Vom Getto zur Öffentlichkeitspräsenz.

Einige Überlegungen zur gesellschaftlichen Rolle der Kirche in der Slowakei
aus OWEP 4/2006  •  von Pavel Mikluščák

Prof. Dr. Pavel Mikluščák ist Dozent an der Religionspädagogischen Akademie der Erzdiözese Wien mit den Arbeitsschwerpunkten Dogmatik, Christliche Sozialethik und Kirchengeschichte. Er wohnt in Bratislava.

Von einem konkreten Beispiel zur Grundsatzthese

Die Parlamentswahlen von 2006 in der Slowakischen Republik veranlassten die Slowakische Bischofskonferenz zu ihrem traditionellen Aufruf an die slowakischen Katholiken zur aktiven Wahlbeteiligung: „Niemandem ist es erlaubt, untätig zu bleiben.“1 Die Reaktion seitens der politischen Kommentatoren erfolgte prompt: Es sei ein „unerlaubter Eingriff“ der katholischen Bischöfe in das politische Geschehen!2

Man muss sich wundern, warum eine öffentliche Stellungnahme unerlaubt sein soll, vor allem, wenn man genau hinhört auf die Begründung des Aufrufes mit dem Zitat aus einer päpstlichen Enzyklika, die wiederum einige andere, allgemein bekannte kirchliche Dokumente zitiert.3 Möglicherweise fühlten sich manche (sich selbst als liberal bezeichnende) Menschen irritiert durch die Aufzählung der Kriterien für die richtige Wahl, wie sie die slowakischen Bischöfe zusammenfassen: „Die gläubigen katholischen Christen sollen solche Bewegungen und Parteien wählen, die sich um gesunde Ehen und Familien bemühen, die das Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod schützen, die sich im sozialen Bereich engagieren, denen Arbeitslosigkeit und Armut nicht gleichgültig sind, die sich für die Gerechtigkeit und Sicherheit der Bürger einsetzen, die die Religionsfreiheit respektieren … Die Gläubigen sollten nicht die Parteien und Bewegungen wählen, die die Tendenz aufweisen, die Christen aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen, was wiederum zur Verdrängung des religiösen Lebens völlig in die Privatsphäre führen würde, als ob ein Christ im kirchlichen Raum mit Gott und im öffentlichen Leben ohne Rücksicht auf Gott leben könnte.“

Die Irritation war vor allem bei den politischen Parteien zu erkennen, die das Ganze als einen Aufruf gedeutet haben, die Katholiken sollten die „Christlich-demokratische Bewegung“ (Kresťansko-demokratické hnutie) wählen, d. h. die politische Partei, die sich seit der politischen Wende 1989 in der Slowakei als konservativ versteht und als Verteidigerin der christlichen Werte präsentiert.4 Alle wurden jedoch unmittelbar nach den Parlamentswahlen eines Besseren belehrt, als der Vorsitzende der Slowakischen Bischofskonferenz, der Zipser Bischof František Tondra, dem Wahlsieger, der linksorientierten Partei SMER-Sozialdemokratie gratulierte und die Hoffnung äußerte, dass die neue Regierung die soziale Gerechtigkeit in der slowakischen Gesellschaft zum Hauptthema der Zukunft machen und die Armut effektiv bekämpfen werde. In der Zeit der Koalitionsbildung rief ein noch größeres Aufsehen der Besuch des Vorsitzenden der Sozialdemokraten, Robert Fico, beim emeritierten Kardinal Ján Chryzostóm Korec hervor. Die Geheimhaltung der Inhalte ihres Gespräches führte zu Vermutungen, es werde eine Art Bündnis entstehen: Die katholische Kirche werde die neue Regierung unterstützen, die Regierung im Gegenzug die für die Kirche empfindlichen Themen nicht berühren.5

Die kolportierten Gerüchte bezeugen, wie aufmerksam die gesellschaftliche Wirkung der katholischen Kirche in der Slowakei beobachtet wird und wie sensibel die Bürger darauf reagieren. Es wird auch deutlich, dass alle politischen Belange, welche die Kirche in der Slowakei betreffen, äußerst behutsam und klug behandelt werden müssen. Der Grundsatz dafür lautet: Eine der vorrangigsten Aufgaben und eine der ständigen Herausforderungen für die Kirche in der Slowakei ist die je neue Gestaltung ihres Verhältnisses zur Welt und somit ihre aktuelle Positionierung in der profanen Gesellschaft.

Geschichtlicher Rückblick

Diese Aussage erhält ihr wahres Gewicht, wenn man bedenkt, welche privilegierte Stellung die katholische Kirche in der slowakischen Gesellschaft vor dem Zweiten Weltkrieg gehabt hat und was sie während der mehr als vier Jahrzehnte des Lebens im kommunistischen System durchgemacht hat.

Privilegierte Stellung – politischer Katholizismus

Die Geschichte der Slowakei ist eng mit der katholischen Kirche verbunden. Während der Reformation blieb die Slowakei von konfessionellen Auseinandersetzungen größeren Ausmaßes verschont. Die zentrale Position der katholischen Kirche in der slowakischen Gesellschaft zeigte sich besonders während des Zweiten Weltkrieges. In dieser Zeit bekannten sich 80 Prozent der Bevölkerung der Slowakei zur katholischen Kirche. Die katholische Partei (Hlinkova slovenská ľudová strana) regierte als einzige Partei in der Slowakei und bevorzugte den Katholizismus als Staatsreligion. Katholische Bischöfe hatten einen entscheidenden Einfluss auf die Politik des jungen slowakischen Staates. Diese Umstände – später „politischer Katholizismus“ genannt – führten bei den slowakischen Demokraten (die mehrheitlich evangelische Christen waren) und bei den Kommunisten zu verstärkten antikatholischen Tendenzen, die sich bereits während des slowakischen Nationalaufstandes im Jahre 1944 abzeichneten und nach der Erneuerung des gemeinsamen tschechoslowakischen Staates im Jahre 1945 verschärften. Als 1948 die Kommunisten in der Tschechoslowakei endgültig zur Macht gekommen waren, sahen sie in der katholischen Kirche ihren Erzfeind.

„Ägyptische“ und „babylonische“ Gefangenschaft

Die kirchlichen Institutionen und Orden wurden durch Anwendung massiver Gewalt aufgelöst, Bischöfe entweder isoliert oder zusammen mit vielen Priestern inhaftiert, im Sinne von „den Hirten schlagen, um die Herde zu zerstreuen“. Die innerkirchliche Kommunikation wurde unterbunden, Kontakte zu Rom verhindert. Die unierte griechisch-katholische Kirche wurde im Jahre 1950 gewaltsam in die orthodoxe Kirche eingegliedert.

Nach der Zeit der rohen Gewalt, die in der Fachliteratur bildlich als die Zeit der „ägyptischen“ Gefangenschaft bezeichnet wird, wurde auch den Kommunisten allmählich klar, dass die Christen und ihre Kirche nicht einfach ausgerottet werden können. Anfangs der sechziger Jahre und vor allem nach der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit für Europa (KSZE) in Helsinki 1975 kam es zur etwas abgemilderten „babylonischen“ Gefangenschaft. Jetzt versuchte das kommunistische Regime, die Kirche dem Staat unterzuordnen. Alle kirchlichen Äußerungen wurden oftmals schon präventiv auf politische Nebenwirkungen hin befragt, um jeder Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Regime vorzubeugen.

Gettoisierung der Kirche und Privatisierung des Glaubens

Die Kommunisten strebten dabei ständig und zielbewusst den Ausschluss der Kirche von jeder Form von Öffentlichkeit an: aus Schule und allen Einrichtungen der Bildung, aus den Bereichen Kultur und Medien, aus Krankenhäusern und Sozialstationen, aus Verlagen, Vereinen und Verbänden. Sie erreichten das durch die ideologische Mobilisierung aller gesellschaftlichen Teilbereiche. Das vorrangige Ziel der atheistischen Kampfideologie – die Gettoisierung der Kirche – wurde tatsächlich erreicht: Die Kirche wurde komplett aus dem öffentlichen Leben vertrieben und in ihrem Handeln auf innerkirchliche Räume beschränkt. Die offiziell tätige Kirche fand einen Modus vivendi, etablierte sich in der Gesellschaft und versuchte, unter diesen Umständen ihr Möglichstes zu tun. Die Kirche war also nicht verboten oder völlig im „Untergrund“. Es gab zwar die so genannte Untergrundkirche, die im Geheimen wirkte und sich im Wesentlichen auf die Arbeit in kleinen Kreisen konzentrierte. Breitere Wirkung hatte jedoch die Kirche in Bistümern und Pfarreien. Diese waren sakramental und katechetisch versorgt. Das öffentliche kirchliche Leben stützte sich auf das kirchliche Amt, wo es handlungsfähig und nicht kompromittiert war. In christlichen Familien wurde der Glaube gelebt und an die Kinder weitergegeben. Das war für den, der die kommunistische Herrschaft kennt, erstaunlich. Dennoch bedeutete diese Entwicklung für das auf den drei traditionellen Säulen Amt, Sakramente und Familie beruhende kirchliche Leben eine Einschränkung und Verengung der Kirchlichkeit. Die gesellschaftliche Dimension von Kirche und Glaube fiel fast vollständig weg. Die wesentlichen Aufgaben der Kirche wie Gemeinschaftsbildung, Aufarbeitung der Herausforderungen der Welt, weltnahe Auslegung der christlichen Botschaft und nicht zuletzt Zeugnisgeben in der profanen Umgebung mit Wort und Tat wurden kaum berücksichtigt.

Auf diesem Weg kam es zu einer Privatisierung des Glaubens in dem Sinne, als betreffe der christliche Glaube nur das innere und private Leben der Menschen. Die kommunistische Propaganda ließ die Tätigkeit der Kirche nur als Befriedigung individueller religiöser Bedürfnisse der Menschen zu. Die Christen wurden durch verschiedene Formen sozialer Benachteiligung eingeschüchtert. Die kommunistische Herrschaft zwang die Kirche und ihre Gläubigen zu unumgänglichen Reaktionen, die in der damaligen Situation vermutlich notwendig waren und – trotz des grundsätzlich beibehaltenen Widerstandes – zu konfliktverringernden Anpassungen an die jeweilige Lage führten. So teilte sich das Leben der Menschen in eine offizielle und eine private Szene auf. In der Öffentlichkeit, in der Schule oder am Arbeitsplatz wurde das gesagt und getan, was die kommunistische Partei verlangte. Das eigentliche Leben der Menschen fand aber vor allen Dingen im Bereich des Privatlebens statt.

Wende zur demokratischen Entwicklung

Im November 1989 ging die Gefangenschaft der slowakischen Kirche gleichsam über Nacht wie durch ein Wunder zu Ende. Die Kirche durfte plötzlich frei, ohne Staatskontrolle und Behinderung, in allen Bereichen tätig sein. Sie hatte wieder Zutritt zu öffentlichen Institutionen, zu Schulen, Krankenhäusern und Gefängnissen. Sie durfte in den Massenmedien präsent sein, übernahm Seelsorge beim Militär und bei der Polizei. Nach den Jahrzehnten der kommunistischen Vorherrschaft war sie aber auf diese Möglichkeiten weder personell noch fachlich genügend ausgerüstet. Die Christen bekamen Zugang zu öffentlichen Aufgaben und politischen Positionen in der Gesellschaft. Es gab aber nur wenige, die fähig waren, christlich und zugleich politisch relevant zu handeln.

Die Suche nach dem gesellschaftlichen Standort, an dem die Kirche ihr eigenes und authentisches Gesicht bekommt, setzte zeitgleich mit dem Prozess der gesellschaftlichen Umgestaltung zu einer pluralistischen, freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft ein.

Die Vorstellungen und Erwartungen bezüglich der Gestalt der Kirche waren in den ersten Jahren nach dem Ende des Kommunismus unterschiedlich. In kirchlichen Kreisen ließen sich mehrere Optionen erkennen:

  • Die erste Option war eine nostalgische: Die Kirche solle dort anknüpfen, wo ihre Entwicklung von den kommunistischen Machthabern unterbrochen worden ist, in der Slowakei also 1945. Man versprach sich davon, die ursprünglich privilegierte Position der Kirche in der Gesellschaft wiederzuerlangen. Daher war das vorrangige Ziel das Zurückerhalten der enteigneten Kirchengüter (eine Sache umfassender Wiedergutmachung, die nicht nur von den Kirchen verlangt wurde). Dies sollte der Wiederherstellung der kirchlichen Institutionen und Organisationen in ihrer alten Form dienen: Orden, kirchliches Schulwesen, Verlage, Krankenhäuser, Vereine und Verbände. Diese Option schien am Anfang der Realität entsprechend, da die katholische Kirche in der Slowakei sich auch nach der kommunistischen Zeit zahlenmäßig stark halten konnte. Die Volkszählung 1991 wies auf, dass sich 60,4 Prozent der Bewohner der Slowakei zur römisch-katholischen Kirche bzw. 3,4 Prozent zur griechisch-katholischen Kirche bekannten. – In der Bevölkerung kam aber auch ein Gefühl der Bedrohung auf. Es gab Stimmen, die davor warnten, dass die Kirche zu viel Einfluss auf das öffentliche Leben bekäme und damit die Entwicklung zu einer freiheitlichen pluralistischen Gesellschaft beeinträchtigen würde.

  • Die zweite Option – Nischenoption – schwang zeitweise parallel zur ersten im Denken der Menschen mit, die auf die Nummer sicher gehen und nichts riskieren wollten: im Prinzip so wie in den letzten Jahrzehnten weiterzumachen und denselben Lebensstil wie im Kommunismus beizubehalten.

  • Die dritte Option war eine progressivistische, d. h. die slowakische Kirche nach dem westlichen Vorbild zu gestalten. Im Vordergrund ihres Interesses stand die Vorstellung einer Annäherung der Kirche an die heutige (westliche) Welt im Geiste des Dialogs. – Dagegen erhoben sich jedoch eine Barriere des Misstrauens gegen den westlichen Liberalismus und Warnungen vor der Säkularisierung, die man in den westeuropäischen Teilkirchen gesehen zu haben glaubte. Die neu gewonnene Freiheit wurde ambivalent erfahren: einerseits positiv als Redefreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit, als Freiheit der politischen Wahl – andererseits negativ als Freiheit, die missachtet und missbraucht werden kann. Diese Einschätzung förderte bei der kirchlichen Leitung die Neigung, den Gegner, den man vorher in der kommunistischen Ideologie sah, jetzt im Pluralismus auszumachen und sich in Abwehr – auch gegen die eigene mehr oder weniger bewusste Verunsicherung – hinter den eigenen kirchlichen Mauern zu verschanzen. Das Erbe der Vergangenheit, in den Andersdenkenden Feinde zu sehen, kommt hier verändert zum Vorschein.

  • Die vierte Option wäre als konziliar zu bezeichnen. In der Slowakei gibt es heutzutage zunehmend mehr katholische Christen, die einen Rückzug auf Feindbilder und die Verschließung der Kirche gegenüber der (post)modernen Welt für ein falsche Tendenz halten und verstärkt nach dem Aggiornamento im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils rufen. Sie sehen in den neuen demokratisch-pluralistischen Verhältnissen eine Chance, die bisher noch nicht umgesetzten Ansätze des Konzils für die Erneuerung der katholische Kirche in der Slowakei geltend zu machen, wie etwa Pluralität in der Kirche, herrschaftsfreie Kommunikation, Dialogbereitschaft in der Kirche und mit der Gesellschaft oder Beteiligung von Laien an den Entscheidungsvorgängen in der Kirche.

Diese Option ist vielleicht die schwierigste, zugleich aber offensichtlich die einzig erfolgsversprechende. Sie zielt zunächst auf eine geduldige Evaluierung jener Erfahrungen, die die Kirche während der Zeit des Totalitarismus gemacht hat. Das Aufarbeiten dieser Erfahrungen soll unter der Rückbindung an die epochalen Weisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils erfolgen, wobei das Zusammenspiel mit den Erfahrungen von Kirchen in freiheitlichen Demokratien nicht ausgeschlossen werden darf. Bei solchem Nachdenken ergeben sich konkrete Orientierungen für die Zurüstung der innerkirchlichen Verhältnisse als Antwort auf die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen.

Das Neue bewältigen

Gesellschaftliche Wüstenwanderung

Welche sind nun die gesellschaftlichen Herausforderungen? An der ersten Stelle steht die gesellschaftliche Wüstenwanderung. Nach dem symbolischen Fall des „Eisernen Vorhangs“ herrschte anfänglich eine allgemeine Euphorie, dass nach vierzig Jahren der Unfreiheit endlich die Befreiung kommt und die Rechtlosigkeit in der Gesellschaft durch ein rechtliches System ersetzt wird, in dem alle die gleichen Rechte und Pflichten haben.

Die sanfte Revolution weckte große Hoffnungen. An die Stelle von kommunistischen Gesellschaftsstrukturen wurden demokratische Strukturen gesetzt. In enormer Geschwindigkeit entstanden neue Parteien. Die Leitung der Gesellschaft übernahmen zumeist neue Politiker. Neue Verfassungen und Gesetze wurden verabschiedet, Gesellschaft und Staat entflochten. Der demokratische freiheitliche Pluralismus mit all seinen Freiheitsgraden wurde implementiert. In der Wirtschaft kam es zur Umstrukturierung, die eine Anpassung an den freien Markt der kapitalistischen Wirtschaft bedeutete.

Die Menschen haben jedoch bald die Erfahrung gemacht, dass zu den Grundbestimmungen ihrer neuen Lage der Verlust sozialer Sicherheit gehört: Es gibt keine sicheren Arbeitsstellen, Löhne und Preise. Der neue demokratische Staat ist (noch) arm und kann sich kein hohes Niveau sozialer Sicherung leisten. Die Marktwirtschaft ist sozial noch so ineffizient, dass sie zwar den wenigen Starken eine Chance bietet, großen Bevölkerungsteilen aber schwere Lasten aufbürdet. Die Gesellschaftsschichten klaffen immer krasser auseinander. Diese Erfahrung wirkt auf viele Menschen enttäuschend. Sie sind zwar frei geworden, zugleich aber arm.

Kirche als Anwältin gesellschaftlicher Freiheit und sozialer Gerechtigkeit

Eben hier kann die Kirche ihren ureigensten Platz in der Gesellschaft finden. Sie erinnert daran, dass Freiheit aus sich heraus allein noch keine Gerechtigkeit schafft, dass man vielmehr der Freiheit immer Gerechtigkeit abringen muss. Denn auf der Basis von breiter Ungerechtigkeit lassen sich Freiheit und sozialer Frieden nicht erhalten. Nur Gerechtigkeit schafft Frieden (vgl. Psalm 85,11). Freiheitliche Demokratien sind somit immer auch, wollen sie in Frieden bestehen, ein Solidarprojekt. Für eine demokratisch gestützte Politik der Gerechtigkeit braucht es aber eine Bevölkerungsmehrheit mit solidarischer Ausstattung.

Für die gesellschaftliche Präsenz der slowakischen Kirche ergibt sich daraus im Grunde genommen eine eindeutige Folgerung: Sie soll – ähnlich wie in der Zeit des Kommunismus, jedoch auf eine andere Weise – die Anwältin gesellschaftlicher Freiheit sein, was unter den Umständen der soeben errungenen Freiheit bedeutet, dass die Kirche:

  • ihre prophetische Stimme gegen die soziale Ungerechtigkeit erhebt,
  • enorme soziale Kraft entwickelt und die Solidarität fördert und
  • durch aktive Präsenz ihrer Mitglieder die politische und die wirtschaftliche Entwicklung zu beeinflussen versucht.

Hier wird es sich zeigen, ob die Kirche aus der Krisenzeit der Verfolgung anders herausgekommen ist, als sie hineinging: Ob sie – selbst arm und entrechtet – ein neues und tieferes Verhältnis zu den Armen und Entrechteten gewonnen hat; ob die Versuchung, sich mit den Herrschenden zu verbinden, geringer geworden ist.

Kritisch-prophetische Anwesenheit

Die Kirche in der heutigen slowakischen Gesellschaft hat sich auf die Seite der Schwachen, Unterdrückten und Ausgebeuteten zu stellen. Sie muss überall auf- und eintreten, wo Arbeitslose, Menschen an der Grenze des Existenzminimums, Randgruppen ohne Stimme sind. Dabei handelt es sich nicht nur um die übliche Wortverkündigung, mit der die aktiven Kirchenmitglieder erreicht werden, sondern auch um das Erheben der Stimme in aller Öffentlichkeit. Ausgehend vom Auftrag Jesu und aufgrund eigener Erfahrung der Nähe zu den armen und leidenden Menschen kann die Kirche zum sozialen Gewissen der Gesellschaft werden.

Offene Auseinandersetzung mit der Staatsführung

In den Jahren 1992-1998 zeigten die slowakischen Bischöfe mehrmals durch ihre öffentlichen kritischen Stellungnahmen, dass sie sich dieser Berufung bewusst sind. Sie wichen auch vor der offenen Konfrontation mit der Staatsführung unter dem damaligen Regierungschef Vladimír Mečiar nicht zurück. Vor allem in dieser Zeit gab es Versuche, die Kirche durch politisch-pragmatische Angebote gesellschaftlicher Vorteile für eigene Ziele zu instrumentalisieren. Der Preis dafür aber wäre gewesen, dass die Kirche sich systemkonform und systemloyal verhalten und auf jegliche gesellschaftliche Kritik verzichtet hätte.

Es gibt immer wieder Anzeichen dafür, dass die Versuchung, eine privilegierte Stellung einzunehmen, stets aktuell ist, vor allem wenn es um Vergünstigungen geht wie zum Beispiel die großzügigere Finanzierung der Kirche aus dem Staatsbudget oder die Wiederbelebung des kirchlichen Schulwesens. In diesem Zusammenhang muss die slowakische Kirche an die eindeutige Stellungnahme des Zweiten Vatikanischen Konzils erinnert werden: „Das Irdische und das, was am konkreten Menschen diese Welt übersteigt, sind miteinander eng verbunden, und die Kirche selbst bedient sich des Zeitlichen, soweit es ihre eigene Sendung erfordert. Doch setzt sie ihre Hoffnung nicht auf Privilegien, die ihr von der staatlichen Autorität angeboten werden. Sie wird sogar auf die Ausübung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, dass durch deren Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt ist, oder wenn veränderte Lebensverhältnisse eine andere Regelung fordern“ (Gaudium et Spes, 76). Die Kirche darf sich also nicht in der Gesellschaft einfach etablieren. Sie ist in der Gesellschaft und für die Gesellschaft da. Zugleich aber ist sie ein kritisches Gegenüber zur Gesellschaft. Biblisch ausgedrückt, die Kirche lebt in der Welt und für die Welt, ist aber nicht von dieser Welt.

Zivilgesellschaftliches Selbstverständnis der Kirche

Im Hinblick auf das politische Handeln der Kirche wird eine Akzentverlagerung von der alten staatszentrierten zu einer neuen gesellschaftszentrierten Perspektive deutlich. Für die slowakische Kirche ist die im Jahre 1991 erschienene Enzyklika Centesimus annus lehr- und aufschlussreich. Papst Johannes Paul II. trifft hier unverkennbar eine Option für das zivilgesellschaftliche Politikmodell. Unter dem Eindruck der friedlichen Revolutionen 1989/90 rückt er in seiner Sozialenzyklika explizit den Begriff der Subjektivität der Gesellschaft ins Zentrum seiner staats- und demokratietheoretischen Überlegungen. Dieser Begriff zielt auf eine deutliche Überordnung der Zivilgesellschaft über den Staatsapparat, denn die erste Verantwortung für die politischen Belange liegt für Johannes Paul II. nicht beim Staat, sondern bei den Einzelnen und bei den verschiedenen Gruppen und Vereinigungen, in denen sich die Gesellschaft artikuliert (CA 48, 2). Die Kirche erscheint als eine durchaus partikulare soziale Großbewegung, die sich in den gesellschaftlichen Spannungen als Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person versteht, um so zum Aufbau einer gerechten Gesellschaft beizutragen. Ein solches Selbstverständnis verlangt von der Leitung der katholischen Kirche in der Slowakei ein profundes Verständnis für die Zivilgesellschaft, die Klugheit, dieses Verständnis konkret umzusetzen, und die Bescheidenheit, nicht mit dem lehrenden Autoritätsanspruch aufzutreten, sondern mit geduldigem Argumentieren im gesellschaftlichen Diskurs zu bestehen. Kann sie das?

Mit der Welt – mitten in der Welt

Die katholische Kirche in der Slowakei konnte infolge der Kirchenverfolgung die grundlegend veränderte Einstellung der Kirche zur Welt, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil realisierte, nicht vollziehen. Nun besteht ein Nachholbedarf dahingehend, dass sie als Gemeinschaft der Glaubenden in der Gemeinschaft der Menschen steht und als Gemeinschaft der Jünger Christi mit der Menschheitsfamilie lebt. Diese neue Sicht beschreibt der heutige Papst in seinem nach dem Konzil verfassten Kommentar zu „Gaudium et spes“: „Die Kirche findet ihr Gegenüber im Menschengeschlecht, etwa in den Nichtchristen, Nichtgläubigen usw. Aber sie kann sich nicht außerhalb davon stellen und kann sich nicht aus Dialoggründen aus ihm ausklammern, um künstlich eine Solidarität herzustellen, die in Wahrheit ohnehin ihr Geschick ist. Das Unverständnis für diesen Sachverhalt kann man wohl nur aus einem tief eingewurzelten Extrinsezismus des kirchlichen Denkens und aus der langjährigen Gewöhnung an die Ausklammerung der Kirche aus der allgemeinen Entwicklung wie aus dem Rückzug in eine kleinkirchliche Sonderwelt verstehen, von der aus man nun zur übrigen Welt zu sprechen versucht.“6

Konkretisierungen

Auf diesem breiten Tätigkeitsfeld wären einige Aufgaben als ganz besonders vordergründig wahrzunehmen wie

  • die Förderung des Öffentlichkeitscharakters der Theologie, welche ihr „Geschäft“ nicht lediglich „schulmäßig“ betreiben dürfte;
  • die verstärkte und mutige Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, wobei die Stellungnahmen der Kirche nicht oberhalb, sondern mitten in der kommunizierenden Gesellschaft stehen sollen;
  • die Verdeutlichung, dass der Religionsunterricht nicht nur eine kirchliche, sondern auch eine gesellschaftliche Funktion erfüllt, wenn er bei der Stärkung der katholischen Identität zugleich den Herausforderungen einer offenen demokratischen Gesellschaft und ihrer Kultur entspricht und dem weltanschaulichen Pluralismus gerecht wird;
  • das Verständnis der Erwachsenenbildung als des Weges zur Gesellschaftsbildung.

Alle diese Aufgaben hängen mit der Gesamtaufgabe der katholischen Kirche in der Slowakei zusammen, welche die positive Einstellung des Zweiten Vatikanischen Konzils zur modernen Gesellschaft und ihrer Kultur noch in die Praxis umzusetzen hat. Die Erfahrung der gesamten Entwicklung in den Jahren der religiösen Freiheit lässt hoffen, dass die katholische Kirche in der Slowakei den Herausforderungen ihrer je neuen Positionierung in der profanen Gesellschaft gerecht wird.


Fußnoten:


  1. Pastoralbrief der Slowakischen Bischofskonferenz zu den Parlamentswahlen 2006 vom 28.05.2006 (Pastiersky list k parlamentným voľbám 2006; Quelle: http://www.kbs.sk/?cid=1148889457). 

  2. Vgl. Miroslav Kusý: „So schmeckt das bischöfliche Brötchen“ (Tak chutí biskupský chlebíček), in: Tageszeitung „SME“, 01.06.2006. 

  3. Um sich eine Vorstellung von der Gesamtausrichtung des Pastoralbriefes der slowakischen Bischöfe zu machen, hier die wörtliche Wiederholung der darin zitierten Texte: „Um die zeitliche Ordnung im genannten Sinn des Dienstes am Menschen christlich zu inspirieren, können die Laien nicht darauf verzichten, sich in die „Politik“ einzuschalten, das heißt in die vielfältigen und verschiedenen Initiativen auf wirtschaftlicher, sozialer, gesetzgebender, verwaltungsmäßiger und kultureller Ebene, die der organischen und systematischen Förderung des Allgemeinwohls dienen …“ „Sehr wichtig ist besonders in einer pluralistischen Gesellschaft, dass man das Verhältnis zwischen der politischen Gemeinschaft und der Kirche richtig sieht, sodass zwischen dem, was die Christen als Einzelne oder im Verbund im eigenen Namen als Staatsbürger, die von ihrem christlichen Gewissen geleitet werden, und dem, was sie im Namen der Kirche zusammen mit ihren Hirten tun, klar unterschieden wird. Die Kirche, die in keiner Weise hinsichtlich ihrer Aufgabe und Zuständigkeit mit der politischen Gemeinschaft verwechselt werden darf, noch auch an irgendein politisches System gebunden ist, ist zugleich Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person“ (Gaudium et Spes, 152) (Johannes Paul II.: Christifideles Laici, 42). 

  4. Die KDH verließ einige Monate vor den Parlamentswahlen 2006 das damals regierende Koalitionsbündnis, weil die Regierung Dzurinda die Gespräche mit dem Vatikan über den Vertrag zum Schutz von Gewissensfreiheit unterbrochen hatte. – Vgl. dazu auch die Hinweise im Beitrag von Jaroslav Daniška, oben S. 262. 

  5. Robert Fico äußerte dann auch nach dem Treffen am 05.09.2006, seine Regierung werde Themen wie die rechtliche Gleichstellung der registrierten Partnerschaften mit der Ehe oder die Trennung von Kirche und Staat nicht angehen. Bischof František Tondra erklärte anschließend vor der Presse, die Regierung könne die Unterstützung der katholischen Kirche erhalten, da das vom Regierungschef präsentierte Sozialprogramm akzeptabel und unterstützungswürdig sei. Vgl. Meldung der „SME“ vom 06.09.2006. 

  6. Joseph Ratzinger: Kommentar zu „Gaudium et Spes“, in: Lexikon für Theologie und Kirche, 2. Aufl., Erg.-Bd. 3, Sp. 316.