„Mit den Armen heilig werden“.

Schwester Małgorzata Chmielewska

Martin Buschermöhle ist Referent der Abteilung Projektarbeit und Länder bei Renovabis.

Eigentlich ist das eine feine Sache, so ein Sozialstaat. Jeder, der in eine Notlage gerät, hat Anspruch auf staatliche Hilfe. Niemand braucht zu hungern oder zu frieren, und um die Härtefälle kümmert sich die Caritas. Betteln gehört sich nicht. Wenn man auf der Straße angesprochen wird, weiß man gleich ganz genau, dass man es mit einem Schnorrer zu tun haben muss, der das Geld höchstwahrscheinlich sowieso für Alkohol, Drogen oder Zigaretten braucht. Ohne Gewissensbisse bekommen zu müssen, kann man diese Bettler auf Plätzen oder Kirchenstufen stehen lassen oder eben auf das Sozialamt oder die Caritas verweisen. So einfach ist das bei uns.

Sr. Małgorzata könnte Bände davon erzählen, wie Menschen den Halt verlieren und mit oder ohne Sozialstaat in die völlige Armut absinken. Dank ihrer deutlichen Worte und schonungslosen Kritik an Gesellschaft wie Kirche erwarb sie in wenigen Jahren in Polen eine hohe Popularität und wird immer wieder gerne zu Podiumsdiskussionen oder auch Fernseh-Talkshows eingeladen. Im Gespräch und durch ihr Zeugnis überbringt sie eine dreifache Botschaft: sie klagt die Herzenskälte der Behörden und Institutionen an, die oft passiv bleiben und den Obdachlosen und Angehörigen anderer Randgruppen wenig Hilfe beim Erlangen der ihnen zustehenden staatlichen Unterstützung gewähren, sowie die Politiker, die sich mit unzureichenden Gesetzen und Bestimmungen arrangiert haben und die Benachteiligung der Kranken, Pflegebedürftigen, Behinderten, Arbeits- und Obdachlosen einfach hinzunehmen bereit sind. Sie hat zweitens einen gemeinnützigen Verein gegründet und mehrere Pilotprojekte aufgebaut, um zu zeigen, wie es anders geht. Und sie macht uns drittens bewusst, dass Arme und Obdachlose keineswegs nur eine unpersönliche Sozialkategorie sind, sondern Menschen, denen wir helfen können, ihre Würde zurück-zuerlangen und in denen wir Christus begegnen können, wenn wir uns auf die Begegnung mit ihnen einlassen.

Zuerst Frau, dann Ordensschwester

Die 1951 geborene Sr. Małgorzata Chmielewska war ihr ganzes Leben auf der Suche nach ihrem eigenen Weg. Nach sechs Jahren bei den kleinen Schwestern Jesu trat sie aus dieser Kongregation wieder aus, weil ihr dort die Nachfolge in Bezug auf den Dienst an den Armen nicht radikal genug war. Mit ihrer Freundin Tamara begann sie sich für die Armen und Ausgegrenzten zu engagieren, zuerst vor allem für vereinsamte Blinde, bis sie nach einigen Jahren die aus Familien und Ordensleuten bestehende Gemeinschaft „Brot des Lebens“ kennenlernte. Über diese 1976 in Evreux in Frankreich gegründete Gemeinschaft sagten einmal die französischen Bischöfe, das Leben in einer solchen Armut, wie es die Regel verlange, sei unmöglich, das würden nicht einmal die Franziskaner aushalten können. Darauf erwiderte der Gründer der Gemeinschaft, Pascal Pingault, nur kurz „wirklich sehr schade“ und ließ sie stehen.

In dieser Beziehung passt sie gut in diese Gemeinschaft. Auch Sr. Małgorzata nimmt ungern ein Blatt vor den Mund, gerade wenn es um das innerkirchliche Rollenverhältnis geht, wie die folgende Begebenheit illustriert. Einem Priester, der sie in einem ihrer Häuser besuchte und einen antisemitischen Witz erzählte, erwiderte sie, so etwas sei in einem der Häuser der Gemeinschaft „Brot des Lebens“ unstatthaft. Er war erschüttert, „noch nie habe es eine Ordensschwester gewagt, ihn zurechtzuweisen.“ Worauf sie antwortete „vielleicht besser eine Ordensschwester als der Bischof.“ Er habe dabei gar nicht überlegt, ob sie einfach als Mensch, dazu noch älter als er, das Recht dazu haben könnte, ihn zu kritisieren, sondern nahm für sich in Anspruch, als Priester grundsätzlich in allem Recht zu haben. Auch kritisierte sie, dass Frauen, selbst wenn sie Ordensfrauen seien, in polnischen Priesterseminaren bestenfalls in der Küche arbeiten, nicht jedoch theologische Vorlesungen halten dürften. Viele Priester, denen sie in ihrem Leben begegnet sei, hätten sich so verhalten, als sei sie ein Wesen aus einer anderen Welt. Dies sei wohl unter anderem ein Ergebnis der Abgeschlossenheit der Seminare.

Ein anderer Stein des Anstoßes ist, dass sie Zigaretten raucht und sich nicht dafür schämt. Einem Bischof, der sie darauf ansprach, erwiderte sie: „wenn Sie mir versichern, dass auch alle Priester in Ihrer Diözese mit dem Rauchen aufhören, lasse ich es sofort bleiben.“ Vielleicht vermag sie ja auch durch das Rauchen, den Ihren etwas näher zu sein?

Anwältin der Bedürftigen

Die Gemeinschaft „Brot des Lebens“ wollte keine große Organisation aufbauen. Sr. Małgorzata hat statt dessen eine Verabredung mit dem lieben Gott getroffen. Sie sammelt keine Spenden, sondern vertraut auf seine Hilfe: „Wenn wir glauben, dass die Armen Christus gehören und auch wir Christus gehören, müssen wir an unserer Vereinbarung festhalten. Wir haben vereinbart, dass er einen Weg findet, die Herzen der Menschen zu öffnen.“ Deshalb macht die Gemeinschaft möglichst wenig auf eigene Faust und versucht zu verhindern, dass die Absicht, immer mehr Mittel zu erlangen, zum Antrieb ihres Handelns wird, denn dadurch würde sie selbstständig und unabhängig vom lieben Gott. Und das wäre der Anfang vom Ende. Auf diese Weise bleiben die Angehörigen der Gemeinschaft wachsam für Gottes wunderbares Wirken und wie er sie umsorgt. Im Gebet sagt sie oft: „Lieber Gott, das ist jetzt Dein Problem …“

Sie hingegen übt Druck auf die verantwortlichen Institutionen aus und appelliert an diese, etwas z. B. dagegen zu unternehmen, dass allein in Warschau über hundert Obdachlose auf einen Heimplatz warten müssen. Als sie einmal am Rande der Zahlungsunfähigkeit für eines ihrer Obdach-losenheime stand, nachdem die Stadtverwaltung trotz aller Bitten und Interventionen ihre vertraglich zugesagten Zahlungen über Monate hinweg nicht geleistet hatte, erklärte sie, dass die Gemeinschaft „Brot des Lebens“ den Vertrag, falls das Geld nicht innerhalb von drei Tagen auf dem Konto wäre, als aufgehoben betrachten, vor laufenden Kameras das Haus verlassen und die zum Teil schwerkranken Obdachlosen im Gebäude zurücklassen würde. Schließlich sei die Stadtverwaltung für die Bewohner genauso verantwortlich wie die Gemeinschaft. Und es wirkte.

Sr. Małgorzata nimmt auch im Fernsehen kein Blatt vor den Mund, wenn sie beschreibt, wie Obdachlose oder Behinderte von den Behörden vernachlässigt werden, Gemeinden in strukturschwachen Gebieten, die selbst nur geringe Einnahmen haben, den Bedürftigen oft selbst die ihnen zustehende Sozialhilfe nicht auszahlen, oder wie solchen „hoffnunglosen Fällen“ medizinische Versorgung verweigert oder zumindest der Zugang durch bürokratische Hindernisse immer wieder erheblich erschwert wird. Inzwischen ist sie durch ihr Engagement so bekannt, dass sie selbst auf der Straße oder in der Straßenbahn angesprochen wird: „Sie sind doch Schwester Małgorzata, ich hab’ Sie letzte Woche im Fernsehen gesehen …“ Das sei schon manchmal etwas ermüdend, gibt sie zu.

Beispiel geben

Viele Arme schämen sich ihrer Situation, halten sich selbst für schuldig und versuchen, diese Armut, soweit es geht, zu verbergen. Deshalb gibt es in den Häusern der Gemeinschaft keine Almosen. Wer zum Beispiel Geld für Süßigkeiten oder Zigaretten braucht, kann sich mit Hausarbeiten einen symbolischen Betrag selbst verdienen. Dies sei nicht so entwürdigend. Im Zusammenleben mit den Ausgestoßenen und Armen sei es möglich gewesen zu verstehen, was es bedeutet, einen Menschen zu lieben und in dieser Liebe treu zu bleiben. Inzwischen hat die Gemeinschaft sieben Häuser für Obdachlose aufgebaut und führt verschiedene Programm zur beruflichen Wiedereingliederung Langzeitarbeitsloser und zur Förderung Jugendlicher aus struktur-schwachen ländlichen Gebieten durch. Die Mittel für dieses Projekt erlangt die Gemeinschaft, indem sie hochwertige handwerkliche oder landwirtschaftliche Produkte wie z. B. Marmelade aus alten, inzwischen seltenen Apfelsorten oder besonders cholesterinarme Hühnereier zu „fairen“ Preisen in der Hauptstadt an Kunden verkauft, die bereit sind, ihre Projekte auf diese Weise zu unterstützen.

Ende der Achtzigerjahre nahm Sr. Małgorzata den damals dreijährigen Artur in Pflege. Artur litt an Epilepsie und war Autist. Seiner Mutter war das Sorgerecht aberkannt worden, weil sie nicht in der Lage war, sich um ihn zu kümmern. Während ihres Aufenthalts im Obdachlosenheim war Sr. Małgorzata für Artur die einzige Bezugsperson. Irgendwie blieb ihr keine andere Wahl: „Als Artur zu uns kam, war dies eine weitere Heraus-forderung. Gott stellte ihn auf meinen Weg, damit ich lernte zu lieben, jemanden so zu lieben, wie er ist, und zugleich meine ganze Vorstellungskraft und Phantasie in Gang zu setzen, um ihn zu erreichen, ihn in seinem Anderssein anzunehmen. Artur ist meine Schule der Geduld und der Liebe.“

Christus begegnen

Die Mitglieder der Gemeinschaft sehen sich nicht einfach als Sozialarbeiter. Sie wollen die menschliche Seele niemand anderem als Gott überlassen. Mit den Ausgestoßenen lebend bemühen sie sich darum, dass diese selbst den Kampf um die Wiedergewinnung ihrer Würde aufnehmen. Gleichzeitig zeigen sie ihnen den Weg zu Christus als den einzigen Weg der Befreiung des Menschen, jedes Menschen. Dabei versuchen sie einfach, das Leben der Armen mitzuleben und zugleich ganz tief aus dem Gebet zu leben. Diejenigen, die in den Häusern der Gemeinschaft nicht mitarbeiten können, weil sie dafür zu krank sind, leiden für die anderen. Ihr Leiden ist der Reichtum aller anderen Mitbewohner und umgekehrt ist die Mühe, ihnen ihr Leiden zu erleichtern, Reichtum der Nächstenliebe. Im leidenden Menschen begegnen sie Gott selbst: „Der liebe Gott kann eines nicht, er kann niemandem seine Freiheit nehmen. Er ist Liebe, und dies setzt beiderseitige Freiheit voraus. Er kann nur bitten, er kann nicht zwingen und so leidet er mit uns, wie eine Mutter mitleidet, wenn ihr Kind leidet, aus Liebe. Über die Erlösung hinaus kann er nichts für uns tun, aber er sendet unablässig Botschaften an den Menschen, Bitten um das Gute, um Innehalten, um Umkehr.“

Alles, was ihr dem Geringsten getan habt …

Die christliche Hoffnung verringert das Leiden nicht. Aber oft lebt der Mensch das Evangelium und ist sich dessen gar nicht bewusst. Christus fragt nicht: „Warst Du Bischof, Dieb oder Prostituierte?“ Er fragt nicht: „Warst Du gläubig, warst Du römisch-katholisch, hast Du die Dogmen akzeptiert, sondern er sagt: Du hast mich im Gefängnis besucht, mir zu essen und zu trinken gegeben …“ Er sagt: „Alles, was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, und weiter: „Zöllner und Prostituierte gehen uns voran auf dem Weg ins Himmelreich.“ Heiligkeit bedeutet in der Gemeinschaft „Brot des Lebens“, „gemeinsam zu gehen“. Alle Menschen, selbst die ärmsten, sind zur Heiligkeit berufen. Nur gemeinsam können wir heilig werden, das einzelne Glied der Gemeinschaft wäre dazu zu schwach.

Von Sr. Małgorzata Chmielewska können wir lernen, was wir verlieren, wenn wir die Bedürftigen unserem wohlorganisierten Sozialsystem überlassen; nämlich Christus im Nächsten zu erkennen und uneigennützig lieben zu lernen. Auf diese Weise können uns die Armen und Ausgestoßenen an die Hand nehmen und zu Christus führen.

Unter Verwendung des 1999 in Krakau im Verlag „Znak“ erschienenen Buches: „Wszystko, co uczyniliście … z siostrą Małgorzatą Chmielewską rozmawia Michał Okoński“.