Schwerter und Damoklesschwerter – Gewalterfahrung in Ostmitteleuropa 1914 - 1989

aus OWEP 1/2014  •  von Jochen Böhler

Zusammenfassung

Nicht der Zweite Weltkrieg allein lässt uns das 20. Jahrhundert als „Zeitalter der Extreme“(*) erinnern. Bereits der Erste Weltkrieg drückte ihm seinen Stempel auf. Aus Kriegs-, Revolutions- und Bürgerkriegswirren erwuchs damals eine europäische Nachkriegsordnung, die stark von deren Erschütterungen und Gewalterfahrungen geprägt war. Unzulängliche Friedensschlüsse legten den Grundstein für neue Konflikte, die Ost-West-Spaltung des Kontinents blieb bis gegen Ende des Centenniums bestehen. Dessen zweite Hälfte war jedoch eher von der Androhung als der Anwendung physischer Gewalt geprägt.


(*) Eric John Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München 1995. (Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel „Age of Extremes. The Short Twentieth Century, 1914-1991“.) .

Dr. Jochen Böhler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Imre Kertész Kolleg Jena.

Der Erste Weltkrieg: Massenhafte Gewalt und die Gewalt der Massen

Keine der beteiligten Kriegsparteien war im Sommer 1914 darauf vorbereitet, mit welcher Wucht der Erste Weltkrieg dem europäischen Zeitalter der alten Imperien ein Ende setzen würde. Als das Attentat von Sarajevo innerhalb weniger Wochen wie in einer Kettenreaktion die kontinentalen Großmächte – mit einer Vielzahl kleinerer verbündeter Staaten an ihrer Seite – in den Krieg zog, hatte man allgemein noch wenig Vorstellungen vom Zerstörungspotenzial einer neuen Waffentechnik. Militärs der „alten Schule“ mussten zunächst einen Lernprozess durchlaufen, bevor sie von althergebrachten „romantischen“ Kriegsvorstellungen Abschied nahmen und die Zeichen der Zeit erkannten: Festungen waren nicht länger Horte der Sicherheit, wenn ihre Wälle von schwerer Artillerie durchschlagen werden konnten. Das zunächst oftmals als „feige“ verworfene Eingraben vor dem Feind wurde – vor allem im Westen – zur überlebenswichtigen Strategie. Flugzeuge und Panzer überflogen oder -querten die Kriegsschauplätze und ließen die bis dahin unübertroffene Kavallerie als Anachronismus erscheinen.

Zugleich hatten mittlerweile Massenheere, ein Ergebnis der in Europa im 19. Jahrhundert eingeführten allgemeinen Wehrpflicht für Männer, die professionellen Armeen der frühen Neuzeit ersetzt. Soldatsein wurde vom Beruf zur nationalen Berufung. So waren zwar nicht in den Offizierskorps, aber in den Mannschaftsdienstgraden alle gesellschaftlichen Schichten vertreten und somit direkt vom Krieg betroffen, der auch nicht Halt machte vor der Sphäre des Zivilen. Das hatte er zuvor zwar auch selten getan – man denke allein an die grausamen Begleiterscheinungen des Dreißigjährigen Krieges –, aber die Dimensionen waren nunmehr andere: Vom Ausbruch der Kampfhandlungen an wurden etwa im Zarenreich Millionen Menschen (vor allem Juden, Deutsche und Ukrainer) von den eigenen Truppen als unzuverlässig, weil „verdächtigen“ Minderheiten angehörig, von der Frontlinie in das weite Hinterland vertrieben. Schlimm war auch das Schicksal der Zivilbevölkerung gegnerischer Staaten, wenn sie – wie im Fall des österreichisch-ungarischen Einmarsches in Serbien im Juli 1914 – verdächtigt wurde, sich am Kampf beteiligt zu haben: Tausende serbische Männer wurden in der Folge von den k.u.k.-Truppen hingerichtet. Dennoch hat der Erste Weltkrieg, abgesehen von dieser anfänglichen Gewaltwelle, die Zivilbevölkerung Ostmittel- und Osteuropas nur wenig aus ihrer alltäglichen Ruhe gerissen. Selbst die deutsche und österreichische Besatzung und die damit einhergehende wirtschaftliche Ausbeutung wurden dort bis 1918 zwar als drückend, aber dennoch hinnehmbar empfunden. Die Revolutionen in Russland und die erbitterten Kämpfe um das Erbe der Imperien änderten dies und machten die Kriegsgewalt in der Region zu einer allgegenwärtigen Erfahrung.

Das Habsburger- und das Romanowreich waren Vielvölkerstaaten gewesen: Die Zugehörigkeit ihrer Untertanen definierte sich aus der Geburt innerhalb ihrer Grenzen, unabhängig von Sprache, Glaube und Ethnie. Die erwachenden Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts, allen voran diejenigen, die in den Imperien zu benachteiligten Minderheiten gehörten, hatten in dieser Vorform „multikultureller“ Vielfalt eher einen „Völkerkerker“ gesehen. Durch den Niedergang beider Großreiche wurden die zuvor nur mit Mühe unterdrückten Energien dutzender Nationalbewegungen in Ostmitteleuropa freigesetzt. Was der amerikanische Präsident Woodrow Wilson im Januar 1918 romantisierend als das Recht der Völker auf Selbstbestimmung bezeichnet hatte, war dort in Wirklichkeit das Startsignal für erbitterte Bruderkämpfe, als die „dunkle Seite der Demokratie“ in „flammenden Hass“1 umschlug. Östlich davon verliefen die Trennlinien nicht zwischen Nationen, sondern Klassen: Die Oktoberrevolution 1917 stürzte Russland von einem verlustreichen konventionellen in einen blutigen Bürgerkrieg, der die alten Eliten beseitigen und die Massen an die Macht bringen sollte. Es ist ein im Westen weit verbreiteter Irrtum, dass der Erste Weltkrieg mit den Waffenstillständen des November 1918 geendet hätte: Seine Nachkämpfe dauerten in Ost- und Ostmitteleuropa noch bis in die frühen 1920er Jahre an. Das wiedererstandene Polen allein war in diesem Zeitraum an seinen Grenzen in sechs verschiedene bewaffnete Auseinandersetzungen verwickelt. 1920 lieferten sich die beiden wichtigsten Protagonisten der beiden politischen Hauptströmungen dieser Zeit – Nationalismus und Kommunismus – die Entscheidungsschlacht um die Zukunft Mitteleuropas, der Sieg der Zweiten Republik2 über die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik vor Warschau wird in Polen heute noch als „Wunder an der Weichsel“ gefeiert. Die Festlegung der neuen Grenzen Ostmitteleuropas war jedoch weniger eine Frage der Ideologie, sondern vielmehr eine der Kräfteverhältnisse. Über ihre Zukunft bestimmten eben nicht die Völker selber, sondern letztendlich Truppenstärke und Kriegsglück der aus den imperialen Trümmern hervorgegangenen Staaten.

Zwischen den Weltkriegen: Apotheose der starken Männer

Die Folgen von Krieg und Bürgerkrieg waren im wahrsten Sinne des Wortes verheerend für die Region: Zu unzähligen Entwurzelten, Kriegs- und Revolutionstoten – allein für den russischen Bürgerkrieg schwanken die Opferzahlen zwischen 2,5 und 3,3 Millionen, in der Ukraine fielen zwischen 50.000 und 300.000 Juden Pogromen zum Opfer – kamen die Hungertoten als Folge von Zerstörungen und Ernteausfällen; 6 Millionen waren es allein im bolschewistischen Russland. Der Zuschnitt der neuen Nationalstaaten nach ethnischen Kriterien führte zu „ethnischen Säuberungen“ und weiteren Völkerverschiebungen gewaltigen Ausmaßes, wie sie bereits während der Balkankriege 1912/13 zu beobachten gewesen waren. Diese beschränkten sich diesmal nicht auf Südosteuropa, wo im Nachgang des Vertrages von Lausanne 1923 über eine Million Griechen und hunderttausende Türken ihre Heimat verloren. Bereits 1919 vertrieb Frankreich 150.000 Deutsche aus dem Elsass über den Rhein.

Um die in ihren Grenzen verbliebenen Minderheiten vor Schikanen und Übergriffen seitens der Titularnationen zu bewahren, waren die jungen Staaten Ostmitteleuropas von den Alliierten in Paris genötigt worden, Minderheitenschutzverträge zu unterschreiben. In Wirklichkeit schuf die Anwesenheit nicht integrierter und häufig diskriminierter ethnischer Gruppierungen, innerhalb derer sich viele immer noch die Eigenstaatlichkeit herbeisehnten, die für die Zwischenkriegszeit in Ostmitteleuropa kennzeichnende Instabilität. Die unzulänglichen Friedensschlüsse und mit ihnen einhergehenden Grenzziehungen waren nach den Bevölkerungsverlusten das schwerste Erbe des Ersten Weltkrieges und legten den Grundstein für den nächsten Krieg. Da jeder Staat der Region größere Minderheiten in seinen Reihen zählte, lebten zugleich im Umkehrschluss große Massen seiner Landsleute in anderen Staaten. Die Verlierer des Kriegs hatten gewaltige Gebietsverluste hinnehmen müssen, wie etwa Ungarn, das nur ein Drittel seines Vorkriegsterritoriums behalten durfte. Ressentiments und Revisionismus standen somit der Gründung eines stabilen mitteleuropäischen Staatenbundes zwischen Deutschland und Russland von vorneherein entgegen. Der neu geschaffene Völkerbund wiederum, dessen Mitglieder teils im eigenen Lande oder in ihren Kolonien auf die strikte Einhaltung der Rassentrennung achteten und Antisemitismus für salonfähig hielten, konnte weder moralische Überlegenheit noch Truppen zur Garantie der Minderheitenrechte ins Feld führen. Zugleich führten die gegen Ende des Ersten Weltkrieges vielerorts erbittert ausgetragenen Kämpfe zwischen Bolschewisten und Konterrevolutionären zu Radikalisierungen und dem Erstarken von nationalkonservativen bis hin zu faschistischen Strömungen und paramilitärischen Verbänden in ganz Europa. Die jungen Demokratien waren mit dieser doppelten Herausforderung und den Folgen der Weltwirtschaftskrise überfordert, und nahezu alle Nationalstaaten Mittel-, Ostmittel- und Südosteuropas hatten sich spätestens in den 1930er Jahren in von „starken Männern“ geführte autoritäre3 oder – wie im Falle des Dritten Reiches und der Sowjetunion – totalitäre Regime gewandelt.

Hitler und Stalin waren von Kriegs- und Revolutionserfahrungen geprägte Diktatoren mit eigenen Machtvorstellungen und Gewaltphantasien. Für den ehemaligen Gefreiten der bayerischen Armee hatten „jüdischer Bolschewismus“ und „Weltjudentum“ die Niederlage Deutschlands herbeigeführt und waren daher dessen größte Feinde, seine politische Vision war ihre gnadenlose Bekämpfung sowie die Schaffung eines ethnisch deutschen Großreiches. In den 1930er Jahren ließ er Kommunisten, Sozialisten und Juden im Land rücksichtslos verfolgen, in Konzentrationslager stecken oder ermorden und betrieb zugleich eine von den kriegsmüden Westmächten lange geduldete aggressive Annexionspolitik. Der ehemalige Kommandeur der sowjetischen Südfront hingegen hatte das Scheitern der Weltrevolution erlebt und den Umschwung zur Politik eines „Kommunismus in einem Land“ – de facto bedeutete dies eine innere Kolonisation unter ethnisch russischer Führung – mitgemacht, seine Definition von „konterrevolutionären Elementen“ war zudem äußerst flexibel. In den 1930er Jahren fielen Millionen Bauern der Zwangskollektivierung und den damit einhergehenden Hungersnöten zum Opfer, weitere Millionen Sowjetbürger starben im Zuge von stalinistischen „Säuberungen“ oder endeten im Labyrinth des weitverzweigten Straflagersystems (Gulag). Zeitgleich bauten beide Diktatoren schlagkräftige Polizeiapparate und – mit gegenseitiger Unterstützung – Armeen auf, um ihre Großmachtträume nach innen und nach außen umsetzen zu können.

Zweiter Weltkrieg: Schlachtfeld der Diktatoren und Massenvernichtung

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zog die erneute Unterwerfung der Nationen Ostmitteleuropas unter zwei Imperien, diesmal das Dritte Reich und die Sowjetunion – gewissermaßen als Nachfolger Preußens, Österreich-Ungarns und Russlands – nach sich. Die jeweiligen Besatzungszonen erlebten zwischen 1939 und 1941 im Zuge von „Germanisierung“ und „Sowjetisierung“ Wellen „ethnischer Säuberungen“, die diesmal nicht nur Massendeportationen, sondern von Beginn an auch den systematischen Massenmord vor allen an den einheimischen Eliten mit einschlossen. Eine Besonderheit bildet hier die Verfolgung und Ermordung der Juden im deutschen Machtbereich, die mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Russland ab dem Sommer 1941 genozidale Züge annahm. Nach dem Bruch zwischen Hitler und Stalin öffnete sich zugleich einer begrenzten Anzahl gesellschaftlicher Kräfte innerhalb der deutsch besetzten Völker die trügerische Perspektive, nun – wie bereits die ostmitteleuropäischen Achsenpartner Rumänien, Ungarn, die Slowakei, Bulgarien und Kroatien – ebenfalls die fremde Vormachtstellung zu nutzen, um unter deren Schutz ihre eigenen nationalen Träume zu verwirklichen. Da dies nicht ohne ein gewisses Maß an ideologischer Übereinstimmung und Teilnahme am Rassenkrieg zu haben war, beteiligten sich nun vor allem Ukrainer, Balten und Rumänen – nicht immer freiwillig, aber massenhaft – auch am Holocaust.

Dieser blieb jedoch von Dimension und Wesen her ein genuin deutsches Projekt. Von Berlin aus initiiert und vom deutschen Polizei- und Besatzungsapparat im Osten in die Tat umgesetzt, fungierten die einheimischen Helfer dort zumeist als verachtete, bestenfalls geduldete „Hiwis“ („Hilfswillige“), an die man aufgrund ihrer angeblichen kulturellen Unterlegenheit einen Teil der „Drecksarbeit“ delegieren konnte. Wirkliche Pläne für eine wie auch immer geartete Beteiligung ostmitteleuropäischer Nationen am zu schaffenden „Großdeutschen Reich“ hegte Hitler dagegen nie, vielmehr sah der „Generalplan Ost“ die gnadenlose Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung und – neben der Vernichtung der europäischen Juden – den Hungertod von „‘zig Millionen“ Menschen vor. Manche der unter der nationalsozialistischen Besatzung verfolgten Ethnien – überwiegend Polen und Ukrainer – befanden sich aber östlich der Frontlinie nicht etwa in Sicherheit, sondern wurden dort im Zuge einer paranoiden Stalinschen „Nationalitätenpolitik“ ebenfalls zu Millionen deportiert und in Zwangsarbeitslager gesteckt. Ostmitteleuropa hatte sich unter beiden Diktatoren in den 1930er und 1940er Jahren wahrlich in die berüchtigten „Bloodlands“4 verwandelt. Etwa 14 Millionen Menschen fielen ihnen in dieser Zeit zum Opfer. Stalins Terror sollte erst 1956, Jahre nach seinem Tod, zu einem Ende kommen.

Biographen der beiden wohl furchtbarsten Machtmenschen des 20. Jahrhunderts sowie Kenner des Dritten Reiches und der Sowjetunion sind sich bis heute darüber uneins, wie diese Gewaltorgien zu erklären und einzuordnen sind. Wurde Osteuropa als „Schlachtfeld der Diktatoren“ nur von diesen „überschattet“, waren der „Braune“ und „Rote Terror“5 also eher systemisch begründet6 oder ist der Ursprung der Politik der „Verbrannten Erde“7 eher in deren Psyche zu suchen? Vermutlich hat man hier von einer Mischung aus beidem auszugehen.

Gleichwohl tut man gut daran, die Bewohner der beherrschten Regionen nicht ausschließlich als Opfer von außen hineingetragener Gewalt zu sehen. Tatsächlich brachen mit der sich allmählich abzeichnenden deutschen Niederlage und dem Rückzug der Wehrmacht aus dem besetzten Osten ethnische Spannungen wieder aus, die die gesamte Zwischenkriegszeit über unter der Oberfläche gegärt hatten. Ein Beispiel unter vielen ist der polnisch-ukrainische Konflikt um Wolhynien und Ostgalizien 1944, der auf beiden Seiten zehntausende – auf polnischer Seite möglicherweise gar hunderttausende – Opfer forderte. Ebenfalls erbittert kämpften auf dem Balkan nationalistische und kommunistische Partisanen um die Nachkriegsordnung. In Ungarn dagegen wurde das letzte Kapitel des Holocaust eingeleitet, als die dortige Regierung die einheimischen Juden Mitte 1944 nach Auschwitz deportieren ließ.

Kalter Krieg: Sowjetisierung und Tauwetter in Ostmitteleuropa

Der Vormarsch der Roten Armee von Osten und der amerikanischen, britischen und französischen Truppen von Westen auf Berlin 1945 prädestinierte die europäische Nachkriegsordnung für die zweite Hälfte des Jahrhunderts. In der sowjetischen Einflusssphäre kamen die letzten Kampfhandlungen – vergleichbar mit dem Ende des Ersten Weltkriegs – aber erst Jahre später zum Erliegen. Der Grund hierfür lag wieder einmal in der Hartnäckigkeit, mit der nationale Bewegungen für ihre eigene Sache kämpften. Partisanen, die jahrelang gegen die deutsche Besatzung für die Wiedererrichtung ihres eigenen Staates gestritten hatten, wehrten sich lange gegen dessen plötzliche Sowjetisierung. Die Vertreter Moskaus in der Region setzten zunächst auf Kooperation, als dies jedoch nicht den gewünschten Erfolg brachte, erhöhten sie den Druck. Die Linie, die Westeuropa nunmehr von Ostmitteleuropa trennte, erwies sich letztendlich als „Eiserner Vorhang“8, hinter dem die Sowjetunion im Wesentlichen die Geschicke der späteren Warschauer-Pakt-Staaten bestimmte.

Dennoch bleibt 1945 eine epochale Wende, markierte das Jahr doch das Ende des millionenfachen Mordens in Europa. Erinnerungen daran wurden erst mit den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre wieder wach. Dennoch war Ostmitteleuropa zwischen 1945 und 1989 bekanntermaßen trotz anderslautender Parolen kein Hort von Frieden und Freiheit: Die kommunistischen Geheimdienste9 schufen mit ihren scheinbar lückenlosen Überwachungsapparaten und Spitzelnetzwerken eine Atmosphäre von Angst und Misstrauen, in der jeder Bürger zumindest potenziell über Nacht zum Opfer staatlicher Willkür und Gewalt werden konnte und politische Gegner und Oppositionelle gezielt verfolgt wurden. Aufstände und ihre gewaltsame Bekämpfung (wie DDR 1953, Ungarn 1956, Polen 1968) blieben dagegen – wichtige (!) – Ausnahmeerscheinungen. Weiter westlich war ein vergleichbar entschlossenes Vorgehen des Staates gegen seine Bürger erst in der „bleiernen Zeit“ der Terroristenbekämpfung der 1970er Jahre zu verzeichnen, dagegen blieb die weitgehend flächendeckende Übernahme der kompromittierten staatlichen Eliten des Dritten Reiches in Justiz, Polizei und Militär bereits von Beginn an ein schweres Erbe der Bundesrepublik Deutschland.

Das im Herzen Europas weit verbreitete Gefühl, einer allgegenwärtigen inneren Überwachung durch den eigenen Staat schutzlos ausgeliefert zu sein, fand seine äußere Entsprechung in der mächtigsten Waffe des Kalten Krieges: dem Damoklesschwert der atomaren Bedrohung. Kernwaffen der USA und der Sowjetunion mit dem Potenzial, hunderttausende Menschen zu töten und die Region auf Jahrhunderte zu kontaminieren, lagerten jahrzehntelang in den Militärbasen West- und Ostdeutschlands. Erst die längerfristigen Auswirkungen der unter Nikita Chruschtschow einsetzenden Entstalinisierung, der westdeutschen Entspannungspolitik unter der Regierung Brandt sowie Michail Gorbatschows „Glasnost“-Programm führten hier zu einer allmählichen Wiederannäherung von Ost und West. Dem Ende des Staatssozialismus ging in Polen freilich ein unruhiges Jahrzehnt voraus, das Streiks, die Erklärung des Kriegsrechts, Stagnation und zähe Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition mit sich brachte, bis der Siegeszug der Gewerkschaft Solidarność 1989 auch die anderen ostmitteleuropäischen Staaten mit sich riss und allerorten in weitgehend „friedliche“ oder auch „stille Revolutionen“10 einmündete.

Gewalt in Ostmitteleuropa im kurzen 20. Jahrhundert: Eine Einordnung

Betrachtet man die unterschiedlichen Formen und Erfahrungen ethnischer, (para-)staatlicher und zwischenstaatlicher Gewalt in Ostmitteleuropa zwischen 1914 und 1989, so gilt es als vielleicht wichtigste Erkenntnis festzuhalten, dass diese entgegen landläufiger westlicher Meinung nicht etwa irgendwelchen angeblichen kulturellen oder mentalen Vorprägungen der Einwohner der Region – man denke etwa an die heute noch gebräuchliche Metapher des Balkans als Synonym für Chaos und Gewalt oder Polens für Unordnung und Kriminalität –, sondern politischen Konstellationen und Motiven – allen voran dem Streben nach Unabhängigkeit und ethnisch-nationaler Selbstbestimmung, also auch im Westen weitgehend geteilten Werten – entsprangen. Durch die späte Öffnung der imperialen Faust machte Ostmitteleuropa hier Entwicklungen innerhalb weniger Jahrzehnte durch, für die man im Westen – von der Aufklärung über die Französische Revolution bis hin zur vollständigen Demokratisierung des Westens ab 1945 – Jahrhunderte gebraucht hatte. Zudem waren ethnische, terroristische und staatliche Gewalt auch im 20. Jahrhundert keine im Westen völlig unbekannten Phänomene – man denke nur an die USA, Irland, Spanien, oder England und Frankreich im Zuge der Dekolonisation. Wer heute meint, das „alte“ Westeuropa habe gegenüber den „neuen“ Beitrittsstaaten im Osten diesbezüglich einen Vorsprung, wird schon durch einen Blick auf die Stimmengewinne von Populisten und rechtsextremen Parteien – etwa in Deutschland oder Frankreich – eines Besseren belehrt. Zu mehreren hundert Todesopfern jährlich kommt es in Europa hingegen derzeit nur im Zuge der Abschottung des Kontinents an seinen Außengrenzen gegen Armutsflüchtlinge – vor allem an den Küsten Spaniens, Frankreichs und Italiens.


Fußnoten:


  1. Michael Mann: Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen Säuberung. Hamburg 2007. (Die Originalausgabe erschien 2004 unter Titel „The Dark Side of Democracy. Explaining Ethnic Cleansing“.); Norman M. Naimark: Flammender Hass. Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert. München 2004. (Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel „Fires of Hatred. Ethnic Cleansing in Twentieth-century Europe“.). 

  2. Bezeichnung für den wiedererstandenen polnischen Staat der Zwischenkriegszeit. Der Begriff „Erste Republik“ wird gelegentlich für die polnisch-litauische Adelsrepublik verwendet, die nach der Dritten Teilung Polens von der europäischen Landkarte verschwand (Anm. d. Redaktion). 

  3. Bernd J. Fischer: Balkan Strongmen. Dictators and Authoritarian Rulers of Southeast Europe. London 2007; Erwin Oberländer (Hrsg.): Autoritäre Regime in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1994. Paderborn 2001. 

  4. Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin 1933-1945. München 2011. (Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel „Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin“.). 

  5. Dietrich Beyrau: Schlachtfeld der Diktatoren. Osteuropa im Schatten von Hitler und Stalin. Göttingen 2000; Jörg Baberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. Darmstadt 2003. 

  6. So auch Ian Kershaw im zweiten Band seiner Hitler-Biographie (Hitler 1936-1945. München 2002). 

  7. Für Stalin vgl. Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. München 2012. Ähnlich argumentiert Peter Longerich für Hitler in seiner demnächst erscheinenden Hitler-Biographie. 

  8. Winston Churchill verwendete in einer Rede am 5. März 1946 im Hinblick auf die sich abzeichnende Abschottung des östlichen Europas den Begriff „Eiserner Vorhang“; vgl. auch Anne Applebaum: Der Eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944-1956. München 2013. (Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel „Iron curtain. The Crushing of Eastern Europe 1944-1956“.). 

  9. Dazu Łukasz Kamiński (Hrsg.): Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa 1944-199 (Analysen und Dokumente der BStU, Bd. 33). Göttingen 2009. (Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel „A Handbook of the Communist Security Apparatus in East Central Europe 1944-1989“.). 

  10. Clemens Vollnhals (Hrsg.): Jahre des Umbruchs. Friedliche Revolution in der DDR und Transition in Ostmitteleuropa (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Bd. 43). Göttingen 2011; Katharina Kucher u. a. (Hrsg.): Stille Revolutionen. Die Neuformierung der Welt seit 1989. Frankfurt (Main) 2013.