Zur Seelsorge unter ukrainischen griechisch-katholischen Aussiedlern in Deutschland

aus OWEP 3/2009  •  von Stepan Sharko

Der Autor ist Priester der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche.

Die Seelsorge unter den ukrainischen Emigranten in Deutschland ist ein wichtiges Thema, das nicht nur die hier tätigen ukrainischen Geistlichen betrifft, sondern einen jeden Christen in Deutschland. Die hier beschriebene Situation und Problematik entspricht meinen rein privaten Erfahrungen, die ich während meines Aufenthalts in Deutschland gesammelt habe. Erwähnen möchte ich noch, dass ich bis jetzt noch nicht direkt in der Seelsorge tätig gewesen bin.

I.

Am Beginn soll ein kurzer Rückblick auf die Geschichte der ukrainischen Emigration nach Deutschland stehen. Im 20. Jahrhundert gab es vier Emigrationswellen aus der Ukraine, besonders aus Galizien (Westukraine), nach Deutschland. Wieso gerade hierher? Deutschland war nicht so weit von der ukrainischen Heimat entfernt wie z. B. Amerika oder Australien. Auch war die deutsche Sprache den Westukrainern nicht fremd. Mehr als ein Jahrhundert hatte ihre Heimat zum österreichischen Kaiserreich gehört und war von der österreichischen Kultur sehr geprägt worden; wenn man etwa durch Lemberg (Lwiw) geht, lässt sich das sehr gut an der Architektur beobachten.

Die erste Emigrationswelle setzte in den zwanziger Jahren ein, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen suchten viele Menschen Arbeit, zum anderen bewegte der Druck der neuen polnischen Obrigkeit mit dem Ziel, die Ukrainer zu polonisieren, viele Bewohner Galiziens zur Auswanderung nach Deutschland. Die Diskriminierung war überall zu spüren, im Parlament, in der Kirche und in der Schule; sie führte oft sogar zu offenen Auseinandersetzungen zwischen Polen und Ukrainern. Viele junge Menschen, auch viele Studenten, sind damals in den Westen gezogen.

Im Jahr 1930 begann eine zweite Welle der Auswanderung aus der Ukraine nach Deutschland, diesmal aus dem sowjetischen Teil des Landes wegen der dort herrschenden großen Hungersnot, eine Folge der Zwangskollektivierung durch die die sowjetische Regierung. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in Deutschland ca. 50.000 Ukrainer.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte eine dritte Welle ein. Viele Ukrainer kamen während des Krieges oder unmittelbar danach in den Westen, insgesamt ca. zwei Millionen. So ließen sich allein in Augsburg und dessen Umgebung ca. 30.000 Ukrainer nieder. Diese im zerstörten Deutschland lebenden Ukrainer wurden zwar von der kommunistischen Regierung aufgefordert, in ihre Heimat zurückzukehren, doch erwartete sie, falls sie zurückkehrten, in der Sowjetunion ein hartes Schicksal: Sie wurden als Verräter betrachtet und in Zwangsarbeitslager deportiert. Die Fluchtwelle führte daher viele weit über Europa hinaus; dennoch blieben letztlich ca. 80.000 in Deutschland.

Die vierte und bisher letzte Welle setzte mit der Wende in den neunziger Jahren ein; man kann sie auch als „postsowjetische Welle“ bezeichnen. Damals kamen Aussiedler aus der ganzen ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, darunter auch viele Ukrainer. Verursacht wurde diese Emigration vor allem durch die schlechte wirtschaftliche Situation in der Heimat.

II.

Wie schon erwähnt, stammten viele Emigranten aus der Westukraine, die überwiegend griechisch-katholisch waren. Aus diesem Grund wurde im Jahr 1927 vom ukrainischen griechisch-katholischen Metropoliten Andrej Sheptytskyj ein Seelsorgedekanat in Berlin errichtet. Der erste Seelsorger, der in dieser Zeit nach Deutschland kam und später diese Seelsorgeeinheit leitete, war der Priester Petro Werhun. 1940 wurde er zum Apostolischen Administrator ernannt und wirkte bis zu seiner Verhaftung 1945 durch die Rote Armee als Oberhirte der ukrainischen griechisch-katholischen Gläubigen in Deutschland. Unter seiner Leitung waren ca. 10 Priester in Deutschland tätig. Nachfolger von Werhun waren der Priester Mykola Wojakowskyj und der Erzbischof Iwan Buczko mit seinem Stellvertreter Prälat Petro Holynskyj.

Ein weiteres wichtiges Datum in der Geschichte der ukrainischen Kirche in Deutschland ist der 17. April 1959. An diesem Tag errichtete Papst Johannes XXIII. eine Apostolische Exarchie für die in Deutschland lebenden ukrainischen griechisch-katholischen Gläubigen. Zum ersten Exarch wurde der aus der ukrainischen Diaspora in Amerika stammende Priester Platon Kornyljak ernannt.

Mit der Einrichtung der Exarchie hat die ukrainische Seelsorge in Deutschland eine neue Gestalt erhalten und wurde zu einer strukturierten Einrichtung mit eigenen Rechten und gezielten Aufgaben. Der Apostolische Exarch gehört bis heute als beratendes Mitglied zur deutschen Bischofskonferenz der römisch-katholischen Kirche. Sein Sitz ist in München, wo sich auch die Kathedrale befindet. Seit 1983 ist er zusätzlich für die ukrainischen Gläubigen in den skandinavischen Ländern zuständig. Der heutige Exarch Bischof Petro Kryk wurde nach dem Tod vom Bischof Kornyljak im Jahre 2000 ernannt.

Heute sind in der Exarchie ca. 20 Priester tätig. Jeder Geistliche betreut 3-4 Gemeinden, die sehr oft über 100 km von einander entfernt sind. Das Seelsorgenetz ist bundesweit verbreitet, sodass es praktisch in jedem Bundesland mehrere Seelsorgezentren gibt. Die Exarchie ist in Dekanate gegliedert. Manche Gemeinden besitzen eigene Kirchen, andere genießen die Gastfreundschaft deutscher Katholiken und feiern ihre Gottesdienste in römisch-katholischen Gotteshäusern. In jeder größeren Gemeinde befindet sich eine Samstags-/Sonntagsschule für die ukrainischen Kinder, die der Katechese, aber auch dem Erlernen der ukrainischen Sprache dienen. Unter Jugendlichen ist die ukrainische Pfadfinderbewegung sehr beliebt; die Erwachsenen sind in vielen Vereinen organisiert, die der Pflege des nationalem Brauchtums dienen.

Zentrum der Exarchie ist München, der Sitz des ukrainischen Bischofs. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in der Stadt und in ihrer Umgebung viele Ukrainer. Es entstanden zahlreiche Vereine, und auch für ukrainische national eingestellte Politiker und Vertreter der Exilintelligenz war München ein wichtiges Zentrum. Bis heute besteht in der bayerischen Metropole die Ukrainische Freie Universität; hier wird auch die kirchliche Zeitung „Christliche Stimme“ herausgegeben. Die ukrainische griechisch-katholische Seelsorge in Deutschland hat also eine lange Tradition. Die Pfarreien gelten nicht nur als geistliche und kulturelle Zentren, sondern auch als ein zweites Zuhause, als ein Stück Heimat.

III.

Mit der Wende kam es zu einer Änderung in der ukrainischen Seelsorge. Wie schon erwähnt, verließen viele Sowjetbürger ihre Heimat, ein großer Teil ging nach Deutschland. Die postsowjetischen Emigranten sind Menschen ganz verschiedener Herkunft: Geschäftsleute, Wissenschaftler, Studenten und einfache Arbeiter. Für den Weggang gab es viele Motive. Einige Sowjetbürger wanderten wegen ihrer jüdischen oder deutschen Abstammung aus, weil sie in der alten Heimat Repressalien fürchteten. Andere sind auf der Suche nach Arbeit in Deutschland gelandet. Wieder andere haben hier eine Familie gegründet. Viele wurden als qualifizierte Wissenschaftler von Deutschland angeworben. Ein großer Teil ist zum Studium nach Deutschland gekommen. Heute haben es die ukrainischen Seelsorger überwiegend mit solchen Menschen zu tun, denn die Emigranten der früheren Auswanderungswellen leben nicht mehr, ihre Kinder sind meist assimiliert und die ukrainische Kultur und Kirche sind ihnen sehr oft fremd.

Die Aussiedler der letzten Welle unterscheiden sich erheblich von den früheren Emigranten. Sie standen nicht unter dem Druck, ihre Heimat zu verlassen, sondern konnten ihre Entscheidung auszureisen frei treffen. Ein Teil von ihnen sind praktizierende Christen, die sich sehr schnell in den Gemeinden einleben und am kirchlichen Leben teilnehmen. Andere haben jedoch früher keinen Bezug zu Kirche und Religion gehabt. Vielen von ihnen fällt es schwer, sich mit Deutschland zu identifizieren, auch wenn sie deutsche Personalausweise besitzen. Ebenso haben sie Probleme, sich als Ukrainer zu bezeichnen, weil sie dazu nicht erzogen worden sind. Die Aufgabe der Geistlichen besteht dann nicht nur darin, christliche Werte zu vermitteln, sondern auch darin, den Menschen bei der Suche nach ihrer Identität und ihrem Weg zur Integration in die deutsche Gesellschaft zu helfen.

IV.

Die Arbeit in Deutschland tätiger Seelsorger ist nicht immer einfach und hat eine eigene Spezifik. Die ukrainischen Gemeinden sind nicht groß genug, um einem Priester eine oder zwei in der Nähe liegende Gemeinden zur Betreuung zu bieten. Deswegen sind fast alle Geistlichen viel unterwegs. Sie bewältigen täglich hunderte Kilometer, was natürlich sehr viel Zeit und Kraft kostet.

Eine wichtige Rolle spielt in der Seelsorge die Präsenz des Seelsorgers vor Ort. Wenn der Priester vor Ort ist und regelmäßig zu gleichen Zeiten die Gottesdienste feiert, wächst und entwickelt sich die Gemeinde schneller. Leider werden jedoch in manchen Gemeinden die Gottesdienste nur in größeren Abständen gefeiert.

Noch ein wichtiger Punkt in der Seelsorge ist die Finanzierung. Wenn die finanzielle Seite des Priesters gesichert ist, kann er sich gezielt auf die Seelsorge konzentrieren. In dieser Hinsicht verdankt die ukrainische Exarchie der katholischen Kirche in Deutschland sehr viel.

V.

Eine unabdingbare Eigenschaft des Lebens im Ausland ist die Assimilation. Ob man es will oder nicht, werden die Nachkommen in der ersten, zweiten oder dritten Generation assimiliert. Meiner Meinung nach sollten die Seelsorger dafür sorgen, dass die Gottesdienste auch auf Deutsch gefeiert werden. Solche Reformen dürfen allerdings nicht überstürzt eingeführt werden. Man sollte aber die Gottesdienste für die deutschsprachige Bevölkerung zugänglich machen. Ein Beispiel dafür sind die griechisch-katholischen Bistümer in den USA und Kanada, die schon seit langem die Feier der Gottesdienste parallel auf Ukrainisch und Englisch praktizieren. Das bedeutet nicht, dass man auf den nationalen Aspekt verzichten muss. Sogar die konservativen Orthodoxen in Amerika verwenden Englisch als liturgische Sprache.

Ich habe die persönliche Erfahrung gemacht, dass sich die deutschen Christen sehr für die Gottesdienste im byzantinischen Ritus interessieren und gerne daran teilnehmen. Eine byzantinisch-katholische deutschsprachige Seelsorgeeinheit wäre eine Bereicherung für die römisch-katholischen Gläubigen in Deutschland.