Bosnien-Herzegowina: Eine Reise durch ein Land zwischen Lethargie und Aufbruch

Reportage
aus OWEP 3/2007  •  von Gesa Wicke

Die Autorin ist Stipendiatin des europäischen Studienkollegs zu Berlin und hat 2005/06 an einem interdisziplinären Forschungsprojekt zum Bildungssystem in Bosnien-Herzegowina gearbeitet.

Sarajevo. Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas und eine der vom Krieg am härtesten getroffenen Städte. Über Zehntausend Menschen kamen hier während der Jahre 1992 bis 1995 ums Leben, unzählige wurden verwundet. Es regnet in Strömen, als wir mit der Straßenbahn in Richtung Flughafen fahren. Unser Ziel: Das Tunnelmuseum weit draußen vor den Toren der Stadt. Von bosniakischen Widerstandskämpfern gegraben, war der Tunnel für die Bewohner Sarajevos während der Belagerung durch die Serben eine der wenigen Verbindungen zur Außenwelt. Heute scheint man ihn am liebsten vergessen zu wollen, hier mitten im Nichts: Platte Felder, vereinzelt ärmliche Einfamilienhäuser mit riesigen Einschusslöchern, die Mehrzahl von ihnen unbewohnt. Das Museum ist leicht zu übersehen. Ein Haus wie alle anderen hier auch, wäre da nicht mit grün lackierten Brettern das Wort „TUNEL“ an die Vorderfront genagelt worden.

In einem Holzverschlag im Garten geht es einige Stufen hinab, dann steht man drin, im Tunnel. Ein enger Betonschacht, an den Seiten mit Baumstämmen ausgekleidet. Man kann kaum aufrecht stehen, nur alle paar Meter spendet eine Glühbirne spärliches Licht. Eng und beklemmend, ist es und als wir nach zwanzig Metern wieder ans Tageslicht gelangen, sind wir heilfroh. Weiter geht es heute nicht mehr, die restlichen vier Kilometer des Schachtes sind wegen Einsturzgefahr geschlossen.

Wie muss es wohl für die bosniakischen Soldaten gewesen sein, ihn tagtäglich zu durchqueren, immer mit der Angst vorm Tod im Nacken? So sehr man sich auch bemüht, man vermag es sich nicht vorzustellen. Das Ganze wirkt eher wie ein Abenteuerspielplatz. Daran ändern auch die Gespräche mit dem Besitzer des Hauses und Mitinitiators der Tunnelaktion nichts. Der dunkelhaarige Endvierziger erzählt gern und viel über seine Zeit in der bosniakischen Armee. Er ist stolz auf das, was er für seine Stadt geleistet hat, und erbost darüber, dass er heute kaum noch Fördergelder bekommt, um das Museum zu unterhalten.

Auf dem Rückweg kommt uns ein Jeep mit spanischen Soldaten entgegen. Dann Briten. Schließlich ein italienisches Carabinieri-Fahrzeug. Die Männer hupen und winken freundlich, als sie an uns vorbeifahren. In Sarajevo ist ganz Europa versammelt. Als würden sie für das versäumte Eingreifen damals während des Krieges büßen wollen, sind die internationalen Organisationen heute, über zehn Jahre später, umso präsenter. Immer wieder begegnen einem die bulligen weißen Jeeps der OSZE, das Stadtbild ist geprägt von patrouillierenden EUFOR-Polizisten. Mit gesenkten Köpfen, am Bund eine Waffe, schlendern sie durch die Fußgängerzone.

Den Nachmittag verbringen wir in einem der zahlreichen Altstadtcafés. In den Schaufenstern türmen sich Nougattörtchen neben fruchtigen Biskuitrouladen und honigtriefender Baklava. Völlig überwältigt stehen wir vor diesem Überangebot an süßen Köstlichkeiten. Glücklicherweise eilt uns ein junger Kroate, der seine Grundschulzeit in einem Vorort von Köln verbracht hat, zu Hilfe. „Nehmt ‘ne Krempita, die sind die besten!“, sagt er in akzentfreiem Deutsch leicht rheinländischer Färbung. Beim Einkaufen, am Fahrkartenschalter oder in der Bank – immer wieder treffen wir auf unserer Fahrt Menschen, die während des Krieges in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gelebt haben und sich freuen, ihre Sprachkenntnisse wenigstens in solchen Momenten noch anwenden zu können.

So auch in einer Grundschule in Solina in der Nähe von Tuzla, ganz im Norden des Landes. Hier erzählen uns die Kinder wehmütig von ihren Erinnerungen an Deutschland, singen uns deutsche Kinderlieder vor und sagen stolz Sprüche und Gedichte auf, die sie dort in Kindergarten und Grundschule gelernt haben. „Für diese Kinder war es oft unglaublich schwierig, nach Jahren an deutschen Schulen in ein vom Krieg völlig zerstörtes Land zurückkehren zu müssen“, berichtet einen Lehrerin. Man merkt, wie wenig zuhause sich viele von ihnen hier immer noch fühlen, sie sehnen sich nach dem Westen und wollen nach Abschluss der Schule so schnell wie möglich zurück nach Hamburg, Düsseldorf oder Mannheim. In Bosnien sehen viele von ihnen keine Zukunft für sich – verständlich in Anbetracht der immens hohen Jugendarbeitslosigkeit des Landes.

Das Schrillen der Pausenklingel unterbricht unser Gespräch, eilig stürmen die Kinder hinaus in den Hof. Sie stammen zu gleichen Teilen aus muslimischen, serbischen und kroatischen Familien. Spannungen oder Anfeindungen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen sind hier nicht zu spüren, der Umgang unter den Schülern ist herzlich. „Egal, welche Religion jemand hat“, betont die vierzehnjährige Dana.

Ein solch entspanntes Verhältnis zwischen den drei ethnischen Gruppen ist an bosnischen Schulen durchaus keine Selbstverständlichkeit. Das neu eröffnete katholische Gymnasium in Banja Luka, der Hauptstadt der Serbischen Republik, beispielsweise hat nicht einmal ein Schild, welches das Gebäude als Schule ausweist. Als „reine Vorsichtsmaßnahme“ bezeichnet das Schuldirektor Monsignore Bozinović, schließlich seien durch den Krieg fast alle Kroaten aus der Stadt vertrieben worden, und unnötige Provokationen wolle man vermeiden.

Die Mitarbeiter des Education Department der OSZE in Sarajevo sehen sich tagtäglich mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert. Noch immer existieren in Bosnien-Herzegowina etwa fünfzig der so genannten „zwei Schulen unter einem Dach“. In der Phase des Wiederaufbaus, als vieles zerstört und geeignete Räumlichkeiten knapp waren, wurden diese von der internationalen Gemeinschaft als provisorische Übergangslösung konzipiert. Doch oft weigern sich die jeweiligen Bevölkerungsgruppen bis heute, ihre Kinder gemeinsam unterrichten zu lassen – sodass etwa serbische und kroatische Kinder zwar dasselbe Schulgebäude besuchen, sich de facto aber nie begegnen.

„Es gibt da ganz extreme Fälle, wo mit roter Farbe eine Grenze auf dem Pausenhof gezogen wird und die Kinder zu unterschiedlichen Zeiten draußen spielen, damit sie sich nicht treffen“, erzählt uns ein Mitarbeiter der OSZE. Hinderlich für den Aussöhnungsprozess ist auch die Tatsache, dass in der Serbischen Republik andere Schulbücher als in der Bosnischen Föderation verwendet werden, und zwar mit kyrillischer Schrift. „Das ist völlig absurd, da werden aus einer Sprache künstlich zwei gemacht und den Kindern so eingeredet, sie würden einander nicht verstehen können.“ Auch in gemischten Schulen werden Fächer wie Geschichte oder Politik häufig nach Bevölkerungsgruppen getrennt unterrichtet, sodass jede der drei ihren Kindern eine eigene Version der Vergangenheit vermittelt. Unliebsame Stellen in den Geschichtsbüchern werden dabei häufig einfach geschwärzt.

Hinzu kommt, dass vielfach noch nach sozialistischen Lehrmethoden unterrichtet wird und das Geld für die notwendigen Modernisierungsmaßnahmen genauso fehlt wie für die dringend erforderlichen psychologischen Betreuungsmaßnahmen für die vielen vom Krieg traumatisierten Kinder und Jugendlichen. Die Reform des Bildungswesens ist von der internationalen Gemeinschaft lange vernachlässigt worden, gehört aber mittlerweile zu den politischen Prioritäten. Erste Schritte waren zum Beispiel die Einführung des Faches Bürgerkunde für alle Kinder und die Entwicklung neuer, von alten Ideologien und Vorurteilen befreiter Lehrmaterialien.

„Bei uns gibt es solche Probleme nicht!“ Die Direktorin einer Grundschule in Teslić, im äußersten Norden der Serbischen Republik, zuckt nur mit den Schultern, als wir auf diese Thematik zu sprechen kommen. Es gebe keine Konflikte, über die man reden müsse, da trinke man doch lieber einen Schnaps, um auf die Zukunft anzustoßen, sagt die robuste Mittfünfzigerin und holt aus ihrer Schreibtischschublade eine Plastikflasche mit selbst gebranntem Slibowitz hervor. Na dann „Ziveli“ – Prost!

Tatsächlich scheinen das Haupthindernis für eine Vereinigung des Schulsystems in erster Linie die Politiker der nationalistischen Parteien zu sein, die dieses für ihre Zwecke instrumentalisieren und so die Spaltung des Landes entlang der jeweiligen Parteien noch verschärfen. Die Bevölkerung hingegen steht dieser Separationspraxis durchaus kritisch gegenüber: So sprachen sich bei einer Umfrag der OSZE im Dezember 2005 97 Prozent der Muslime, 70 Prozent der Kroaten und immerhin 54 Prozent der Serben für gemeinsamen Unterricht aus.

Ein junger Englischlehrer der Schule setzt sich zu uns, Anfang dreißig vielleicht, mit einem verschmitzten Lächeln. Sein Beruf macht ihm Spaß, das merkt man. Dennoch: „Ich möchte lieber wieder als Übersetzer arbeiten, denn von dem Gehalt, das ich hier bekomme, kann man nur sehr eingeschränkt leben.“ Durchschnittlich 500 Konvertible Mark, also 250 Euro pro Monat erhält ein Lehrer in Bosnien-Herzegowina. Große Pläne für die Zukunft macht er deshalb lieber nicht. „Es ist sehr undankbar, in diesem Land über seine Zukunft nachzudenken, also tut man es besser nicht.“ Viele Jugendliche hätten mittlerweile den Glauben an Veränderung verloren; statt sich zu engagieren, seien sie politisch desinteressiert und müde von der ewig nationalistischen Propaganda der drei Volksparteien. Doch in einem ist sich der junge Mann ganz sicher: „Dieser Friede ist nicht von Dauer. Noch zehn, zwanzig Jahre, dann wird wieder geschossen. Bisher hat hier jede Generation ihren eigenen Krieg gebraucht.“

Ein paar Tage später in Mostar – der letzten Station unserer Reise. „Dort ist es am schlimmsten“, haben wir auf unserer Fahrt immer wieder zu hören bekommen. Die Stadt hat es im Krieg besonders hart getroffen, das noch aus der österreichischen Zeit stammende Zentrum wurde fast komplett zerstört. Auf den ersten Blick jedoch wirkt das beschauliche Städtchen wie ein idyllisches Ferienparadies. Mediterranes Klima, Palmen in den Vorgärten und die Gässchen der malerischen Altstadt liebevoll restauriert. Nur ein kleiner Gedenkstein erinnert an die Sprengung der symbolträchtigen Brücke durch kroatische Soldaten, die Mostar bis zum Wiederaufbau im Jahre 2000 in zwei Hälften teilte, eine kroatisch und eine muslimische. „1993“, das Zerstörungsjahr steht darauf, und darunter: „Don‘t forget!“

Ein paar Straßen weiter sieht alles ganz anders aus. Eine Ruine reiht sich an die nächste, dazwischen riesige Müllhalden mit streunenden Katzen. Eine beklemmende Kulisse, besonders bei Nacht. Inmitten dieser Steinwüste prangt das Regionalbüro der OSZE. Vor der gelb verputzten Villa ein stolzer Fuhrpark: Nagelneue, in der Sonne funkelnde Jeeps. „Unsere Aufgabe hier ist vor allem die Rückführung von Vertriebenen in ihre rechtmäßigen Häuser“, erklärt uns der Pressesprecher. Auch wenn dieser Prozess nahezu abgeschlossen ist, gehören in der Stadt Anfeindungen zwischen Kroaten und Muslimen zur Tagesordnung. Vielmehr seien es eigentlich zwei Städte, deren Bewohner sich verachteten und Kontakt weitgehend mieden. Lachend fügt er nach einer kurzen Pause hinzu: „Das einzig positive an dieser Situation ist, dass du dir hier beruhigt eine Geliebte auf der anderen Seite des Flusses suchen kannst, ohne dass deine Frau es je merkt, denn sie wird nie ‘rüber gehen.“

Ganz ähnlich äußert sich auch eine Gruppe bosniakischer Germanistikstudenten, die wir wenig später bei ihrem Deutschkurs an der Uni treffen. „Rüber“, das heißt in diesem Falle auf die kroatische Seite, gehen sie höchstens am Wochenende, „weil sie dort die besseren Clubs und Geschäfte haben.“ Und doch sei es nicht dasselbe, man fühle sich fremd in seiner eigenen Stadt und werde sofort als „eine von der anderen Seite“ erkannt, berichtet eine Studentin. „Neulich war ich in einem Schuhgeschäft, da hat die Verkäuferin ihre Kette mit dem Kreuzanhänger aus dem Kragen gezogen, als sie mich sah.“

Religion als ein Zeichen der Abgrenzung, als ein Mittel zur Stärkung der eigenen Identität hat in Bosnien seit Ende des Krieges enorm an Bedeutung gewonnen. Die orthodoxen Serben haben in ihrer Hauptstadt Banja Luka ihre im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kirche Mitte der neunziger Jahre als prachtvolles Bauwerk wiedererstehen lassen. Überall im Land entstehen mit großzügiger Unterstützung der arabischen Welt neue, moderne Moscheen, und auf einem der Mostar umgebenden Berge steht groß und für alle sichtbar ein stattliches Metallkreuz. Genau an der Stelle, von der aus kroatische Truppen den muslimischen Part der Stadt mit Granaten beschlossen.

„Ich kann das alles nicht mehr hören, die ganze Diskussion um Religion und Versöhnung – das muss doch endlich mal ein Ende haben“, bricht es plötzlich aus einer anderen Studentin heraus. Emina ist fünfundzwanzig und hat den Großteil ihrer Jugend in Heidelberg verbracht. Ihr Informatikstudium dort hatte sie fast abgeschlossen, da besann sie sich, in ihre Heimat zurück zu kehren. „Trotz allem, ich habe mein Land vermisst, das Klima, die Menschen, die lockere Lebensweise.“ Jetzt studiert sie in Mostar Germanistik und Pädagogik und möchte nach dem Abschluss einen Kindergarten gründen, in dem die Kinder nach modernsten pädagogischen Methoden erzogen werden. Kinder aller drei Bevölkerungsgruppen gemeinsam, versteht sich. Ihre Stimme wird lauter und ihre blauen Augen fangen an zu glänzen, als sie uns von ihren Plänen berichtet. „Ich bin mir sicher, wenn man wirklich was ändern will, dann schafft man das auch!“ Nach der Begegnung mit ihr sind wir irgendwie zuversichtlich gestimmt – trotz allem, was wir auf dieser Reise gehört und gesehen haben. Wer weiß, vielleicht ist es ja doch gar nicht so undankbar, in Bosnien über die Zukunft nachzudenken …