Tschechen und Slowaken – eine besondere Beziehung

aus OWEP 4/2006  •  von Jaroslav Šonka

Dr. Jaroslav Šonka, gebürtiger Tscheche, ist seit 1995 Studienleiter an der Europäischen Akademie in Berlin. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Transformation der mittel- und osteuropäischen Länder, besonders auf dem Gebiet der Medien.

Zwei Stühlchen in Brüssel?

Als sich die Tschechoslowakei 1989 auf den Weg zur demokratischen Transformation begab, war die Begeisterung der Tschechen und Slowaken gleich, ungleich waren jedoch ihre Voraussetzungen, diese Transformation zu realisieren. Schon im Widerstand gegen den Kommunismus war es auffällig gewesen, wie wenig sich slowakische Dissidenten an der Bewegung der Charta 77 beteiligten, obwohl die Slowaken keineswegs generell mehr dem Kommunismus zugeneigt waren. Im Gegenteil, die Mehrheit der Slowaken war tief im Katholizismus verankert – im Unterschied zu den Tschechen, die religiös sehr heterogen sind und vielfach mit religionskritischen und atheistischen Strömungen sympathisieren. Wegen dieser unterschiedlichen Voraussetzungen ist auch die entstehende Parteienlandschaft beider Teile der Tschechoslowakei von vornherein verschieden gewesen. Einer, der dem katholischen Dissidententum in der Slowakei angehörte, Ján Čarnogurský, entwickelte für die Teilung und den Weg nach Europa eine geeignete Metapher. Er hatte die Vision von den „zwei Stühlchen“ in Brüssel. Das tat er zunächst wegen der schlechten Presse. Ansätze zur Teilung in Mitteleuropa wurden nämlich in der westlichen Presse durchwegs negativ kommentiert; man befürchtete Konflikte, wie sie sich dann auch auf dem Balkan entwickelten. Doch nach zwei Jahren gemeinsamer Transformation war es klar: Die Teilung wird es geben, sie passiert friedlich und Čarnogurskýs Metapher, „zwei Stühlchen in Brüssel“, war nach weiteren zwölf Jahren Realität.

Doch der Weg bis dahin war mit vielen Aufgaben gepflastert. Teilung des Vermögens, Teilung der Administrative, Aufbau eines slowakischen diplomatischen Dienstes, Aufteilung der Armee, ja sogar die Grenze war vorübergehend wichtig und für die Bürger spürbar. Zeitweise entwickelte sich eine Kultur der gegenseitigen Beschwerden: Die Tschechen seien überheblich, die Slowaken kosteten nur Geld. Die Slowakei brauche endlich einen Platz, auf dem man die Nation überhaupt als solche bemerke (deutsche Sportreporter waren Weltmeister in der Abkürzung – jeder Tschechoslowake war einfach „Tscheche“, was manchem Slowaken übel aufstieß). Und Tschechien (wie lange suchte man nach diesem Namen, um Hitlers „Tschechei“, als „Rrrresttschechei“ in den Ohren, zu vermeiden) wollte von der Last des vermeintlich unterentwickelten Partners befreit werden. Heute ist vieles erfüllt, aber auch vieles anders geworden, als 1992 geplant.

Politischer Weg

Das politische System der Tschechoslowakei des Jahres 1992 war eine Föderation. Zunächst hat sich das Land von der asymmetrischen föderalen Ordnung der kommunistischen Tschechoslowakei befreit, in der nur die Slowakei eine Regierungsstruktur unterhalb der gesamtstaatlichen hatte. Nun also, nach dem ersten Schritt der Gleichberechtigung, waren beide Landesteile befähigt, auf gleicher Ebene miteinander zu kommunizieren. Die Teilung, die – hätte man damals die Bürger befragt – kaum eine Zustimmung bekommen hätte, wurde von der politischen Elite anhand empfundener Unzufriedenheit der Wählerschaft ausgehandelt. Entscheidend für diesen Schritt waren zwei Persönlichkeiten, die nicht verschiedener hätten sein können: der Gründer der national-liberalen Partei ODS, Václav Klaus, auf der tschechischen Seite und der ehemalige Kommunist und Gründer einer Mitte-links Bewegung für eine demokratische Slowakei (HZDS), Vladimír Mečiar. Beide bezeichnen sich gegenseitig bis heute als besonders zuverlässige Partner. Dies ebnete mit Sicherheit den Weg zu einer administrativ sauberen Trennung. Aber bis heute gibt es Stimmen, die sich über das Ignorieren der Stimme des Volkes beschweren. Scherzartikel, die Mečiar und Klaus im jeweils anderen Teil der Tschechoslowakei lächerlich machen sollten, sind heute bereits kaum beachtete Antiquitäten. Wichtig waren in den Trennungsjahren zunächst die Währungstrennung (auch die gestempelten Banknoten sind heute ebenfalls eine Antiquität) und die Überwindung wirtschaftlicher Nachteile, die vor allem der Slowakei durch kommunistisches Missmanagement entstanden waren. So wurden in der Slowakei veraltete Panzer gebaut und in Košice (wegen der Nähe der sowjetischen, heute ukrainischen Grenze und der von dort gelieferten Rohstoffe) Stahl in nicht besonders zukunftsträchtigen Betrieben produziert.

Heute sind beide neuen Staaten im steten Wettbewerb um Standorte des Autobaus, und die Slowakei gewinnt die Krone als jenes Land Europas, in dem der größte Anteil der Bevölkerung im Autobau beschäftigt ist. Die liberal orientierte Regierung von Mikuláš Dzurinda, der Vladimír Mečiar ablöste, sorgte in der Wirtschaft und bei der Europafähigkeit des Landes für schnellen Fortschritt. Dennoch ist Dzurinda in der letzten Wahl unterlegen. Die neue Regierung von Robert Fico schraubt einige von Dzurindas Reformen zurück. Vergleiche des Reformweges in beiden Ländern und gegenseitige Hilfe verwandter politischer Subjekte im Wahlkampf sind an der Tagesordnung.

Paradoxien des Jahres 2006

Die Slowaken haben ab 1993 einige Grundlagen ihrer Politik deutlich anders gestaltet als die Tschechen. So wurde Robert Schuster zum zweiten Präsidenten der Republik gewählt. Der deutschstämmige Politiker aus der Minderheit der Karpatendeutschen war recht populär, und das Land söhnte sich mit diesem Teil seiner Bevölkerung, auch auf seiten der Vertriebenen, schnell aus. Die ungarische Bevölkerung der Slowakei beteiligte sich ebenfalls an der politischen Entwicklung; die wichtigste Partei dieser Minderheit war in Dzurindas Regierungskoalitionen vertreten. Wie ein Schritt in die düstere Vergangenheit wirkt es dann, wenn in der neuen Regierungskoalition Ján Slota, der Vorsitzende eines nationalistischen Koalitionspartners, eine Kampagne gegen die ungarische Minderheit als angebliche „fünfte Kolonne“ führt. Ministerpräsident Fico kann noch so oft dementieren und versichern, dass seine Koalition an der Nationalitätenpolitik nichts ändern werde, doch Hinweise Slotas auf die Dekrete des Präsidenten Beneš, die am Kriegsende die Vertreibung des Sudetendeutschen vorbereitet hatten und nach Slota auch in der Südslowakei hätten angewendet werden sollen, sorgen für schlechte Schlagzeilen auch im Ausland. Merkwürdigerweise vergisst Slota, der früher auch gegen Tschechen starke Worte benutzte, dass Beneš nach dem Krieg die Wiedereingliederung der Slowakei in den gemeinsamen Staatsverband betrieb, das Todesurteil gegen den klerofaschistischen Präsidenten der Slowakei von Hitlers Gnaden, Jozef Tiso, bestätigte und deshalb nicht von allen Slowaken geliebt wurde. Die mitteleuropäische politische Ordnung kann heute selbst solche Angriffe überwinden, denn offensichtlich – das zeigt die zurückhaltende Reaktion aus Ungarn – sind sie kurzlebigen politischen Plänen entsprungen.

Zur derzeitigen Lage

Was bedeutet das jedoch für die Bürger? Zur Zeit wird in ganz Europa heftig darüber diskutiert, ob die intensiven Bewegungen von Studenten ins Ausland reguliert werden sollen. Selbst westliche Länder debattieren über Zugangsbeschränkungen. Zwischen Tschechien und der Slowakei sind solche Ansätze schon mehrfach vom Tisch gefegt worden. Zuletzt fragte die Zeitung „Lidové noviny“ ihre Leser, ob eine Ausländerquote auch auf tschechischen Hochschulen eingeführt werden sollte. Und ein offensichtlich provokativ gemeinter Punkt war dabei, ob „wenigstens für die Slowaken“ eine Quote eingeführt werden sollte. Die Zustimmung bei diesem Punkt war besonders niedrig. Die Universitäten prüfen in der Regel nicht einmal, ob jemand seine Prüfung tschechisch oder slowakisch ablegt.

Nach der zehnjährigen Entwöhnung fängt man in Tschechien endlich wieder an, die slowakische Sprache auch richtig zu beachten und darüber öffentliche Diskussionen zu führen. Überrascht stellen Eltern fest, dass sie zwar selber die sehr ähnliche Nachbarsprache verstehen, denn sie haben in ihrer Kindheit die Nachrichtensendungen im Fernsehen zweisprachig vorgetragen bekommen. Aber heutige tschechische Kinder haben mit dem Slowakischen Probleme. Das ist umgekehrt etwas anders, da viele Filme auf Tschechisch synchronisiert wurden und in der Slowakei immer noch so gezeigt werden; auch tschechische Fernsehkanäle werden in die Netze eingespeist. In Prag ist jetzt jedoch eine Diskussion entstanden, ob ein neues tschechisch-slowakisches Fernsehen eine Chance hätte. Dennoch, ein slowakisches Buch in Prag zu kaufen, ist ein kleines Abenteuer, denn die einzige Buchhandlung muss erst gefunden werden - und die Lagerkapazität des Ladens ist klein. Wenn aber ein Tscheche z. B. Ungarisch lernen will, stellt er schnell fest, dass es nur über slowakische Lehrmaterialien geht. Die Geschichte, auch die Jahrhunderte des ungarischen Königreichs, wirken sich so bis heute aus.

Die europäische Integrationspolitik hat auch zwischen Tschechien und der Slowakei viele Wogen geglättet. So gibt es innerhalb der EU keine Zollgrenzen mehr; eine Außengrenze haben nur die Flughäfen und die Slowakei etwa 100 km lang mit der Ukraine. Bei der verstärkten polizeilichen Zusammenarbeit kommen vielfach Experten zusammen, die schon in der Tschechoslowakei zusammen gearbeitet haben.

Zukunftsperspektive

Auch diese neuesten Entwicklungen müssen in die geschichtlichen Zusammenhänge eingeordnet werden – und die waren keineswegs vom Konflikt geprägt. Allzu oft wird heute vergessen, dass die modernen nationalistischen Abgrenzungen ein Ergebnis des 19. Jahrhunderts sind. Im Kontext der k. u. k. Donaumonarchie haben Tschechen und Slowaken vielfach kooperiert, aber auch verschiedene Ansätze entwickelt. Der administrativ-sprachliche Homogenisierungsdruck des Deutschen und Ungarischen hat sie in eine analoge Lage gebracht.

Interessant ist auch die Geschichte der Religionen. Durch die türkische Spaltung Ungarns wurde nur der Westen der habsburgischen Rekatholisierung unterworfen. In Siebenbürgen, damals ein halbfreier Vasall der Osmanen, ist die Religionsfreiheit erhalten geblieben, genauso wie im türkisch besetzten Teil von Ungarn. Hier haben nicht nur die Hussiten (als angeworbene Krieger), sondern später auch die Mährischen Brüder Zuflucht gesucht und gefunden. Hier hielt sich auch Comenius auf. Und für die slowakischen Protestanten ist bis heute die Kralitzer Bibel die maßgebliche Übersetzung – eine tschechisch-slowakische Gemeinsamkeit, die in ihrer kulturellen Auswirkung kaum hoch genug bewertet werden kann. Sie motivierte vor 1918 die Verhandlungen zur Gründung eines gemeinsamen Staates und ist verantwortlich für eine Reihe lexikographischer Gemeinsamkeiten beider Sprachen. Aber auch auf katholischer Seite gibt es besondere Durchdringungen. So haben z. B. die Prämonstratenser, heute überwiegend in Tschechien präsent, slowakische Mitbrüder; an der Spitze des Klosters Selau (Želiv) steht sogar ein slowakischer Abt.

Selbst im privaten Bereich gibt es vielfache tschechisch-slowakische Beziehungen. Gemischte Ehen sind bis heute eine wichtige Auswirkung der tschechoslowakischen Gemeinsamkeit. Eine besonders hohe Zahl (400.000) kann nur eine Schätzung sein, denn die Wechsel der Staatsangehörigkeit überdecken die Realität und die empfundene Identität. Man hört zwar in Prag gelegentlich „Sie ist hier hineingeheiratet, aber nach 15 Jahren spricht sie noch slowakisch“. Aber dies liegt am Rande des verachteten Tratsches. Ein slowakischer Student, der in der Drogerie jobbt, muss deshalb keinen Sprachkurs absolvieren.

Ein anfangs negativer Aspekt auf dem tschechisch-slowakischen Feld waren die Verzögerungen bei der Erteilung der Staatsangehörigkeit an die Roma: Der tschechische Staat verstand sie als eine Problemgruppe, und bei der Ermittlung der Staatsangehörigkeit nach der Trennung war der Geburtsort maßgeblich. Nur zu gerne wollte man diese „Slowaken“ los werden und die Zwangsumsiedlungen und die massive Einwerbung (in der kommunistischen Zeit betrieben) in die früher von Sudetendeutschen bewohnten Gebiete waren plötzlich vergessen. Es kam jedoch – auch durch die Einwirkung der internationalen Öffentlichkeit – zu entsprechenden Gesetzesänderungen. Inzwischen wird mehr über die Integration der Roma als über die Staatsangehörigkeit gesprochen. Im Rahmen der „Dekade der Roma-Inklusion“ arbeiten beide Staaten Hand in Hand.

Infolge der europäischen Integration haben sich neue Beziehungen zwischen den beiden Nachfolgestaaten der Tschechoslowakei entwickelt. So werden Texte der EU in gemeinsamen Ausschüssen diskutiert. Die große Menge von Richtlinien, Verordnungen und anderen Regeln verlangt teilweise auch nach neuen Ausdrücken, die in beiden Sprachen gemeinsam gesucht werden. Das Gegenlesen europäischer Texte quer über die tschechisch-slowakische Sprachgrenze ist wichtig und hilfreich. Ohne das Gefühl einer besonderen Beziehung werden tschechisch-slowakische Kontakte noch lange nicht – und vielleicht nie – gepflegt werden können.