„Unheilbar ist deine Wunde, tödlich deine Verletzung“

Wenn das Blut im neuen Europa zum Himmel schreit

Maria Christina Färber gehört zu einer Gemeinschaft von katholischen Schwestern in der Schweiz, die sich „Spirituelle Weggemeinschaft“ nennen. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, einfach, arm und konkret das Leben der Menschen zu teilen und ihnen wirklich eine Hilfe zu sein. Wie konkret das zum Beispiel in Albanien werden kann, zeigt dieser Erfahrungsbericht in einer seltenen und anrührenden Eindringlichkeit. Es ist im tiefsten Sinn ein geistlicher Text, der vom christlichen Leben ganz klar und ohne Schnörkel spricht.

Wieder einmal sitze ich in unserer Kapelle und denke an den Propheten Jeremia (30,12): „Unheilbar ist die Wunde meines Volkes, tödlich die Verletzung“.

Ich lese Jeremia und habe Angst um Sokol, um Ardit, um Viktor, um Zef, um Visardi … Ich sehe Irena in Angst um ihren Mann; Besiana, die nicht sterben kann, die Frauen in Blutrache, die bei uns jeden Tag mit am Tisch sitzen. Unheilbare Wunden! In mir wehrt sich etwas. Ich bin wild entschlossen, mich mit meinem ganzen Dasein hier im Norden Albaniens durchzuwühlen – durch all die Verwundeten, mit all den durch die Blutrache Verletzten, Getöteten hindurch zu dem, was Jeremia verheißt (30,17): „Aber ICH bringe dir wieder Genesung und heile dich von deinen Wunden“, spricht JAHWE.

Wie? Was weiß ich! – Ich weiß nur eines wirklich und sicher: HIERHER zu IHM, hierher müssen die von der Herzenswunde der Blutrache Betroffenen. Vielleicht ich, wir Schwestern, zuerst stellvertretend, 100 Jahre lang, 500 Jahre lang, zwei Jahre kurz …

So bete ich, so weine ich und gehe von der Kapelle zu Irena, der zweiten Frau von Sokol. Seit 25 Jahren lebt Sokol in Blutrache. Irena ist seine zweite Frau. Die erste hat sich erschossen; sie konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass sie eines Tages ihren Mann mit der Kugel im Schädel beklagen muss und ihre zwei kleinen Kinder die durchlöcherte, kalte Stirne ihres toten Vaters vor aller Augen küssen müssen. Sie hat das Ganze einfach umgedreht und sich selbst die Kugel gegeben. Ich denke oft, wenn ich in Torrovice an dem Grab vorbeifahre, ob ihr stummer Protestschrei noch durch das Tal hallt. Irena ist die zweite Frau. Sie hat Sokol noch zwei Söhne geboren. Edi und Josef, zwei nette Schulkinder. Das Malzeichen der Rache liegt auch auf ihnen – von Geburt an. Edi steht förmlich die Angst ins Gesicht geschrieben, als ihn ein deutscher Besucher fragt: „Weißt Du, was Blutrache ist?“ Er nickt und nickt und wird blass und die Erklärung bleibt ihm im Halse stecken.

Ich nehme den Kleinen, ruhigen, zu ruhigen Edi in den Arm, schlucke ganz trocken und sage: „Edi, möchtest Du es malen?“ Er nickt und sein Papa holt ihm Papier und Farbstifte. Er ist froh, dass er kurz aus dem Raum kann. Ich sehe, wie Sokol ins Taschentuch schnäuzt. Dann malt Edi den Rächer, der seinem Papa die tödliche Kugel in die Stirne schießt. Wortlos übergibt er das Bild. Mir schnürt es wieder einmal die Kehle zu. Die Kinder – ich kenne so viele Blutrachekinder und ihre Angst, ihre Todesangst um die Väter, Brüder, ihre Verlassenheit, weil die Erwachsenen nicht mit ihnen sprechen und sie doch alles mitkriegen, ihre Versuche, die Väter zu schützen, ihre großen dunklen Augen mit der Angst, die immer wieder hochkriecht. Ich schaue mit Edi das Bild an und frage ihn nach seiner Angst um den Papa. Da fällt er mir in den Arm und weint bitterlich. Heilt je die tödliche Seelenwunde, die Edi kein Kinderleben leben lässt? Und die Frage bohrt in mir: Edi, was kann ich für dich tun, wenn die Versöhnung aussichtslos bleibt, wie bisher? Ich fühle mich ganz elend in diesen Sekunden.

Wenn Irena bei uns arbeitet, ruft sie oft ihren Mann an, ob er noch lebt. Vor kurzem hat Sokol das Handy nicht geöffnet und Irena ist kreidebleich zu mir gekommen: „Jetzt ist er tot!“ Er war noch nicht tot – doch keiner weiß, wann, wo und ob es passiert. Sicher ist nur, dass es keine Versöhnung gibt.

Ich war mit Mutter Andrea, unserer Oberin, beim Rächer. Ihr Wort hat in der Regel größeres Gewicht. Das Ergebnis des Besuches war katastrophal. Der Rächer sagte uns, mit der Knarre in der Hand: „Ich werde mich nicht versöhnen und wenn der Papst persönlich kommt, haut jetzt ab!“ Wir zogen es vor, ihn nicht weiter zu provozieren.

Das jahrelange Warten auf die Kugel ist eine besonders brutale Form der Rache. Ganze Familien werden regelrecht ausgehungert, finanziell ruiniert, die eingeschlossenen Kinder und Männer nervlich an den Rand des Wahnsinns gebracht, lebendig und stumm im eigenen Haus begraben.

Der Klammergriff der Angst ist die unsichtbare Mauer. Den Rächern werden magische Kräfte zugeschrieben, sie werden als allmächtig und allwissend, als böse Götter irgendwie auch verehrt. Auf keinen Fall darf man den Rächer beleidigen, provozieren, in seiner Ehre verletzen. Es gehört zum Ehrenkodex, dass man dem Rächer die Ehre gibt durch ein Verhalten, das dem Blutnehmer gefällt.

Sokol und Irena haben ein Sakrileg begangen: Sie haben den Mythos der Blutrache, der aus dem Kanun, dem alten, mündlich überlieferten albanischen Gewohnheitsrecht1 stammt, ins Wanken gebracht. Sie waren die ersten, die ich im Norden Albaniens vor etwa zehn Jahren kennengelernt habe. Sie sind jetzt unsere besten Freunde. Der Ausstieg aus den Gesetzen des Kanun – auch was das Verhältnis des Mannes zur Frau betrifft – hat sich schrittweise vollzogen und ist noch lange nicht beendet. Sokol sagt selbst: „Der Kanun ist das Gift in uns, das nur durch viele, viele Transfusionen eliminiert werden kann.“

Dazu sind viele, viele Ausstiege nötig, viele, viele Gespräche, Ver-ständnis für das, was nicht verstanden werden kann. Durchwachte und durchredete Nächte, durchbetete Leiden, Stunden durchlöcherter Gedanken, tränennasser Taschentücher, das Gewehr von Sokol zur Verwahrung unter meinem Bett, vorsichtshalber. Daran erinnere ich mich, wenn ich an die letzten zehn Jahre unserer Freundschaft denke. Blutrachefreundschaften fordern auch unser Herzblut, wenn wir es ernst nehmen. Blutrachefreundschaften fordern unseren Glauben, unsere eigene Versöhnungsbereitschaft heraus. Der Kampf gegen die Blutrache ist für mich ein spiritueller Kampf geworden, ist ein Ringen Tag und Nacht mit Menschen, um Menschen, für Menschen, für die Kultur des Lebens gegen den Dämon des Bösen, des Hasses und des Todes.

Wo stehe ich? – Mittendrin! Mal mit mehr Distanz, mal mit zuwenig Distanz, mittendrin, seit ich eine unsichtbare Grenze übersprungen habe. „Ich habe sie übersprungen, die Grenze des Nicht-beteiligt-seins“. Dies sage ich laut: „Ich bin beteiligt, einmal mehr, seit wir unser Pflegekind Abraham haben. Seit dem vierten Tag seines Lebens ist er bei uns. Er ist Albaner, hineingeboren in das Gesetz der Berge, hineingeboren als männliches Glied der Sippe, in den ihr ins Herz geschriebenen Kreislauf der Blutrache. Es gehört zum Erbe des Lebens nach dem Kanun, dass die Väter ihren Söhnen das ungeschriebene Gesetz ungeschrieben weitergeben, ins Herz schreiben – mit dem eigenen Blut, wenn es das Gesetz der Ehre verlangt.

An der Totenbahre seines Onkels begreift es auch der kleine siebenjährige Pellumb, um was es bei diesem Gesetz der Ehre geht. Sein Onkel war der letzte erwachsene Mann seiner Sippe, gerade verheiratet und Vater eines kleinen, zweijährigen Sohnes. Alle anderen Männer waren bereits getötet – auch der Vater von Pellumb: lange, verheerende Blutfehden; keiner wusste mehr so genau, wie es war. Pellumb war in der Gruppe der Blutrachekinder. Wir haben mit ihnen viel, viel gearbeitet. Pellumb hatte Angst vor Blutrache und hat immer Bilder von Häusern mit offenen Gärten und fliegenden Vögeln und einer Schaukel auf der Wiese gemalt. Dann geschah es: Sein Onkel wurde erschossen. Ich kam im Moment der Totenklage dort an, als der Held der Berge, Marc Gjoki, mit ausgebreiteten Händen und dunkler klagender Stimme den Bluthelden besang und dann fordernd und beschwörend die Blutrache ausrief: „Finger um Finger, Tropfen für Tropfen deines Blutes.“ Der kleine Pellumb, der an der Bahre stand, wurde von dem großen, dunklen Mann der Berge straff und kalt bei der Kinderhand genommen, an den Kopf des toten Onkels geführt, und die Pranke des großen Mannes aus den Bergen führte die kleine Hand zielsicher zu der von der Kugel durchlöcherten kalten Stirne und zitternd vor Angst vor der Leiche sagte der Kleine tonlos den Racheschwur nach. Ich werde nie vergessen, wie sich dann plötzlich der Körper des zitternden Kindes straffte, das blasse Gesichtchen hart wurde wie der Stein der Berge und die Augen feurig. Es war mir, als hätte ich in diesem Moment einen großen Kampf verloren: Die Blutrache in einer Kinderseele war besiegelt. Pellumb kam danach nie mehr in die Kindergruppe. Seine Mutter war stolz auf ihren Sohn, der den Onkel rächte. Dieser hatte vorher den Vater von Pellumb gerächt. – Ich weinte einfach. Ich fragte mich, wie ich denn hätte eingreifen können. Diese Frage bleibt für immer offen. – Solange Mütter stolz sind auf ihr Söhne, wenn sie rächen, solange Mütter ihre Blut gebenden Söhne als Helden feiern, wenn sie erschossen in ihrem Schoße liegen, um den Schmerz überhaupt aushalten zu können, solange die Mütter sich nicht wirklich weigern, ihre Söhne für die Ehre zu opfern, solange wird ein Marc Gjoki mit seinem Blutrachegeplärre noch viele auf die Seite des Blutdämons rufen.

Da ist wieder Irena, die mutige Frau von Sokol, die trotz und vielleicht wegen ihrer Angst ihren Finger auf die tiefe Wunde ihres Volkes legt. Sie kommt kreidebleich aus Tirana zurück. Sie hatte eine Patientin in die Klinik gebracht. Irena sagt, sie wäre beinahe aus dem Kleinbus auf die Straße geworfen worden. Und erzählt dann Folgendes: Die Patientin musste in der Klinik bleiben und sie ist alleine nach Shkodrë zurückgefahren. Dies ist nach dem Kanun unmöglich für eine Frau. Es waren nur Männer im Bus und der Chauffeur hatte ein Heldenlied über Blutrache von Marc Gjoki über CD spielen lassen. Alle Männer haben das Loblied auf die Blutrache und ihre toten Helden mitgesungen.

Irgendwann hat es Irena nicht mehr ausgehalten. Sie ist zum Chauffeur, hat die CD gestoppt und ihr Wort erhoben. Da es so etwas noch nie gegeben hat, dass eine Frau so etwas wagt, waren alle wie in einer paradoxen Situation erst einmal sehr ruhig. Irena, mit dem Mut der Verzweifelten, hat dann wohl losgelegt. Sie sagte zu mir: „Ich habe sie angeschrien, habe ihnen gesagt, dass sie nur Schwächlinge sind, dass sie den Müttern ihre Söhne wegschießen, dass dieses Gesetz der Berge tot ist wie seine toten Männer; ich habe ihnen gesagt, dass ich es satt habe, in Blutrache zu leben und ihre Kinder zum Mord zu erziehen.“ Beim Wort „Mord“, sagte sie, wären die Männer aus ihrer Lähmung erwacht und hätten sie gepackt und wollten sie aus dem fahrenden Bus schmeißen. Das hat der Chaffeur verhindert. Dann wollten sie den Namen ihres Mannes wissen. Sie verlangten von ihm ihre Erschießung wegen dieser massiven Ehrverletzung. Irena sagte den Namen ihres Mannes und gleichzeitig, dass er genauso denke wie sie. Das hat schallendes Gelächter ausgelöst, war dann doch zu viel für die Anhänger des Gesetzes der Berges, und sie ließen Irena als Verrückte in Ruhe.

Als Irena dies erzählt hatte, bekam sie plötzlich Angst um Sokol: „Wenn er mich nicht erschießt, dann erschießen sie ihn.“ Ich kam zuerst nicht auf diese Logik. Jedoch nach dem Kanun ist es klar: Der Mann muss für solch eine Ehrverletzung seine Frau erschießen, wenn er nicht selber Racheopfer werden möchte.

Ich nehme Irena in den Arm und gratuliere ihr erstmal für ihren unsagbaren Mut. Ich sage – es felsenfest selbst auch glaubend: „Irena, Du bist auf der Seite Gottes, es wird Euch beiden nichts geschehen. Sie halten Dich nämlich für verrückt.“

Dann kam Sokol und wir besprachen das Geschehene. „Sokol, Du kannst nur stolz sein auf Deine mutige, tolle Frau“, sagte ich. Und er: „Ja, das bin ich.“ Ich atmete erst einmal tief durch. Irena wurde nicht von ihm bestraft. Ich gebe zu, dass ich schon im Zweifel war, ob Sokol diese Schande seiner Frau verkraftet oder zurückfällt. Sokol hat es nicht getan und die Männer kamen nie, um die verletzte Ehre zu rächen, jedenfalls bis jetzt nicht. Aber Blutrache verfällt erst nach hundert Jahren. Und Sokol muss die Blutracheschuld seines Onkels bezahlen – 25 Jahre wartet er schon auf die Kugel.

Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, eingesperrt zu sein. Durch den Kontakt mit uns, der vor zehn Jahren begann, hat Sokol sich auch mehr und tiefer mit dem Glauben, mit der Bibel beschäftigt. Eines Morgens hat er seiner Frau gesagt, dass er jetzt rausgehen wird. Er könne nicht ein ganzes Leben eingesperrt leben und dann irgendwann durchdrehen und seine Kinder verhauen. Sokol hat uns nach Arbeit gefragt. Seitdem haben wir ihn als Mitarbeiter: Er macht alles, er hat nie ganz eine Schule besucht. In der Zone, in der er mit seiner Familie wohnt, hat er inzwischen den Stand eines Ältesten. Sokol wird bei Konflikten gerufen und hat schon etliche Blutrachefehden verhindert, er bringt Patienten in der Nacht ins Krankenhaus oder zu uns, er repariert Dächer, Öfen, hat die Hochwasserkatastrophe mit uns vor Ort gedeichselt, er baut Sandkästen und Kinderschaukeln für unser Zentrum, wäscht dreckige Kinderfüße in Wasserpfützen und ist so ziemlich der einzige Mann, der seine Frau und seine Kinder nicht schlägt. Wenn jedoch sein Gerechtigkeitsgefühl durchbricht und er loslegt, ist er zum Fürchten. Demütig wie ein Kind kniet er aber dann in der Kapelle und arbeitet seine Wildheit und seinen hilflosen Zorn über die auf, die uns in der Frühe am Tor verflucht und angegriffen haben.

Sokol ist seit seinem Ausbruch aus der Isolation ein Abtrünniger seiner Sippe. Seine fünf Brüder haben ihm als Verrückten jegliche „kanunische“ Männerehre genommen. Sein ältester Bruder wollte ihn zuerst erschießen. Ihn als schwächlichen, nicht zurechnungsfähigen Verrückten zu erklären, war dann die elegantere Lösung. Manche Stunde habe ich mit Sokol über diese vermeintliche Schande geredet. Er leidet immer noch darunter, dass er seinem ältesten Bruder als dem Sippenverantwortlichen diese Schande antun muss. Wir wissen über eine Verbündete aus der Sippe des Rächers, dass vor kurzem beschlossen wurde, Sokol nun zu töten. – Das ist die augenblickliche Situation.

Ja, wir haben Angst, seit die Verbündete Irena aufgesucht hat und ihr sagte: „Ich habe vor einem Jahr Schwester Christina und Dir versprochen, dass ich ein Zeichen gebe, wenn es ernst wird für Sokol. Irena, passt jetzt bitte auf, seid vorsichtig mit dem Rausgehen. Sage niemandem, dass ich da war, sonst werde ich von meiner Familie getötet.“ Dann war sie wieder weg, diese mutige Frau aus der gegnerischen Sippe, die ihr Leben riskiert hat. Jahrelang haben wir den Kontakt zu ihr gehalten, heimlich, an verschiedenen Plätzen, am Sonntag nach der Kirche. Beginn der Heilung der großen Blutwunde des Volkes durch eine Frau, die im Kanun keine Ehre hat, gar nicht existiert. Aber die Angst um Sokol bleibt.

Ich kann es kaum aushalten. Ich sehe meine Grenzen. Umso klarer ist mir, dass nur einzig und allein der Herr über Leben und Tod Sokol Schutz geben kann. Ich kralle mich fest am Wort des Herrn: „Ohne mein Wissen wird euch kein Haar des Hauptes gekrümmt.“

Und dennoch kommt mir der Blutrachemord im vorletzten Frühsommer in die Erinnerung, mitten in der Stadt. Ein Vater – trotz Isolation – war mit seiner Frau und seinen fünfjährigen Zwillingsjungen in die Stadt gefahren, um ihnen ein Spielzeugauto zu kaufen. Zu knabbern hatten sie eh nichts. Der Vater wartete mit dem Taxichauffeur und einem Jungen auf dem Schoß im Taxi auf seine Frau und den anderen Sohn. Da ging die Autotüre auf, der Rächer stand vor ihm, sagte lapidar: „Setz deinen Sohn auf die Seite!“ Dies konnte er noch tun, dann erschoss ihn der Rächer vor den Augen seines Fünfjährigen. Die drei Kinder kamen mit der Mutter nach vier Wochen zu uns. Der fünfjährige Manuel legte mir plötzlich Männerschuhe in den Schoß. Ich ahnte etwas und nahm die Schuhe achtsam in die Hand, schaute Manuel an. Er sagte: „Die waren ganz voller Blut, weißt Du.“ Dann schwieg er. Irgendwann fragte ich die Mutter, ob sie ihre Söhne zur Rache am Vater erzieht. Sie schwieg. Ich sagte: „Tu’s nicht, im Namen Gottes, tu’s nicht!“. Dann schwieg auch ich und umarmte sie. Ich lud sie ein, die Kinder in die Kindergruppe zu bringen. Sie kamen nicht. Eines Tages tauchte sie wieder auf. Sie weinte und sagte, sie wolle keine Rache für ihren Mann. Sie wolle nicht, dass ihre Söhne einmal töten. Aber sie wisse, dass der Bruder ihres Mannes im Ausland die Rache vorbereite. Ich konnte nur sagen: „Bete viel, bete für deine Kinder, erziehe sie so, dass sie nicht töten! Durchbrich Du so diesen Kreislauf des Tötens!“ Sie ging weg. Ich befürchte, dass der Einfluss auf ihre Söhne von der Sippe des Vaters sehr, sehr stark ist. Ihre Söhne gehören ja nicht ihr, sie gehören der Sippe des erschossenen Mannes. Und sie muss froh sein, wenn ihr die Zwillinge nicht genommen werden.

Die albanischen Berge sind getränkt mit Blut von Rachemorden. Es ist in den Herzen tief eingeprägt, dass die Seele eines Getöteten nur erlöst ist, wenn sie gerächt ist mit Blut. Ein dunkler zerstörerischer Blutmythos, ein Seelenkult, der tiefer in ihnen verwurzelt ist als die Erlösertat Christi. Die Wahrnehmung der Blutrache durch Justiz und Staat zu dieser Realität ist vernebelt. Es gibt öffentliche Aussagen, dass es keine Blutrache mehr gibt – höchstens ein paar seltene Ausnahmefälle. Wir machen die gegenteilige Erfahrung.

Blutrache erstreckt sich auch auf die Verwandtschaft. Da ist die Familie von Zef. Ein Verwandter hat getötet und ist im Gefängnis. Zef war Schuldirektor in Tropojë. Sie hatten ein großes Haus, vier Kinder mit guter Schulbildung. Über Nacht waren alle völlig isoliert, samt den Mädchen. Nach drei Monaten völliger Isolation haben sie bei Nacht das Gebiet verlassen und sind auf die Flucht ins Binnenland gegangen. Da und dort waren sie, bis sie wieder aufgespürt wurden. So sind sie vor einem Jahr finanziell völlig ruiniert bei uns vor dem Tor gestanden. Sie fanden in Shkodrë Unterschlupf. Zef, der Schuldirektor, ist ein wunderbarer Mensch, aber er ist gebrochen. Sein jüngster Sohn ist 14 Jahre und ist erstarrt. Seit der Tat vor zwei Jahren spricht er eigentlich nicht mehr, sagt seine größere Schwester Elsa. Wir holen beide zur Jugendgruppe mit dem Auto ab. Schwester Michaela ist beim Transport vorsichtig, eine Sicherheitsgarantie haben wir nicht übernommen. Elsa artikuliert sich klar, sie hat noch die Möglichkeit, ihre Angst und ihre Not um Vater und Brüder auszusprechen. Ardit hat die Sprache verloren. Vor einigen Tagen fragte ich ihn beim Anschauen von Abrahams Tieren, welches Tier denn er sein wolle. Ardit wählte den Braunbären und ich fragte ihn: „Warum bist du ein Bär?“ Für einige Sekunden fand er die Sprache wieder und sagte: „Keiner kann ihn angreifen.“ Dann schluckte er und schluckte er – das Weinen verbot er sich. Jetzt ist er wieder stumm und jeden Abend baut er ans Fenster eine Barrikade, damit ihn der Rächer nicht im Schlaf erschießen kann.

Pavlini, der siebzehnjährige Blutgeber für seinen Cousin, ist schon das zweite Jahr lebendig begraben. Er ist von Angst beherrscht. Wenn Schwester Michaela ihn zur Jugendgruppe abholt, dann kauert er sich auf den Hintersitz, hat eine schwarze Mädchenperücke auf und einen Schnauzbart angeklebt. Seine Ausbildung als Automechaniker musste er aufgeben, jetzt wartet er auf ein Wunder, das vermutlich nicht stattfindet. Wir verhandeln mit der Rächerfamilie. Der siebzehnjährige ehemalige Schulkamerad Lazer will an Pavlini Rache üben. Lazer ist jeden Sonntag in der Kirche, bezeichnet sich als fromm und katholisch. Ich treffe Lazer in einer Kneipe, um mit ihm darüber zu reden. Es dauert eine Zeit lang, bis er mit mir Blickkontakt aufnimmt, wenigstens flüchtig. „Lazer, machen wir’s klar“, sage ich. „Wirst Du an Pavlini Rache üben?“ Nervös schaut er weg. Ich sage: „Lazer, schau mich an, ich möchte es wissen!“ Da schaut er mich klar und frei und mit entschlossenem Blick an und sagt: „Ja, ich werde es tun!“ Ich spreche mit Lazer lange – auch darüber, was Jesus dazu sagt. Er sagt klar, dass dies zwei verschiedene Dinge sind und das eine mit dem anderen nichts zu tun habe, denn mit der Rache habe er den Kanun zu erfüllen und ich verstünde das sowieso nicht. Ich lasse nicht locker, verlange eine Erklärung, bis ich es verstehen könne.

Auf dieser Ebene sind Lazer und ich immer noch, jedoch mit dem Phänomen, dass Lazer nun erblindet ist, ohne dass ein organischer Befund vorliegt. Ich habe ihm gesagt: „Lazer, der Engel Gottes hat Dir das Augenlicht genommen, damit Du keinen Mord begehen kannst“.

„Eine unheilbare Wunde?“ – Es steht geschrieben beim Propheten Jeremia (30,17): „Ich bringe dir wieder Genesung und heile dich von deinen Wunden.“ Wie lange wird es dauern? Wie viel Blut wird noch fließen? Diese Frage dürfen wir nicht stellen, sage ich. Wir sind hier in dieses Land gerufen, um die andere Botschaft zu leben – bis zum letzten Tropfen Herzensblut.


Fußnote:


  1. Vgl. dazu den Beitrag von Hildegard Sühling in diesem Heft.