Wallfahrten in der Tschechischen Republik

aus OWEP 1/2008  •  von Rudolf Grulich

Prof. Dr. Rudolf Grulich leitet das Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien e. V. in Nidda.

Die Tschechische Republik ist heute das am meisten entkirchlichte Land Europas, denn nur ein Drittel der Bevölkerung hat noch Beziehungen zu einer Kirche. Dabei bestehen jedoch in den einzelnen Landesteilen große Unterschiede. Während es in Böhmen Regionen gibt, in denen die Christen nur ein Zehntel der Einwohner bilden, finden sich in Mähren noch Kreise mit katholischen Mehrheiten. Diese Entwicklung Tschechiens zu einem atheistischen Land ist nicht nur durch die antikirchliche Religionspolitik seit der Machtübernahmen der Kommunisten im Februar 1948 zu erklären, sondern geht in Böhmen schon bis in die Hussitenzeit und die Reformation zurück. In Böhmen war bis zum Dreißigjährigen Krieg nur noch eine kleine Minderheit von Katholiken geblieben. 90 Prozent der Einwohner, ob Tschechen oder Deutsche, waren Böhmische Brüder, Lutheraner oder Reformierte.

Die Gegenreformation nach dem Sieg der Habsburger in der Schlacht am Weißen Berg führte das Land durch staatlichen Zwang wieder zur katholischen Kirche zurück. Bei den Sudetendeutschen kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Abfallbewegung nach dem Vatikanischen Konzil 1870, als sich in Nordböhmen altkatholische Gemeinden bildeten, aber auch eine aktive „Los-von-Rom“-Bewegung den Protestanten über 100.000 Sudetendeutsche zuführte. Nach dem Ersten Weltkrieg erklärte Staatspräsident Thomas G. Masaryk, mit Wien habe man abgerechnet, mit Rom werde man das noch tun. 1920 gründeten katholische Priester eine Nationalkirche, die sich „Tschechoslowakische Kirche“ nannte, seit 1971 „Tschechoslowakische Hussitische Kirche“. So kam es, dass von den Tschechen nur noch weniger als Zweidrittel katholisch waren, von den über drei Millionen Sudetendeutschen aber über 90 Prozent. Die Vertreibung dieser Sudetendeutschen mit 1.800 Priestern ließ pastorale Ruinenfelder zurück, etwa im Bistum Leitmeritz, das mehrheitlich deutsch war, oder im Egerland, das heute zur erst 1993 gegründeten Diözese Pilsen gehört. Diese beiden Diözesen haben deshalb auch den niedrigsten Anteil von Katholiken an der Gesamtbevölkerung. Nur noch im Bistum Brünn, das bis zur Vertreibung der Deutschen lediglich 15 Prozent deutsche Katholiken hatte, gibt es eine katholische Mehrheit in der Gesamtbevölkerung.

Wallfahrten verbinden die Völker

Das Verhältnis zwischen Sudetendeutschen und Tschechen im gemeinsamen Staat der Ersten Republik wird meist als ein Gegeneinander-, bestenfalls als Nebeneinanderleben beider Volksgruppen dargestellt. Tatsächlich gab es sogar im kirchlichen Leben oft nationale Trennung, doch finden wir immer wieder auch gemeinsames Schaffen und Überwinden mancher nationalen Gegensätze. So bestand in der Erzdiözese Prag bis 1939 ein gemeinsames Seminar für deutsche und tschechische Theologen. In den anderen Diözesanseminaren mussten die Seminaristen beide Sprachen beherrschen, in Weidenau (Sudetenschlesien) musste auch Polnisch gelernt werden. Aber auch über die Seminare hinaus bestanden Aktivitäten, die die Völkergrenzen überschritten, vor allem bei den Wallfahrten. Johanna von Herzogenberg spricht gerade im Hinblick auf Böhmen und Mähren von der Tatsache „Wallfahrten verbinden die Völker“.

Als 1931 die Jubiläumsfeierlichkeiten am „Heiligen Berg“ bei Přibram, dem größten Wallfahrtsort Böhmens, stattfanden, war im Rahmen dieser Feiern auch ein Tag für die deutschen Katholiken bestimmt. Der erst 1931 ernannte deutsche Bischof Anton Weber von Leitmeritz feierte den Festgottesdienst in Přibram, der deutsche Weihbischof von Prag, Johannes Remiger die Nachmittagsandacht. Die deutsche Feier war auch im offiziellen tschechischen Programm ausgedruckt; der Königgrätzer Bischof Moritz Picha nahm als tschechischer Vertreter am deutschen Wallfahrtstag teil. Außer nach Přibram gab es immer wieder auch zu anderen Wallfahrtsorten im tschechischen Sprachgebiet deutsche Wallfahrten, z. B. nach Chlumtschan bei Dobrzan oder Kyjov bei Stadt Tuschkau an der Sprachgrenze, in Mähren nach Dub oder auf den „Heiligen Berg“ bei Olmütz und zum „Heiligen Berg“ Hostein. Umgekehrt kamen auch viele Tschechen als Wallfahrer auf den Muttergottesberg bei Grulich oder nach Philippsdorf in Nordböhmen.

Da die Bischöfe die deutschen Neupriester für eine gewisse Zeit in tschechischen Pfarreien anstellten, aber auch umgekehrt tschechische Priester in sudetendeutschen Pfarreien, um Vertretern beider Nationen den Erwerb guter Sprachkenntnisse zu ermöglichen, war die Wallfahrtsseelsorge in beiden Sprachen möglich. Eine Kinderferienaustauschaktion, bei der deutsche Kinder in tschechische Familien und tschechische Kinder in deutsche Familien kamen, trug ebenfalls dazu bei. Sie wurde vom Volksbund deutscher Katholiken ebenso gefördert wie vom deutschen Frauenbund.

Bis 1918 Wallfahrtsorte Österreichs

Als 1913 Alfred Hoppe in Wien sein Monumentalwerk „Des Österreichers Wallfahrtsorte“ veröffentlichte und darin die Pilgerstätten der alten Donaumonarchie vorstellte, reihte er die Wallfahrtsorte nach ihrer Bedeutung und der Zahl der Pilger auf. Er ging dabei von der Zahl der jährlich ausgeteilten Kommunionen aus und zwar in einer Zeit, da die Frühkommunion der Kinder und der regelmäßige Kommunionempfang erst allmählich durch Papst Pius X. gefördert wurde. Angesichts der in den böhmischen Ländern noch vorhandenen Tendenzen des Josephinismus, also staatlicher Eingriffe in das religiöse Leben, und des Liberalismus überrascht es, dass er dabei eine Reihe von Wallfahrtsorten Böhmens und Mährens, aber auch Österreichisch-Schlesiens (seit 1918: Sudetenschesien) unter den größten Wallfahrtsstätten Österreichs anführt wie Philippsdorf, Grulich und Přibram in Böhmen und Velehrad, Hostein und den „Heiligen Berg“ bei Olmütz in Mähren.

Obwohl die meisten Wallfahrtsorte ihre heutigen Kirchenbauten und Wallfahrtsanlagen der Epoche der Gegenreformation und des Barocks verdanken, sind die Ursprünge vieler Wallfahrtsorte viel älter. Markant sind die „Heiligen Berge“ wie der „Heilige Berg“ von Přibram oder jener bei Olmütz, der Muttergottesberg bei Grulich, der Köhlerberg bei Freudenthal in Schlesien oder der „Heilige Berg“ Hostein im Osten der Haná-Ebene. Charakteristisch sind in den großen Barockanlagen die Ambiten (Umgänge), die in Form eines Kreuzganges, aber auch als Kreis oder Oval mit einer Fülle von Einzelkapellen die Kirche umgeben.

Maria und alle Heiligen

Wie in fast allen Ländern sind die meisten Wallfahrtskirchen Tschechiens der Muttergottes geweiht. Deshalb trägt eine Reihe von vier Büchern, die in Königstein im Marianischen Jahr 1954 erschien, den Titel „Sudetenland – Marianisches Land“. Wir finden aber auch zahlreiche Wallfahrten zu Ehren der böhmischen Heiligen, vor allem zum hl. Wenzel als Patron Böhmens und zu den beiden Landespatronen Mährens Kyrill und Method. Außer in der Provinz mit Prozessionen und buntem Wallfahrtstreiben sind auch Wallfahrten in Großstädten zu nennen wie zur „Schwarzen Madonna“ im Augustinerkloster in Brünn oder zum Prager Jesulein auf der Kleinseite in Prag. Zu letzterem pilgern auch heute vor allem Katholiken aus romanischen Ländern. Beinahe täglich werden Gottesdienste in der Muttersprache der Pilger aus Italien, Frankreich, Spanien und Portugal gefeiert. Kopien der Statue dieses von Theresa von Avila stammenden Jesuskindes sind in aller Welt zu finden und wurden in Belgien und Irland, in Indien und in Italien zum Ursprung eigener Wallfahrtsorte. Zu den großen Verehrern dieses Jesuskindes zählen Kaiserin Maria Theresia, Paul Claudel und Edith Stein.

Mit der Vertreibung der Sudetendeutschen kam es fast zum Erlöschen mancher Wallfahrten, da die Neuansiedler keinen Bezug zur katholischen Kirche oder zur Religion überhaupt hatten. Dort, wo einige Deutsche bleiben konnten oder bleiben mussten, sorgten diese Restdeutschen für die Kirchen. Anderen verfielen oder wurden sogar zerstört wie Mariahilf bei Zuckmantel. Als sich in den sechziger Jahren die Grenzen langsam öffneten, waren es die Heimatvertriebenen, die die Wallfahrtskirchen ihrer alten Heimat nicht nur besuchten, sondern im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten auch renovierten. Vor allem die Angehörigen der Ackermanngemeinde haben viel für den Erhalt getan. Nach der Wende und der Wegfall des Visazwanges kam es dann in großem Maße zur Renovierung zahlreicher Wallfahrtsstätten, ja sogar zum Neuaufbau zerstörter Kirchen. In Zuckmantel war die Mariahilfkirche erst 1973 gesprengt worden, das Gnadenbild konnte aber gerettet werden. Ein als Jugendlicher vertriebener sudetenschlesischer Priester, Pfarrer Adolf Schrenk, sammelte seit 1991 einen Kreis von Freunden, die den Wiederaufbau als Begegnungsstätte von Tschechen, Deutschen und Polen ermöglichten.

Nationale Bedeutung

Leider sind die meisten Wallfahrtsorte Tschechiens heute nur „böhmische Dörfer“, man kennt sie nicht, sie werden in den Reiseführern übergangen. Das Wort gilt immer noch: „Slavica non leguntur“.

Eine Reihe von Wallfahrtsorten hatte jedoch vor allem für die Tschechen nationale Bedeutung, vor allem Velehrad in Mähren. Lange Zeit wurde Velehrad für die Residenzstadt des Großmährischen Reiches gehalten, von wo aus die beiden Slawen-Apostel Kyrill und Method das Land missionierten. Seit 1205 stand hier ein Zisterzienserkloster, das im 17. und 18. Jahrhundert barock umgestaltet wurde. Sehenswert ist die mächtige Kirche mit ihren zwei Türmen und ihrem wertvoll ausgestatteten Inneren. Wand- und Deckenfresken stellen das Leben der Heiligen dar, denen die Kirche geweiht ist, die beiden Brüder aus Saloniki, die das Slawische beherrschten, das heute noch in Makedonien gesprochen wird: Konstantin, der später den Mönchsnamen Kyrill annahm, und Method, der der erste Bischof im Großmährischen Reich wurde. Obwohl Method nach dem Tode seines Bruders in Rom sich gegen die deutschen Bischöfe nicht halten konnte und seine Schüler vertrieben wurden, ist das Gedenken an diese beiden Heiligen in Mähren nie erloschen. Die Wallfahrten zur 1000-Jahr-Feier ihrer Entsendung nach Mähren (863), der 1869 gefeierte 1000. Todestag des hl. Kyrill und der 1000. Todestag Methods 1885 waren Marksteine in der Geschichte des mährischen und westslawischen Katholizismus.

Auch hundert Jahre danach haben die Jubiläen 1963, 1969 und 1985 gezeigt, wie viele Völker diese beiden heiligen Brüder ehrten. Damals fanden Kongresse und Tagungen der gesamten wissenschaftlichen Welt Europas statt. Vergessen war aber, dass einst auch in sudetendeutschen Gesangbüchern Kyrill- und Method-Lieder standen. „Huldvoll wie auf Velehrad Du schauest, als das Heil dem Volk Du anvertrauest, als das erste Opfer war entbrannt: Blicke nieder auf Dein Mährerland“, so sangen auch meine Eltern und Großeltern. Den nach der Vertreibung geborenen Kindern und Enkeln sind die Slawenapostel unbekannte Heilige, daran hat leider auch ihre Erhebung zu Patronen Europas durch den slawischen Papst 1980 wenig geändert. Dabei wollte Johannes Paul II. das Bewusstsein des religiösen Reichtums Europas vertiefen, „der auf verschiedenen Wegen zum Erbe der einzelnen Völker wurde“. Sein Wunsch war, so schreibt er im Apostolischen Schreiben „Egregiae virtutis“ vom 31.12.1980, „dass alles, was die Kirchen, die Völker und die Nationen trennt, verschwinden möge, dass die Vielfalt und Verschiedenheit von Tradition und Kultur vielmehr ein Beweis sein möge für die wechselseitige Ergänzung in dem, was der gemeinsame geistige Reichtum hervor gebracht hat“. In seiner Enzyklika „Slavorum Apostoli“ (1985) schreibt er von Ost und West als von den zwei Flügeln einer Lunge, durch die Europa atmet.

Obwohl die Prager Regierung 1985 die große Wallfahrt nach Velehrad verhindern wollte und der von den tschechischen und slowakischen Bischöfen eingeladene Papst keine Einreisegenehmigung erhielt, kamen 250.000 Menschen, darunter sehr viele Slowaken, zu dieser Wallfahrt. Fünf Jahre später konnte auch Johannes Paul II. kommen. Bei seinem ersten Besuch in einem kommunistischen Land nach dem Fall der Mauer besuchte er nicht nur Prag und Bratislava, sondern auch Velehrad. Von hier aus kündigte er die außerordentliche Europäische Bischofssynode für Ende 1991 in Rom an, die dann mit dem Schlussdokument „Zeugen Christi sein, der uns befreit hat“ eine kirchliche Ost-Erweiterung einleitete.

In den achtziger Jahren waren manche Wallfahrtsorte Nordböhmens an der Grenze zur DDR auch Ziel von deutschen Katholiken aus dem zweiten deutschen Staat, vor allem Mariaschein, in das auch Sorben aus der Lausitz pilgerten, und das unmittelbar an der sächsischen Grenze gelegene Philippsdorf. Bis 1918 galt der kleine Ort als „österreichisches Lourdes“. Er war nach Mariazell in der Steiermark einer der größten Wallfahrtsorte der Donaumonarchie. Wie in anderen Pilgerstätten waren auch in Philippsdorf Patres des Redemptoristenordens die Betreuer der Wallfahrt. Auch in diesem „nordböhmischen Lourdes“ erlitten die deutschen Einwohner das Schicksal der Vertreibung. Philippsdorf im nördlichsten Winkel Böhmens war bis 1866 ein unbedeutendes Dorf. Im Häuschen Nr. 63 lag damals die 1835 geborene Magdalena Kade seit zehn Jahren schwer erkrankt. Ein Ekzem zerfraß ihren Körper. Mehrfach hatte sie bereits die Sterbesakramente empfangen, lange Zeit in Bewusstlosigkeit verbracht. Am 13. Januar 1866, morgens um vier Uhr, erlebte sie eine Vision: Die Muttergottes erscheint ihr und spricht: „Mein Kind, von jetzt an heilt’s.“ Die Todkranke, noch mit eiternassen Verbänden bedeckt, wurde gesund. Sie starb erst 1905, nachdem sie Alten und Kranken gedient hatte. Der Tag der Erscheinung, der 13. Januar, wurde 1946 gewählt, als sich auf Initiative von P. Paulus Sladek, Hans Schütz und Franz Haibach sudetendeutsche vertriebene Katholiken in München zu einer Gesinnungsgemeinschaft trafen, die sich bald darauf „Ackermanngemeinde“ nannte.

Noch im Jahre der Erscheinung 1866 wurde in Leitmeritz eine bischöfliche Untersuchungskommission eingesetzt, die positiv über die Erscheinung urteilte. Schon 1870 wurde mit dem Bau der heutigen großen Kirche begonnen, die 1885 zu Ehren Mariens, der „Hilfe der Christen“, eingeweiht wurde. 1926 wurde sie durch Papst Pius XI. in den Rang einer Basilika erhoben. Was die Zahl weiterer wundersamer Heilungen betraf, konnte Philippsdorf mit Lourdes verglichen werden. Von weit her kamen die Pilger, selbst im strengsten Winter. Jedes Jahr wurde am Erscheinungstag zur Zeit der Erscheinungsstunde in der Gnadenkapelle auf dem Altar, der über der Erscheinungsstelle erbaut ist, die heilige Messe gefeiert, oft durch den deutschen Bischof von Leitmeritz oder durch einen Abt oder Prälaten. Um zehn Uhr wurde unter größter Beteiligung von Einheimischen und Wallfahrern am Hochaltar der Basilika ein Pontifikalamt zelebriert. Von vier Uhr früh bis zehn Uhr wurde in sechs Beichtstühlen Beichte gehört. Mit der Festfeier war eine Oktav mit täglicher Abendpredigt, Andacht und sakramentalem Segen verbunden. So war es bis zum Zweiten Weltkrieg, der in Philippsdorf mit der Vertreibung der Deutschen endete.

Aber auch nach der Vertreibung wurde das Fest begangen: Schon im Mai 1946 nahm ein vertriebener Philippsdorfer, „Vater Bitterlich“, der nach Burg bei Herborn in Hessen gekommen war, den Gedan-ken auf, Philippsdorf und das Erscheinungsfest auch außerhalb der Heimat weiterzuführen. Viele von ihnen pilgerten auch in die alte Heimat, wo nach und nach die Wallfahrt nach Philippsdorf wieder auflebte. Nicht nur Tschechen kamen nach Filipov, wie der Ort jetzt heißt, sondern über die nahe Grenze aus Sachsen auch viele DDR-Bürger; immerhin waren von den 3,5 Millionen größtenteils katholischen Sudetendeutschen, die es bis 1945 in der Tschechoslowakei gab, etwa 800.000 in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands vertrieben worden und stellten die Hälfte der Katholiken der späteren und heute nicht mehr existierenden DDR. Bereits Mitte der achtziger Jahre konnte in Philippsdorf die Kirche renoviert werden. Die deutsche Wiedervereinigung und der Wegfall der Grenzkontrollen innerhalb der EU haben die Pilgerzahlen nach Philippsdorf noch höher steigen lassen. Heute gibt es dort auch wieder deutsche Gottesdienste. Die Gnadenkapelle links hinter dem Eingang in die Basilika trägt auch im tschechischen Filipov eine Tafel mit der deutschen Aufschrift: „Mein Kind, von jetzt an heilt’s“. 1996 beging die Ackermanngemeinde ihre 50-Jahrfeier mit einem Festakt am 12. Januar in Leitmeritz. Nach Mitternacht fuhren dann Busse nach Philippsdorf zum Gedenkgottesdienst.

Wie andere sudetendeutsche Wallfahrtsorte (z. B. Maria Kulm oder Grulich) hat auch Philippsdorf ein eigenes Lied, das die Geschichte der Heilung von Magdalena Kade schildert:

Zu Philippsdorf schon manchen Tag
Im Jahr sechsundsechzig lag
Die kranke Magdalena still
Und duldete der Schmerzen viel.
Sie rief: Maria, es ist Zeit!
Hilf, Mutter der Barmherzigkeit!
Da strahlt es in der Stube licht,
Maria zu der Kranken spricht:
„Mein Kind, von jetzt an heilt’s,
Mein Kind, von jetzt an heilt’s!“
Singt Ave Maria, singt Ave Maria,
Singt Ave Maria, Maria!

Die letzte Strophe lautet:

Geht einst auf Wegen rauh und hart
Zu Ende meine Pilgerfahrt,
Und bricht die Todesstunde an,
Am Abend meiner Lebensbahn,
Dann, Mutter, denk der Bitten mein,
Lass mich im Sterben nicht allein!
Und sage mir zum letzten Mal
Beim Scheiden aus dem Erdental:
„Mein Kind, von jetzt an heilt’s!“

Von diesem Lied existierte bereits früh eine sangbare tschechische Übersetzung, da von Anfang an auch viele Tschechen nach Philippsdorf kamen. Interessant, aber auch Zeichen der Völker verbindenden Wallfahrt ist die Tatsache, dass in diesem tschechischen Text die Worte der Muttergottes „Mein Kind, von jetzt an heilt’s!“ nicht übersetzt werden. Es ist rührend, wenn in der letzten Strophe genau wie im deutschen Text von der Sterbestunde die Rede ist und der gläubige tschechische Beter und Sänger dann die Worte der Muttergottes in seiner letzten Stunde in deutscher Sprache erwartet: „Mein Kind, von jetzt an heilt’s!“