Eine östliche Sicht auf westliche Traditionen

(Erfahrungsbericht)
aus OWEP 3/2009  •  von Darko Anev

Darko Anev (geb. 1983) stammt aus Makedonien, besuchte in Skopje die Oberschule, anschließend das Orthodoxe Theologische Kolleg „St. Clemens von Ohrid“ (Abschluss 2007) und ist zur Zeit Stipendiat des Ostkirchlichen Instituts Regensburg (www.oki-regensburg.de). Seit über 40 Jahren kommen im Ostkirchlichen Institut Studenten aus den Ländern ostkirchlicher und altorientalischer Tradition zusammen, um in lebendigen Kontakt mit der katholischen Kirche zu treten. So sind zahlreiche Brücken zwischen den östlichen Kirchen und dem Westen entstanden.

Geht es um die persönliche Beziehung zur Kirche, so muss nicht zuletzt die menschliche Identität, die diesem Verhältnis zugrunde liegt, erwähnt werden, ist sie doch eine der komplexesten Fragen, die die menschliche Persönlichkeit tief berühren. Jede Persönlichkeit, die in ihrem Leben von der kirchlichen Identität geprägt ist, trägt diese Leitgedanken unweigerlich, wo auch immer sie sich befindet, mit und in sich.

Die eine einheitliche orthodoxe Ökumene und bestimmte Eigenarten der orthodoxen Welt und der orthodoxen Traditionen bilden für mich als Diplomtheologen die Grundfesten meiner Charakterausrichtung und meines menschlichen Handelns.

Unmittelbar nach meiner Ankunft in Deutschland, wohin ich gekommen bin, um die deutsche Sprache zu erlernen, kann ich mit Bestimmtheit den gesamten direkt erlebten und praktizierten Unterschied und die Eigenart der westlichen Welt und ihres Einflusses bekräftigen. Die erste erwähnenswerte Eigenschaft ist das Fehlen all dessen, was zuvor in jeder Hinsicht sowohl materiell als auch geistig eigen oder heimisch war. Dies verschwindet nunmehr, jedoch nur hinsichtlich der geografischen Entfernung, da es immer tief in der Seele verankert ist, und alle Äußerlichkeiten können diese Tatsache nicht ändern. Zunächst ist jeder einzelne Moment erfüllt mit aufregenden Gedankengängen, dann kommt der Gedanke an die Heimat, die Rolle der eigenen Kirche und ihre Schutzfunktion auf. Gleichgültig, wo wir uns befinden oder wie weit wir von ihr entfernt sind, sind wir doch immer nahe bei ihr, denn wir tragen sie als Bestandteil unseres Wesens in und mit uns.

In diesen Momenten, bei solch vertieften Überlegungen, stellt sich die Frage nach der Rolle der eigenen Kirche in dieser Welt und ob diese Welt überhaupt schon davon gehört hat, dass irgendwo nicht weit von hier eine Makedonische Orthodoxe Kirche (MOK) besteht. Besonders bedeutend ist jedoch die Tatsache, dass sich jeder Theologe aus Makedonien – darin bin ich mir sicher – diese Frage stellen würde und sicherlich nicht auf Anhieb eine Antwort auf diese für alle anderen Menschen um uns herum bedeutungslose Frage finden könnte.

Die Frage, die ich mir unaufhörlich selbst stelle, ist folgende: Was bedeutet meine Kirche zunächst einmal für mich innerhalb dieser neuen Umgebung, in der ich jetzt lebe? Das ist eine komplexe Frage, die einer ausführlichen Erläuterung bedarf, da die westliche Welt sich von meinen kirchlichen Traditionen vollkommen unterscheidet und in Gegensatz zu meinem orthodoxen Leben steht. Für die ganze Zeit meines Aufenthalts in dieser westlichen katholischen Ökumene muss ich erwähnen, dass ich an jedem katholischen Feiertag an fast allen abgehaltenen Messen in den außergewöhnlich großen Kathedralen, die durch ihre imposante Erscheinung und ihre Bauweise faszinieren, teilgenommen habe. Meine erste Erfahrung während dieser Gebetsbesuche war für mich etwas, das tief in mir eine Unmenge an Fragen aufwarf, die zuvor lediglich Gegenstand von Überlegungen waren, doch jetzt mit einem Mal beantwortet und detailliert geklärt waren, denn es ist eine Sache, über das kirchliche Leben in Deutschland zu lesen, und eine andere, direkt daran teilzunehmen. Ich kann bestätigen, dass sehr viele Dinge für mich völlig neu waren, doch auf der anderen Seite war ich gleichzeitig erfüllt von einer unbeschreiblichen Freude, da ich an etwas teilnahm, was ich früher lediglich entweder als Teil meiner Überlegungen und als Teil eines schwer verständlich geschriebenen Geschichtsbuches kannte.

Meine Kirche, die MOK, ist weder sonderlich groß noch besonders einflussreich in ihrem Teil der christlichen Ökumene, was damit zusammenhängt, dass das Land Makedonien im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zum einen viel zu klein und wirtschaftlich nicht besonders stark ist und zum anderen die historische und politische Entwicklung wegen vieler historischer Streitfragen nicht gradlinig verlaufen ist.

Als Student bin ich sowohl der römisch-katholischen Kirche, die mein Studium fördert, als auch zugleich meiner Heimatkirche, die mir eine höhere theologische Ausbildung ermöglicht hat, zu großem Dank verpflichtet. Der Traum eines jeden Studenten aus der östlichen orthodoxen Ökumene ist es, seine Studien an einer europäischen Universität fortzusetzen. Genau auf diesem Erfahrungsweg befinde ich mich jetzt. Am Anfang waren allzu viele neue Erfahrungen in einer neuen Umgebung eine der Schwierigkeiten, die gleichzeitig eine Herausforderung für mich darstellten. Später waren dann sehr viele Erfahrungen verinnerlicht, was vielleicht ungewöhnlich scheint, doch wie immer gibt es auch hier ein „Aber“. Ich wollte zu viele Dinge sagen und erklären, doch leider hat die unzureichende Kenntnis der deutschen Sprache in mir lediglich eine innere Unruhe hervorgerufen.

Meinen ersten Kontakt mit der orthodoxen Welt in Deutschland hatte ich mit der serbischen Kirchengemeinde in Regensburg, wohl wissend, dass dies etwas anderes ist, wozu ich selbst nicht gehöre. Aber eine andere Eigenschaft ist meine Kenntnis der serbischen Sprache, einer Sprache, die sich nicht allzu sehr von der makedonischen Sprache unterscheidet. Eine weitere Besonderheit war zudem das Gefühl, das mich beschlich, da die MOK in nicht besonders guten Beziehungen mit der Serbischen Orthodoxen Kirche steht. Doch ich wurde von der gesamten Kirchengemeinde überwiegend gut aufgenommen. Genau dies war eine außergewöhnliche Freude für mich, da ich an diesem Ort am Gottesdienst teilnehmen konnte, wo mir alles bekannt war und auch ich mich als Teil dieser Kirchengemeinde fühlte.

2008 hatte ich dann die Möglichkeit, zum Katholikentag nach Osnabrück zu fahren. Die gesamte Veranstaltung, Organisation und insgesamt alle Eigenarten der westlichen Welt führten zu einer Erfahrung, die im Ganzen nicht zu beschreiben ist. Das Miteinander an einem einzigen Ort mit so vielen Gläubigen war ebenso bedeutsam für mich wie die unter freiem Himmel gehaltene Messe, bei der alle Teilnehmer an der Kommunion teilnahmen. Diesen Gesamteindruck und die Prozession trage ich noch immer in mir. Denn es ist faszinierend, so viele Menschen an einem einzigen Ort versammelt zu sehen, die von einem einzigen Ort so viele Gebete an Gott Jesus Christus richten; in einem Augenblick kann der Mensch fühlen, dass er, auch wenn er aus einer anderen Umgebung mit dem Gefühl eines Fremden kommt, doch überhaupt nicht anders ist als all diese Menschen, die an diesem Ort versammelt sind, denn das Gefühl, ein Christ zu sein, kann durch nichts anderes ersetzt werden oder verloren gehen, gleich wo man sich gerade befindet.

Mein Ziel und mein Kommen nach Deutschland zum Zwecke des Studiums sind eng verbunden mit diesen Erfahrungen und der gleichzeitig gegebenen Möglichkeit, meine Studien hier im westlichen Kulturkreis fortzusetzen, der durch seine Systematik hervorsticht. Besonders muss ich die theologischen Abhandlungen erwähnen, zumindest den Teil, den ich lesen und studieren konnte, wenn sie in meine Muttersprache übersetzt sind. Jeder vergangene Tag, den ich damit verbracht habe, über meine Erfahrung nachzudenken, vergrößerte den Wunsch, meine Magisterarbeit bei einem römisch-katholischen Dozenten der Theologie zu schreiben, was jedoch auch eine Menge Fleiß erfordert. Besonders wichtig ist außerdem die Tatsache, dass das Aneignen der westlichen Lebensart im Laufe der Zeit zum Bestandteil unseres Alltags wird.

Als weitere Besonderheit müssen die Feiertage erwähnt werden, die in meinem Land geehrt und gefeiert werden, die hier jedoch manchmal aufgrund der Umstände nicht in vollem Umfang nacherlebt werden können. Dennoch können sie auch hier mehr oder weniger begangen werden, jedoch nicht mit all der würdevollen Feierlichkeit, die ihnen in unserem Land gewidmet wird, was für die Eigenart der orthodoxen Lebensweise in einem orthodoxen geprägten Land bezeichnend ist.

Eine andere besondere Erfahrung ist die Frage nach meiner Glaubensrichtung, die mir vor nicht allzu langer Zeit von einem gebürtigen Deutschen gestellt wurde. Logischerweise war die Antwort „rechtgläubig“, orthodox – doch plötzlich folgte auf meine Antwort eine Unmenge an weiteren Fragen, welche Eigenarten die Orthodoxie habe und was das Wesentliche für einen orthodoxen Menschen sei. Ich war außerordentlich zufrieden, da mir besonders wichtig war zu erklären, was ich bin, wie ich erzogen worden bin, welche Güter ich in mir trage und wie die orthodoxen Menschen in der gesamten orthodoxen Ökumene sein sollten. Alle meine Erklärungen wurden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, die letzten Worte meines Gesprächspartners lauteten: Also gibt es dann keine großen Unterschiede, die Unterschiede bestehen nur in der Tradition, in der du aufgewachsen bist, und den Umständen, in denen ich gelebt habe, was natürlich in jeder Hinsicht zutrifft.

Auf den ersten Blick ist mein ganzes Leben hier in Deutschland vielleicht etwas verworren, logischerweise deshalb, weil ich hier in diesem Teil der Welt völlig alleine, ohne Bekannte oder Familienangehörige, dennoch selbstverständlich immer mit Gott in mir bin. Dies ist, wie ich festgestellt habe, die Eigenart eines jeden Studenten, der aus einer anderen, ganz gleich ob aus der christlichen oder einer völlig anderen Sphäre kommt. Diese Erfahrung bezahlt man tagtäglich mit großer Geduld und viel Fleiß. Der gesamte Alltag bildet ein langes geduldiges arbeitsames Handeln, das immer ein hohes Endziel hat. Bei dieser Zielsetzung muss man vor allem edelmütig und in erster Linie denen gegenüber dankbar sein, die es uns ermöglicht haben, uns hier weiterzubilden, und darüber hinaus denen gegenüber, die von uns erwarten, dass wir vor allem Christen, gute und rechtschaffene Menschen sind, ohne Unterschied, ob wir in einem modernen europäischen westlichen Land oder bei uns in unserem Heimatland sind.

Jedoch dürfen wir niemals vergessen, was wir sind, wer wir sind und wo wir sind. Immerhin ist dieser Unterschied durch Gottes Segen gegeben, der gehütet, gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben wird und zugleich bereichert werden soll mit unserer Lebenserfahrung, die sowohl für den einzelnen als auch für eine gesamte Generation besonders wichtig ist. Und immer und bei jedem Schritt dürfen wir nicht vergessen, dass wir uns durch Gottes Willen und mit Gottes Segen auf diesem Weg befinden.

Aus dem Makedonischen übersetzt von Elizabeta Bogdanovska.