Von Gastfreundschaft, Raki, Bunkern und Skorpionen – ein Jahr im Land der Skipetaren

aus OWEP 4/2010  •  von Johann Berger

Johann Beger lebte und arbeitete als Freiwilliger der Friedensorganisation „Initiative Christen für Europa“ von September 2009 bis August 2010 in Albanien. Er hat auch die Bilder im Beitrag zur Verfügung gestellt. – Renovabis ist Kooperationspartner der „Initiative Christen für Europa“. Weitere Hinweise finden sich unter www.renovabis.de/mitmachen/freiwilligendienst-in-osteuropa.

Mein Name ist Johann Beger, ich bin 19 Jahre alt und habe meinen Zivildienst für ein ganzes Jahr in einem kleinen Land Europas geleistet, von dem nur wenige Menschen wissen, wo es liegt.

Als ich im September letzten Jahres ins Flugzeug mit dem Zielpunkt Tirana stieg, wusste ich nur, dass ich für ein Jahr zu zwei Franziskanerschwestern in einen kleinen Ort namens Fushë-Arrëz tief in den Bergen im Norden Albaniens kommen sollte. Ich wusste, dass ein Jahr in einer anderen Kultur und somit andere Lebens- und Denkensweisen auf mich zukommen würden, was Spannung, Erlebnisse und Abenteuer garantieren sollte.

Großer Respekt und etwas Angst mischten sich in meine Gefühle, da ich, durch Medien und Vorurteile beeinflusst, nicht nur Positives über Albanien und dessen Volk gehört hatte. Allerdings steigerte dies nur meine Neugier und Spannung auf die vor mir liegenden zwölf Monate. Und so landete ich um Mitternacht auf dem kleinen und einzigen Flughafen Albaniens in Tirana. Dort erwartete mich bereits Bruder Andreas, ein deutscher Kapuziner, der das Jahr über mein Mentor und meine Vertrauensperson sein würde. Wir fuhren etwa drei Stunden mit einem Landrover durch die Nacht. Leider konnte ich im Dunkeln nicht viel sehen. Trotzdem bekam ich erste Eindrücke, wie den Geruch von verbranntem Müll – die albanische Art diesen zu beseitigen, oder unzählige schrottreife verrostete Autos und Lastwagen, die sich am Straßenrand in regelrechten Friedhöfen horteten, sowie ab und an ein toter Hund auf der Fahrbahn.

Als wir in die Bergregion gelangten, begannen unendliche Kurven, bis wir schließlich Fushë-Arrëz erreichten. Ein albanischer Nachtwächter öffnete das Tor, dann wurde ich erst einmal von einer ganzen Hundemeute beschnüffelt. Bruder Andreas zeigte mir mein Zimmer unter dem Dach eines kleinen Häuschens, in dem ich das Jahr über gemeinsam mit ihm wohnen würde. Müde fiel ich ins Bett. Am nächsten Tag lernte ich die beiden mir auf Anhieb sympathischen Franziskanerinnen Gratias und Bernadette kennen. Mir wurde das große Gelände der Missionsstation gezeigt, das, von einer großen Mauer und Stacheldraht umgrenzt, ein beeindruckendes Territorium darstellt. Mit einem großen Lager, einem Kindergarten, einem Laden, einer Nähwerkstatt und einem kleinen Bauernhof mit ungefähr 35 Angestellten übertraf diese Anlage meine Vorstellungen bei weitem.

(Foto: Johann Beger)

So groß und lebendig hatte ich mir meine Zivildienststelle wirklich nicht vorgestellt. Ich war sehr erleichtert und aufgeregt. Außerdem war der Blick auf die Landschaft und die umgebenden Berge überwältigend, auch wenn mir die Stadt Fushë-Arrëz mit ihren heruntergekommenen grauen Plattenbauten und kaputten Straßen eher hässlich erschien.

In den darauffolgenden Tagen und Wochen lernte ich sehr viele Menschen kennen, die mich mit Neugier und Freude willkommen hießen. Bereits vom ersten Tag an fiel mir an den Albanern eine große Offenheit und Freundlichkeit auf. Die Menschen waren herzlich zu mir, drückten mich, fragten viel und luden mich manchmal sogar nach Hause ein, ohne mich überhaupt zu kennen. Natürlich war die Kommunikation anfangs mühsam, doch nach und nach lernte ich die ersten albanischen Wörter und Sätze.

Die Leute freuten sich sehr über meine anfänglichen Bemühungen, die Sprache zu lernen, halfen mir und lobten mich für jedes neu gelernte Wort. Albanisch gehört einer eigenen Sprachfamilie an und ist nur sehr weitläufig mit dem Deutschen verwandt. Sowohl Grammatik als auch Vokabular lassen sich nur selten von einer anderen Sprache ableiten, allerdings hat die albanische Sprache viele Begriffe aus dem Italienischen und Türkischen übernommen. Das Sprechen bereitete mir, obwohl ich es keinesfalls perfekt beherrschte, immer wieder großen Spaß.

Hausbesuche

Interessante Erfahrungen machte ich immer bei Besuchen von Familien in den zum Teil weit entlegenen einsamen Bergdörfern. Gemeinsam mit Bruder Andreas sah ich nach dem Rechten und beaufsichtigte Bauprojekte. Oft kaum vorstellbare Wohnsituationen ergeben sich durch eingefallene oder zerstörte Häuser. So musste zum Beispiel eine sechsköpfige Familie in einem kleinen Lkw-Container ohne Fenster leben, bis für sie mit Hilfe von Spendengeldern ein neues Haus gebaut werden konnte.

Die Dorfbewohner leben meist von der eigenen Ernte, von Mais, Tomaten, Gurken, Früchten und Nüssen, die sie auf ihren kleinen Stücken Land anbauen. Außerdem betreiben viele eine kleine Viehwirtschaft mit einer Kuh, ein paar Ziegen oder Schweinen. Eine große Rolle im Leben der Albaner spielt auch der Raki, den jede Familie nach eigener Tradition und mit imposanten Destillen über dem Feuer brennt. Dieser hochprozentige Schnaps brennt aufgrund seiner Stärke meist auch ganz schön im Hals.

Wenn wir Hausbesuche auf den Dörfern machten, wurden wir jederzeit freudig willkommen geheißen. Je nach Jahreszeit kamen selbstgemachter Käse, Gurken, Tomaten und Nüsse auf den Tisch, obwohl wir eigentlich gar nicht zum Essen gekommen waren. Wir wurden regelrecht gedrängt, von allem zu essen und zu probieren. Männlichen Besuchern wird Raki kredenzt und immer wieder nachgeschenkt, sobald das Glas auch nur halb leer ist. Dies führte mich anfangs oft in etwas schwierige Situationen, weil ich nur sehr schwer ablehnen konnte. Im Laufe der Zeit lernte ich: Entweder hält man das Glas zu oder man lässt es einfach bis zum Ende voll stehen und trinkt dann vor dem Gehen. Die Albaner sind unglaublich freigiebig und geben von dem, was sie haben, und das meist nicht zu knapp. So bekommt man, wenn man schließlich aufbricht, noch eine Flasche Raki, Käse oder Früchte einfach in die Hand gedrückt.

Jedoch findet sich nicht immer eine solche Fülle an Nahrung, und der oft sehr kalte und lange Winter ist für die meisten Menschen sehr schwer zu ertragen. Manche Dörfer sind aufgrund des vielen Schnees bis zu drei Monate von der Zivilisation abgeschnitten und haben bisweilen nicht einmal Strom. Zum Glück werden die armen Familien, die in einer speziellen Lebensmittelliste registriert sind, von den Franziskanerinnen mit dem Nötigsten wie Mehl, Zucker, Salz und Öl versorgt. Dies trägt gerade in den kalten Monaten durchaus zum Überleben der Menschen bei.

Meine Aufgaben

Die Arbeit, die ich im Laufe des Jahres verrichten durfte, war sehr abwechslungsreich und oft spannend. So half ich beim Ausladen und Verteilen von Hilfstransporten und Lagerarbeiten oder erledigte Computer- und Büroarbeiten. Ich war sehr froh darüber, dass mir bereits von Anfang an viel zugetraut wurde, auch sehr verantwortungsvolle Aufgaben wie Altarwandgestaltungen in einigen kleinen Kirchen der Bergdörfer oder Fahrdienste auf den recht gefährlichen und riskanten Bergstrecken der Umgebung. Die Arbeit mit der Jugend bereitete mir ebenfalls viel Spaß und half mir sehr beim Erlernen der Sprache. Ich durfte einen kleinen Deutschkurs für Interessierte ins Leben rufen oder bei Katechesen und Jugendtagen mithelfen. Natürlich fielen auch gewöhnliche Arbeiten wie Hausarbeiten oder Holzhacken im Winter an. Besonders interessant war das Erlebnis, bei einem Sommerstrandcamp für arme Kinder und Roma als Betreuer helfen zu dürfen.

Alles in allem war meine Tätigkeit nicht nur abwechslungsreich und spannend, sondern brachte mir zusätzlich auch eine Vielzahl von Fertigkeiten und Erfahrungen auf unterschiedlichen Gebieten, gerade weil Albanien immer wieder für Überraschungen und somit neue Herausforderungen sorgt.

Probleme

Natürlich kam es im Laufe des Jahres auch zu Konflikten und Problemen. So war es nicht immer angenehm, Deutscher zu sein, und in manchen Situationen war mir dieser Sonderstatus eher lästig – wie zum Beispiel beim Einkaufen von kleinsten Dingen, bei denen der Preis ganz gerne mal um einiges anstieg, sobald der Verkäufer erfuhr, dass ich Deutscher bin.

Man muss dazu erwähnen, dass Deutsche in ganz Albanien einen sehr guten Ruf genießen, respektiert und bewundert werden. Das kommt nicht zuletzt durch den deutschen Fußball, die geschätzte Qualität deutscher Artikel und vor allem durch die Autos. Die wohl meist gefahrene Automarke in Albanien ist „Mercedes“. Egal ob uralte Modelle oder neue Luxuslimousinen – Albaner schwören auf ihren „Benz“. Und so kam es unter anderem vor, dass mich die sonst sehr strenge Polizei trotz meines versehentlich vergessenen Anschnallgurts freundlich weiterfahren ließ, nachdem ich erwähnte, Deutscher zu sein. Allerdings musste ich auch als Deutscher aufpassen, was ich gegenüber Albanern sagte und tat. Albaner sind zwar sehr herzlich und offen, aber auch sehr stolz und leicht zu verletzen.

Die Konfliktbewältigung stellt meiner Meinung nach sowieso ein großes Problem dar, da das Aggressionspotenzial sehr hoch ist. Albaner bezeichnen sich auch selbst gern als „gjak i nxehtë“ (heißblütig) und übertreiben dabei nicht im Geringsten. Vor allem im Norden Albaniens sind noch sehr viele Familien im Besitz von Waffen, was die Gefährlichkeit und das Risiko des schlechten Ausgangs eines Konfliktes erheblich steigert. Das kommt jedoch zum Glück immer seltener vor. Es gibt auch immer noch Familien, die nach dem Kanun, dem traditionellen Gewohnheitsrecht Albaniens, leben und handeln; die Blutrache ist der wohl bekannteste Teil dieser Tradition und leider ein passendes Beispiel für schlechte Konfliktklärung.

Allgemein herrscht in Albanien eine Spannung zwischen Tradition und Moderne in vielen Bereichen. Bei Mode, Musik und Kunst treffen oft Welten aufeinander. So kann man in der Hauptstadt Tirana im Straßenverkehr beobachten, wie ein glänzender „Hummer“, ein amerikanischer Geländewagen, mit einem jungen, aufgestylten Fahrer einen alten Eselskarren überholt, in dem ein alter Mann in traditioneller Kleidung und Filzhut sitzt.

Ein weiteres, vielleicht das größte Problem stellt meiner Ansicht nach die Korruption dar. Sie beeinflusst fast die gesamte Arbeitswelt negativ und macht vor allem das Leben derer schwer, die arm sind oder nicht von der Korruption profitieren können. Besonders nachteilig wirkt sich dies bei grundlegenden Institutionen wie dem Gesundheits- und Rechtswesen aus, was für die Menschen katastrophale Folgen hat.

Schließlich stecken auch die Auswirkungen des Kommunismus noch in vielen Köpfen. Er fand zwar 1990 sein Ende, bestimmt aber bis heute noch das Handeln mancher Menschen auch bei Alltäglichkeiten. So musste ich einmal bei ca. 35° Grad Celsius knapp eine Stunde bei der Post in Tirana anstehen, schwitzen und drängelnde Frauen abwehren. Als ich endlich an der Reihe war, wurde mir gesagt, ich solle mich doch an der Schlange für die Männer anstellen. Anfangs musste ich mich auch daran gewöhnen, dass öfters einfach der Strom ausfiel und es mit einem Schlag dunkel wurde oder der Computer ausging. So kamen im Winter ungeplante gemütliche Abende bei Kerzenschein zustande. Meist kam der Strom nach einiger Zeit wieder, jedoch gab es auch Wochen, in denen der Strom täglich über mehrere Stunden abgeschaltet wurde, was mich manchmal wütend machte, denn niemand hatte eine Erklärung für den Stromausfall.

Insgesamt überwiegen jedoch die schönen Erlebnisse, die mir aus Albanien in Erinnerung bleiben. Vor allem die Natur und die herzlichen Menschen haben mich beeindruckt. In mancher Hinsicht befinden sich Mensch und Natur in Albanien im Einklang miteinander. Beide lassen sich mit den Attributen Offenheit, Liebenswürdigkeit und Treue, aber auch Unberührtheit, Ursprünglichkeit und Melancholie charakterisieren. Bizarre, romantische und äußerst verschiedene Bilder prägen die geheimnisvolle Landschaft Albaniens. Für mich als Deutscher machte sie auf meinen kleineren Reisen einen exotischen Eindruck, da Vegetation und Tierwelt innerhalb Albaniens sehr unterschiedlich sind. So dominieren im Norden Kiefern- und Laubwälder, es gibt Hasen, Wölfe und in manchen Gebieten Bären; in südlicheren Gebieten wachsen Palmen, Orangenbäume und Melonen, dort leben Schildkröten und Schlangen. Aber Schlangen und Skorpione gibt es auch im Norden. Mit letzteren durfte ich in meinem Zimmer Bekanntschaft machen.

(Foto: Johann Beger)

Eine Besonderheit im Landschaftsbild sind die kleinen Betonbunker, die unter dem kommunistischen Regime zu Hunderttausenden in ganz Albanien errichtet wurden und auch heute noch überall wie Pilze in der Natur stehen. Manchmal entstehen sehr ausgefallene und interessante Bilder nur durch diese Betonpilze, wenn diese bunt angemalt oder als Getreide- und Maiskammer umfunktioniert werden.

(Foto: Johann Beger)

Alles in allem sind Albanien und seine Bewohner zum einen geheimnisvoll, nicht immer auf den ersten Blick durchschaubar, zum anderen aber liebenswürdig, reizend und beeindruckend schön. In meinem Jahr lernte ich es zu lieben – und manchmal auch zu hassen. Ich bin zwar froh, wieder in gewohnte und geordnete Verhältnisse zu kommen, lasse jedoch eine Menge lieber und treuherziger Menschen und ein wunderschönes Land zurück. Ich habe viel über ein fremdes Land, seine Sprache und Kultur gelernt und bin stolz darauf und dankbar dafür, eine solch abenteuerliche, spannende und interessante Zeit erlebt zu haben. Sie wird mir immer in guter Erinnerung bleiben.