Die Slowakei und „ihre“ Deutschen

aus OWEP 4/2006  •  von Rudolf Grulich

Prof. Dr. Rudolf Grulich ist Direktor des Instituts für Kirchengeschichte Böhmen-Mähren-Schlesiens in Königstein und Honorarprofessor für Kirchengeschichte an der Universität Gießen.

Unter den weit über 3 Millionen Deutschen, die es vor dem Zweiten Weltkrieg in der damaligen Tschechoslowakei gab, betrug ihre Zahl in der Slowakei rund 150.000. Etwa 100.000 von ihnen waren katholisch, das restliche Drittel war evangelisch, und zwar im Gegensatz zu den oft kalvinistischen Ungarn lutherisch. Diese Deutschen wurden bereits damals im Gegensatz zu den Alpendeutschen und Sudetendeutschen der Donaumonarchie als Karpatendeutsche bezeichnet und waren vor allem auf die Siedlungsgebiete der Zips in der Ostslowakei, des Hauerlandes in der mittleren Slowakei und der Umgebung von Pressburg (Bratislava) konzentriert. Während es sich im Falle der Zips und des Hauerlandes um Sprachinseln handelte, reichte bei Pressburg deutsches geschlossenes Siedlungsgebiet über die österreichische Grenze in die Slowakei hinein.

Ein Blick in die Geschichte

Die Karpatendeutschen waren bis zum Ersten Weltkrieg starker Magyarisierung unterworfen. Durch die nach 1918 in Böhmen und Mähren neu erwachende sudetendeutsche Jugendbewegung sowie durch den Einsatz sudetendeutscher Junglehrer in der Slowakei und auch in der seit 1920 zur Tschechoslowakei gehörenden Karpatoukraine kam es aber relativ bald zu einem neuen nationalen Selbstbewusstsein der deutschen Volksgruppe in der Slowakei. Dieses Gebiet hatte ein Jahrtausend unter dem Namen „Oberungarn“ zum ungarischen Reich („Länder der Stephanskrone“) gehört, während Böhmen und Mähren-Schlesien bis 1806 Teil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation waren und bis 1866 im losen Gefüge des Deutschen Bundes blieben.

In das Gebiet der seit 1993 selbständigen Slowakei waren nach ersten Einwanderungen im 10. und 11. Jahrhundert Deutsche vor allem im 12. und 13. Jahrhundert von den ungarischen Königen ins Land gerufen worden. Am Fuße der Hohen Tatra in der Zips siedelten sie schon unter König Geza II. (1142-1162) und seinen Nachfolgern. Als Grenzhüter an den Karpatenpässen hatten diese Zipser Deutschen manche Sonderrechte, die zu ihrer späteren politischen Sonderstellung führten. Wichtige Städtegründungen waren u. a. Schemnitz (Banska Štiavnica), Kremnitz (Kremnica), Käsmark (Kežmarok), Leutschau (Levoča), Kaschau (Košice), Preschau (Prešov) und Bartfeld (Bardejov), deren Kirchen und Kunstwerke noch heute an diese deutsche Zeit erinnern, auch wenn die meisten dieser Städte bis auf die Bauten ihr deutsches Gepräge inzwischen verloren haben. Zahlreiche Kunstwerke deutscher Handwerker und Künstler sind bis heute in den Kirchen dieser Städte erhalten; sie zeigen, welchen kulturellen Beitrag die deutsche Besiedlung der Slowakei für die Ausprägung des kulturellen Niveaus dieses Landes leistete. So ist ein Großteil des UNESCO-Weltkulturerbes der Slowakei von Deutschen geschaffen, wie Zipser Burg und Kapitel, Schemnitz und Bartfeld.

Im Gegensatz zum Reichsteil Ungarn nach dem Österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 war das alte Ungarn der Stephanskrone ein multinationaler Staat. Der erste christliche König Stephan schrieb im Testament seinem dann aber vor ihm verstorbenen Sohn Emmerich, er möge immer verschiedene Völker und Nationen in seinem Reiche fördern, denn ein Reich mit vielen Nationen sei stark, eines mit nur einem Volk und einer Sprache kraftlos und schwach. Die Reformation fand in vielen Städten der heutigen Slowakei Eingang und bewirkte eine Vertiefung der Kontakte mit Deutschland. Die Gegenreformation brachte mit der Katholisierung auch eine erste Slowakisierung.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit

Der österreichische Ausgleich mit Ungarn nach 1867 überließ die Slowakeideutschen der Magyarisierung und Entnationalisierung, die durch die Abhängigkeit vom gesamtungarischen Markt auf wirtschaftlichem Gebiet noch gefördert wurde. Die Schulen wurden so magyarisiert, dass noch nach dem Ersten Weltkrieg eine der beiden deutschen Parteien, die „Zipser Deutsche Partei“ (ZDP), magyarisch ausgerichtet war, während sich die „Karpatendeutsche Partei“ (KdP) in den dreißiger Jahren an die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins anschloss. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei und der Entstehung eines partiell selbstständigen slowakischen Staates im März 1939 wurde die KdP in „Deutsche Partei“ umbenannt. Sie wurde die einzige deutsche politische Vertretung des neuen Staates, die nun alle deutschen Organisationen und Vereine unter Kontrolle hatte.

Mit der Unabhängigkeitserklärung wurde auch die Stellung der deutschen Volksgruppe im neuen Staat geregelt, doch brachten der Krieg und die nationalsozialistische Propaganda viele Probleme. Zahlreiche Deutsche stellten sich gegen die Bevormundung aus Berlin. Der von der Sowjetunion organisierte slowakische Aufstand von 1944 traf manche deutsche Gemeinde sehr schwer; so kam es dort auch zu Massenmorden durch die Partisanen. Die deutsche Wehrmacht schlug den Aufstand nieder, aber dadurch übernahm Berlin nun die totale Kontrolle über die in mancher Hinsicht bis dahin noch relativ eigenständige Republik. Wegen des Vordringens der Roten Armee wurden seit Oktober 1944 zunächst die deutschen Dörfer der Zips, seit Januar 1945 auch des Hauerlandes und der Umgebung von Pressburg evakuiert. Die Angaben über die Zahl dieser Evakuierten sind widersprüchlich und ungenau, doch dürften mit fast 120.000 Evakuierten fast 80 Prozent der Karpatendeutschen damals ihre Heimat verlassen haben. Sie wurden in Österreich und im Sudetenland untergebracht.

Wie im tschechischen Teil der Tschechoslowakei wurden auch in der Slowakei nach dem Zweiten Weltkrieg die Deutschen größtenteils vertrieben. Dabei ist wenig bekannt, dass dies erst endgültig nach der Konferenz von Potsdam erfolgte und dass im Sommer 1945 sehr viele Karpatendeutsche aus dem Sudetenland in die Slowakei zurückkehrten oder zurückzukehren versuchten. Im mährischen Prerau (Přerov) wurde ein solcher Rückkehrerzug Ende Juni 1945 von slowakischen Soldaten gestoppt, die ihrerseits von einer „Siegesfeier“ aus Prag nach Engerau (Petržalka) bei Pressburg zurückkehrten. 279 Menschen, meist Frauen und Kinder, sowie 63 alte Männer, wurden damals erschossen und in einem Massengrab verscharrt. Als im August 1945 die Konferenz der Großen Drei in Potsdam die „humane Umsiedlung“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei, Polen und Ungarn beschloss, kam es auch in der Slowakei zur systematischen Vertreibung. Lager für sie waren bereits seit Frühjahr 1945 dort errichtet worden, wo die Rote Armee das Land besetzt hatte. Auch wenn die Slowaken den Deutschen gegenüber nicht so feindlich eingestellt waren wie die meisten Tschechen und es nicht zu solch hasserfüllten Ausschreitungen und Übergriffen kam wie in Böhmen und Mähren, war die Lage der Deutschen trostlos. Wie im tschechischen Teil der wiedererstandenen Republik waren es oft Kollaborateure mit den Nationalsozialisten, die sich nun buchstäblich mit dem Blut von Deutschen rein waschen wollten.

In vier Aussiedlungslagern wurden die Deutschen zusammengefasst und seit Ende April 1946 in die US-Zone und die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands ausgesiedelt. Wie aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien erfolgte dieser „humane Transfer“ organisiert in Viehwaggons, wobei jeweils 1.200 Menschen, und zwar je 30 in 40 Waggons, in 27 Transporten bis Oktober 1946 betroffen waren, also 32.400 Personen. Weitere Transporte von Deutschen, darunter auch Antifaschisten, folgten 1947. Slowakische Publikationen gehen heute von damals 24.000 in der Slowakei verbliebenen Deutschen aus, die aber zum Teil innerhalb des Landes umgesiedelt wurden. Ihre Zahl verringerte sich durch die Familienzusammenführung seit den sechziger Jahren noch erheblich.

Die Machtübernahme der Kommunisten 1948 brachte den Deutschen die Rückgabe ihrer durch die Beneš-Dekrete verlorenen Staatsbürgerschaft auf Antrag. Erst im April 1953 aber wurde ein Gesetz verabschiedet, nach dem „Personen deutscher Nationalität, die die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft … verloren haben und deren Wohnort zum Tage der Inkrafttretung dieses Gesetzes auf dem Gebiete der Tschechoslowakischen Republik ist, zu tschechoslowakischen Staatsbürgern werden, insofern sie die Staatsbürgerschaft nicht schon früher erhalten haben.“ Dies bedeutete aber noch nicht die Anerkennung der Deutschen als einer Minderheit. Auch die Verfassung vom Jahre 1960 gewährte dieses Recht nur den Ungarn, Polen und Ukrainern-Ruthenen. Erst das Verfassungsgesetz vom 28. Oktober 1968 erkannte auch die Deutschen als nationale Minderheit an. Der damals neu entstandene Kulturverband der deutschen Werktätigen in der ČSSR war mit seinen Ortsgruppen aber auf die Tschechische Sozialistische Republik beschränkt.

Neuanfang nach der Wende

Es dauerte bis zur „samtenen Revolution“ von 1989, dass es möglich wurde, auch wieder deutsches Volksgruppenleben in der Slowakei zu organisieren. Heute sind die offiziellen Zahlen für die deutsche Minderheit in der seit 1993 selbstständigen Republik Slowakei mit 5.000 Angehörigen sehr klein. Die Dachorganisation der Volksgruppe, der Karpatendeutsche Verein, hat aber rund 30 Ortsgruppen im ganzen Land und geht von 15.000 Deutschen aus, von denen viele in nationalen Mischehen leben, sodass die junge Generation fast völlig slowakisiert ist. Für sie werden wieder Sprachkurse und Sommerlager veranstaltet.

Monatlich erscheint als deutsche Zeitung das „Karpatenblatt“. Nur zwei Orte haben noch deutschen Charakter und eine deutsche Mehrheitsbevölkerung: Metzenseifen und Hopgarten, wo es auch deutsche Ortsschilder gibt. Obgleich auch die Slowakische Republik die Beneš-Dekrete nicht aufgehoben hat (und dies auch wegen der Forderungen der von diesen Dekreten ebenfalls betroffenen starken ungarischen Minderheit nicht tun wird), ist das Verhältnis der Regierung in Bratislava gegenüber der deutschen Minderheit weit entkrampfter als das zwischen der Regierung in Prag und den Sudetendeutschen. Der slowakische Staatspräsident Rudolf Schuster bekannte sich zu seiner deutschen Herkunft und pflegte Kontakte zur Karpatendeutschen Landsmannschaft in der Bundesrepublik. Man stelle sich vor, der tschechische Präsident Václav Klaus nähme an einem Sudetendeutschen Tag der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Nürnberg teil, was Schuster in Karlsruhe tat! In Bratislava gibt es ein Kulturmuseum der Karpatendeutschen, das Teil des Slowakischen Nationalmuseums ist. Das Kulturmuseum der Karpatendeutschen bietet Sonderausstellungen und veröffentlicht Studien zu Geschichte und Kultur der Deutschen in der Slowakei. Die Deutschen sind beim Festival der Minderheiten vertreten, so 2005, als sie mit der bulgarischen, tschechischen, kroatischen, ungarischen, mährischen (!), polnischen, rusinischen, ukrainischen, jüdischen und der Roma-Minderheit das Programm gestalteten. Die Schirmherrschaft dieses Festivals hatten der Staatspräsident, der Ministerpräsident, der Parlamentspräsident sowie weitere Vertreter des Staates und der Stadt Bratislava übernommen.