Das Europa der Regionen

aus OWEP 1/2009  •  von Philipp Ther

Der Autor ist Dozent für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz (Forschungsschwerpunkte: u. a. Vergleichende Sozial- und Kulturgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Nationalismusforschung, Migrationsforschung und Osteuropa im Sozialismus).

Es gibt wohl kaum eine Wissenschaft, deren Institutionalisierung so eng an das Projekt der Nation geknüpft ist wie die Geschichtswissenschaft.1 Auch wenn sich die historische Forschung in der Nachkriegszeit weitgehend von ihrer Instrumentalisierung durch verschiedene Nationalismen befreit hat, sind Nation und Nationalstaat bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ihre wichtigsten Untersuchungsgegenstände oder zumindest Referenzpunkte geblieben. Durch die methodische Debatte und die zunehmende Verbreitung von Ansätzen wie der Geschichte von Kulturtransfers, „Entangled History“ und „Histoire Croisée“2 sind die mentalen Grenzen von Nationen und Nationalstaaten in jüngster Zeit allerdings zunehmend überschritten worden. Historiker haben die Durchlässigkeit nationaler Grenzen und den gemischten Charakter nationaler Kulturen erkannt und somit die häufig hermetische Nationalgeschichte erweitert.

Das Problem, das sich mit einem „methodischen Nationalismus“ verbindet, wird auf abstrakte Weise in kartographischen Darstellungen Europas bzw. den gängigen historischen Atlanten deutlich. Die modernen (National)Staaten sind in der Regel in einer Farbe verbildlicht, es wird also eine hohe sprachliche und ethnische Homogenität suggeriert. Es sind verschieden große und gefärbte, manchmal bizarr geformte, auf jeden Fall klar abgegrenzte Nationen abgebildet, die im Laufe ihrer Geschichte in der Lage waren, einen eigenen Staat zu bilden. Eine Schattierung zwischen den einzelnen Farben ist nicht vorgesehen, auch kein Wechsel des Farbtons, obwohl nationale Kategorien wie „deutsch“ oder „polnisch“ vor 200 Jahren etwas anderes bedeuteten als heute.

Diese staatsnationale, modernistische Sicht auf die Geschichte wird insbesondere zahlreichen Regionen an den Randgebieten der europäischen Nationen und Nationalstaaten, den im Englischen so genannten „Borderlands“, nicht gerecht. So war beispielsweise im tschechisch-polnisch-deutschen Dreiländereck bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht klar zu bestimmen, welcher Nationalität die Bevölkerung angehörte. Ähnliches gilt für das Elsass, die ehemaligen polnischen Ostgebiete, den makedonischen Raum, Teile Bosniens und für zahlreiche weitere Regionen in Europa. Auch nationale Hochsprachen waren außerhalb der urbanen Zentren nur begrenzt verbreitet, da die Bevölkerung größtenteils in lokalen und regionalen Mischdialekten kommunizierte. In den Städten waren die Menschen außerdem häufig mehrsprachig, was nicht nur transnationale Eliten wie den Adel betrifft, sondern häufig auch Bauern, die zuhause im Kreise der Familie, in der Kirche, auf dem Marktplatz und im Kontakt mit Behörden oft verschiedene Sprachen benutzten. Obwohl diese Nuancen den kulturellen und sozialen Alltag der Menschen bestimmten, im 20. Jahrhundert auch die internationale Politik und die Innenpolitik der betreffenden Staaten, können sie kaum wahrgenommen werden, wenn die Geschichte Europas nur in nationale Schubladen verpackt wird. Innerhalb dieser Schubladen finden sich selbstverständlich gewisse Gestaltungsspielräume für Landesgeschichte, für Mikro- und Alltagsgeschichte und viele andere Felder. Dennoch ergibt sich daraus eine europäische Geschichte, die aus der Summe ihrer Nationalgeschichten besteht.

„Zwischenräume“ in der europäischen Geschichte

Aufgrund dieser staatsnationalen Sicht geraten nicht nur kleinere europäische Länder, sondern vor allem auch die Regionen aus dem Blickfeld, die sich im Deutschen als Zwischenräume, im Englischen als „Lands in Between“ zusammenfassen lassen. Dieses „Zwischen“ ist nicht nur im geographischen Sinne als eine Lage zwischen den Kerngebieten, also am Rande der jeweiligen Nationen und Staaten zu verstehen. Sämtliche bereits genannten Regionen sind sprachliche, kulturelle und – wenn man es so erfassen will – ethnische Übergangsgebiete, in denen sich verschiedene Einflüsse überkreuzten, häufig auch vermischten. Ein plastisches Beispiel dafür liefert Oberschlesien, wo die tschechische, österreichische, preußische, deutsche und polnische Herrschaft nicht nur die Geschichte prägte, sondern auch die Sprache. Im schlesischen Dialekt fährt man bis heute mit einem alten polnischen Verb und in einer archaischen polnischen Grammatik auf einem tschechisch bezeichneten Fahrrad gegen einen tschechischen Baum, wobei die aus dem Deutschen importierte Lenkstange bricht. Wörtlich lautet der Satz dann „Jechołech na kole, trzasązech się ze stromem i się skrzywiła linksztanga“, während es in korrektem Polnisch heißen müsste „Jechałem na rowerze, zderzyłem się z drzewem i skrzywiła się kierownica“. Dieses kleine Beispiel hat mehr als anekdotische Bedeutung.

Linguisten und Literaturwissenschaftler haben in den letzten Jahren nachgewiesen, dass „kontinuierliche Dialekte“ wie der schlesische nicht nur alltägliche Kommunikationsmittel waren, sondern auch der Abgrenzung zwischen Eigenem und Fremdem dienten, also Fixpunkte von Identität waren. Die Existenz von Übergangsdialekten zwischen benachbarten Hochsprachen im Fall des tschechisch-polnischen oder polnisch-belorussischen Grenzraums ist aufgrund der sprachlichen Verwandtschaft der slawischen Sprachen nicht überraschend. Doch selbst dort, wo unterschiedliche Sprachfamilien einwirkten, wie etwa im slawo-germanischen Grenzraum, bildeten sich Mischdialekte und moderne Kreolsprachen, die Elemente aus beiden benachbarten Hochsprachen aufnahmen.

Wenn man an Oberschlesien oder vergleichbare Regionen nur mit den gängigen staatsnationalen Kategorien herangeht, dann gehen solche Eigenheiten samt ihrer politischen Relevanz leicht verloren. Oft markierten regionale Identitäten in den hier beschriebenen Räumen außerdem eine Position zwischen konkurrierenden Nationalbewegungen und Nationalismen. Es gibt demnach in Europa empirisch nachweisbar eine Transnationalität „diesseits“ und nicht nur jenseits des Nationalstaats.3 Sofern im „kurzen“ 20. Jahrhundert kontinuierliche Dialekte und andere regionale Traditionen wahrgenommen wurden, wertete man sie in der Regel als rückständig und minderwertig ab. Auch Bevölkerungsgruppen, die sich einer eindeutigen nationalen Zuordnung bzw. Vereinnahmung widersetzten, galten als vormodern. Das betraf in der Zwischenkriegszeit und der frühen Nachkriegszeit auch die westliche Forschung. Wie die amerikanische Historikerin Celia Applegate, die ein bahnbrechendes Buch über den Heimatbegriff und den Regionalismus in der Pfalz geschrieben hat, treffend kritisiert, wurde Modernisierung häufig mit Nationalisierung gleichgesetzt. Die historische Forschung über Regionen wie Oberschlesien diente außerdem lange Zeit Legitimationszwecken von Nationalstaaten und deren Nationalismen.

Es ist ein Merkmal zahlreicher Zwischenräume, dass sie im Laufe ihrer Geschichte eine hohe kulturelle und politische Eigendynamik entwickelten. Man kann diese Zwischenräume daher nicht als eine Randerscheinung der europäischen oder der jeweiligen nationalen Geschichten Europas betrachten. Gerade ihre Lage an wechselnden Grenzen bedingte neben einer scheinbaren Peripherität auch eine Zentralität, da sich in den Zwischenräumen wichtige Verkehrsadern und Kommunikationswege kreuzten. Dies gilt für das späte 19. Jahrhundert als einer ersten Phase der Europäisierung und Globalisierung ebenso wie heute. Bozen oder Katowice liegen in gesamteuropäischer Sicht zentraler als Rom oder Warschau. Celia Applegate hat vor ein paar Jahren in ihrem programmatischen Aufsatz über „A Europe of Regions“ festgestellt, wie sehr Regionen die wirtschaftliche und politische Entwicklung der einzelnen europäischen Nationen und Staaten prägten. Sie meinte damit eher zentrale Regionen, aber das Fazit gilt auch für die meisten hier untersuchten Zwischenräume, deren Lage an umstrittenen Grenzen sie zu symbolischen Orten der jeweiligen Nationalbewegungen und Nationalstaaten werden ließ.4

In der Konzentration auf den „Erfolg“ des Nationalismus liegt ein hermeneutisches Problem. Gerade weil sich die Forschung vorwiegend mit der schrittweisen Ausbreitung und der Durchsetzung des Nationalismus gegenüber anderen Ideologien befasst hat, und dies mit einem Schwerpunkt auf den heute existierenden Staatsnationen Europas, wurden die alten Grundannahmen zwar differenziert, aber letztlich doch immer wieder bestätigt. Dies gilt insbesondere für die Nationalismusforschung in der Bundesrepublik Deutschland, die von jeher von einer starken Assimilationskraft des deutschen Nationsprojektes und einer weitgehenden Nationalisierung der Bevölkerung bis zur Jahrhundertwende ausging.5 Jüngere Forschungen, die unter anderem von dem Hallenser Historiker Michael G. Müller angeregt wurden, haben Kritik an diesen Theorien der Nationalismusforschung geübt. Müller kommt in einem Sammelband über regionale und nationale Identitäten in Europa zu dem Schluss, dass „es nicht länger möglich ist, lange gemachte, implizite Annahmen aufrechtzuerhalten, dass die Wirkung nationaler Propaganda mit ihrer Intensität steigt und dass ein Fortschreiten von Nationsbildungsprozessen bedeutet, dass das Denken in nationalen Kategorien über regionale und lokale Loyalitäten vorherrschen würde“.6 Ein möglicher Weg, das hermeneutische Problem der Nationalismusforschung zu lösen, liegt darin, auf politik-, sozial- und kulturgeschichtlicher Ebene potenziell konkurrierende Identitätsangebote zu analysieren. Bei näherer Betrachtung stellt sich oft heraus, dass Konfession, politische Überzeugung, die soziale Stellung, eine Dynastie oder der monarchische Staat vielen Menschen wichtiger waren als nationale Bekenntnisse und Identitäten. Das Problem einer derartigen Relativierung liegt aber einerseits in ihrer fehlenden Messbarkeit, andererseits darin, dass sich z. B. Nation und Konfession oft wirkungsvoll ergänzten.

Eine Möglichkeit, diesem Dilemma zu entkommen, ist die, den Nationalismus zunächst von den Grenzen seiner Reichweite her zu untersuchen und sich mit konkurrierenden Identitätsangeboten zu beschäftigen, wobei zu bedenken ist, dass sich regionale und nationale Identitäten vielfach auch ergänzten. Daraus folgt die Ausgangsfrage, inwieweit seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in verschiedenen „Zwischenräumen“ regionale Identitäten eine Konkurrenz zu nationalen Identitäten darstellten, regionale Bewegungen die Massen mobilisieren konnten und welche politischen Programme daraus entstanden.

Der Forschungsansatz des Regionalismus

In Anlehnung an den theoretischen Erkenntnisstand der Nationalismusforschung sind Regionen als Konstrukte, nicht als vorgegebene Einheiten anzusehen, da sich damit häufig falsche Annahmen territorialer Kontinuität und ethnischer Homogenität verbinden.7 Sofern man Regionen nicht als feststehende Einheiten begreift, führt kein Weg an Diskursen und an einer Betrachtung von Regionen in der politischen, sozialen und kulturellen Praxis vorbei. Ein besonders instruktives empirisches Fallbeispiel ist hierbei das bereits erwähnte Oberschlesien, das im Folgenden etwas näher betrachtet wird. Die Frage lautet, warum diese und andere Regionen zeitweise eine wichtige Rolle in politischen, sozialen und kulturellen Auseinandersetzungen spielten oder sogar als alternative Projekte zu bereits existierenden Staatsnationen und Nationalstaaten galten.

Regionale Bewegungen sind diesem Ansatz zufolge als moderne Massenbewegungen zu verstehen, die sich für die Autonomie der jeweiligen Regionen im Verhältnis zu übergeordneten Einheiten wie Imperien und Nationalstaaten einsetzen. Regionalismus umschreibt die Programme und Ideologien, mit denen die jeweilige Konstruktion von Regionen begründet wurde. Gleichzeitig hat der Begriff eine sozialhistorische Dimension, denn ohne eine Kenntnis der sozialen Reichweite des Regionalismus lässt sich seine ideelle Veränderung nicht verstehen.

Ein wichtiger Unterschied des Regionalismus zum Nationalismus liegt darin, dass der Regionalismus nicht auf eine volle Souveränität oder Eigenstaatlichkeit für das von ihm beanspruchte Gebiet hinstrebt. Während die Zugehörigkeit von Bürgern zu einem Nationalstaat mit klar identifizierbaren Kriterien wie der Staatsbürgerschaft, dem Wahlrecht und in Kontinentaleuropa der Wehrpflicht zu bestimmen ist, verfügen Regionen nicht über derlei Legitimationsquellen und Institutionen ihrer Macht. Das Zugehörigkeitsgefühl zu Regionen bestimmt sich daher überwiegend aus „weichen“ kulturellen Elementen wie dem Dialekt, Sitten, Bräuchen, personalen Beziehungen, spezifischen historischen Erfahrungen und „Erinnerungen“. Dabei spielt die kognitive Affinität des Menschen zu Räumen überschaubarer Größe eine Rolle. Während größere Nationalstaaten stärker auf einer „Invention“ beruhen, sind Regionen gerade von ihrer relativen Überschaubarkeit geprägt. Aus diesen Unterschieden ergibt sich, dass Regionalismus und Nationalismus nicht nur als konkurrierende Konzepte und soziale Bewegungen gedacht werden sollten. Das gilt nicht nur für Regionen in den Zentren von Nationalstaaten wie etwa der Île-de-France in Frankreich, wo sich regionale und nationale Identitäten gegenseitig ergänzen oder sogar verstärken, sondern auch für die hier behandelten Zwischenräume. Auch im Zeitalter des Nationalismus waren multiple Identitäten verbreitet, waren das Bekenntnis zu einer Region und zu einer Nation häufig im Sinne einer Mehrfachidentität komplementär. Zu fragen wäre eher, warum es unter bestimmten Umständen zu einem Konkurrenzverhältnis kam.

Periodisierung

Dabei ist es wichtig, zwischen verschiedenen Abschnitten der europäischen Moderne zu unterscheiden. In der Zeit zwischen 1848 und 1918 bildeten sich nicht nur nationale, sondern auch regionale Identitäten aus. Das lag zum einen an der zunehmenden Politisierung der Bevölkerung Europas, die wesentlich mit der Einführung der Schulpflicht und der Bildung der breiten Masse zusammenhing. Die Region war eine wichtige Arena der Politik, insbesondere in föderalen Staaten mit regionalen Parlamenten und Verwaltungen. Zum anderen stießen die Nationalbewegungen an Grenzen ihrer Mobilisierungsfähigkeit. Insbesondere auf dem Land und im Arbeitermilieu erfuhren sie nur begrenzte Akzeptanz, was mit dem bürgerlichen Kern der meisten Nationalbewegungen zusammenhängt. Ein wichtiger Faktor waren außerdem konfessionelle Differenzen, so etwa in Oberschlesien. Allerdings konnten regionale Bewegungen in den hier behandelten Zwischenräumen nur in wenigen Fällen eine schlagkräftige Elite bilden. Daher verloren die Regionen an Einfluss gegenüber den Nationalstaaten. Erst gegen Ende des Ersten Weltkrieges veränderte sich insbesondere in Deutschland die Balance der Macht. In etlichen Regionen kam es zu Absetzbewegungen vom Nationalstaat, regionale Bewegungen gewannen massiv an Zulauf.

Die zweite Periode des Regionalismus liegt zwischen 1918 und 1939 und war noch mehr als zuvor durch die Nationalstaaten geprägt. Diese unterschieden sich von den multinationalen Imperien, wozu auch das Deutsche Reich von 1871 gehört, dadurch, dass sie eine ausschließliche Identifikation mit ihrer Trägernation und ihrem Staat verlangten. Dabei gibt es keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen vermeintlich „zivilen“ und „ethnischen“ Nationalismen und Nationalstaaten in West- bzw. Osteuropa. Auf dem gesamten Kontinent gerieten die „nationalisierenden Nationalstaaten“ in Konflikt mit regionalen Identitätsangeboten und ihren Trägern. Insbesondere in Grenzregionen, die nach 1918 ihre staatliche Zugehörigkeit gewechselt hatten oder von nationalen Minderheiten bewohnt wurden, kamen Regionalismen in den Verdacht, ein trojanisches Pferd des verfeindeten Nachbarlandes zu sein. Die Einstellung der französischen Behörden gegenüber der Autonomiebewegung im Elsass, der rumänischen Regierung gegenüber den verschiedenen Minderheiten in Siebenbürgen oder der italienischen in Südtirol sind Beispiele hierfür. Anstatt die Eigenheiten der Regionen wenigstens teilweise zu akzeptieren, wurde jegliches Autonomiestreben als Separatismus und potenzielle Gefahr interpretiert. Die nationalisierenden Nationalstaaten setzten auf Unterdrückung statt auf Kompromiss. Zwischen den Regionen und den Nationalstaaten entstanden tiefe Konflikte, die man nicht nur als Auseinandersetzung zwischen Mehrheit und Minderheit, sondern auch zwischen Zentrum und marginalisierten Regionen interpretieren kann.

Die Unterdrückung regionaler Identitäten und Bewegungen bewirkte in den meisten Fällen das Gegenteil. Ein Beispiel dafür ist das Elsass. Wie Christiane Kohser-Spohn gezeigt hat, hieß ein Großteil der elsässischen Bevölkerung 1918 die einrückenden Franzosen zunächst willkommen. Wegen der Assimilationspolitik distanzierte sich jedoch bald ein erheblicher Teil der Bevölkerung von Frankreich. Ähnliches trifft auf andere Nationalstaaten zu.8 Allerdings konnten sich die Regionalismen in den Zwischenräumen kaum gegen die jeweiligen Nationalismen durchsetzen. Dies lag nicht nur an der Stärke der staatlich geförderten Nationalismen, sondern auch am relativ späten Aufkommen und der spezifischen Schwäche der Regionalismen. Sie entstanden alle zu einer Zeit, als die Nationsbildung in den jeweiligen Teilen Europas bereits weit vorangeschritten war. Der Partizipationsverheißung der Nationalismen und ihrem Versprechen von mehr Gleichheit hatten die Regionalbewegungen wenig entgegenzusetzen. Entweder richtete sich die jeweilige regionale Bewegung dezidiert gegen eine bestimmte Nation, schreckte damit aber all jene Mitbürger ab, die sich jener Nation zumindest teilweise als zugehörig oder verbunden empfanden, oder der Regionalismus war bewusst transnational, auf die Vermittlung zwischen verschiedenen nationalen Einflüssen ausgerichtet. Dies war aber in einem Zeitalter gewaltsamer Nationalitätenkonflikte und zweier Weltkriege nur schwer möglich.

In Oberschlesien zeigt sich klar dieses Dilemma. Eine antideutsche Stoßrichtung der Regionalbewegung kam nach 1918 kaum in Frage, weil das Kaiserreich und die lange preußische Herrschaft die Bevölkerung geprägt hatten. Leichter ließen sich antipolnische Ressentiments zur Bestimmung der eigenen Identität abrufen, aber damit verprellte man all jene slawophonen Mitbürger, die zu Hause den oberschlesischen Dialekt sprachen, der dem Polnischen weit näher war als dem Deutschen. Der „Bund der Oberschlesier“ suchte einen Ausweg aus dem Dilemma, indem er 1919 behauptete, die Oberschlesier seien ein multilinguales Einheitsvolk und eine „slavo-germanische Blutmischung“.9 Damit wurde eine multikulturelle mit einer ethnischen, auf Abstammung orientierten Herleitung der regionalen Gemeinschaft verknüpft. Der deutsch-polnische Konflikt um Oberschlesien brachte es aber mit sich, dass jenes „Einheitsvolk“ sich für eine der beiden Seiten entscheiden musste. Einen dritten bzw. schlesischen Weg zwischen dem deutschen und polnischen Nationalismus sah auch der Völkerbund nicht vor, der schließlich zwischen Deutschland und Polen vermittelte. In den dreißiger Jahren gerieten die Autonomiebewegungen, ob in Oberschlesien, im Elsass oder auch in Mähren, zunehmend unter den Einfluss des Nationalsozialismus und seiner völkischen Ideologie. Dadurch war der Regionalismus in vielen Teilen Europas diskreditiert und konnte nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch Unterstützer gewinnen. West- und Osteuropa waren nach 1945 in gewaltsam homogenisierte Nationalstaaten gegliedert, die ihren Regionen nur noch wenig politischen oder kulturellen Spielraum ließen.

Zu etwa der gleichen Zeit entstand in Westeuropa eine Renaissance der Region. Die 1968er Bewegung hatte eine in der Forschung wenig beachtete regionalistische Komponente. Insbesondere im Elsass, in anderen französischen Regionen wie Korsika, der Bretagne, auch in Südtirol, in Schottland und Wales, nach dem Ende des Franco-Regimes in Katalonien und Galizien entstanden neue regionale Bewegungen, die aber nunmehr „von links“ inspiriert waren und das antikoloniale Gedankengut der Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ aufnahmen. Der Regionalismus manifestierte sich auf kultureller Ebene mit einer bewussten Hinwendung zum Dialekt und der Gründung vieler kultureller Institutionen. Die westeuropäischen Nationalstaaten reagierten auf diese Herausforderung klüger als in der Zwischenkriegszeit. Sie unterdrückten die regionalen Bewegungen nicht mehr, sondern gaben ihren Forderungen mit einer Dezentralisierung teilweise nach.

Für eine bis heute ungebrochene Dynamik des Regionalismus sorgte dann die Europäische Gemeinschaft bzw. Union. Die Förderprogramme in der Landwirtschaft, für bestimmte Industrien und in den Strukturfonds sind so ausgelegt, dass sich eine Interessenbündelung auf regionaler Ebene als effektiver Weg erweist, um Mittel aus Brüssel zu bekommen. In Brüssel etablierte sich der Ausschuss der Regionen, der eine Verlagerung politischer Diskurse in Europa ermöglichte. Während es auf globaler Ebene zur Durchsetzung kollektiver Interessen unausweichlich ist, sich als Nation oder als nationale Bewegung zu definieren – schließlich ist die Welt als United Nations organisiert –, ist es in Europa aussichtsreich, sich als Region zu artikulieren. Allerdings ist der Regionalismus auf europäischer Ebene seit der EU-Erweiterung wieder in den Hintergrund getreten, was auch darin liegen mag, dass die neuen Mitglieder sich mehr um ihre nationale Souveränität sorgen als um die Selbstständigkeit der Regionen. So ist es nach wie vor offen, inwieweit sich das „Europa der Vaterländer“ wieder mehr zu einem „Europa der Regionen“ entwickelt.


Fußnoten:


  1. Einen kompakten Überblick über die Institutionalisierung der Geschichtswissenschaft im europäischen Vergleich bietet Ronald Grigor Suny: History and the Making of Nations, in: Cultures and Nations of Central and Eastern Europe. Essays in Honor of Roman Szporluk, hrsg. von Zvy Gitelman u. a., Cambridge 2000, S. 569-589. 

  2. Vgl. zu diesen Ansätzen Michel Espagne: Les transferts culturels franco-allemands. Paris 1999; Michael Werner/Bénédicte Zimmermann: Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der Histoire croisée und die Herausforderung des Transnationalen, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 607-636. – Mit Blick auf Ostmitteleuropa vgl. Philipp Ther: Beyond the Nation. The Relational Basis of a Comparative History of Germany and Europe, in: Central European History 36 (2003), S. 45-74. 

  3. Zur Transnationalität „jenseits“ des Nationalstaats vgl. Jürgen Osterhammel: Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats. Studien zu Beziehungsgeschichte und Zivilisationsvergleich. Göttingen 2001. 

  4. Vgl. Celia Applegate: A Europe of Regions. Reflections on the Historiography of Sub-National Places in Modern Times, in: American Historical Review 104 (1999), S. 1157-1182. 

  5. Jüngere Publikationen haben die Annahme einer weitgehenden Assimilation der Minderheiten modifiziert oder revidiert. Vgl. Hans Henning Hahn/Peter Kunze: (Hrsg.): Nationale Minderheiten und Minderheitenpolitik in Deutschland im 19. Jahrhundert. Berlin 1999; speziell zu Oberschlesien Philipp Ther: Die Grenzen des Nationalismus: Der Wandel von Identitäten in Oberschlesien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1939, in: Ulrike von Hirschhausen/Jörn Leonhard (Hrsg.): Nationalismen in Europa: West- und Osteuropa im Vergleich. Göttingen 2001, S. 322-346. 

  6. Heinz-Gerhard Haupt/Michael G. Müller/Stuart Woolf (Hrsg.): Regional and National Identities in Europe in the 19th and 20th Centuries. Den Haag u. a. 1998, S. 4 und 14. (Übersetzung des Zitats durch den Autor). 

  7. Gegen die Neigung, Regionen und Städte als gegeben oder essenziell anzusehen, richtet sich u. a. Jaques Revel: La Région, in: Pierre Nora (Hrsg.), Les Lieux de Mémoire, III. Les France, 1. conflicts et partages, Paris 1992, S. 851-883, hier S. 854. 

  8. Vgl. zum Elsass Karl-Heinz Rothenberger: Die elsaß-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung zwischen den beiden Weltkriegen. Bern 1976; außerdem den Aufsatz von Kohser-Spohn in Philipp Ther/Holm Sundhaussen (Hrsg.): Regionale Bewegungen und Regionalismen in europäischen Zwischenräumen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Marburg 2003. 

  9. Zit. nach dem Schriftgut des „Bundes der Oberschlesier“ in Andrea Schmidt-Rösler: Autonomie- und Separatismusbestrebungen in Oberschlesien 1918-1922, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropaforschung 48 (1999), S. 1-49, hier S. 11.