Auf den Spuren der „Tränen der Götter“: Die Bernsteinstraße

aus OWEP 3/2014  •  von Michael Erdrich

Zusammenfassung

Bernstein, ein fossiles Harz, zählte bereits in der Antike zu den begehrtesten Handelsobjekten. Der Autor geht den Wegen dieses vielfältig verwendbaren Schmucksteins nach, der bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt hat.

Prof. Dr. Michael Erdrich ist Dozent am Institut für Archäologie der Maria-Curie-Skłodowska-Universität Lublin.

I.

Die „Bernsteinstraße“, die die Ostsee mit der Adria verbindet, zählt zu den ältesten und wichtigsten Fernhandelswegen in Europa. Vor allem in der Antike wurde auf dieser Route der insbesondere von Griechen, Etruskern und Römern hochgeschätzte Bernstein von der baltischen Küste, wo er angeschwemmt und von den Küstenbewohnern aufgesammelt wurde, nach Oberitalien transportiert. Vielleicht ist das auch die Ursache eines weitverbreiteten Irrtums, wonach die Bezeichnung „Bernsteinstraße“ auf antike Quellen zurückgehen soll. Zahlreiche griechische und römische Autoren haben wiederholt über dieses fossile Harz geschrieben; eine besondere Bezeichnung für den Transportweg, auf dem dieses ebenso wertvolle wie begehrte Importgut die mediterrane Welt erreichte, scheint es damals jedoch nicht gegeben zu haben. Man wusste ziemlich genau, woher der Bernstein kam und dass er bei Bedarf in ausreichender Menge geliefert wurde. Die Bezeichnung „Bernsteinstraße“/„Amber Road“ ist eine Schöpfung des späten 18. Jahrhunderts und fand erst im 19. Jahrhundert breite Verwendung.

Heute ist sie weit verbreitet und aus dem Vokabular von Politik und Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Zahlreiche Förderprogramme, vielfach finanziert aus Mitteln regionaler Entwicklungsfonds der Europäischen Union, werben mit diesem Wort und verbinden damit eine gemeinsame Identität und Geschichte. Vor allem im „sanften“ Tourismus spricht man mit den Worten „Bernsteinstraße“/„Amber Road“ ein gebildetes, breit interessiertes Publikum an, das an dem reichen kulturellen Erbe der Anrainer der „Bernsteinstraße“ interessiert ist. Eine Internetrecherche nach den Begriffen „Bernsteinstraße“ oder „Amber Road“ liefert zahlreiche, manchmal auch sehr überraschende Ergebnisse. Es ist zu erwarten, dass diese Wörter ähnlich werbewirksam werden wie der „Römische Limes“, wobei zu bedenken ist, dass die Grenzen des Imperium Romanum an vielen Stellen noch im Original erhalten sind und zum Weltkulturerbe zählen. Zumindest innerhalb der Grenzen des Römischen Reiches sind tastbare Relikte der „Bernsteinstraße“ noch erhalten, jenseits der Donau gibt es jedoch keine Wegstrecken oder Stationen, die sich zweifelsfrei mit diesem Fernhandelsweg verbinden lassen.

An dieser Stelle muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass es eine real existierende „Bernsteinstraße“ zu keiner Zeit gegeben hat.1 Tatsächlich ist sie ein Bündel von uralten, sich häufig verlagernden Verbindungswegen, die von der baltischen Küste Lettlands und Livlands über die Danziger Bucht, die Weichsel und ihre Nebenflüsse durch die Mährische Pforte nach Niederösterreich und die March bei Bratislava führte. Hier trifft sie auf die Donau, eine wichtige Konstante im System der europäischen Fernhandelswege. Die Bernsteinstraße quert die Donau und folgte den in römischer Zeit ausgebauten Fernstraßen von Carnuntum über Scarabantia (Sopron), Savaria (Szombathely/Steinamanger), Poetovio (Ptuj/Pettau), Emona (Ljubljana/Laibach) nach der nordöstlich vom heutigen Venedig gelegenen römischen Stadt Aquileia am Nordende der Adria. Zu allen Zeiten bewegten sich Menschen auf diesen Wegen und transportierten ihre Ideen und Waren in beide Richtungen. Wichtigstes und namengebendes Handelsgut war der an der baltischen Küste gewonnene Bernstein, über dessen Wertschätzung und Bedeutung wir durch einige antike Autoren recht gut informiert sind. Plinius d. Ältere weiß, dass Bernstein 600 Meilen nördlich der Donau bei Carnuntum an den Küsten des „Nordmeeres“ vorkommt, eine erstaunlich präzise Angabe. Und einen dieser Reisenden können wir Dank der Mitteilungen von Plinius zumindest schemenhaft erkennen. Im Auftrag eines Unternehmers, der zur Zeit Neros in Rom Zirkusspiele organisiert, macht sich ein römischer Ritter auf den Weg zu den Küsten des Nordmeeres, um Bernstein für die Ausschmückung der Zirkusspiele herbeizuschaffen. Scheinbar mühelos findet er seinen Weg und erwirbt so viel, dass Bernstein unter den Sand der Arena gemischt werden konnte und dass alle Stricke, die die kaiserliche Loge schützen, ebenso mit ihm geschmückt waren wie die Seile, mit denen die wilden Tiere gefesselt wurden (Naturalis historia, XXXVII 42-51). Eine Beschreibung der Bernsteinstraße überliefert er nicht.

„Tränen der Götter“, wie der Bernstein in der antiken Mythologie bezeichnet wird, wurde zu Pulver verrieben und, wie Plinius d. Ältere berichtet, als Medizin bei Erkrankungen der Atemwege oder Ohren, Verdauungsbeschwerden und Durchfällen eingenommen. Ähnlich wie Weihrauch verströmt Succinit2 beim Verbrennen einen angenehmen Geruch, weswegen er in pulverisierter Form bei Feuerbestattungen eingesetzt wurde. Aus ähnlichen Gründen wurde er – verbrannt oder unverbrannt – bei der Herstellung von Salben und Parfums eingesetzt. Amuletten aus Bernstein wurden unheilwehrende Kräfte zugesprochen. Seine wichtigste Bedeutung hatte er aber als Rohstoff für Schmuck und kunsthandwerkliche Erzeugnisse, was dazu führte, dass seine Attraktivität den Schwankungen der Mode unterlag. Plinius d. Älteren folgend wurde der Wert des begehrten Rohstoffes durch seine Einfärbung bestimmt, wobei vier Klassen unterschieden wurden. Die Färbung des Teuersten entsprach der des berühmten falernischen Weins (Naturalis historia XXXVII 47). Nüchterne Töne schlägt Tacitus an, der das fossile Harz als Auswurf des Meeres bezeichnet, das seinen Ruf nur „unserer Genusssucht“ verdanke (Germania 45).

II.

Seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist es möglich, den baltischen Succinit durch ein physisches Verfahren zweifelsfrei zu identifizieren. Mit Infrarotlicht durchleuchtet zeigt der baltische Bernstein in Wellenbereichen zwischen 1.100 und 1.300 cm-1 [hoch minus 1] eine fast waagerechte Treppe, die so genannte „Baltische Schulter“. Systematische Untersuchungen belegten, dass die überwiegende Mehrzahl aller in archäologischen Fundzusammenhängen aus Europa und Vorderasien geborgenen Bernsteinobjekte aus baltischem Succinit hergestellt wurde.

Hier muss angemerkt werden, dass wir über die Bedeutung des Bernsteins bei den vor- und frühgeschichtlichen Bewohnern des südlichen Ostseeraumes und des heutigen Polens nur Vermutungen anstellen können. Aus dem nördlichen Jütland, aber auch den Landschaften zwischen Elbe und Weichsel, kennen wir eine kleine Gruppe sehr naturalistischer Tierfiguren. Diese Darstellungen von Elchen, Pferden oder Bären entstanden vermutlich zwischen 9600 und 4300 v. Chr. Während der verschiedenen Perioden der Jungsteinzeit, also etwa vor dem 3. Jahrtausend v. Chr., wurde Bernstein in den unterschiedlichen Fundlandschaften in durchaus unterschiedlicher Intensität verwendet. So reicht der Fundanfall von wenigen Einzelstücken bis zu mehr als 170.000 Einzelfunden – unbearbeitete Bröckchen, Abfallstücke, Halbfabrikate und Fertigstücke – aus einer wohl nur saisonal betriebenen Werkstattsiedlung in Niedźwiedziówka in der Nähe von Danzig. In der vorrömischen Eisenzeit, aber vor allem aus der römischen Kaiserzeit, kennen wir zahlreiche Frauengräber, wo die Bestatteten Ketten mit in der Regel nur wenig bearbeiteten und durchbohrten Perlen trugen.

Seit der frühen Bronzezeit erscheint baltischer Bernstein regelmäßig im südlichen Mitteleuropa. Den Status eines statusumschreibenden Prestigeobjekts erreicht er spätestens im 18. und 17. Jahrhundert v. Chr. Erstaunlich und seinen Wert gut umschreibend sind die Funde der großen Bernsteinperlen in den von Heinrich Schliemann ausgegrabenen königlichen Schachtgräbern von Mykene, die ins 17. bis 15. Jahrhundert v. Chr. datieren. Derzeit kennen wir aus dem spätbronzezeitlichen Griechenland von mehr als 100 Fundstellen über 3.500 Bernsteinperlen. Bei der Untersuchung eines um 1400 v. Chr. vor Uluburun bei Bodrum vor der südtürkischen Küste gesunkenen Schiffes fanden sich 41 Perlen aus baltischem Bernstein; auch aus Troja kennen wir ihn. Etwa gleichalt ist ein prächtiges Perlenkollier, das bei Ingolstadt gefunden wurde. Hier wurden etwa 2.800 kleine Einzelperlen auf neun Schnüre aufgefädelt. Bei all diesen Funden ist ein Transport des Rohmaterials über die Bernsteinstraße sehr wahrscheinlich.

Im 13. und 12. Jahrhundert v. Chr. finden wir Bernsteinschmuck in allen italischen Kulturgruppen. Spätestens seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. müssen wir mit einer gut organisierten, systematischen, einen wachsenden Bedarf deckenden Versorgung zahlreicher bernsteinverarbeitender Manufakturen im vorrömischen Italien rechnen. Dabei reicht das Produktionsspektrum von Perlen, figürlichen Darstellungen, Spinnwirteln bis hin zu handwerklich sehr komplizierten Einlagearbeiten in Waffen, Schmuck und sonstigen Geräten.

[Informationen zu nebenstehendem Foto: Fundort: Vetulonia/Toskana (Ende 8.-1. Viertel des 7. Jahrhunderts v. Chr.; Höhe: 4,7 cm). Die Wiedergabe der Abbildung dieser Figur erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Soprintendenza per i Beni Archeologici della Toscana (Florenz) vom 31.07.2014.]

In der im 9. Jahrhundert gegründeten Kolonie Verucchio findet man in praktisch jeder Urne, die ins 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. datiert, mindestens ein oder zwei nicht verbrannte Bernsteinbeigaben. Etliche Urnen trugen Umhüllungen aus Tüchern, die mit Bernsteinschmuck verziert waren. Bei einigen Frauen zeigte sich, dass ihre Leichname buchstäblich mit Bernsteinobjekten überschüttet waren. Dieser enorme Bedarf an Bernstein brach im 6. Jahrhundert weitgehend zusammen.

Wir dürfen davon ausgehen, dass der über die Bernsteinstraße ins vorrömische Italien gelangte Rohbernstein auch über verschiedene Häfen in andere Landschaften des westlichen und östlichen Mittelmeeres gehandelt wurde. Nichts wissen wir über die Organisation dieses augenscheinlich massenhaften Transports des Rohstoffs von der baltischen Küste bis nach Oberitalien und an die Adria. Auch wenn die zu dieser Zeit im heutigen Polen lebende Bevölkerung selbst dem Bernstein kaum besondere Bedeutung beimaß, so muss man doch über den Wert des Transportgutes gut unterrichtet gewesen sein. Wie und wer kontrollierte und schützte den Transport, wer waren die Ansprechpartner und wie fand man sich? Gab es, wie für die ausgehende vorrömische Eisenzeit und die römische Kaiserzeit nachgewiesen, Depots und Zwischenlager? Davon ist auszugehen. Unbeantwortet bleibt derzeit auch die Frage nach den Gegenleistungen.

III.

Im Zeitalter des Augustus setzt in Italien unvermittelt erneut die Nachfrage nach Bernstein ein. Vor allem in Aquileia etablieren sich zahlreiche bernsteinverarbeitende Manufakturen, deren Produktpalette von handwerklich vorzüglich gearbeiteten figürlichen Darstellungen von Göttern, Menschen und Tieren über eine Vielzahl unterschiedlicher Gebrauchsgegenstände wie kleine Amphoren und Muscheln zur Aufbewahrung wohlriechender Salben und Öle, Messergriffe, Kistchen und Kästchen, Spinnrocken, Schmuck und vieles mehr reicht. Einer Analyse der Fundumstände zufolge, soweit dokumentiert, stammen diese Gegenstände zumeist aus reich ausgestatteten Frauengräbern. Ein schlafender Amor aus einem Grab in Nijmegen hält eine verlöschende Fackel nach unten, das Symbol des verlöschenden Lebens. Aber nicht die gesamte Produktion war auf den Tod ausgerichtet. Zu Neujahr schenkten sich wohl nicht nur betuchte Römer kleine, aus Bernstein geschnitzte Blätter, in die Neujahrswünsche eingeritzt waren: AN N F F (annum novum faustum felicem – ein erfolgreiches und glückliches neues Jahr).

Die Bernsteinverarbeitung in Aquileia, deren Blüte wohl im 1. und frühen 2. Jahrhundert lag, fand ein abruptes Ende, als im Jahre 166 ohne Vorwarnung mehrere tausend germanische Krieger die Donau zwischen Wien und Budapest überschritten. Bis zum Friedensschluss 180 verwüsteten für Germanen wie Römer verlustreiche Kämpfe weite Teile des mittleren Donauraumes. Nach dem Ende des Krieges setzte zögerlich eine Belebung des abrupt abgebrochenen Handels ein, aber schon im frühen 3. Jahrhundert kommt er wieder zum Erliegen.

Es war dieser über viele Jahrhunderte andauernde Handel mit Bernstein zwischen Ostsee und Adria, der die Menschen faszinierte. Fossiles Harz, das in seinem Ursprungsgebiet einst nur wenig Beachtung gefunden hat, ist ein begehrter und sagenumwobener Rohstoff für vielfältige Produkte fern seines Gewinnungsgebietes. Wenn es der Zeitgeist diktierte, versorgte die – in der Antike namenlose – Bernsteinstraße die Abnehmer zuverlässig und in überaus reichlicher Menge.

Aufgrund archäologischer Funde lässt sich der Handel mit baltischem Bernstein mehrere tausend Jahre zurückverfolgen. Römische Autoren waren recht gut über die Herkunft des Schmucksteins orientiert und schildern dessen vielfältige Verwendung. Die Bezeichnung „Bernsteinstraße“ stammt aus dem 18. Jahrhundert und trifft nur bedingt zu, da es mit Sicherheit ein breiteres Wegenetz zwischen den Fundorten des Bernsteins und den Abnehmern gab.


Fußnoten:


  1. Vgl. auch die Skizze im Editorial dieses Heftes, die den ungefähren Verlauf der Hauptroute wiedergibt. 

  2. Abgeleitet vom lateinischen Begriff für Bernstein „succinum“.