Albanien: Sommeraufnahme 2009

Eine literarische Collage über Gegensatz und Aufbruch
aus OWEP 4/2010  •  von Lindita Arapi

Dr. Lindita Arapi ist eine albanische Schriftstellerin. Sie arbeitet für die „Deutsche Welle“ und lebt in Bonn.

Sonne. Heiße trockene Luft. Wüste Felder, durstiges Gras. Schwer atmende Bäume. Schweißgeperlte Gesichter, Staub pudert sie, setzt sich auf Haare wie eine Sandschicht, dann auf Autos, auf knochige Blätter, wirbelt herum und sehnt sich nach Regentropfen, um Matsch zu werden. Das Brot könnte draußen gebacken werden, sagen die Großmütter, füllen die großen Fantaflaschen mit Wasser am Dorfbrunnen oder am Wasserhahn der Nachbarschaft – Wasser gibt es immer noch nach Stundenplan –, kühlen die Füße und kehren zurück zu den Enkelkindern.

Mittags herrscht Stille, herrscht ein warmes Gelb. Mehr Grün hätte diese kahle Landschaft besänftigt, hätte mehr Frische und harmonische Gesichter verschenkt. Nur die Dämmerung bringt das Leben zurück. Menschenmengen trotten überall herum, junge Leute feiern und hören auf Straßen laute Musik bis tief in die Nacht.

Weit, weit weg ragen die Silhouetten der Berge empor. Sie schwinden ins Bläuliche. Ihre Gewalt entfalten sie in der Nähe. Diese Berge halten die Legenden und Geschichten tief in sich verschlossen, sie erzählen nichts vom Bemühen um Stolz und Ehre, vom Blutvergießen wegen eines falschen Wortes. Bärtige Bergmänner sind im Grunde mimosenhafte Riesen. Sie sind ein Museum. Sie wissen viel von Gastfreundschaft und Eidschwur, Räubertapferkeit und Fremden, von Misstrauen, Isolation und Sehnsucht nach Meer, von Armut und ewigem Mittelalter, von Auswanderung in die Täler und Großstädte, vom Identitätsverlust des Bergmenschen.

Bald werden sie aber nichts mehr zum Erzählen haben. Sie werden stumm stehen und verarmen. Ihre Geschichten schwinden täglich wie die Bäume, die überall planlos gefällt werden, wie die leeren Dörfer. Die Menschen verlassen sie. Sie wollen ein besseres Leben in der Großstadt finden. Die Heimat der Legenden verschwindet.

    • *

Für den Europäer wird es bald keine wilden Albaner mehr geben. Keine Räuberromantik. Sie hoffen, bald ohne Visa Europa zu betreten. Sie haben die Lehre verstanden und nehmen keine Boote mehr Richtung Italien. Europa trifft man nur, wenn man das Europäische versteht und Geld hat. Am Geld wird eifrig geschuftet. Mit allen Mitteln verschafft man es sich, schnell will man es haben, denn das Leben ist zu kurz für ein Warten darauf.

Zugleich, so die Hoffnung, wird man das Europäische bald beherrschen. Man bemüht sich, das Europäische zu sprechen, die Politik übt fleißig, die Öffentlichkeit, die Bürger. Egal, ob man es beherrscht. Wichtig ist, europäisch zu sprechen, sich europäisch zu benehmen, im Ganzen ein europäisches Bild von sich zu geben. Alles, was eigen ist, soll europäisiert werden; orientalische Spuren sind möglichst auszuwischen. Die Angst, nicht angenommen zu werden, sitzt tief und macht manchmal unehrlich gegenüber der eigenen Geschichte. Dementsprechend verhält sich die Erinnerung. Sie lässt gewisse Glorien noch glänzender strahlen; manche Bürden der Vergangenheit möchte man nicht gern tragen.

Endlich hinter sich lassen, die Last des Wilden, Primitiven und Gefährlichen. Wenn Joseph Roth noch einmal das Land betreten könnte! Diesmal könnte er viele Vögel fliegen sehen, weil man nicht mehr so eifrig schießt.

Bis zur Begegnung ohne Visa bleibt die Hoffnung, dass auch die Angst des Europäers verschwindet.

Die Berge machen nun Platz für Autobahnen à la Schweiz, sie werden Stütze für Brücken und öffnen ihre Bäuche für Kilometer lange Tunnels. In einer anderen Sprache heißt das – ersehnte Entwicklung. Ihr Getöse ist da, trotz Chaos und politischer Hitzköpfe. Sie ist da mit allen Schwierigkeiten und aller Hoffnung.

Es tost im Land. Überall. Es wird gebaut, angehalten, auf Gelder gewartet und weiter gebaut. Halbfertige Wohnhäuser, Landstraßen, so genannte Autobahnen, Krankenhäuser, Trinkwasseranlagen, Heizkraftwerke, halbfertige Touristenhotels, die einst unberührte Strände säumen, halbfertige Demokratie trotz des Stolzes, NATO-Mitglied zu sein. Das ganze Land ist halbfertig. „Transition“, Übergang, wurde zum Dauerzustand.

Trotzdem ist man müde, das Leben in Transition zu verbringen. Es ist das am häufigsten angewendete Wort der Postdiktaturzeit, abgesehen vom Wort „Reformen“. Und Mann ergreift selbst die Initiative. Wer fähig genug war, hat in diesen goldenen Jahren viel Geld angeschafft, ist nun ein „businessman“ und macht eine Zeitung auf, um politischen Einfluss auszuüben. Wer nicht so tüchtig war, endet als Geschäftsmann eines kleinen Kiosk, was eher einer Freizeitbeschäftigung ähnelt als einer Arbeit mit Einkommen. Jedenfalls ist er beschäftigt und kann immerhin sein Gesicht als Mann nicht verlieren. Denn ein Mann ist ein Mann, wenn er angeben kann, indem er einen Mercedes oder BMW X 5, manchmal auch eine Geliebte vorführen kann. Wer all das nicht hat, kann wenigstens seinen Arm am offenen Autofenster hinaushängen lassen, hupen, um Freunde zu begrüßen, und schnell anfahren.

Mann, denn die Frau lebt anders. Wenn sie nicht mit Begabung und Stärke gesegnet ist, muss sie ein schönes Gesicht vorweisen. Ein sehr schönes sogar – das ist ein Vorteil im Überlebenskampf eines noch armen Landes. So wuselt es in Tirana von angestrengten Schönheiten. Frau will sich ja emanzipieren!

Es tost im Land. Es wird lauthals über Politik diskutiert, Wahlveranstaltungen verwandeln sich in Geschrei und Tanz. Die Politiker sind wie berühmte Popstars. Wenn sie den Mund aufmachen, reißt der Beifallssturm alle mit. Politik ist keine Vernunftsache, sondern eine höchst emotionale Angelegenheit. Parteien werden fast vergöttert, wie einst der Diktator. Ihre Programme kennt man nicht, aber leidenschaftliche Erinnerungen an die Zeit der Diktatur, Erinnerungen der Macht oder des Leides.

Man denkt nur blau oder rot, je nach politischer Farbe der verehrten Partei. Rot liebt man nur, weil man Blau verachtet oder hasst. Rot war immer besser und gebildeter, ist städtisch, nostalgisch und ist einfach kompetenter. Blau ist arm, ist Mob.

Im Gegenzug liebt man Blau, weil man Rot hasst oder darauf allergisch reagiert. Rot war kommunistisch und verurteilt, für immer im kommunistischen Lager zu verharren. Rot hat Leid verursacht, ist damit vorverurteilt, obwohl sich die politische Farbe eigentlich in Rosa verwandelt hat. Rot wird als reich angesehen, während Blau neu ist und einen Platz in der Geschichte ergattern will.

Laut ist es immer, aber manchmal geht es aggressiv zu! Der politische Gegner wird immer noch wie ein Feind behandelt. Man ist gehässig, tadelt, schimpft, das Parlament ist ein Beleidigungsgehäuse. Einen guten Posten hat der, der die Gunst der öffentlichen Ausschreibungen in seiner Hand hat. Und das ist ein magisches Wort. Korruption verurteilt man öffentlich und verehrt sie heimlich. Politik machen lohnt sich, weil ein Abgeordnetenmandat das Leben der Enkelkinder sichert. Aber über Politik streiten lohnt sich überhaupt nicht, man könnte im schlimmsten Fall das Leben verlieren.

Das alles sind Nebenwirkungen einer noch laufenden Entwicklung, die die Menschen, die ihr folgen, verändert. Inzwischen weiß man, dass dieser Weg nach dem ersehnten Land kein Spaziergang ist.