits, Immobilien im nahen Wiener Gürtel zu kaufen. Und während Deutschland, Frankreich, aber auch Benelux und Skandinavien die alte Form des Sozialstaats verteidigen, verblüffen die östlichen Länder mit schmerzhaften Eingriffen ins Renten- und Gesundheitswesen, mit sensationell niedrigen Abgaben auf Unternehmensgewinne und mit radikal vereinfachten Steuersystemen. – Das zweite Merkmal ist das, was Werner Weidenfeld etwas euphemistisch die „unverbrauchte Amerikaorientierung“ der Osteuropäer nennt. Sie gab Donald Rumsfield bekanntlich Gelegenheit, publicityträchtig das alte Europa im Westen dem neuen Europa im Osten gegenüberzustellen. – Mit dieser Amerikaphilie korrespondiert spiegelbildlich ein dritter Zug: die durchgängige Russophobie (keineswegs nur Sowjetophobie!) der neuen Länder. Auch sie ist historisch erklärbar. Polen, Litauen, Lettland, Estland waren die ersten Opfer des Hitler-Stalin-Paktes; sie und die anderen mittel- und osteuropäischen Staaten wurden seit 1939/1940, spätestens seit 1944/45 oder seit 1948 (Tschechoslowakei) dem sowjetischen Imperium ein- und untergeordnet. Begreiflich, dass diese Länder die EU und die NATO vor allem als Sicherung gegen russische Hegemoniegelüste ansehen und dass sie dem Putinschen Konzept einer „Russischen EU“ zutiefst misstrauen. Sie erstreben eine freiheitliche Zukunft – nicht nur eine postkommunistische. Daher ist die NATO für sie wichtig; aber auch die EU mit ihren Handelsräumen, mit der Euro-Währung und den Schengen-Grenzen ist bedeutsam. So droht auch einer künftigen EU-Verfassung bei künftigen Referenden aus dem Osten Europas kaum Gefahr – sehr im Unterschied zum Westen, Süden, Norden.

Es ist ein ähnliches Bild wie auf wirtschaftlichem Feld. Noch vor zwei Jahren herrschte die Angst: Osteuropa ist zu schwach. Heute herrscht eine andere Angst: Es könnte uns schon bald überholen. Noch vor zwei fürchteten viele Westeuropäer, die EU werde an der Osterweiterung zugrundegehen. Heute fürchten umgekehrt manche Osteuropäer, dass die Altmitglieder der Union die europäische Integration gefährden, ja zerstören könnten: Frankreich und die Niederlande durch die negativen Referenden zur Verfassung, Frankreich-Deutschland-Italien durch die Aushöhlung des Stabilitätspakts, Großbritannien durch die wohlbekannte Europa- und Euro-Skepsis, die in Osteuropa aus vielen Gründen kein Gegenstück hat.

Die Osterweiterung ist ein Erfolg, kein Zweifel. Aber ist sie im Westen, im „alten Europa“, schon angekommen? Boomt der Handel? Wächst der Tourismus? Blühen die Ostwissenschaften? Hat die Slawistik Hochkonjunktur? Erweitert sich unser Europabild? Bezieht das romanisch-germanische Europa die Slawen, die Finno-Ugrier, die Balkanvölker ein? Kommen die Kirchen in Ost und West einander näher? Stellen wir in Gedanken Kyrill und Method als Patrone Europas neben Benedikt und Kolumban, wie es der verstorbene Papst empfahl? Machen wir ernst mit der Einsicht, dass es nicht nur den lateinischen Westen, sondern auch den griechisch-slawischen Osten gibt?

Auf unseren Geldscheinen, immerhin, steht das Wort Euro auch in griechischen Buchstaben – ΕΥΡΟ. Aber sind wir uns beispielsweise beim Umgang mit dem europäischen Erbe schon hinreichend bewusst, dass es nicht nur „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“ gibt, wie der bekannte Curtius-Titel lautet, sondern auch das östliche Gegenstück: Europäische Literatur und griechisches (kirchenslawisches, bulgarisches, russisches, serbisches) Mittelalter? (Wobei ich die katholischen Mitteleuropäer – Polen, Westukrainer, Litauer, Ungarn, Slowenen, Kroaten – beileibe nicht vereinnahmen will, die sich bekanntlich nicht zum griechisch-kyrillischen, sondern zum lateinischen Kulturkreis zählen –Osteuropa ist nun einmal vielgestaltig!).

Im Augenblick, fürchte ich, ist das alles noch Zukunftsmusik. Denn bisher weist das „Europäische Haus“ noch keine geräumigen Flügel für seine slawischen Bewohner auf, sondern nur bescheidene provisorische Anbauten. Und wenn die Bewohner der östlichen Hälfte Europas im Westen ihre Dienste anbieten, wecken sie vielfach Aggressionen. Man denke etwa an die Dienstleistungsrichtlinie. Ängstlich sperrt sich Westeuropa gegen den „polnischen Klempner“, gegen Saisonarbeiter mit geringeren Ansprüchen und nicht selten größerer Arbeitswilligkeit – obwohl wir längst wissen, dass zum Beispiel unsere Landwirtschaft, unsere Gurken- und Spargelfelder zur Erntezeit nicht ohne osteuropäische Saisonarbeiter auskommen. Statt mit offenen Armen empfangen zu werden, treffen die östlichen Nachbarn im Westen oft auf Missgunst und Ablehnung. Die Begegnung verläuft asymmetrisch: Der Westen ist im Osten, auch dank Presse, Funk und Fernsehen, gut bekannt; schließlich weckt er viele Hoffnungen, zieht die Armen, Unternehmungslustigen, Mutigen – manchmal auch die Abenteurer – an. Dagegen wissen die Westeuropäer immer noch relativ wenig über ihre osteuropäischen Nachbarn. Klischees herrschen vor über den europäischen Osten, und sie sind zählebig. So gründen unzählige Polen- und Russenwitze in der Vorstellung, östlich der Oder beginne eine Zone geringerer Kulturansprüche.

Einiges hat sich in den letzten Jahren gewiss verbessert. Der Osthandel ist gewachsen. Die Beitrittsländer sind heute z. B. für die deutsche Wirtschaft bereits so wichtig wie das USA-Geschäft. Die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in Mittel- und Osteuropa bewegen sich auf die 40-Milliarden-Euro-Marke zu. Deutschland exportiert gegenwärtig allein nach Polen soviel wie nach China. Es ist eine Gewinnspirale für beide Seiten. Auch der Tourismus hat zugenommen. Die Ostseestädte von Lübeck bis Danzig, Sankt Petersburg, ja Nowgorod kann man heute auf dem Landweg wie auf dem Seeweg bequem erreichen – alte Erinnerungen an die Hanse, an das Mare Balticum, an die Präsenz lübischer Ratsherren in russischen Ostseestädten (und russischer in Lübeck und Wismar) werden wach – Erinnerungen an das vereinte, nicht geteilte Europa. In Memel-Klaipėda grüßen Ännchen von Tharau und Simon Dach. In Wilna-Vilnius erlebt man eine Barockstadt mit herrlichen Kirchen und fühlt sich plötzlich nach Italien versetzt. In Reval-Tallinn kann man in der Nikolaikirche den unversehrten letzten Totentanz von Bernt Notke bewundern (den früheren in seiner Vaterstadt Lübeck hat der Krieg zerstört). In der Westukraine, in Lemberg-Lwiw spürt man noch heute etwas vom alten Galizien, von der einstigen Symbiose von Slawen, Deutschen, Juden – und alt-habsburgische Überlieferungen leben auch in Krakau weiter, wo in der Redaktion von „Tygodnik Powzechny“ – vormals der einzigen katholischen Zeitung im Ostblock! – im Chefzimmer noch immer ein überlebensgroßes Bild von Kaiser Franz Joseph hängt!

In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe neuer Zeitschriften entstanden: Transit, Dialog, Ost-West, Kafka. Sie dokumentieren das Leben Mittel- und Osteuropas, die Erfolge und Rückschläge der Transformation, die „Mühen der Ebene“. Die Osteuropa-Korrespondenten deutscher Medien mühen sich redlich und liefern täglich neue Informationen – freilich, welch riesige Flächen haben sie im Vergleich zu ihren westeuropäischen Kollegen abzudecken! Eine Polnische Bibliothek (bei Suhrkamp) gibt einen umfassenden Überblick über die reiche Literatur dieses Landes; ein Parallelunternehmen, die Tschechische Bibliothek (bei DVA), ist bereits weit vorangeschritten. Beides sind Initiativen der Robert Bosch Stiftung, die auch ein umfangreiches, höchst erfolgreiches Lektorenprogramm für Mittel- und Osteuropa entwickelt hat (aus dem wiederum die von jungen Leuten getragene Initiative MitOst mit einer Vielfalt kultureller, literarischer, theatralischer Aktivitäten herausgewachsen ist).

Nicht nur die Russen sind – wie eh und je – auf dem deutschen Buchmarkt präsent; auch Polen, Ukrainer, Litauer, Letten, Esten werden allmählich deutlicher sichtbar, wenn auch in weit bescheidenerer Aufmachung und Auflagenhöhe – am bekanntesten in jüngerer Zeit wohl Andrzej Stasiuk, der polnische Erzähler und Satiriker, der in einem Dorf in den Beskiden lebt. Erfreulich ist, dass die alten, fast schon vergessenen Schriftsteller Mitteleuropas wieder auftauchen, erneut aufgelegt und auf ein breiteres Leser-Interesse harrend: Karl Emil Franzos, Joseph Roth, Scholem Alejchem, Isaak B. Singer. In Deutschland hat Karl Schlögel bei Reisen durch die mitteleuropäischen Länder das „Wunder der Gleichzeitigkeit“ entdeckt: Sezessionismus, Fin de siècle, Jugendstil waren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert überall gegenwärtig, in Wien wie in Krakau, in Czernowitz wie in Budapest, in Riga wie in Odessa. Kürzlich verblüffte der russische Germanist Wladimir Awetisjan beim Thomas-Mann-Symposion in Lübeck seine Zuhörer durch die Mitteilung, dass Thomas Mann in Russland bereits vor dem Ersten Weltkrieg wahrgenommen und übersetzt wurde.

Es gibt also eine Fülle von Entdeckungen und Wahrnehmungen im wirtschaftlichen und touristischen, im sprachlichen und literarischen Feld. Aber reicht das über die ohnehin an Mittel- und Osteuropa Interessierten – eine schmale Gruppe – wirklich hinaus? Beschäftigt das Thema viele Menschen? Findet es Interesse in der Wissenschaft, in den Medien, in der Gesellschaft? Ist es von Dauer? Hält es politischen Erdstößen stand?

Ich denke an die Langsamkeit und Sperrigkeit, mit der seinerzeit, im Jahr 1980, der Aufstand auf der Danziger Werft und das Auftreten der Gewerkschaft Solidarność in Deutschland wahrgenommen wurde, zumindest bei den „Offiziellen“ – obwohl doch die dramatischen Ereignisse auch durch deutsche Medien den Weg in die Weltöffentlichkeit genommen hatten! Es dauerte Tage, ja Wochen, bis man bei uns zu ahnen begann, dass es in Danzig und Warschau keineswegs nur um polnische nationale Fragen ging, sondern dass hier die Sache der Freiheit – unsere Sache also – verhandelt wurde. Ohne Zweifel war die Solidarność-Bewegung in Polen der Auslöser für den östlichen Freiheitssturm. Gorbatschow, mehr Verwalter der Krise als selbstmächtiger Gestalter der russischen Politik, kam ja erst fünf Jahre später an die Macht! Aber wie begriffsstutzig reagierte die deutsche Politik auf die polnischen Ereignisse: Noch als die Gewerkschaft Solidarność bereits die übergroße Mehrheit der polnischen Arbeiterschaft hinter sich hatte, hielt der DGB wider besseres Wissen an seiner Beziehung zur kompromittierten kommunistischen Gewerkschaft in Warschau fest – was übrigens den heftigen Protest Heinrich Bölls herausforderte. Helmut Schmidt brach seinen Besuch bei Honecker nicht ab, als in Polen das Kriegsrecht verkündet wurde. Ich erinnere mich noch gut, wie klein das Häuflein der Katholischen Jugend und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken war, das damals – zum erstenmal in Deutschland! – in Köln in der Winterkälte vor dem Dom gegen das Kriegsrecht in Polen protestierte.

Nun mag man sagen: Das war vor 25 Jahren, und damals war die Lage schwer zu überblicken. Aber wie war es vor zwei Jahren, 2004, als die Bilder vom Unabhängigkeitsplatz in Kiew über die deutschen Bildschirme flimmerten? Fast punktgenau wiederholte sich bei der „Revolution in Orange“ in der Ukraine das aus der Geschichte der Solidarność bekannte Muster: viel Sympathie für die Demonstranten, aber auch viel „staatsmännische“ Sorge um das Gleichgewicht im Osten, viel Verständnis für die Ukrainer, aber auch viel Liebäugeln mit der russischen Staatsräson. 1981 hörte man bei den Offiziellen die Parole: „Die Polen haben überdreht!“ 2004 war fast der gleiche Ton zu hören: „Hoffentlich überdrehen die Ukrainer nicht!“ Sollte man in unserem Land, das glücklicherweise in Freiheit lebt, nicht zuerst und vor allem Verständnis für ein Volk erwarten, das um seine Freiheit kämpft?

Gewiss, der Blick auf Russland ist wichtig, und trotz vieler Alarmzeichen muss man hoffen, dass auch dort Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie mit der Zeit sich durchsetzen werden – und mit ihnen eine Bürgergesellschaft, die sich nicht vereinnahmen lässt vom obrigkeitlichen Staat. Aber ist nicht auch das wahr, dass die Ukraine aufgrund ihrer Geschichte wie ihrer jüngsten politischen Optionen eindeutig zu Europa gehört? Ist sie nicht das Zünglein an der Waage, wenn es darum geht, ob sich in Osteuropa auf die Dauer die „russische“ oder die „europäische“ Orientierung durchsetzen? Darf man sie in ihrem Streben nach Unabhängigkeit allein lassen?

Es sind vielfältige und komplexe Gründe, die uns in Deutschland immer wieder an der gleichmäßigen und unbefangenen Wahrnehmung unserer östlichen Nachbarn hindern. Dass wir auch heute oft über die Länder Mittel-, Ost-, Südosteuropas hinwegsehen und wie fixiert auf Russland blicken, hat gewiss historische Gründe – es hängt mit der schieren Größe der östlichen Hauptmacht zusammen. Über Jahrhunderte war Russland zudem das einzige slawische Land, das seine staatliche Unabhängigkeit bewahren und ausbauen konnte, während die anderen slawischen Völker im Osten und Südosten Europas in übernationale Reiche (der Osmanen, Habsburger, Romanows) eingebunden waren. Jahrhundertelang galten die nichtrussischen Slawen in der psychologischen Wahrnehmung des Westens als schwach, gutmütig, fleißig, demütig – als Dienstvölker eben, bestimmt zu einem staatenlosen Dasein unter der Herrschaft anderer. Ein Ranke bestritt den Slawen in seiner Konzeption der europäischen Geschichte einen ebenbürtigen Rang neben Germanen und Romanen – und er war keineswegs der einzige!

Erst die Ereignisse von 1989 haben das durch Jahrhunderte von Stärkeren „überherrschte“ Osteuropa – wohl endgültig – an seine Eigentümer zurückgegeben. Freiheit und Selbstbestimmung erhielten nun endlich auch in dieser Region ihre Chance. Damit erfüllte sich eine Zukunftsvision, wie sie Johann Gottfried Herder gegen Ende des 18. Jahrhunderts im Slawenkapitel seiner „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1784-1791) mit berühmten Worten umschrieben hatte: „… so werdet auch ihr so tief versunkene, einst fleißige und glückliche Völker, endlich einmal von eurem langen trägen Schlaf ermuntert, von euren Sklavenketten befreiet, eure schönen Gegenden vom Adriatischen Meer bis zum Karpatischen Gebirge, vom Don bis zur Mulda als Eigentum nutzen und eure alten Feste des ruhigen Fleißes und Handels auf ihnen feiern dürfen.“2

Wenn nun die Osterweiterung ein Erfolg ist, der bisher nur im Westen noch nicht recht „angekommen“ ist – was ist künftig zu tun? Offensichtlich darf man es bei der politischer Erweiterung nicht belassen. Das Nachdenken über Europa muss weitergehen. Die „neue Wirklichkeit“ des europäischen Ostens muss Eingang finden in unsere Köpfe. Der politischen Osterweiterung muss die „geistige Osterweiterung“ folgen.

Das erfordert zunächst einen unvoreingenommenen Blick auf die neuen Länder. Man muss sie ernst nehmen als ein Stück europäischer Gegenwart und Zukunft. Sie sind keine alteuropäischen Antiquitäten. Die Zeit, in der man bei Reisen nach Osteuropa staunend Bauernwagen mit Panjepferden auf Autobahnen fahren sah, in der man mit Rührung in ländliche Gärten, Holzhäuser, verwitternde Villen einkehrte – diese Zeit geht zu Ende. Die neuen Länder – so ist zu erwarten – werden sich rascher entwickeln und verändern als der Westen, Süden, Norden Europas. Wahrscheinlich werden sie sogar mit den Herausforderungen der Globalisierung schneller fertig werden als die Gründungsstaaten der EU. So sollten wir „Westler“ ihnen nicht nur die herablassende Aufmerksamkeit schenken, die man Ferien- und Reiseländern mit ihren Natur- und Kunstschätzen entgegenbringt, wir sollten ihnen mehr widmen als flüchtige Touristenblicke.

Das heißt weiter, dass wir nach Osten hin Geschichte und eine ganze Menge Geographie nachlernen müssen. Vor allem pluralistische Lektionen stehen an. Es gibt da eben nicht nur Russland, es gibt eine Fülle höchst eigenständiger Länder, die man nicht an einer Schnur aufreihen kann, die man im einzelnen studieren, in deren soziale und politische Physiognomien man sich nachdrücklich und geduldig vertiefen muss. Gewiss, man kennt Polen – aber wer kennt Moldawien? Gewiss, man weiß von den Serben, den Kroaten – aber wer hat eine Vorstellung von Albanien und Mazedonien? Wem ist bewusst, dass die Ukraine der größte europäische Flächenstaat ist?

Fragt man nach Gemeinsamkeiten, welche die mittel- und osteuropäischen Länder bei aller Unterschiedlichkeit verbinden (und sie zugleich in manchen Teilen von Westeuropa abheben!), so wird man – ohne vollständig zu sein – drei Züge nennen können. Da ist erstens die jüngste Geschichte. Mittel-, Ost-, Südosteuropa waren in der Zwischenkriegszeit anfällig für diktatorische Regime, und mehrere Länder wurden 1939/40 Objekte und Opfer des Zusammenspiels, später des Zusammenstoßes der beiden totalitären Hauptmächte, des kommunistischen Russland und des nationalsozialistischen Deutschland. Da ist zweitens die gemeinsame Grundlage des ethnisch bis heute im Osten vorherrschenden Slawentums: Welche Rolle spielt es heute, reicht es über die sprachlich-kulturelle Prägekraft hinaus, entfaltet es politische Wirkungen, ist ein neuer Panslawismus denkbar? Und da ist drittens die Religion, die im europäischen Osten nach wie vor eine ungleich größere öffentliche Rolle spielt als im Westen und Norden Europas – so diffus und widersprüchlich auch das Bild ist, das die christlichen Kirchen in dieser Region gegenwärtig bieten.

  1. Zunächst müssen sich alle osteuropäischen Staaten heute mit ihrer jüngsten Geschichte auseinandersetzen. Dazu gehört die permanente Erinnerung an diktatorische Herrschaft. Von den mittel-, ost- und südosteuropäischen Staaten, die nach dem Ersten Weltkrieg Unabhängigkeit erlangten, sind nur Finnland und die Tschechoslowakei stabile Demokratien geworden, während der Demokratieprozess in Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und Griechenland gänzlich fehlschlug und auch Ungarn, Polen, Estland zeitweise zu dem im Süden, Westen und Osten sich ausbreitenden „Europa der Diktatoren“ gehörten. Die Tschechoslowakei wurde 1938/39 durch Hitler zerstört, Polen, Litauen, Lettland und Estland fielen 1939/40 Hitler und Stalin – den damals Verbündeten! – zum Opfer. 1944/45 kehrten diese Länder (ebenso wie Ungarn, die Balkanstaaten und – mit geringer Verzögerung – die Tschechoslowakei) nicht zur Unabhängigkeit zurück; sie wurden Satelliten der sowjetischen Vormacht. Das östliche Europa schien nach 1945 in die traditionellen Bahnen der einstigen vereinnahmenden Über-Reiche zurückzukehren. Erst 1989/90 hat sich diese Lage grundsätzlich gewandelt.
    Aus diesen gegensätzlichen Erfahrungen resultiert eine von Deutschland und Westeuropa in vielen Zügen abstechende historische Gedächtniskultur. Generell kann man sagen, dass in den osteuropäischen Ländern Kommunismus und Nationalsozialismus als zwei vergleichbare Formen totalitärer Unterdrückung wahrgenommen werden: am deutlichsten im „Museum der Besatzungen Estlands“ in Tallinn, im „Lettischen Okkupationsmuseum“ in Riga und im litauischen „Museum für die Opfer des Genozids“ in Vilnius. Auch Ungarn stellt im „Haus des Terrors“ in Budapest Kommunisten, Nazis und Pfeilkreuzler nebeneinander. In der Ukraine – und in schwächerem Maße in Polen – war und ist die Erinnerungskultur bis zur Stunde ein Gegenstand heftiger Kontroversen zwischen Postkommunisten und Nationalliberalen. In Kroatien, im Kosovo, aber auch in der Slowakei verbindet sich die Ablehnung des Totalitarismus überdies mit nationalen Aversionen: Im einen Fall wird der Kommunismus jugoslawisch, im andern Fall tschechisch konnotiert.

  2. Ist die Erinnerung an die jüngste Geschichte etwas, was die Osteuropäer als historische Opfer verbindet, aber als Bürger ihrer heutigen Gemeinwesen oft auch spaltet, so hat das gemeinsame Slawentum als politische Kraft heute längst nicht mehr die gleiche Wirkung wie in den Anfängen der nationalen Bewegung. Einmal fehlt das historische Gegenüber der übernationalen Reiche, gegen das der alte Panslawismus anrannte. Anderseits geht man heute, nach Völkermord und Holocaust, nicht mehr so leichtfertig mit ethnischen Parolen und Appellen um wie früher. Die in Osteuropa dominierenden slawischen Völker waren ja geschichtlich nie eine Einheit. Sie sind erst durch die eigennützige Philosophie des Panslawismus dazu gemacht worden. Heute finden allslawische Ideen in den osteuropäischen Ländern nur noch in wenigen intellektuellen Zirkeln (in Russland und Serbien auch an den rechten Rändern des Parteienspektrums) Gefolgschaft. Geblieben ist allenfalls die Forderung nach stärkerer internationaler Geltung der slawischen Sprachen – ein berechtigter Wunsch. Karol Wojtyła, der erste Slawe auf dem Papstthron, hat diesen Wunsch in seinen Ansprachen wiederholt zum Ausdruck gebracht – so schon bei seinem ersten Besuch in Polen, wo er am 4. Juni 1979 in Gnesen sagte: „Will Christus etwa nicht, dass dieser polnische Papst, dieser slawische Papst, wie es sich gehört, die geistige Einheit des christlichen Europa manifest macht, das in den Fußstapfen der großen Traditionen des Ostens und des Westens einen einzigen Glauben, eine Taufe und einen einzigen Gott und Vater aller bekennt? Vielleicht hat Christus ihn gerade deswegen erwählt …, dass er in die große Gemeinschaft der Kirche ein besonderes Verständnis der Worte und der Sprachen einbringt, die immer noch fremd klingen für Ohren, die an romanische, germanische, angelsächsische und keltische Laute gewöhnt sind.“3

  3. Damit bin ich beim dritten Punkt, der Religion. Immer waren Religion und Kirchen in Osteuropa starke Kräfte, vielfältig ins öffentliche Leben einbezogen – sei es, dass sie die Autorität der herrschenden Mächte (Russland, Habsburg, die Pforte) stützten, sei es, dass sie umgekehrt den Beherrschten Hilfe und Zuspruch gaben (wie der Katholizismus in Polen oder das Hussitentum in Böhmen). Mehr oder minder überall haben die Kirchen die Identität der osteuropäischen Völker geprägt. So kennt der europäische Osten zwar – wie der Westen – die Verwandlung religiöser Energien in politische Programme und Bewegungen (am ausgeprägtesten in den Anfängen der russischen Revolution) – doch die in Westeuropa herrschenden Lehren vom „Absterben der Religion“ im Zuge wachsender Aufklärung und Bildung haben die Denker des Ostens nie übernommen. Osteuropa ist – weltweit gesehen – keine Säkularisierungsregion. Auch heute liegt die Kirchenzugehörigkeit in diesen Ländern weit über dem europäischen Durchschnitt – Ausnahmen wie Tschechien bestätigen die Regel.
    Freilich: Über das einzelne Volk, den einzelnen Staat greift solcher Kircheneinfluss kaum hinaus – sieht man von den Katholiken und den Protestanten ab, die selbstverständlich auch im Osten in den gewohnten weltkirchlichen Verbindungen und Vernetzungen auftreten. Insbesondere die Orthodoxie als die im Osten vorherrschende Kirche lebt nach wie vor in den traditionellen autokephalen Formen: Sie ist auf das jeweilige Volk, den jeweiligen Staat bezogen; ein panorthodoxes Bewusstsein existiert kaum. Und auch wenn nicht alle orthodoxen Kirchen eine so ausgeprägte Staatsnähe aufweisen wie in Russland, so erscheinen sie doch von außen gesehen fast an allen Orten als Landes-, ja als Staatskirchen. Es fällt schwer, sie sich als Keimzelle einer Bürgergesellschaft vorzustellen, wie dies die katholische Kirche Polens in der Solidarność-Zeit unzweifelhaft war.
    Die „Wiedervereinigung Europas“ in den Jahren nach 1989 hat für das Zusammenleben der drei christlichen Kirchen im östlichen Europa wenig neue Anstöße gegeben. Eher hat sie ökumenische Rückschläge ausgelöst. Einen unbefangenen Umgang der Kirchen miteinander wie im Westen gibt es kaum. Regelrechte Kirchenkämpfe herrschen vor allem zwischen der Orthodoxie und den Unierten – aber auch zwischen rivalisierenden Orthodoxien wie in der Ukraine. Das relativiert den Einfluss der Religion auf breite Schichten – schon machen sich in mehreren mittel- und osteuropäischen Ländern, selbst in Polen, deutliche Anzeichen eines – wenn auch langsam fortschreitenden – Säkularismus bemerkbar.
    Dabei hätten West- und Osteuropa auch kirchlich voneinander viel zu lernen. Beide haben wichtige Botschaften zu vermitteln; beide bedürfen aber auch der wechselseitigen Ergänzung. Im Westen haben Protestanten wie Katholiken die pluralistischen Lektionen der Moderne gelernt. Im Osten steht dieser Lernprozess noch aus: Die Orthodoxie muss zum Teil erst jene „Außenwerke“ entwickeln und verstärken, in denen die Kraft westlicher Kirchlichkeit liegt: Diakonie, kirchliches Recht, Selbstständigkeit gegenüber den Staat, eigene Soziallehren, eine eigene gesellschaftliche Praxis usw. Umgekehrt könnten die westlichen Kirchen von den östlichen das lernen, was ihnen fehlt: das patristische und mystische Erbe, die unbedingte Präferenz von Gottesdienst und Liturgie – den glühenden Kern der Gottesliebe, ohne den alle „Außenwerke“ des Christentums, so effizient sie sein mögen, leer und äußerlich bleiben.

Zusammenfassend: Es bleibt genug zu tun, um den „unbekannten Kontinent“, das östliche Europa, zu erforschen und zu durchleuchten. Es wäre ein Irrtum zu meinen, diese Aufgabe habe nach dem Zusammenbruch des Kommunismus plötzlich an Aktualität verloren. Auch zeigt sich, dass die Epoche der Transformation, in der wir uns gegenwärtig befinden, kein flüchtiges Zwischenspiel ist, sondern wohl noch lange andauern wird. Und danach dürfte die eigentliche zentrale langdauernde Aufgabe erst beginnen: Osteuropa wieder in die gesamteuropäische geistige Ökonomie, den kulturellen und religiösen Austausch einzufügen (also die „beiden Lungenflügel“ Papst Johannes Pauls II. wieder zu beleben!) – und zugleich zu fragen, wie sich das spezifische osteuropäische Erbe mit den in der westeuropäischen Integration gesammelten Erfahrungen verbinden kann.


Fußnoten:


  1. Vortrag, gehalten zur Eröffnung des 9. Deutschen Slawistentages am 4. Oktober 2005 in der Ludwig-Maximilians-Universität München. Für den Druck überarbeitet und gekürzt. 

  2. Herder, Ideen, Buch 16/IV: Slawische Völker. Mit „Mulda“ ist die böhmische Moldau gemeint. 

  3. Luigi Accattoli: Johannes Paul II. Köln 2005, S. 82.