Kroatien, Land der Gegensätze

aus OWEP 3/2013  •  von Thomas Bremer

Zusammenfassung

In geografischer und historischer Hinsicht bietet Kroatien ein abwechslungsreiches Bild. Es gehört zu den ältesten Staatsgebilden Europas, hat aber erst im 20. Jahrhundert zur Selbstständigkeit gefunden und sucht nach dem kürzlich erfolgten Beitritt zur Europäischen Union die ihm angemessene Stellung in Europa. Der Beitrag zeigt die wichtigsten Stationen dieser Entwicklung auf.

Prof. Dr. Thomas Bremer ist Mitglied der Redaktion dieser Zeitschrift.

Land der Vielfalt

In Südosteuropa, das reich an Gegensätzen ist, gibt es wohl kaum ein Land, das seinerseits so viele Gegensätze in sich vereint wie Kroatien: Das Land liegt am Mittelmeer und stellt zugleich die erfolgreichste Olympiateilnehmerin im alpinen Skilauf, die es jemals gegeben hat; es lassen sich mitteleuropäische, mediterrane, balkanische und sogar orientalische Kultureinflüsse finden; wer das Land bereist, sieht hochmoderne Gebäude in den Städten, zuweilen aber auch viel Rückständiges auf dem Lande; im politischen Spektrum findet sich neben einer starken Betonung des Nationalen auch eine große Tradition von linken Ideen und ihren Vertretern. Viele andere Beispiele aus anderen Bereichen ließen sich anführen.

Woher kommt diese Vielfalt? Um sie zu verstehen, ist es nötig, einen Blick in die Geschichte zu werfen. Hier zeigt sich ein weiterer Gegensatz – Kroatien ist nämlich zugleich ein sehr altes wie auch ein sehr junges Land. Es gab seit dem Mittelalter kroatische Staaten in unterschiedlichen Formen; doch die heutige Republik Kroatien besteht als selbstständiger Staat in ihren jetzigen Grenzen erst seit gut zwanzig Jahren. Bei der Betrachtung der kroatischen Geschichte muss klargestellt werden, dass vom Land Kroatien die Rede ist – das ist aber keinesfalls deckungsgleich mit allen Gebieten, in denen Kroaten leben: Vor allem in Bosnien und Herzegowina, in Serbien und in Montenegro siedeln Kroaten, doch auch etwa im österreichischen Burgenland. Und umgekehrt wird der Staat Kroatien nicht nur von Kroaten bewohnt, sondern auch von Angehörigen anderer Nationen – eine Situation, die nicht nur in Südosteuropa ja häufiger vorzufinden ist.

Die heutige Republik Kroatien erstreckt sich in einem immer dünner werdenden Streifen an der Adriaküste nach Südosten. Parallel dazu verläuft – im Nordwesten breiter – die dinarische Gebirgsregion, eine zumeist unwirtliche und wenig fruchtbare Gegend, die das im Norden des Landes gelegene Slawonien von der Küstenregion trennt. Slawonien erstreckt sich am Fluss Save entlang, der die Südgrenze zu Bosnien und Herzegowina bildet, über einen Teil der Pannonischen Ebene bis zur Donau, die wiederum die Grenze zu Serbien darstellt. Man hat die Form des Landes scherzhaft mit einem Hörnchen verglichen, und tatsächlich ergibt sich auf der Karte der Eindruck, als umfasse Kroatien auf drei Seiten sein Nachbarland Bosnien und Herzegowina. Es ist daher nicht überraschend, dass die kroatische Geschichte immer in lebhafter Interaktion mit der dieses Landes, aber auch mit der der anderen Nachbarn – heute sind das außerdem noch Slowenien, Ungarn, Serbien, Montenegro und (mit einer Seegrenze, wobei eine endgültige Klärung noch aussteht) Italien – stand und daher in diesem Kontext gesehen werden muss.

Jeder Besucher der kroatischen Adria ist beeindruckt von den hohen Bergen, die sich oft nur wenige Kilometer vom Meer entfernt steil erheben. Sie haben dafür gesorgt, dass die Küstenregion mit den zahlreichen Inseln – mehr als 1.200, von denen allerdings die meisten unbewohnt sind – historisch immer zum Mittelmeerraum und zu Italien gravitiert hat, da das Hinterland nur schwer zugänglich war. Das Küstenland war in der Antike griechisch kolonisiert, später gehörte es – wie das gesamte heutige Gebiet Kroatiens – zum Römischen Reich, seit dem Mittelalter hatten vor allem die Venezianer an der Küste ihre Stützpunkte, die die Region als die ihre betrachteten. Nur Dubrovnik bildete hier eine gewisse Ausnahme, da es sich seine Unabhängigkeit bewahren konnte. Erst im frühen 19. Jahrhundert endete die Vorherrschaft der Venezianer, und das Küstenland gelangte an Österreich.

Informationen am Rande:

Die Republik Dubrovnik

Die Stadt Dubrovnik (slawischer Name; romanischer Name: Ragusa) ist berühmt für ihr geschlossen erhaltenes mittelalterlich-frühneuzeitliches Stadtbild mit gewaltigen Mauern, einer barocken Kathedrale und weiteren repräsentativen Bauten, auch einer Rolandstatue aus dem 15. Jahrhundert. Die Stadt entwickelte sich seit dem Frühmittelalter dank ihrer Schutzlage am Seeweg entlang der Adriaostküste. Ihr wirtschaftlicher Aufschwung begann mit der Erschließung des Bergbaus in Serbien und Bosnien seit dem 13. Jahrhundert. Als freie Stadtrepublik mit einer stabilen Ratsverfassung war Dubrovnik in der frühen Neuzeit Mittlerin zwischen dem Osmanischen Reich und den westlichen Ländern. Seit dem 16. Jahrhundert bestand hier eine jüdische Gemeinde.
Das Erdbeben 1667 verlangte große Wiederaufbauleistungen. Napoleon hob 1808 die Unabhängigkeit auf, 1815 gelangte die Stadt an Österreich. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich Dubrovnik zum Touristikzentrum. Die Schäden durch die serbisch-montenegrinische Belagerung 1991 sind längst beseitigt.
Prof. Dr. Ludwig Steindorff

Anders war es im Landesinneren, das eher nach Mittel- als nach Südeuropa hin orientiert war. Hier war vor allem Ungarn der Bezugspunkt, und tatsächlich sollte die kroatische Geschichte für viele Jahrhunderte mit der ungarischen verbunden bleiben. Die Pannonische Ebene war aufgrund ihrer natürlichen Gegebenheiten für jede Art von Kommunikation – Handel ebenso wie Kriegszüge – geschaffen, und sie bildete für die aus dem Osten kommenden Magyaren eine geeignete Einfallsmöglichkeit, den mittelalterlichen kroatischen Staat mehrfach anzugreifen und ihn schließlich zu übernehmen.

Anmerkungen zur Besiedlungsgeschichte

Diese Aussagen beziehen sich auf das Territorium. Von den Menschen, die in der Antike dort lebten, wissen wir recht wenig. Erst im Nachgang zu den Völkerwanderungen kamen Slawen in diese Region und siedelten sich an. Zu diesen Zeiten lässt sich noch nicht von einem Nationalbewusstsein sprechen, wie es erst in der Neuzeit entstanden ist. Auch wenn der Name Kroaten – dessen Herkunft nicht ganz klar ist – schon im 9. Jahrhundert in den Quellen auftaucht, so waren es dennoch keine „Kroaten“, die das Gebiet besiedelten, sondern slawische Stämme, die nach ihrer Abwanderung aus dem Gebiet der heutigen Ukraine in diesen Teilen Südosteuropas eine neue Bleibe fanden. Erst im 19. Jahrhundert entstand bei den Kroaten – wie bei so vielen anderen Nationen Ost- und Südosteuropas – ein ausgeprägtes nationales Bewusstsein. Verstärkt wurde dies zusätzlich durch die restriktive Nationalitätenpolitik des Habsburgerreiches, da die nationale kroatische Identität nicht uneingeschränkt anerkannt wurde.

Seit dem 7. Jahrhundert, kurz nach der Einwanderung der slawischen Stämme, wurden die slawischen Bewohner des Landes christianisiert, und zwar von Rom aus. Damit war ihre Zugehörigkeit zum westlichen, katholischen Kulturkreis festgelegt. Auch wenn sich auf dem Gebiet Kroatiens lange Zeit die Grenze zwischen dem westlichen und dem östlichen Reich hielt und diese immer wieder verschoben wurde, so blieb doch die Zugehörigkeit zum Westen bestimmend. Diese historischen Prozesse erklären aber, warum wir – vor allem an der kroatischen Küste – eindrucksvolle Zeugnisse der byzantinischen Kultur finden können: Das Oströmische Reich stand mit der kroatischen Küste durch Ansiedlungen und durch Handel in regem Kontakt.

Zur Entwicklung Kroatiens seit dem Mittelalter

Kurz nach der Christianisierung, ab dem 8. Jahrhundert, ist auch die erste Herrschaftsbildung nachweisbar. Seit dem 9. Jahrhundert sind Fürsten namentlich bekannt, die durch die innere Organisation des Landes und durch Konflikte mit den Franken sowie mit konkurrierenden Stadtmächten des Adriaraumes in die Geschichte traten. Der kroatische Staat stabilisierte sich und wurde zu einem Königreich, das von den Nachbarstaaten als politisch gestaltender Faktor anerkannt wurde. Nach dynastischen Wirren fiel Kroatien jedoch im frühen 12. Jahrhundert an Ungarn, das das Land in Personalunion regierte und als Verwalter einen Vertreter des Königs (kroat. „ban“) einsetzte. Obwohl Kroatien formal als Königreich erhalten blieb, waren von nun an seine Geschicke bis ins 20. Jahrhundert an die Ungarns gebunden; als im 19. Jahrhundert die Doppelmonarchie entstand, war Kroatien eines der Kronländer, und der österreichische Kaiser führt als König von Ungarn auch „König von Kroatien“ in seinem Titel.

Als Folge des Ersten Weltkriegs zerfiel die Monarchie, und Ungarn wurde auf seine heutigen Grenzen verkleinert. Kroatien hingegen wurde Teil eines neuen Staates, den es so noch nie gegeben hatte, des „Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen“, das nach gut einem Jahrzehnt in „Jugoslawien“ umbenannt wurde; der Name bedeutet Süd-Slawien, da der Staat alle Südslawen (außer den Bulgaren) vereinen sollte. In diesem Königreich gab es verschiedene Versuche einer territorialen Ordnung, die entweder die größte Nation, die Serben, bevorzugen oder aber den Staat unabhängig von nationalen Gegebenheiten gliedern sollten. Kroatien als Einheit blieb aber in keiner dieser Formen erhalten; die Grenzen wurden so gezogen, dass die kroatischen Gebiete zerteilt und mit anderen zu neuen, national gemischten Einheiten zusammengefügt wurden.

Kroatien als Teil Jugoslawiens

Der „Jugoslawismus“, die Idee eines gemeinsamen Staates der südlichen Slawen, hatte im 19. Jahrhundert in Kroatien durchaus gewichtige Anhänger; der wohl bekannteste von ihnen ist der berühmte Bischof von Đakovo Josip Juraj Strossmayer (1815-1905). Man fühlte sich von Österreich und vor allem von Ungarn benachteiligt und glaubte, in den Serben (die schon seit dem 19. Jahrhundert ein selbstständiges Königreich hatten) Verbündete finden zu können, mit denen man zusammen einen eigenen Staat gründen wollte. So glaubte man die Bewahrung der nationalen kroatischen Identität gewährleisten zu können. Allerdings gab es auch Stimmen, die davor warnten und andere Modelle bevorzugten. Die Realität des jugoslawischen Staates bestätigte dann die Skeptiker: Für die meisten Serben war die Staatsgründung letztlich nicht viel anderes als die Erweiterung Serbiens auf ein erheblich größeres Territorium, die noch dazu den Vorteil hatte, dass alle Serben nun in einem Staat lebten. Die Tatsache, dass Serbien vor dem Krieg bereits einen eigenen Staat hatte, dessen Strukturen – Regierung, Dynastie, Hauptstadt, Armee, diplomatischer Dienst – auch den Grundstock für den neuen Staat bildeten, trug Einiges zu dieser Wahrnehmung bei.

Dieser grundsätzliche Unterschied in der Wahrnehmung des jugoslawischen Staates führte zu erheblichen Spannungen vor allem zwischen den beiden größten Volksgruppen, Serben und Kroaten. Letztere fühlten sich und ihre Interessen nicht genügend repräsentiert und waren grundsätzlich unzufrieden. Auch die früheren Vertreter der „jugoslawischen Idee“ waren von der jugoslawischen Wirklichkeit enttäuscht. Die verschiedenen politischen Flügel entwickelten sich weiter auseinander; insbesondere die „Kroatische Bauernpartei“ war konsequent gegen die Vereinigung mit den anderen Nationen eingestellt und boykottierte zunächst die Organe des neuen Staates. Aber auch als sie sich dann daran beteiligte und die Geschicke des jugoslawischen Staates mitzugestalten versuchte, kam es zu immer größeren, schließlich auch blutigen Konflikten mit serbisch eingestellten Parteien. Die Verhältnisse führten dazu, dass die Bauernpartei zunächst unter der kroatischen Bevölkerung erheblichen Zulauf hatte. Als der serbische König eine Diktatur ausrief, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen, wurde seit dem Ende der zwanziger Jahre die rechtsextreme Ustascha-Bewegung (kroat. ustaša = Aufstand) unter ihrem Anführer Ante Pavelić immer stärker, die zunächst im Ausland agieren musste und im faschistischen Italien Unterschlupf fand. Sie sah sich in einer Linie mit den anderen faschistischen und nationalistischen Bewegungen im Europa der Zwischenkriegszeit und war bereit, auch mit Gewalt gegen den ungeliebten jugoslawischen Staat zu kämpfen.

Die Stunde der Ustascha kam, als die deutsche Wehrmacht im April 1941 Jugoslawien besetzte und aufteilte. Kroatien wurde um große Gebiete (etwa Bosnien und Herzegowina) erweitert, verlor aber erhebliche Teile Dalmatiens an Italien. Die Ustascha-Bwegung wurde zur führenden politischen Kraft. Der „Unabhängige Staat Kroatien“, wie der offizielle Staatsname lautete, versuchte, unter seinem „Führer“ Pavelić die Idee eines national einheitlichen Staates umzusetzen, was für viele Serben, Juden und Roma, die auf kroatischem Gebiet lebten, den Tod oder die Vertreibung bedeutete. Viele von ihnen gingen in den Untergrund. Dieser Staat war zeit seines Bestehens nicht ohne die deutsche militärische Unterstützung lebensfähig, doch auch mit ihrer Hilfe konnte er sein Territorium nie völlig kontrollieren, da sich eine immer stärker werdende Partisanenbewegung unter dem charismatischen Kommunisten Josip Broz Tito gebildet hatte. Den Partisanen gelang es, nicht ohne die Unterstützung der Alliierten, den kroatischen Marionettenstaat zu Kriegsende hinwegzufegen und selber die Macht in ganz Jugoslawien zu erringen.

So entstand das „zweite Jugoslawien“, nach dem ersten, der serbisch dominierten Monarchie, jetzt als sozialistischer Bundesstaat. Kroatien wurde sozialistische (Teil-)Republik, was die Einführung eines Einparteiensystems und der Planwirtschaft sowie Kirchenverfolgung und Gleichschaltung in allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen bedeutete. Nach drei Jahren wandte sich Jugoslawien von Stalin ab und fuhr seither einen eigenen, etwas liberaleren Kurs; er wirkte sich vor allem außenpolitisch aus, während in innenpolitischer Hinsicht kaum Zugeständnisse gemacht wurden. In den späten sechziger Jahren, als sich im ganzen Land eine vorsichtige politische Liberalisierung abzuzeichnen schien, regten sich in Kroatien national orientierte liberale Kräfte, die sich zunächst auf dem Gebiet der Kultur artikulierten, dann aber auch auf politischem Feld. Dieser „kroatische Frühling“ wurde auch von den Studenten mitgetragen und entwickelte sich zu einer Massenbewegung mit politischen Forderungen nach einer Reform des Systems; insbesondere die als ungerecht empfundene Verteilung der Gewinne und Einnahmen innerhalb Jugoslawiens angesichts der wirtschaftlichen Stärke Kroatiens war Gegenstand der Kritik. Doch wurden diese Bestrebungen von der jugoslawischen Parteiführung rasch als konterrevolutionär verurteilt, die entsprechenden kroatischen Funktionäre abgesetzt und die kroatische Führung wieder auf Kurs gebracht. Das führte zu einer Tabuisierung der Artikulation kroatischer nationaler Interessen. Erst mit dem Ende der sozialistischen Herrschaft und als Reaktion auf das gleichzeitige Erstarken des serbischen Nationalismus regten sich auch in Kroatien wieder nationale Aspirationen; nach der Unabhängigkeit erhielten sie im neuen Staat zunächst große Bedeutung.1

Diese kurzen Bemerkungen zeigen, dass einer der Gegensätze Kroatiens ein politisches und gesellschaftliches Dilemma ist, mit dem das Land seit langem konfrontiert war und ist: die Beziehung zu seinen Nachbarländern, und – oft parallel dazu – die politische Ausrichtung des Landes. Kroatien ist zu klein, um selber eine politisch führende Rolle spielen zu können, und tatsächlich hat es historisch (abgesehen vom Mittelalter) ja erst in den letzten Jahren eine unabhängige Position inne. In vormodernen Zeiten, im Verband mit Ungarn, wurde das kroatische nationale Bewusstsein nicht geachtet und Kroatien ohne Rücksicht auf die eigenen Interessen in den ungarischen Staatsverband eingegliedert; später, im gemeinsamen Staat mit den anderen Südslawen, fühlten sich die Kroaten immer unterdrückt, sei es von den Serben oder von den Kommunisten (oder von beiden). Insofern scheint die Mitgliedschaft in der Europäischen Union (EU) gerade für Staaten wie Kroatien eine ideale Lösung darzustellen. Abgesehen von den wirtschaftlichen Vorteilen bietet die Union einen Rahmen für die Bearbeitung von Konflikten mit Nachbarländern und schützt ihre Mitglieder auch vor den territorialen Ansprüchen von außen.

Probleme des unabhängigen Kroatien

Die geschilderte Dilemmasituation äußert sich bis heute auch im innenpolitischen Spektrum des Landes und in vielen Diskussionen. Ist nach den Kriegen der neunziger Jahre eine Annäherung an Serbien angebracht oder soll man sich ausschließlich „nach Europa“, wie es in Kroatien häufig heißt, orientieren? Wie sind die kroatischen Kommunisten zu beurteilen, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Land versucht haben, Politik zu gestalten, und wie die Emigranten, die wegen ihrer nationalen (oder nationalistischen) Gesinnung das Exil auf sich genommen haben? Wie soll man den faschistischen Staat während des Zweiten Weltkriegs beurteilen? Die Beziehungen zu Serbien sind von den Kriegen der neunziger Jahre geprägt, aber auch von wirtschaftlichen Interessen, die sich jetzt noch verstärken werden, da Serbien nach dem Beitritt Kroatiens direkter EU-Nachbar ist. Anlässlich des EU-Beitritts haben führende kroatische Politiker auf die Verantwortung für die Integration der Nachbarländer hingewiesen. Kommunisten und Nationalisten stehen stellvertretend für die verschiedenen politischen Ausrichtungen in der neueren Geschichte des Landes. Und auch wenn es unter den seriösen Politikern niemanden gibt, der die Gräueltaten der Ustascha rechtfertigen würde, so wird doch die Tatsache, dass es während des Krieges einen (wenigstens formal) selbstständigen kroatischen Staat gab, von einigen geschätzt.

Franjo Tuđman2, erster Präsident des unabhängigen Kroatien, hat den Begriff der „pomirba“ (Versöhnung) in die politische Agenda Kroatiens eingeführt. Gemeint war damit eine innerkroatische gesellschaftliche Versöhnung dieser verschiedenen Strömungen im Lande. Auch wenn dieser Prozess nicht als erfolgreich bezeichnet werden kann, so ist er doch ein deutlicher Hinweis auf die innere Spaltung des Landes an. Sie ist zwar noch nicht überwunden, wird aber doch wohl mit Ablauf der Zeit und angesichts der neuen Herausforderungen, die jetzt in der EU auf Kroatien zukommen, an Bedeutung verlieren.


Fußnoten:


  1. Vgl. dazu den nachfolgenden Beitrag von Marie-Janine Calic. 

  2. Vgl. dazu den Beitrag von Dunja Melčić in der Druckausgabe von OWEP 3/2013, S. 224-229.