Auszug aus der Eröffnungsrede von Patriarch Bartholomaios I. zum Symposium „Arktis: Der Spiegel des Lebens“ (Dokument)

aus OWEP 3/2010  •  von OWEP-Redaktion

Das Symposium fand vom 6.-12. September 2007 in Grönland statt und wurde von der Bewegung „Religion, Science and the Environment“ organisiert, die 1998 auf Initiative des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. ins Leben gerufen worden ist. Es war das siebte Symposium, ein achtes ist für 2010 vorgesehen. Ausführliche Informationen zur Bewegung und zum Engagement des Ökumenischen Patriarchen finden sich unter http://www.rsesymposia.org. – Der vorliegende Text wurde vom Presseamt des Ökumenischen Patriarchen vorgeschlagen, weil er eindrucksvoll den Einsatz des „grünen Patriarchen“ für die Umwelt dokumentiert. Der Text findet sich unter http://www.patriarchate.org/documents/opening-address-arctic [Anmerkung: Link nicht mehr aktiv!]; übersetzt wurde er von Christof Dahm.

Vor mehr als einem Jahrzehnt begannen wir, Symposien über Religion, Wissenschaft und Umwelt zu veranstalten, mit einer besonderen Betonung des Wassers. Zu Beginn unserer Bemühungen waren viele Menschen verwundert über die Verbindungen, die wir herzustellen suchten. Religiöse Menschen sind vergleichsweise indifferent, manchmal sogar feindselig gegenüber der Wissenschaft, und viele Wissenschaftler und Umweltfachleute sehen kaum Verbindungen zwischen ihrer Welt und der Welt des Glaubens. Nun, da diese Verbindungen immer offensichtlicher werden, gibt es kaum einen Religionsführer in der Welt, der nicht sich mit den Problemen von Umweltverschmutzung und Klimawandel beschäftigt. Und das ist der Grund, weshalb wir uns heute hier als Vertreter unterschiedlicher Glaubensrichtungen versammelt haben. Immer mehr Menschen gelangen zu der Erkenntnis, dass beide, Religion und Umweltwissenschaften, sich mit den letzten Dingen befassen, mit dem Schicksal der Menschheit, der Erde und der gesamten Schöpfung.

Wir sind auf Grönland zusammengekommen, weil wir glauben, dass es eine Möglichkeit zur Rettung der Erde gibt und damit auch zur Wiederherstellung des Bundes zwischen Mensch und Gott. Wir sind hierher gereist in einem Geist der Buße, der Pilgerschaft und der Dankbarkeit gegenüber unseren Gastgebern.

Dieses Symposium haben wir den „Spiegel des Lebens“ genannt, denn die Wissenschaftler versichern uns, dass die Arktis ein starker und lebendiger Spiegel ist, der den Zustand unseres Planeten als Ganzes reflektiert. Die ökologischen Missetaten, die von den Gesellschaften weiter im Süden verursacht worden sind, etwa chemische Verunreinigung oder nukleare Verseuchung der Umwelt, sind klar erkennbar in Teilen der arktischen Umwelt. Darüber hinaus hat der dramatische Anstieg der weltweiten Temperaturen unmittelbar erkennbare Auswirkungen auf die Landfläche von Grönland, ohne dass die Bewohner Grönlands selbst etwas dazu beigetragen hätten. Die Gesellschaften, deren industrielle Aktivitäten und Extravaganzen den Klimawandel verursachen, sind oft blind für die Folgen ihres Verhaltens. Hier jedoch, in der Polarregion, ist es möglich, alle denkbaren Folgen umso klarer zu erkennen.

Die Idee eines Spiegels als eine Reflexion der Wirklichkeit – gleichgültig, ob exakt oder nur ungefähr – ist den Christen sehr vertraut. Kein menschlicher Einfall ist perfekt, und in den frühesten Tagen der Christenheit waren handgemachte Spiegel wesentlich grober als heutzutage. Aus diesem Grund weist uns der heilige Paulus eindringlich darauf hin, dass wir in unserem gegenwärtigen Zustand unter der Sünde die Welt nur „in einem Spiegel, in einem Rätsel“ sehen oder, wie es eine berühmte Übersetzung ausdrückt, „durch ein Glas und dunkel“ sehen (1 Kor 13,12). Im gleichen Vers macht uns der heilige Paulus aber die Hoffnung, dass wir eines Tages wesentlich klarer sehen werden: Wir werden „von Angesicht zu Angesicht“ vor der Heiligkeit Gottes stehen, und dann wird alles verständlich sein. Wir werden endgültig begreifen, in welcher Beziehung wir zu unserem Schöpfer stehen.

Die Worte des Heiligen Paulus beziehen sich auf die geistige Hoffnung für einen Christen, dass die Herrlichkeit Gottes für den Menschen voll sichtbar werden wird. Aber sie haben daneben auch eine neue Bedeutung für jegliches menschliche Wesen, das nach Grönland kommt. Die Arktis ist kein roher, von Hand gemachter Spiegel, vielmehr ist sie ein prächtiger und von Gott gegebener Spiegel. Ihre schweigende Schönheit bietet ein wundervolles Bild der Herrlichkeit Gottes – während der Überfluss des Lebens im brasilianischen Regenwald, den wir im vergangenen Jahr bewundern durften, ein anderes Beispiel für die Herrlichkeit Gottes bietet. Gleichzeitig aber vollzieht sich der Klimawandel in der Arktis, große Teile der Nahrungskette sind bereits verseucht – deutliche Zeichen der menschlichen Gedankenlosigkeit. Wenn wir diese Insel besichtigen oder an ihren Küsten entlang segeln, können wir unsere Augen nicht verschließen, weder vor der Schönheit der Schöpfung Gottes noch vor den Veränderungen, die menschliche Dummheit verursacht hat und wohl auch in Zukunft dieser wunderbaren Landschaft antun wird. Ebenso müssen wir über die schrecklichen Folgen für den Fortbestand der Welt nachdenken, wenn die Gletscher weiter schmelzen und die Meeresspiegel weiter steigen.