Die ökumenischen Beziehungen zwischen Orthodoxen und Katholiken zwanzig Jahre nach der „Wende“

aus OWEP 3/2009  •  von Johannes Oeldemann

Der Autor ist Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn und Mitglied der Arbeitsgruppe „Kirchen des Ostens“ der Deutschen Bischofskonferenz.

Die politische „Wende“ in Mittel- und Osteuropa 1989/90 brachte auch eine Wende in den orthodox-katholischen Beziehungen mit sich, vor allem im Verhältnis zu den Orthodoxen im ehemals kommunistischen Machtbereich, die jedoch Auswirkungen weit darüber hinaus hatte. Zuvor gab es eine sehr fruchtbare Phase in der Ökumene zwischen Orthodoxen und Katholiken:

  • Am Beginn dieser Phase stand jene denkwürdige Begegnung zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. im Januar 1964 in Jerusalem, die eine neue Ära in den orthodox-katholischen Beziehungen eröffnete.
  • Es folgte im Dezember 1965 die „Tilgung“ der Bannsprüche von 1054 aus dem Gedächtnis der Kirche – Ausdruck einer „Heilung der Erinnerungen“ an diese unglückliche Episode, die in vielen Geschichtsbüchern bis heute fälschlicherweise als Ursprung des Schismas zwischen Ost und West gilt.
  • Die Regensburger Ökumenischen Symposien und die Konsultationen der Wiener Stiftung „Pro Oriente“ ebneten in den folgenden Jahren den Weg für den theologischen Dialog zwischen Orthodoxen und Katholiken.
  • In „Gemeinsamen Erklärungen“ der Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. mit den orientalisch-orthodoxen Patriarchen konnten die Differenzen in der Christologie, die im 5. Jahrhundert zur Spaltung von der vorchalkedonischen Orthodoxie geführt hatten, als überwunden erklärt werden.
  • Die Internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche konnte in den 1980er-Jahren drei bemerkenswerte gemeinsame Texte erarbeiten, die eine breite Übereinstimmung in grundlegenden Glaubensfragen dokumentieren.

Das Jahr 1990 war vor diesem Hintergrund eine einschneidende Wende in dieser positiven Entwicklung:

  • Das Wiederaufleben der mit Rom unierten Ostkirchen in Osteuropa, vor allem in der Ukraine und in Rumänien, führte zu langwierigen und kontroversen Diskussionen um die Bewertung des „Uniatismus“, bei denen sich auch orthodoxe Theologen, die unmittelbar gar nicht mit Unierten konfrontiert waren, durch extrem kritische Wortmeldungen exponierten.
  • Von orthodoxer Seite wurde – oft in einem Atemzug mit der Kritik am „Uniatismus“ – der katholischen Kirche „Proselytismus“, das Abwerben von orthodoxen Gläubigen mit unlauteren Mitteln, unterstellt.
  • Die Errichtung katholischer Bistümer in Russland im Februar 2002 wurde vom Moskauer Patriarchat als Ausdruck des Proselytismus bewertet und mit der Entwicklung des Konzepts eines „kanonischen Territoriums“ der Russischen Orthodoxen Kirche beantwortet, das in der Folgezeit auch zu innerorthodoxen Konflikten (z. B. in Estland) führte.
  • Einige westliche Theologen reagierten auf diese Situation mit der Wiederbelebung alter Vorurteile und warfen den Orthodoxen eine rückwärtsgewandte, „voraufklärerische“ Geisteshaltung vor.

In den letzten drei bis vier Jahren hat sich diese von gegenseitigem Misstrauen geprägte Atmosphäre weitgehend entspannt. Wie steht es heute, im fünften Jahr des Pontifikats Papst Benedikts XVI., um die orthodox-katholischen Beziehungen?

Äußerlich erfolgreich

Auf den ersten Blick scheint es so, als ob die „Erfolgsmeldungen“ aus den ersten Jahrzehnten des orthodox-katholischen Dialogs nach gut 15-jähriger Unterbrechung nun fortgesetzt werden könnten. Im September 2006 nahm die Internationale orthodox-katholische Dialogkommission ihre Arbeit in neuer Zusammensetzung mit einer Tagung in Belgrad wieder auf. Schon bei der nächsten Sitzung im Oktober 2007 in Ravenna wurde ein gemeinsamer Text verabschiedet, der sich unter der Überschrift „Kirchliche und kanonische Konsequenzen der sakramentalen Natur der Kirche. Kirchliche Communio, Konziliarität und Autorität“ mit dem Verhältnis zwischen primatialen und synodalen Elementen der Kirchenstruktur befasst.1 Das Dokument unterstreicht, dass Primat und Synodalität wechselseitig voneinander abhängig sind, weshalb es sowohl auf lokaler wie auch auf regionaler und universaler Ebene ein Zusammenwirken zwischen primatialer Autorität und synodaler Beratung geben sollte. Erstmals wird von orthodoxer Seite die „Tatsache des Primats auf der universalen Ebene“ anerkannt, wobei zugleich bleibende Unterschiede „in Bezug auf die Weise, in der er ausgeübt werden soll“, konstatiert werden. Die Frage nach der rechten Form der Primatsausübung will die Dialogkommission nun in der nächsten Phase in den Blick nehmen.

Auch der Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen hat sich in den letzten Jahren positiv entwickelt. Seit 2004 gibt es eine offizielle Dialogkommission, die sich einmal im Jahr trifft. Auf katholischer Seite besteht sie überwiegend aus Vertretern unierter Ostkirchen der orientalischen Riten, die von den orthodoxen Gesprächspartnern ohne Weiteres akzeptiert wurden. Im Januar 2009 hat diese Kommission die Arbeit an einem gemeinsamen Dokument abgeschlossen, das sich mit dem Wesen, der Verfassung und der Sendung der Kirche befasst.

Neben den erfreulichen Resultaten des theologischen Dialogs gab es zahlreiche persönliche Begegnungen des Papstes mit orthodoxen Patriarchen.2 Ist dieses Wiederaufleben der orthodox-katholischen Beziehungen Papst Benedikt XVI. zu verdanken? Es ist sicher zutreffend, dass viele Orthodoxe den Theologen Joseph Ratzinger schätzen, dessen Aussage, dass „Rom vom Osten nicht mehr an Primatslehre verlangen muss, als im ersten Jahrtausend gelehrt und gelebt wurde“, bis heute in ihren Ohren nachklingt. Und es ist wohl auch unverkennbar, dass Benedikt XVI. seinerseits die Kirchen der östlichen Traditionen wertschätzt, was sich an manchen seiner Gesten (Verwendung des Palliums in seiner alten Form) und in vielen seiner Reden (so z. B. die Katechesen über die östlichen Kirchenväter) ablesen lässt. Dennoch ist es nicht allein sein Verdienst, dass wieder Bewegung in den orthodox-katholischen Dialog gekommen ist. Hierzu haben sicher auch die vielfältigen Kontakte beigetragen, die Kardinal Kasper in seiner Funktion als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen seit 2001 knüpfen konnte. Daneben wirken sich auch neue Personalkonstellationen auf orthodoxer Seite positiv aus: Mit Patriarch Daniel und Patriarch Kyrill stehen in Rumänien und Russland zwei neue Persönlichkeiten an der Spitze der beiden zahlenmäßig größten orthodoxen Kirchen, die beide über langjährige Erfahrungen im ökumenischen Dialog verfügen.

Innerlich problembelastet

Dennoch stehen die Chancen auf eine schnelle „Einigung“, letztlich auf die Wiederaufnahme der Kirchengemeinschaft, realistisch betrachtet nicht sonderlich gut. Das liegt an verschiedenen Faktoren, die den Dialog von innen her belasten. Hier ist zunächst auf eine ganze Reihe historischer Erblasten zu verweisen, die den Dialog erschweren: der jahrhundertelange Entfremdungsprozess zwischen Ost und West, die traumatischen Erfahrungen der Orthodoxen mit lateinischen Kreuzfahrern (Eroberung Konstantinopels 1204), der Untergang des byzantinischen Kaisertums, die Nachwirkungen der osmanischen Herrschaft über weite Teile Südosteuropas, schließlich das Erbe der kommunistischen Epoche in Osteuropa.3 Auf orthodoxer Seite gibt es darüber hinaus verschiedene innerorthodoxe Konflikte, die sich negativ auf den Dialog auswirken. Nach außen hin sichtbar wurden diese Spannungen bei der Tagung der Internationalen orthodox-katholischen Dialogkommission in Ravenna 2007, als die Delegation der Russischen Orthodoxen Kirche die Versammlung aus Protest gegen die Anwesenheit von Vertretern der Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche verließ, die zwar vom Patriarchat von Konstantinopel als autonome Kirche anerkannt ist, nicht aber von Moskau. Das Dokument von Ravenna ist daher bis heute von der Russischen Orthodoxen Kirche nicht offiziell anerkannt worden.

Doch auch auf katholischer Seite gibt es Probleme, wie sich beispielsweise in der unterschiedlichen Bewertung des in Ravenna erzielten Ergebnisses zeigt. Während der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates das Dokument als einen großen Fortschritt im orthodox-katholischen Dialog würdigte, unterstrich der Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre Bischof Angelo Amato in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „Avvenire“, dass das Dokument von Ravenna ein „provisorischer Text“ sei, der noch nicht von der katholischen Kirche approbiert ist. Nach seiner Einschätzung steht das Dokument der orthodoxen Tradition näher als der katholischen Tradition. Die Rezeption der Dialogergebnisse ist somit ein Problem, das sich auf beiden Seiten stellt.

Auf katholischer Seite wird diese zumindest dadurch erleichtert, dass das Zweite Vatikanische Konzil sich grundsätzlich positiv über das Verhältnis der katholischen Kirche zu den Orthodoxen geäußert hat, sodass sich alle Bemühungen um eine Verständigung auf entsprechende Konzilsaussagen berufen können. Wie umgekehrt die Beziehungen zur katholischen Kirche aus orthodoxer Sicht zu bewerten sind, ist dagegen höchst umstritten.4 Es gibt dazu keine offizielle Stellungnahme einer panorthodoxen Synode, und die Positionsbestimmungen, die einzelne Patriarchate – z. B. das Moskauer Patriarchat in seiner im Jahr 2000 verabschiedeten Erklärung über „Das Verhältnis der Russischen Orthodoxen Kirche zu den Nichtorthodoxen“ – veröffentlicht haben, sind für die übrigen Orthodoxen nicht bindend. Solche Unterschiede in der Bewertung des Dialogpartners zeigen sich jedoch nicht nur bei der Beurteilung des ekklesiologischen Status der anderen Kirche, sondern wirken sich bis in weithin unbewusste Grundhaltungen hinein aus. So lässt sich bei vielen katholischen Christen eine hohe Wertschätzung für die östlichen Traditionen beobachten, während auf orthodoxer Seite eher kritische bis abfällige Stimmen zu vernehmen sind, die über die Laxheit westlicher Christen und den Einfluss des Säkularismus klagen. Ein solches Ungleichgewicht in der Wahrnehmung und Bewertung des Dialogpartners ist auf Dauer keine tragfähige Basis für den ökumenischen Dialog.

Dass orthodoxe Theologen und Bischöfe Probleme mit der Anerkennung von Kirchen außerhalb der eigenen Kirche haben, ist letztlich in dem Anspruch der Orthodoxie begründet, das Erbe der Alten Kirche unverändert bewahrt zu haben und damit die einzig legitime Bewahrerin der apostolischen Tradition zu sein. Sie geht davon aus, dass die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, zu der sich alle Christen im Glaubensbekenntnis bekennen, identisch ist mit der orthodoxen Kirche. Viele orthodoxe Theologen vertreten ein exklusives Kirchenverständnis, d. h. sie negieren das Vorhandensein ekklesialer Realität außerhalb der kanonischen Grenzen der Orthodoxie, andere verfolgen einen inklusiven Ansatz, der eine „gewisse Kirchlichkeit“ auch außerhalb der orthodoxen Kirche anerkennt. Hinter dem exklusiven Ansatz steht ein absoluter Wahrheitsanspruch, der keine Formen von Pluralität im Blick auf Glaubenswahrheiten zulässt, wohl aber eine Vielfalt in den Riten akzeptiert. Die katholische Kirche spricht seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von „Elementen der Wahrheit“ außerhalb der katholischen Kirche, was ihr eine Anerkennung von Kirchen außerhalb der Struktur der römisch-katholischen Kirche erlaubt. Dieses Modell der „Elemente der Wahrheit“ außerhalb der Kirche wirkt sich aus bis in den Bereich des interreligiösen Dialogs und die Anerkennung der Religionsfreiheit. Hier zeichnen sich im Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen, die vor dem Hintergrund ihrer leidvollen Erfahrungen in einem islamisch geprägten Kontext nicht bereit sind, einen religiösen Pluralismus anzuerkennen, neue Konfrontationslinien ab.

Theologisch reflektiert

Eine ganze Reihe der erwähnten Probleme, die den ökumenischen Dialog von innen her belasten, sind eher psychologischer als theologischer Natur. Sie können durch theologische Dialoge kaum überwunden werden, sondern bedürfen einer Intensivierung der Kontakte auf allen Ebenen, um überkommene Vorurteile ausräumen zu können. Der theologische Dialog kann allerdings die entsprechenden Problemfelder aufdecken. Zudem gibt es auch eine ganze Reihe theologischer Fragen, in denen unterschiedliche Denkansätze in Ost und West aufgearbeitet werden müssen. Die gemeinsame theologische Reflexion ist daher eine bleibende Aufgabe im orthodox-katholischen Dialog, auch wenn von ihr nicht die Lösung aller Probleme erwartet werden kann.

Es ist bemerkenswert, dass es gerade im Blick auf die theologischen Gespräche inzwischen eine wesentlich breitere Basis gibt, als ein oberflächlicher Blick auf die Arbeit der Internationalen orthodox-katholischen Dialogkommission vermuten lässt. An erster Stelle sind hier mehrere Kommissionen auf regionaler bzw. nationaler Ebene zu nennen, die den Dialog auch in den Zeiten der Krise fortgeführt haben: erstens die Orthodox-katholische Konsultation in Nordamerika, die 2003 ein wichtiges Dokument zur Filioque-Frage veröffentlicht hat5 und derzeit – parallel zur Internationalen Dialogkommission – das Thema „Primat und Konziliarität in der Kirche“ bearbeitet; zweitens das Orthodox-katholische Komitee in Frankreich, das sich ausführlich mit der Frage nach dem Umgang mit den unierten Ostkirchen im orthodox-katholischen Dialog befasst und auf dieser Basis ein Dokument zur „Ethik des Dialogs“ veröffentlicht hat6; drittens die Gemeinsame orthodox-katholische Kommission in Deutschland, die sich unter pastoralen Gesichtspunkten bislang vor allem dem Verständnis der Sakramente gewidmet hat.7 Sie wurde bis 2006 auf orthodoxer Seite allein von der Griechisch-Orthodoxen Metropolie verantwortet, seit 2007 entsendet die „Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland“ (KOKiD) die orthodoxen Delegierten. Alle drei genannten Kommissionen werden somit offiziell von den jeweiligen Ortskirchen getragen und stellen eine wichtige Ergänzung des internationalen Dialogs dar.

Daneben gibt es auch inoffizielle theologische Gespräche, die aber oft einen mindestens ebenso wichtigen Beitrag für die Annäherung zwischen den Kirchen leisten wie offizielle Dialogkommissionen. Ein sprechendes Beispiel dafür sind die Fortschritte, die in der katholisch-evangelischen Ökumene durch die Arbeit des Jaeger-Stählin-Kreises (in Deutschland) oder der Gruppe von Dombes (in Frankreich) erzielt werden konnten. Eingangs war schon davon die Rede, dass solche inoffiziellen Gespräche im Rahmen der Regensburger Ökumenischen Symposien oder der Konsultationen der Stiftung „Pro Oriente“ in der Anfangsphase des orthodox-katholischen Dialogs ebenfalls wichtige Impulse gegeben haben. Heute bieten die Ökumenischen Symposien, die jedes Jahr im September von der Ökumenischen Gemeinschaft im norditalienischen Kloster Bose organisiert werden, einen vergleichbaren Ort, an dem hochrangige Vertreter und namhafte Theologen von orthodoxer und katholischer Seite zusammentreffen, um über kirchenhistorische und spirituelle Themen zu diskutieren, vor allem aber das persönliche Gespräch und die direkten Kontakte zu pflegen.8

Einen anderen Ansatz, der eher mit der Arbeit des Jaeger-Stählin-Kreises oder der Gruppe von Dombes vergleichbar ist, hat der Gemeinsame orthodox-katholische Arbeitskreis St. Irenäus gewählt, der im Juni 2004 in Paderborn gegründet wurde. Er hat sich zum Ziel gesetzt, „einen Raum für den inoffiziellen Meinungsaustausch und die freie und offene Diskussion der bestehenden Probleme zu bieten, die gegenwärtige Situation in den orthodox-katholischen Beziehungen zu reflektieren und, wo möglich, Lösungsvorschläge zu unterbreiten“9. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die internationale Zusammensetzung des Arbeitskreises: Ihm gehören zwölf orthodoxe Theologen aus unterschiedlichen orthodoxen Landeskirchen sowohl des griechischen als auch des slawischen Sprachraums und zwölf katholische Theologen aus ganz Europa und den USA an, die unter der Leitung eines katholischen und eines orthodoxen Bischofs einmal jährlich zusammenkommen, um die Problemfelder zu identifizieren und ihre Verankerung in der Geschichte, in den Mentalitäten und den theologischen Denkformen zu analysieren. Bei seinen drei letzten Sitzungen (2006-2008) hat sich der Arbeitskreis vor allem mit dem (viel diskutierten) Primatsverständnis und der (oft wenig bedachten) Primatspraxis in Ost und West befasst, wobei es in einigen Bereichen gelang, das jeweilige „Bild vom anderen“ durch ein differenzierteres Urteil der historischen Gegebenheiten zu korrigieren. Solche und ähnliche Initiativen, die über persönliche Kontakte auch dem offiziellen Dialog zugute kommen, tragen dazu bei, die noch vorhandenen Differenzen theologisch reflektiert anzugehen und auf diese Weise zu ihrer Überwindung beizutragen.

Geistlich fundiert

Dass der ökumenische Dialog zwischen Katholiken und Orthodoxen trotz der oben skizzierten Schwierigkeiten fortgeführt wurde und wird, liegt nicht nur am Idealismus einiger Protagonisten, sondern beruht wesentlich auf der engen spirituellen Verwandtschaft von orthodoxer und katholischer Kirche. Orthodoxe und katholische Gläubige schöpfen aus denselben Quellen geistlichen Lebens: aus der Heiligen Schrift und der Liturgie, aus der Theologie der Kirchenväter und der Spiritualität des Mönchtums, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Liturgische Bewegung in Deutschland und die „nouvelle théologie“ in Frankreich haben im 20. Jahrhundert zu einer Wiederentdeckung dieser geistlichen Quellen und damit zu einer Wiederbelebung des gemeinsamen spirituellen Schatzes geführt. Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils hat in vielen Bereichen auf die Liturgie der Alten Kirche zurückgegriffen und Elemente der altkirchlichen Tradition wieder neu belebt. Damit wurde zugleich eine Annäherung an liturgische Traditionen der Orthodoxen vollzogen, was ein unschätzbarer Beitrag für den ökumenischen Dialog war.

Außerdem gelang es, durch katholische Klöster wie Niederaltaich oder Chevetogne, in denen ein Teil der Mönche nach dem ostkirchlichen Ritus lebt, durch die Aktivitäten der „Catholica Unio“ oder durch orthodoxe Emigranten aus Osteuropa den Menschen im Westen die ostkirchliche Liturgie nahezubringen. So wuchs das persönliche Interesse am Dialog mit orthodoxen Christen, der dann von entsprechenden Partnerschaftsgruppen in katholischen und evangelischen Gemeinden mit Leben erfüllt wurde. Darüber hinaus sind in diesem Zusammenhang auch die Aktivitäten neuer geistlicher Gemeinschaften wie der Fokolare oder der Gemeinschaft von Sant’Egidio zu erwähnen, die durch intensive persönliche Kontakte zu orthodoxen Kirchenführern – gerade in der Zeit der Krise des offiziellen Dialogs in den 1990er-Jahren – dazu beigetragen haben, dass die Gesprächsfäden zwischen Orthodoxen und Katholiken nie ganz abrissen.

Eine besondere Rolle im Blick auf das geistliche Fundament der orthodox-katholischen Beziehungen spielt das gemeinsame Gedenken der Neomärtyrer des 20. Jahrhunderts. Dieses Gedächtnis der Glaubenszeugen steht in enger Verbindung mit den Millenniumsfeierlichkeiten des Jahres 2000. Papst Johannes Paul II. hatte in seinem Apostolischen Schreiben „Tertio millennio adveniente“ (1994) die Erstellung von Martyrologien, also von Sammlungen über das Lebenszeugnis der neuzeitlichen Märtyrer, angeregt. Nicht nur in der katholischen, sondern auch in vielen orthodoxen Kirchen wurden daraufhin Zeugnisse gesammelt über Menschen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts für ihren Glauben in den Tod gegangen sind. Diese Zeugen des Glaubens haben durch ihren Märtyrertod die Gemeinschaft mit Christus erlangt und schaffen so eine Verbindung zwischen den christlichen Kirchen, aus denen sie stammen.

Das gemeinsame Gedenken der Märtyrer trägt nicht nur dazu bei, die Erinnerung an die leidvolle Geschichte der christlichen Kirchen in Osteuropa vor der „Wende“ wachzuhalten, sondern hat auch eine tiefere Bedeutung im Blick auf die Gemeinschaft der Kirchen. In seiner Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ (1995) schrieb Papst Johannes Paul II.: „Diese Heiligen kommen aus allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die ihnen den Eintritt in die Heilsgemeinschaft eröffnet haben“ (Abschnitt 84). Diese Aussage ist für das ökumenische Gespräch nicht nur deshalb von Bedeutung, weil sie verdeutlicht, dass es bereits eine Gemeinschaft der Heiligen jenseits der Konfessionsgrenzen gibt, sondern weil sie unterstreicht, dass die verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ihnen diesen Weg zum Heil eröffnet haben. Das viel zitierte Wort eines orthodoxen Bischofs, dass „unsere irdischen Trennwände nicht bis zum Himmel reichen“10, beschreibt mit anderen Worten dieselbe Überzeugung. Die jüngste Entwicklung im orthodox-katholischen Dialog lässt hoffen, dass diese Aussagen nicht nur eine eschatologische Hoffnung zum Ausdruck bringen, sondern eine tiefe Überzeugung im Blick auf das geistliche Fundament, das Orthodoxe und Katholiken trotz vieler geschichtlich gewachsener Unterschiede verbindet. Der orthodox-katholische Dialog steht heute vor der Aufgabe, auf diesem gemeinsamen Fundament neue Formen gelebter Kirchengemeinschaft zu entwickeln, die dem gemeinsamen Erbe treu bleiben und es zugleich für das gemeinsame Zeugnis in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts öffnen.


Fußnoten:


  1. Deutsche Übersetzung veröffentlicht in: KNA-ÖKI, Dokumentation Nr. 24 (20.11.2007), S. 1-11. 

  2. Vgl. Bishop Brian Farrell: Report on the Activities of the Pontifical Council for Promoting Christian Unity during 2008. In: Catholica 63 (2009), S. 81-95. 

  3. Vgl. Johannes Oeldemann: Orthodoxe Kirchen im ökumenischen Dialog. Positionen, Probleme, Perspektiven. Paderborn 2004, S. 117-146. 

  4. Ebd., S.147-168. 

  5. The Filioque: A Church-Dividing Issue? In: Greek Orthodox Theological Review 49 (2004) S. 359-392; im Internet abrufbar unter: www.usccb.org/beliefs-and-teachings/ecumenical-and-interreligious/ecumenical/orthodox/filioque-church-dividing-issue-english.cfm (letzter Zugriff: 20.10.2014). 

  6. Comité mixte catholique-orthodoxe en France: Catholiques et orthodoxes. Les enjeux de l’uniatisme dans le sillage de Balamand. Paris 2004. Die erwähnten Schlussfolgerungen tragen die Überschrift “Éléments pour une éthique du dialogue catholique-orthodoxe“ (ebd., S. 413-425). 

  7. Die Sakramente (Mysterien) der Kirche und die Gemeinschaft der Heiligen. Dokumente der Gemeinsamen Kommission der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz (Arbeitshilfen Nr. 203). Bonn 2006. 

  8. Informationen dazu im Internet unter: www.monasterodibose.it 

  9. Vgl. Rudolf Prokschi: Orthodox-katholische Ökumene im Aufwind. In: Stimmen der Zeit 223 (2005), S. 545-555, hier S. 547. 

  10. Dieser Ausspruch wird Metropolit Platon (Gorodeckij) von Kiew (1803-1891) zugeschrieben. Seine Authentizität ist jedoch umstritten. Vgl. Karl Christian Felmy: Die orthodoxe Theologie der Gegenwart. Eine Einführung, Darmstadt 1990, S. 148.